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Leselupe.de > Kurzgeschichten
C.T.
Eingestellt am 27. 09. 2004 19:11


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brain
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Registriert: Jun 2004

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Es war das erste Mal fĂŒr Marcy.
Unsicher betrat sie den Raum, in dem die Untersuchung stattfinden sollte. Alles wirkte kalt und steril und roch nach Krankenhaus. Sogar der nette Pfleger, der bei ihr war und ihr die Prozedur erklĂ€rte, die auf sie zukam, der aber irgendwie neben der Spur zu sein schien. „Du brauchst wirklich keine Angst zu haben“, sagte er mit betont beruhigender Stimme. Sein Atem roch nach Kaugummis und Zigaretten und seine Augen wirkten mĂŒde. „Du musst dich nur auf den Tisch legen und die Maschine macht den Rest. Das ist so Ă€hnlich wie beim Röntgen.“ Der Computertomograph, der in der Mitte des Raumes stand, erschreckte das zwölfjĂ€hrige MĂ€dchen. Er war Furcht einflĂ¶ĂŸend groß. StĂ€hlern und glĂ€nzend hockte er an der Wand und aus seinem Maul, in dem man nur SchwĂ€rze erkennen konnte, klaffte eine bleierne Zunge, die wohl der Tisch war, von dem der Pfleger gesprochen hatte. Die Maschine wartete auf sie, zumindest kam es Marcy so vor. Ihr Dad saß draußen im Flur. Sie hĂ€tte sich gewĂŒnscht, dass er bei ihr geblieben wĂ€re, doch er war seiner Tochter noch nie eine allzu große StĂŒtze gewesen, seit ihre Mom an Krebs gestorben war und mehr als alles andere wĂŒnschte sie sich, nicht hier sein zu mĂŒssen, das alles vergessen zu können. Marcys Mom war auch in diesem Raum gewesen, vor langer Zeit. Damals hatte Marcy zusammen mit ihrem Dad im Flur auf sie gewartet, gewartet und gewartet, dem Dröhnen der Maschine lauschend, in der ihre Mom lag. Diese Untersuchungen waren regelmĂ€ĂŸig durchgefĂŒhrt worden. Zur Nachsorge, wie es hieß, falls sich wieder etwas rĂŒhrte. Jetzt hatten sie alle Angst, dass sich in Marcy etwas gerĂŒhrt hatte, etwas ganz und gar Schlechtes. Sie begriff, dass man ihr im Grunde nur helfen wollte, doch sie hatte Angst, diesen Weg beschreiten zu mĂŒssen. Sie verstand lĂ€ngst nicht alles, was um sie herum vorging, doch sie verstand, dass ihre Mom diesen Weg damals gegangen und nicht zurĂŒckgekommen war. „Bösartig“, hatten die Ärzte es genannt, als sie mit ihrem Dad ĂŒber die Untersuchungsergebnisse gesprochen hatten und Marcy hatte nicht verstehen können, dass etwas an ihrer Mom bösartig sein sollte. Das war jetzt drei Jahre her. Ihre Mom war wenig spĂ€ter gestorben und als Marcy das Wort aufgeschnappt hatte, das ihr Dad gebraucht hatte, als er seine Schwester angerufen hatte, um ihr vom Tod seiner Frau zu erzĂ€hlen, hatte sie es ebenfalls nicht verstanden: Tumor. Das klang fĂŒr sie irgendwie schlecht und schleimig und sie hatte sich gefragt, was das Ganze mit ihrer Mom zu tun haben sollte. Ihr Dad hatte ihr erzĂ€hlt, dass ihre Mom jetzt ein Engel sei und ĂŒber sie wachte und auch wenn man sie nicht sehen konnte, immer bei ihnen war. Auch das hatte Marcy nicht verstanden, aber so war die Welt nun mal anscheinend. Sie war voll von ErklĂ€rungen, welche die meisten Menschen nicht verstanden, ganz zu schweigen von den Kindern, denen man natĂŒrlich nicht erklĂ€ren konnte, was man selbst nicht verstand und trotzdem suchten die Erwachsenen Trost in ihnen. Man versteckte die Wahrheit hinter Begriffen, wie „sanft entschlafen“, „von uns gegangen“ oder schlicht und einfach „hat es hinter sich“. Ein Junge aus ihrer Klasse, hatte sogar mal ĂŒber einen tödlich verunglĂŒckten Motorradfahrer gesagt: „bei dem isses schief gegangen.“ Als Marcy vor der Maschine stand, dachte sie an all diese AusdrĂŒcke und hatte Angst, vor sich zu haben, was so viele „hinter sich hatten“, auch wenn sie nicht wusste, was das sein sollte. „Bösartig“, kam ihr mehrmals in den Sinn. Langsam aber sicher bekam sie Angst vor dem Ding, auf das der Pfleger nun zuging. Er hatte eine dĂŒnne Leinendecke auf die Bleizunge der Maschine gelegt und nahm das MĂ€dchen nun bei der Hand. „Na, dann wollen wir mal“, sagte er mehr zu sich als zu der Kleinen, die bibberte wie Espenlaub. „Und keine Angst, wennÂŽs losgeht, da fĂ€ngt das GerĂ€t an richtig Krach zu machen, aber das ist ganz normal.“ Er versuchte sich an einem LĂ€cheln, aber ein GĂ€hnen zerschnitt es, sodass es wie eine Grimasse wirkte. GeĂŒbt half er dem MĂ€dchen auf die Bahre, stĂŒtzte es zwischen den SchulterblĂ€ttern und ließ es sanft auf die Decke nieder, die er ĂŒber den Bleitisch gelegt hatte. Marcy konnte im ersten Moment kaum atmen, so kalt war die Unterlage, auf der sie lag. Hinter ihr klaffte der Schlund der Maschine, dunkel und hungrig. Der Atem des Pflegers schlug ihr ins Gesicht, als er ihr ĂŒber die Stirn strich und sagte: „Keine Angst, dauert nicht lange.“ Er wollte gerade den Raum verlassen, als das MĂ€dchen fragte: „Und...was ist...wenn was schief geht?“ Der Pfleger blickte sie erstaunt an, als hĂ€tte sie ihm eine unlösbare Rechenaufgabe gestellt. Er wollte gĂ€hnen, zwang sich aber es zu lassen. „Da geht nichts schief. Wir machen das andauernd hier.“ Er zwinkerte ihr kurz verschwörerisch zu. „Vertrau mir.“ Dann verschwand er durch die TĂŒr, durch die sie den Raum betreten hatten und erschien hinter dem Fenster zum Kontrollraum, der an den Untersuchungsraum angrenzte. Von hier aus konnte er alles sehen. Seit fast sechsunddreißig Stunden war er auf den Beinen und auch wenn er alles sah, konnte er trotzdem nicht alles ĂŒberblicken. Die MĂŒdigkeit fraß ihn auf. Wenn er nicht bald in sein Bett fallen konnte, wĂŒrde er sich ein paar Stunden frei nehmen und auf einem der Ersatzbetten fĂŒr die Patienten schlafen, die im Lager standen.
Er betĂ€tigte ein paar Knöpfe und langsam glitt die Bleizunge ins Innere der Maschine, zusammen mit Marcy, die auf ihr lag. Es wurde dunkel um sie herum...und dann begann der Krach, von dem der Pfleger gesprochen hatte. Alles vibrierte. Es war ein GefĂŒhl, als mĂŒsste einem der SchĂ€del zerspringen. Es klang fast wie ein Motorrad, nur viel, viel lauter.
Der Pfleger sah sich die errechneten Werte an. Auf einem kleinen Bildschirm konnte er in Marcys Kopf sehen. Schicht fĂŒr Schicht wurde er von der Maschine abgetastet, als ob man einen Blumenkohl in hauchdĂŒnne Scheiben schnitt. Man konnte die Stellen mit dem Weichgewebe sehen, welche sich bei angezeigter NervenaktivitĂ€t rot hervortaten. Die Knochen waren weiß. Dazwischen lagen orangefarbene Variationen, die in Gelb und Ocker ĂŒbergingen. Nach was die Ärzte Ausschau hielten, hĂ€tte Schwarz sein sollen, doch bisher sah alles gut aus. Nach ungefĂ€hr einer Dreiviertelstunde war die Untersuchung vorbei. Das Bild auf dem Monitor erlosch, der Bildschirm wurde schwarz. Wieder betĂ€tigte der Pfleger ein paar Knöpfe und der Computertomograph streckte ihm die Zunge heraus und jetzt war es der Pfleger, dem die Luft wegblieb, als er in den Tomographenraum blickte. Der LeinenĂŒberwurf, der auf dem Tisch gelegen hatte, war verschwunden. Das MĂ€dchen auch.

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