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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Camillo
Eingestellt am 23. 12. 2017 08:29


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ThomasQu
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Camillo

Was tut man, wenn man weder Regen noch KĂ€lte mag? Richtig, man wirft seine Siebensachen in das Wohnmobil und braust los.
So auch wir – und wie jedes Jahr Ende Oktober war Borghetto unser Ziel. Dort sind die Temperaturen meist noch ĂŒber zwanzig Grad und man kann sich einen letzten kleinen Sonnenbrand einhandeln.

Samstagnachmittag kamen wir an und begannen, uns auf dem Campingplatz auszubreiten. Da es fĂŒr Norditalien wirklich schon sehr spĂ€t in der Saison war, verloren sich gerademal fĂŒnf Wohnmobile auf dem mehrere Hektar großen GelĂ€nde.
Kaum waren unsere Gartenmöbel aufgestellt, wurden wir schon von drei streunenden Katzen belagert, die sich als recht lĂ€stig erwiesen. Schnurrend streiften sie an unseren Beinen entlang und maunzten laut und anhaltend. Die ganzen Jahre zuvor hatte unser Hund diese Biester vertrieben, doch der schlug leider im FrĂŒhjahr den Weg in andere SphĂ€ren ein und somit mussten wir jetzt ohne unseren Bodyguard zurechtkommen. Lautes in die HĂ€nde klatschen nĂŒtzte nichts, dadurch ließen sich die Katzen nicht verscheuchen. Sie suchten immer wieder Blickkontakt und miauten uns fordernd an.
WĂ€hrend die rote und die getigerte auch mal stundenweise von uns abließen, war die kleine schwarze besonders aufdringlich. Rund um die Uhr war sie prĂ€sent und machte mit Nachdruck auf sich aufmerksam.
„Die ist hungrig“, meinte meine Frau nach zwei Tagen, „die Katzen werden hier bestimmt von den CampinggĂ€sten gefĂŒttert.“ Mein Einwand, das Vieh sĂ€he alles andere als verhungert aus, wurde von ihr abgeschmettert. Sie schnappte sich ihr Fahrrad, fuhr zum nahen Supermarkt und besorgte Katzenfutter. Keine besonders clevere Strategie, um dieses MiststĂŒck loszuwerden, dachte ich mir, ich hĂ€tte viel lieber eine Wasserspritzpistole gekauft.
Mit einer ganzen TĂŒte voller Leckereien kam sie zurĂŒck, riss eine Dose auf, löffelte den Inhalt in ein SchĂŒsselchen und servierte es der inzwischen hysterisch miauenden Katze, die sich heißhungrig ĂŒber das Futter hermachte. Wenige Sekunden spĂ€ter war die SchĂŒssel leer und die Katze forderte Nachschlag. Der kam sofort. Nun war das Tier endlich satt und gab Ruhe.
Zwischenzeitlich waren von den anderen vier Wohnmobilbesatzungen drei abgereist und wir teilten uns das riesige Areal nur noch mit den HollÀndern im hinteren Eck der Campinganlage. Die wurden anscheinend in Ruhe gelassen.
Zur nĂ€chsten Mahlzeit bekam die kleine NervensĂ€ge Trockenfutter vorgesetzt. Doch nicht ein einziges StĂŒckchen davon rĂŒhrte sie an. Sie schaute nur vorwurfsvoll in unsere Richtung und maunzte uns die Ohren voll. Meine Frau kippte den Inhalt der SchĂŒssel unter einen nahen Busch und öffnete zwei weitere Döschen. Danach war alles gut. Schon wieder hatte die Katze gewonnen. Das Trockenfutter im GebĂŒsch teilten sich die beiden anderen Biester.

Das FĂŒttern hatte natĂŒrlich zur Folge, dass diese Brut noch viel aufdringlicher wurde. Die kleine schwarze tat sich darin besonders hervor. Sobald ein Liegestuhl aufgeklappt in der Wiese stand, nahm ihn Camillo in Beschlag, inzwischen hatten wir bemerkt, dass er ein kleiner Kater war. Und sobald nur fĂŒr einen Moment die TĂŒr von unserem Wohnmobil offenstand, huschte er hinein und machte es sich auf den Sitzen oder in unserem Bett bequem. Es war zum Haareraufen. Wenn wir von einer Fahrradtour zurĂŒckkamen, wurden wir lautstark begrĂŒĂŸt, frĂŒhmorgens von seinem Miauen geweckt und unsere Mahlzeiten konnten wir nicht im Freien einnehmen, er wĂ€re uns sonst auf den Tisch gesprungen.
Allerdings, selbst ich musste zugeben, dass es schon sehr drollig aussah, wenn er einige vom Wind aufgewirbelte BlĂ€tter zu erhaschen versuchte und ich begann widerwillig, mich in mein Schicksal zu fĂŒgen und seine Anwesenheit fĂŒr die restlichen Tage zu akzeptieren.
„Was machen wir eigentlich, wenn der Campingplatz in zwei Wochen schließt?“, meinte meine Frau am Freitagabend mit besorgter Miene, „der Camillo ist noch so klein, wahrscheinlich erst ein halbes Jahr alt! Über den Winter wird er hier vermutlich verhungern.“ Sie hatte sich inzwischen zu einer richtigen Katzenmama entwickelt. „Den können wir unmöglich hierlassen.“
Oh nein! Ich hatte wirklich keine Lust, mich fĂŒr die nĂ€chsten zwanzig Jahre zum Sklaven dieses kleinen Erpressers machen zu lassen. Aber wenn sich meine Frau mal etwas in den Kopf gesetzt hatte 

Panisch griff ich zum Telefon und rief all diejenigen an, die auch nur entfernt als Katzeneltern infrage kamen. Gott sei Dank, Bekannte unserer jĂŒngeren Tochter erklĂ€rten sich bereit, Camillo bei sich aufzunehmen.
Jetzt drĂ€ngte die Zeit. Am Samstag fuhren wir in die nĂ€chste Stadt und besorgten fĂŒr teures Geld eine Transportbox, schließlich war schon fĂŒr Sonntag die Heimreise geplant.
Als wir zum Campingplatz zurĂŒckkehrten, staunten wir nicht schlecht. Inzwischen waren mehrere Wohnmobile neu angekommen, alles SĂŒditalien-Urlauber, die den Platz als Zwischenstation fĂŒr ihre weite Heimreise nutzten. Von Camillo war weit und breit nichts zu sehen. Das Ă€nderte sich auch bis zum Abend nicht. Wir schlenderten durch die Reihen der Neuankömmlinge und hielten nach ihm Ausschau. Dann erspĂ€hten wir ihn. An einem Wohnwagen mit Schweizer Kennzeichen strich er einer Frau laut maunzend um die Beine und nahm heißhungrig sein Futter in Empfang. Aha!

SonntagfrĂŒh - und kein Camillo war in Sicht. So langsam begannen wir, LiegestĂŒhle, FahrrĂ€der und Campingtisch einzuladen. Die Katzenbox stand leer und verlassen im Gras. Noch einmal liefen wir ĂŒber den Platz, doch Camillo war nirgends zu entdecken.
Schmallippig und ohne ein Wort zu verlieren stellte ich die Box ins Fahrzeug, stieg ein und startete den Motor. Meine Frau machte ein betretenes Gesicht und blieb eine ganze Zeitlang schweigsam.
Da hatte uns der kleine Satansbraten ordentlich eins ausgewischt. FĂŒr nĂ€chstes Jahr, das nahm ich mir fest vor, wĂŒrde ich ganz sicher nicht ohne Wasserspritzpistole im GepĂ€ck losfahren!



Version vom 23. 12. 2017 08:29

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