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CHRISTIAN MORGENSTERN DER WALFAFISCH ODER DAS ÜBERWASSER
Eingestellt am 03. 05. 2002 21:18


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Bernd
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Sehr zu empfehlen ist ein Buch von Christian Morgenstern, aus dem ich hier einen Auszug bringe. (Wahrscheinlich kann ich es noch insgesamt auf meiner Homepage ins Netz stellen, wenn ich es schaffe, oder im Projekt Gutenberg.) Die Texte sprechen für sich, so dass eine extra Empfehlung mir überflüssig erscheint.

CHRISTIAN MORGENSTERN
DER WALFAFISCH
ODER DAS ÜBERWASSER
1982 IM INSEL-VERLAG

l 1982 Insel-Verlag Anton Kippenberg, Leipzig
Sehr geschätzter Herr Morgenstern!
Sie beabsichtigen, Ihre >Galgenlieder< der Öffentlichkeit zu überantworten, ein Unterfangen, zu dem ich Ihnen, wie Sie wissen, immer Mut gemacht habe. Es fehlt unserer neueren Literatur leider nur zu sehr an wirklich tiefen und gedankenvollen Dichtungen, in denen sich der echt deutsche Hang zum Übersinnlichen mit der unmittelbaren Freude an der Welt der Erscheinungen gepaart findet.
Sie wünschen nun von mir eine Art Einführung des Lesers in Ihre schönen Poesieen, aber, mein sehr verehrter, lieber Herr, ich ziehe doch vor, einer Aufforderung nicht zu folgen, der Sie selbst instinktiv aus dem Wege gegangen sind, indem Sie wahrscheinlich des Dichterwortes gedachten: >Bilde, Künstler, rede nicht.< Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist es gering, wenn der Leser erfährt, daß Sie die >Galgenlieder< für einen Freundeskreis erfunden haben, mit dem Sie vor Jahren ausgelassene Abende verlebten, daß dieser Kreis sich Galgenberg nannte und einen Schuhu, einen Verreckerle, einen Gur-geljochem, einen Rabenaas, einen Stummen Hannes, einen Veitstanz, ein Gespenst und einen Faherüggh ? ich schreibe wohl richtig? ?, mit dem Beinamen der Unselm, zu seinen Mitgliedern zählte, daß sein Zuhöchsthängender zugleich der geniale Vertoner vieler Ihrer Weisen war und daß Sie selbst, nachdem Zeit und Umstände den Kreis schon lange auseinandergesprengt, die einmal angeschlagene Tonart weiter pflegten, so daß zu dem ursprünglichen Grundstock noch manches ernste und heitere Stück hinzu erstand. In die Gedichte selbst jedoch hineinzutreten, als der Philosoph und Philologe, der ich bin, in ihre wunderlichen Schächte einzusteigen und mit der Grubenlampe meines außerordentlichen Wissens, wie Sie allzu gütig schreiben, ihre Geheimnisse und Verborgenheiten abzuleuchten, halte ich zum mindesten für verfrüht. Bedenken Sie auch, daß ich bei meinem Alter nicht mehr imstande sein würde, einen wirklichen, einen ernsthaften Kommentar Ihrer Carmina zu Ende zu führen. Denn wir dürfen uns nicht verhehlen, daß ein solcher nicht einen, sondern eine ganze Anzahl Bände umfassen müßte - ich erwähne bloß den rein philologischen, den philosophischen, den psychologischen, den naturwissenschaftlichen, den literarischen, vom rein schönliterarischen ganz zu schweigen.
So muß ich denn, wenn auch mit blutendem Herzen, auf diesen mich hoch ehrenden Auftrag verzichten, bin aber zu weiteren Diensten stets gern bereit.
Hochachtungsvoll! Jeremias Mueller, Dr. phil.


EINIGE JAHRE SPÄTER VORREDE
Wir leben in einer bewegten Zeit. Ein Tag folgt dem ändern, Altes stürzt ein, Neues drängt sich hervor, und jeder Tag überrascht. Auf moralischem, medizinischem, poetischem, patriotischem Gebiete, in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft, allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Tendenz. Symptom reiht sich an Symptom. Und solch ein Symptom war auch die Idee, welche eines schönes Tages des hinverflossenen Jahrhundertendes acht junge Männer, fest entschlossen, dem feindlichen Moment, wo immer, im Sinne der Zeit und auch wieder nicht im Sinne der Zeit - diese Zeit, wie jede, als eine Zeit nicht nur der Bewegung schlechthin, sondern einer sowohl ab - wie aufsteigenden Bewegung, mit zeitweilig dem Ideale unentwegten Fortschritts nur zu abgekehrter Vorwiegung des ersteren Moments in ihr gesehen - die Singspielhalle, sozusagen, ihres Humors entgegenzustellen, zusammenschmiedete.
Ein sonderbarer Kult vereinte sie. Zuvörderst wird, wenn ich recht berichtet wurde, das Licht verdreht, ein schwarzes Tuch dann aus dem Korb und übern Tisch gezogen, mit Schauderzeichen reich phosphoresziert, und bleich ein einzig Wachs inmitten der Idee des Galgenbergs entnommner freudig-schrecklicher Symbole. Sie begrüßten sich in seinem Zeichen mit einem dreimal gehauchten >Spiritus asper<.
Ein modulationsfähiger Keim aus Ideal und Wirklichkeit.
Und in der Tat, wenn irgendwo, wenn irgendwann, mußte gerade damals und gerade bei denjenigen Kräften der Volksseele, in denen das Herz der vom Geist der neuen Zeit am wunderlichsten beeindruckten Unvoreingenommenheit des Natürlichen am zukunftswetterschwan-gervollsten pochte, ein besonders abwelthafter Rückschlag wider das Gesetz in der Vernunft von Seiten mehr exzös gerichteter Seelen erfolgen und damit ein Beweisschatten mehr geworfen werden, daß keine Zeit, so dunkel sie auch sich und in sich selber sei, indem sie >ihr Herze offenbart* (cf. S. 44 der Ges. Werke), mit all den Widersprüchen, Knäueln, Gräueln, Grund- und Kraftsuppen ihres Wesens, als Schwan zuletzt mit Rosenfingern über den Horizont ihres eigenen Chaos - und sei es auch nur als ein Wesensteil ihrer selbst, und sei es auch nur mit der lächelndsten Träne im Wappen - emporzusteigen sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit hat.
Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie unter Sternen, die, wie der Dichter sagt: >zu dörren statt zu leuchten< geschaffen sind, geboren sind, vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet werden, daß hier einem sozumaßen und im Sinne der Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra betrachtet, hydratherapeutischen Moment ersten Ranges - immer angesichts dessen, daß, wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer schlechthin unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir, schwansinnige oder wesenzielle Erweiterung des natürlichen Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit des Individuums vor dem Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie ihm in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Tendenz den Arm bieten und welches bei allem, ja vielleicht eben trotz allem, als ein mehr oder minder modulationsfähiger Ausdruck einer ganz bestimmten und im weitesten Verfolge exzösen Weltauffasserraum-wortkindundkunstanschauung kaum mehr zu unterschlagen versucht werden zu v/ollen vermag - gegenübergestanden und beigewohnt werden zu dürfen gelten lassen zu müssen sein möchte. Köpenick/Athen
Hochachtungsvoll! Jeremias Mueller




...


BUNDESLIED DER GALGENBRUDER
(Ursprüngliche Fassung)
O greul, o greul, o ganz abscheul,
wir hängen hier am roten Seul!
Die Unke schlägt, die Spinne spinnt,
und schiefe Scheitel kämmt der Wind.

O greul, o greul, o ganz abscheul!
Du bist verflucht! so sagt die Eul.
Es ist ein Licht, und das zerbricht,
doch wir, wir sind's noch immer nicht.

O greul, o greul, o ganz abscheul,
hörst du den Huf der Silbergäul?
Es sagt der Kauz: pardauz! Pardauz!
Nu halt die Schnauz, nu halt die Schnauz!

BUNDESLIED DER GALGENBRÜDER
(Anmerkung zur ursprünglichen Fassung.)
Seul = Seil. Am Galgen spricht man naturgemäß dunkler, so und so.
Die Unke schlägt. Sie ist des Galgenbruders Nachtigall. Die Eul. Als Repräsentant einer älteren Weltanschauung. Die Silbergäul. Die alten Rosse des Helios.

GALGENBRUDERS LIED AN SOPHIE, DIE HENKERSMAID
GALGENBRUDERS LIED AN SOPHIE, DIE HENKERSMAID
Sophie, mein Henkersmädel,
komm, küsse mir den Schädel!
Zwar ist mein Mund
ein schwarzer Schlund
- doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, streichle mir den Schädel!
Zwar ist mein Haupt des Haars beraubt -
doch du bist gut und edel!

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, schau mir in den Schädel!
Die Augen zwar,
sie fraß der Aar -
doch du bist gut und edel!

Vers I: Sophie ist des Henkers Töchterlein. Außerdem aber hieß Sophia stets Weisheit. Der zweite Sinn ist demnach folgender: Gib mir deinen Gnadenkuß, o Weisheit! Zwar wird mein Mund immer nur Worte der Finsternis stammeln - >doch du bist gut und edel<.
Vers 2: des Haars: nämlich der natürlichen schützenden Hülle jugendlicher Illusionen.
Vers 3: Wenn dir die Weisheit in den Schädel schauen soll, mit ändern Worten, wenn du dich selbst erkennen willst, so muß dir vorher die Augen für das, was du bisher deine Welt genannt hast, der Aar, das heißt der Geist des Zweifels, aufgefressen haben. Das >zwar< ist lediglich rhetorisch. Es müßte eigentlich etwa so heißen: Das Aug sogar / bracht ich dir dar / denn du bist gut und edel usw.


DAS GEBET
DAS GEBET
Die Rehlein beten zur Nacht, hab acht!
Halb neun!
Halb zehn!
Halb elf!
Halb zwölf!
Zwölf!
Die Rehlein beten zur Nacht, hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein, die Rehlein.

Reh: Cervus capreolus L., aus der Familie der Hirsche, 1,25 m lang, bis 30 kg schwer, in Europa bis 58 nördlicher Breite, auch in Asien. Vgl. Dombrowski (1876), Eulefeld (1896).

DAS GROSSE LALULA
DAS GROSSE LALULA
Kroklokwafzi? Semem emi!
Seiokrontro - prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo ...
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos Malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos:
Quempu Lempu
Siri Suri Sei  !
Lalu lalu lalu lalu la!

Man hat diesem Gesang bisher viel zuviel untergelegt. Er verbirgt einfach ein - Endspiel. Keiner, der Schachspieler ist, wird ihn je anders verstanden haben. Um aber auch Laien und Anfängern entgegenzukommen, gebe ich hier die Stellung:
Kroklokwafzi = K a 5 = (weißer) König a 5. Das Fragezeichen bedeutet: Ob die Stellung des Königs nicht auf einem ändern Felde vielleicht noch stärker sein könnte. Aber sehen wir weiter.
Semememi! = S e l = (schwarzer) Springer e i. Das Ausrufungszeichen bedeutet: starke Position.
Bifzi, bafzi = b f 2 und b a 2 (weiß). Versteht sich von selbst.
Entepente = T e 3 = (weißer) Turm e 3. leiolente = L e 2 = (schwarzer) Läufer e 2.
kos malzipempu silzuzankunkrei (sehr interessant!) = K a 4 oder 6 = König (schwarzer König) a 4 oder a 6. Nun ist dies aber nach den Schachregeln unmöglich, da der weiße König auf a 5 steht. Liegt also hier ein Fehler vor? Kaum. Das eingeklammerte Semikolon beweist, daß Verfasser sich des scheinbaren Fehlers wohl bewußt ist. Gleichwohl sagt er durch das Rufzeichen: Laßt ihn immerhin stehn. Nun gut, vertrauen wir ihm, obschon kopfschüttelnd.
dos = D 6 oder 7 = (weiße) Dame auf einem Felde der sechsten oder siebenten Reihe. Weiß ist so stark, daß seine Dame auf jedem Felde dieser beiden Reihen gleich gut steht.
Siri Suri Sei (Aha! Nun klärt sich K a 4 oder 6 auf!) = S 6 = weißer Springer 6 (sei, italienisch = 6). Ja, aber auf welchem Felde? Nun eben! Dies ist nicht näher bezeichnet. Der Springer wird daher den Platz des schwarzen Königs neben dem weißen König einnehmen und diesem dafür überlassen, sich in der sechsten Reihe oder, falls da die Dame stehen sollte, in der vierten Reihe einen bequemen Platz zu suchen. So ist denn alles zur Zufriedenheit erledigt. (Im übrigen ergibt der vierte Teil der um zwei verminderten Buchstabensumme der drei Strophen die Zahl 64. Sapienti sat.1)
I. Dem Wissenden genügts.


DER ZWÖLF-ELF
Der Zwölf-Elf hebt die linke Hand:
da schlägt es Mitternacht im Land.

Es lauscht der Teich mit offnem Mund.
Ganz leise heult der Schluchtenhund.

Die Dommel reckt sich auf im Rohr.
Der Moosfrosch lugt aus seinem Moor.

Der Schneck horcht auf in seinem Haus,
desgleichen die Kartoffelmaus.

Das Irrlicht selbst macht Halt und Rast a
uf einem windgebrochnen Ast.

Sophie, die Maid, hat ein Gesicht:
Das Mondschaf geht zum Hochgericht.

Die Galgenbrüder wehn im Wind.
Im fernen Dorfe schreit ein Kind.

Zwei Maulwürf küssen sich zur Stund
als Neuvermählte auf den Mund.

Hingegen tief im finstern Wald
ein Nachtmahr seine Fäuste ballt:

Dieweil ein später Wanderstrumpf
sich nicht verlief in Teich und Sumpf.

Der Rabe Ralf ruft schaurig: >Kra!
Das End ist da! Das End ist da!<

Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand:
Und wieder schläft das ganze Land.

DER ZWÖLF-ELF
Der Zwölf-Elf: (Endekus dodekus), ein sogenannter Schwarzelf oder -elb.

die linke: Ein Mensch, z. B. Professor Nikisch,1 würde die rechte oder aber beide Hände erhoben haben.

da schlägt es: infolgedessen oder: den Augenblick darauf. Beides läßt sich verfechten. Im ersten Fall ist der Zwölf-Elf so etwas wie ein mächtiger Dämon. Im zweiten nur ein Gelehrter, der weiß: Jetzt schlägt es gleich zwölf, daher will ich schnell vorher die Hand erheben.

der Teich mit offnem Mund: Ein gewagtes Bild. Denn: Machte der Teich den Mund zu, so wäre er damit selbst überhaupt nicht mehr da. Man ersieht daraus wieder einmal, wie gefährlich die Institution der Konsequenz ist, weshalb sie denn auch, zumal bei Frauen und Dichtern, keiner allzu großen Liebe genießt.

Zeile 4: Man denkt unwillkürlich an den >Freischütz<.

Zeile 8: in dem ihrigen natürlich.
- Kartoffelmaus, vollerer Ausdruck für Feldmaus. Nebenbei ist es eine exorzierte Maus.

Das Irrlicht usw.: Irrlichter (Irrwische, Tückebolde), über sumpfigem, mit verwesenden Stoffen erfülltem Boden schwebende, auch hüpfende, flammenähnliche Lichterscheinungen; noch völlig rätselhaft (!) (M. K. K. Leipzig und Wien 1900).

Sophie: Die Weisheit sieht den Untergang der Wissenschaft voraus. (Siehe >Das Mondschaf<.)
Nachtmahr: siehe Alb, Quälgeist. Vgl. auch Purzelalb, Claudius. Hierzu wieder: >Der Purzelbaum< (>Alle Gal-genlieder<).

-Strumpf: also vielleicht ein weibliches Wesen.
Der Rabe Ralf: ein später Nachfahr der Wodansraben Hugin und Munin. Im Privatleben Dr. Robert W.....e.

Zeile 24: wie immer.

I. Im >Aufgeklärten Mondschaf< lautet die Stelle, statt >Professor Nikisch<: >der Dirigent der Gewandhaus-Konzerte< (der Verlag).


(im Buch geht es noch weiter ...)
__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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