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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Cafe au lait
Eingestellt am 15. 09. 2008 11:47


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Dancingdet
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2008

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Ich erwachte aus einem schweren Traum. Mein Schlafanzug war nass vor Schweiß und mein Atem ging schwer. Ich tastete zur anderen Seite, um nachzusehen ob meine Evi noch neben mir lag. Ihre Seite war leer, aber noch warm. Sie rumorte in der KĂŒche herum. Ich ließ mich noch einmal zurĂŒckfallen und versuchte, mich zu beruhigen.
Nach fast 10 Jahren Knast endlich wieder zu Hause. Wir schlossen uns in die Arme und liebten uns mit der Leidenschaft von Teenagern. Evi hatte all die Jahre auf mich gewartet und war irgendwie ĂŒber die Runden gekommen. FĂŒr mich war die Freiheit zunĂ€chst so etwas wie das Paradies. Aber fĂŒr jemanden wie mich, der den Apfel vom Baum der Erkenntnis gestohlen hatte, kam schnell die Vertreibung in Form von Ablehnung durch unsere Gesellschaft. Wer gibt schon einem 62-jĂ€hrigen Ex-Knacki einen Job ? Evi versuchte, uns ĂŒber Wasser zu halten. FrĂŒher konnte sie noch die eine oder andere Mark auf dem Hausfrauenstrich machen, aber mit ĂŒber fĂŒnfzig ist selbst das vorbei. WĂ€hrend ich regelmĂ€ĂŸig um die StĂŒtze betteln musste, ging sie bei einem pensionierten Oberstudienrat putzen und bĂŒgeln. Sie brachte hĂ€ufiger den einen oder anderen extra FĂŒnfziger mit nach Hause. Wahrscheinlich bĂŒgelte er sie auch ab und zu. Es gefiel mir zwar nicht sonderlich, aber wir konnten alles gebrauchen, was wir kriegen konnten.
Ich fragte beim örtlichen SchlĂŒsseldienst, ob sie nicht einen Spezialisten fĂŒr jede Art von Schlösser gebrauchen könnten, denn schließlich kannte ich mich, insbesondere in der Kunst Safes zu öffnen, sehr gut aus. Aber wie bereits vorher, stolperte man ĂŒber meine Vergangenheit.
Schließlich begann ich, am Bahnhof Zeitschriften zu verkaufen. Kein eintrĂ€glicher Job, wie sich herausstellte.
Ich lief durch die Gegend mit meinem abgewetzten Anzug, sprach Leute an und lernte alles kennen zwischen Ignoranz und freundlicher Anteilnahme.
Vor fĂŒnf Tagen wurde ich dann von einem Mann angesprochen. Eigentlich war es kein Mann sondern mehr ein Herr, denn er war außergewöhnlich gut gekleidet – wahrscheinlich Gucci oder Armani – und sprach in einer sehr ĂŒberzeugenden Art mit mir. Er nahm mich beiseite in diesem Strudel aus rennenden und eilenden Menschen, in dieser Geruchswolke aus Kaffee und Brötchen, aus Rasierwasser, Parfum und Schweiß. Überraschend war, dass er meinen Namen kannte ! „Herr Wieland, ich mĂŒsste Sie mal kurz sprechen,“ sagte er und bugsierte mich in Richtung der SchließfĂ€cher zu einem Stehtisch der BĂ€ckerei.
„Kaffee ?“ fragte er. Ich nickte:“ Mit Milch, bitte.“ Er kehrte mit zwei Bechern dampfenden Kaffees wieder und sah sich zwischendurch immer um. „Herr Wieland, warum ich Sie anspreche.....“ er zögerte. „Ich bin ĂŒber ihre Vergangenheit informiert und möchte mit Ihnen ĂŒber Ihre Zukunft sprechen.“ „Über meine Zukunft ?“ „Wir wissen, dass es Ihnen finanziell zur Zeit nicht besonders gut geht und möchten Ihnen daher einen Job anbieten.“ Alle Alarmglocken in mir begannen zu schrillen. „Glauben Sie mir, die Sache ist todsicher und es wird niemand zu Schaden kommen. Sie arbeiten allein, niemand, der wie damals eine Waffe bei sich trĂ€gt und auf Leute schießt.“ Ich schaute ihn an, aber er ließ sich durch meinen Blick nicht verunsichern. „Sie mĂŒssten fĂŒr uns einen Safe öffnen und ein paar Papiere fĂŒr uns mitbringen. Es soll nicht Ihr Schaden sein. Wir zahlen 25.000,- sofort und 75.000,- bei Lieferung....“ Er hĂ€tte gar nicht weiter reden mĂŒssen. Schon die Anzahlung hĂ€tte gereicht. Endlich konnte ich Evi entlasten und ihr einen großen Wunsch erfĂŒllen. Am Morgen nach meiner Entlassung brĂŒte sie den Kaffee auf und eröffnete mir, dass es kaum etwas Besseres gebe, als eine Tassimo-Kaffeemaschine. Ihr Oberstudienrat habe so eine und der Kaffee schmecke göttlich.
O.k. Ein letzter Bruch. Der Mann, ich sollte ihn MĂŒller nennen, griff in die Tasche und zog einen dicken Stapel GeldbĂŒndel aus der Tasche. Ich ließ ihn ungezĂ€hlt verschwinden und sagte: „Wo, wann, was ?“ Er stellte seine Aktentasche auf den Stehtisch und öffnete sie. „Hier ist ein Plan des GebĂ€udes. Über die Alarmanlage brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, die ist am Freitag Abend ausgeschaltet. Sie mĂŒssen lediglich unbemerkt hineingelangen und an den Wachen vorbeikommen. Hier ist der Streifenplan fĂŒr Freitag. Der Safe ist ein 'Lloyd 1509'; kennen Sie sich damit aus ? Falls Sie Ihre AusrĂŒstung....“ „Meine AusrĂŒstung trage ich bei mir,“ beruhigte ich ihn. „Schweißen ist was fĂŒr Versager !“ „Gut, denn es können sich hitzempfindliche Proben darin befinden. Wir benötigen die Papiere, die mit 'Saxitoxinase' gekennzeichnet sind ! Wir treffen uns dann um Mitternacht auf dem Parkplatz an der Autobahnauffahrt. Dort erhalten Sie dann das restlich Geld von uns.“
Es klang alles sehr einfach: bei Sunny-Chemicals einsteigen, den Safe in ein paar Minuten öffnen, ein paar Papiere filzen und dafĂŒr 100 Riesen abgreifen.
Nachdem wir die Einzelheiten geklĂ€rt hatten, ließ er mich mit meinem Kaffee stehen und verließ den Bahnhof. Ich war in Hochstimmung. Einen Gedanken an das, was gestohlen werden sollte, verschwendete ich nicht. Die Durststrecke schien ĂŒberwunden.
Auf dem Weg nach Hause ging ich noch an einem FachgeschĂ€ft vorbei und kaufte meiner Evi ein Tassimo-Kaffeemaschine. Falls sie fragen sollte, dann hĂ€tte ich sie eben in einem Preisausschreiben gewonnen. Sie war noch nicht da, also baute ich die Maschine auf. Mann, wĂŒrde sie sich freuen. Sie kaufte mir die Flunkerei ab, jedenfalls sagte sie nichts, falls es nicht so war.
Freitag Abend: Evi war noch bei ihrem Oberstudienrat, ĂŒberprĂŒfte ich meine AusrĂŒstung. Meine gesamte SchlosserausrĂŒstung war noch vorhanden. Ich packte alles in meinen Rucksack, packte eine Skimaske in meine Tasche und machte mich auf den Weg.
Herr MĂŒller musste sehr viel Einfluss haben, denn das Eingangstor zu Sunny-Chemicals war weder verschlossen noch bewacht. Ich warf einen letzten Blick auf den Streifenplan der Wachen, den ich zwar schon auswendig kannte, aber sicher ist sicher. Es war ein Kinderspiel, an das eingezeichnete BĂŒro zu gelangen. Das Schloss zu öffnen dauerte weniger als dreißig Sekunden; ich war immer noch gut in Form. Und dann stand er vor mir, der 'Lloyd 1509'. Das war noch Wertarbeit. Mein ehemaliger Zellengenosse Hubert hĂ€tte jetzt eineinhalb Stunden daran herum geschweißt und wahrscheinlich die HĂ€lfte der WertgegenstĂ€nde darin zerstört. Ich bevorzugte mein FingerspitzengefĂŒhl, mein Gehör und mein Wissen um diesen Tresor.
Ein Blick auf die Uhr: in etwa 40 Minuten wĂŒrden die Wachen hier vorbei kommen. Konzentriert arbeiten; nach 30 Minuten öffnet sich das SchĂ€tzchen.
Ich greife mir die Unterlagen mit der Beschriftung 'Saxitoxinase' und stopfe sie in den Rucksack, als mein Blick auf ein Fach fĂ€llt, in dem die Sesselpuper ihren Kaffee aufbewahren. Ein paar unbeschriftete Kaffeedosen und ein paar kleine BehĂ€lter auf denen ich im Halbdunkel noch das Wort: 'Milch' erkenne stehen sĂ€uberlich aufgereiht darin. Ich stecke mir zwei MilchkĂ€nnchen ein, damit wir zum FrĂŒhstĂŒck unseren Kaffee genießen können und mache mich davon.
MĂŒller war pĂŒnktlich. Ich ĂŒbergab ihm die Unterlagen und er ĂŒberreichte mir die restliche Kohle. „Was ist das fĂŒr ein Zeug ?“ fragte ich, obwohl es mich eigentlich nicht interessierte. „Vielleicht eine Möglichkeit, den Krebs zu besiegen ! In der richtigen Dosierung mit der richtigen Verbindung.“ Damit stieg er ins Auto und brauste davon.
Ich schwebte nach Hause, verstaute meinen Rucksack und das Geld. Die MilchkĂ€nnchen stellte ich in den KĂŒhlschrank, wusch mich kurz und schlĂŒpfte zu Evi ins Bett. Ich trĂ€umte schwer, weil ich vielleicht doch noch ein Gewissen hatte, aber 100.000,- Schmerzensgeld sollte ausreichen.
Ich erhob mich schwer und schlurfte zu Evi in die KĂŒche. Sie bediente begeistert die neue Kaffeemaschine, stellte jedem von uns einen Becher hin, rĂŒhrte die Milch und lĂ€chelte mich an.
Noch wÀhrend wir beide einen Schluck nahmen, schlug ich die Zeitung auf.
„EINBRUCH BEI SUNNY-CHEMICALS! WICHTIGE UNTERLAGEN UND TÖDLICHES NERVENGIFT VERSCHWUNDEN!! DIE POLIZEI BITTET UM IHRE MITHILFE!!
Mein letzter Blick fiel auf die MilchkÀnnchen: 'Saxitoxinase-Milch'!
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Tanzen ist Bewegung zur Musik; aber nicht jede Bewegung zur Musik ist Tanz.

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