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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Care-Paket
Eingestellt am 10. 03. 2005 09:07


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Black
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2004

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Es kam mit der Morgenpost : ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschn├╝rt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagt├Ąglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere.
Heinrich bekam nicht sonderlich oft Post. Ab und zu eine Rechnung, monatlich das Parteiblatt, das war es auch schon. Nicht, dass er dar├╝ber traurig gewesen w├Ąre – Lesen war nicht gerade eins seiner Hobbies. Er musste selbst in der Fernsehzeitung jeden Buchstaben einzeln entziffern und dann mit stumm arbeitendem Mund Vokale und Konsonanten zu einem Wort in seinem Kopf formen.
Heinrich war 18 Jahre alt, und auch bei wohlwollenden Z├Ąhlversuchen kam er bei der Zahl seiner Schuljahre auf nicht mehr als acht. Hauptschule abgebrochen, keine Lehrstelle gefunden, also Sozialhilfe beantragt. Auf dem Amt hatte er auch Jens kennengelernt, der ihm in vielerlei Hinsicht die Augen ge├Âffnet hatte.
„Na, was glaubst du, wieviel du kriegen wirst ?“ Heinrich und Jens standen auf dem gebohnerten Flur des Sozialamts und rauchten. Das Gespr├Ąch hatte sich nach Heinrichs Ansicht ergeben, weil sie beide zeitgleich am Aschenbecher standen, aber Jens ├╝berlie├č solche Dinge nicht dem Zufall. „Zweihundertzwanzig, wenn du Gl├╝ck hast,“ er inhalierte den Rauch und blies kleine Ringe.
„So wenig?“Heinrich verzog das Gesicht. „Mann, ich mu├č doch auch Klamotten kaufen und essen will ich auch noch was.“
„Ja,ja, da ist Vater Staat doch ganz sch├Ân knauserig mit seinen Kindern...Ist aber logisch, oder? Schlie├člich m├╝ssen auch auch die Kuckuckskinder durchgef├╝ttert werden.“ Der K├Âder war ausgeworfen.
Heinrich sah ihn an. „Was meinst du?“
„Sieh dich doch blo├č mal um : tragen deutsche Frauen Kopft├╝cher ? Herkommen, kein Wort deutsch sprechen und dann einem fremden Volk auf der Tasche liegen : so sieht’s doch aus.“
Heinrich war unsicher. „Naja, die k├Ânnen ja auch nichts daf├╝r, wenn sie arbeitslos werden.“
„Ach komm, tr├Ąum weiter. Die wollen doch gar nicht arbeiten. Aber f├╝r solche Leute ist unsere St├╝tze immer noch mehr, als sie zuhause kriegen. Ist im Grunde eine ganz einfache Rechnung : wenn die nicht w├Ąren, bliebe mehr vom Kuchen f├╝r uns.“
Das hatte Heinrich eingeleuchtet. Sp├Ąter war er mit Jens zu einem dieser Treffen gegangen, Jungmannschaft oder so ├Ąhnlich. Es waren lauter coole Typen da, die den Tag damit verbrachten, Bier zu trinken und eben ab und zu „auf die Jagd“ zu gehen. Ihre Opfer hatten gegen eine Gruppe von acht bis zehn Kumpels keine Chance, sie konnten froh sein, wenn sie schnell genug fliehen konnten. Wenn nicht – nun, verdient hatten sie es doch schlie├člich alle.
„Merk es dir gut,“fl├╝sterte Heinrich dem am Boden liegenden Afrikaner ins Ohr, „du bist hier nicht willkommen. Erwischen wir dich nochmal, machen wir dich alle.“
Die zitternde, gekr├╝mmte Gestalt nickte wortlos. Die H├Ąnde suchten blind nach dem Rand des Gehsteigs. Er kroch davon.

„Dieser Vorschlag ist doch nicht dein Ernst, Stefan !“ Sarah funkelte ihn w├╝tend an. „Der Sinn der Antifa ist eben nicht Gewalt, sondern die Braunhemden mit anderen Aktionen zu bek├Ąmpfen.“ Stefan schob den Kaffeebecher beiseite. „Ja, sicher. Nur leider lachen sich die Betonk├Âpfe ├╝ber Plakate und Demos nur schlapp. Damit er-reichen wir nichts, das siehst du doch !“ Der Rest der Gruppe schwieg.
„Ich sage nein ! Verpr├╝geln oder so stellt uns auf eine Stufe mit denen, und da mach ich nicht mit !“
„Sarah hat Recht,“ meldete sich Klaus als ├ältester zu Wort, „solche Geschichten machen wir nicht. Wem das nicht passt : da ist die T├╝r !“ Die anderen nickten.
„Ok ok, lasst es ruhig bleiben. Was ich in meiner Freizeit mache, bestimme ich schlie├člich noch selbst.“ Stefan griff nach seiner Jacke und ging zur T├╝r.
„H├Âr auf mit dem Quatsch, Mann, allein hast du doch eh keine Chance!“ rief Klaus ihm nach.
Die T├╝r fiel ins Schlo├č.
„Hoffentlich macht er keinen Unsinn.“ Sarah runzelte die Stirn.
„Ach was, so bl├Âd ist er nicht. Nur in der Gruppe k├Ânnen wir etwas ausrichten, das wei├č Stefan sehr gut. Er ist v├Âllig daneben, seit sie Tony verpr├╝gelt haben. Der liegt jetzt noch im Krankenhaus. War da nicht auch dieser Loser aus Stefans Haus dabei? Gestern noch Mamas Liebling und heute schon eine Glatze. Widerlich !“

Neugierig sch├╝ttelte Heinrich das Paket. Nichts zu h├Âren. Er drehte und wendete es – kein Absender. Nur das neutrale, braune Papier,versehen mit seiner Adresse. Sollte das schon das Erotikpaket sein, das er letzte Woche bestellt hatte ?
„Das w├Ąre ja schnell gegangen,“ sagte er zu sich selbst. Er griff in die Hosentasche und zog sein Klappmesser heraus. Sein ganzer Stolz : schwarzer Griff mit wei├čem Adler, der in den F├Ąngen ein Kreuz mit abgewinkelten Ecken trug. Sein Willkommensgeschenk von den Jungs. Die Klinge schnappte auf und durchschnitt m├╝helos die derbe Paketschnur. „So, dann zeig doch mal, was du Sch├Ânes f├╝r mich hast.“ Heinrich drehte das Paket herum und fuhr mit dem Messer unter die Klebestreifen. Er schlug das steife Packpapier auseinander. Zum Vorschein kam ein neutraler grauer Karton – sein Deckel ebenfalls mit Tesa fixiert. „Mann, du machst es aber spannend !“ Er schabte mit den Fingern├Ągeln die Ecken los und zog die Tesastreifen ab.
Der Deckel hob sich.
Metallfolie, Dr├Ąhte – er schrie.






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tomorrow never knows

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