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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Carpe diem!
Eingestellt am 20. 01. 2015 17:11


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LyrikAmbition
Hobbydichter
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Lebe den Tag

Lisa starrte noch immer auf das rotleuchtende Licht der Ampel. Das tat sie nun bestimmt schon seit f├╝nf Minuten. Aber warum schaltete das dumme Ding nicht endlich um? Weit und breit war Niemand anderes an der Kreuzung zu sehen. Na gut, heute war Sonntag, was den geringen Verkehr erkl├Ąren w├╝rde. Doch immerhin befand sie sich nicht weit au├čerhalb der Stadt. Wie konnte es also sein, dass keine Menschenseele zu sehen war? Die fast schon gespenstische Stimmung drang von au├čen in ihren BMW und das 18 Jahre alte M├Ądchen wollte endlich von dieser verdammten Kreuzung weg. Langsam wurde sie ungeduldig, denn sie musste immerhin noch f├╝r ihre Mathe Klausur in der ├╝bern├Ąchsten Woche lernen.

Lisa war eine gute Sch├╝lerin. Sie lernte schon ihr ganzes Leben lang aus purer Leidenschaft, denn sie wusste, wie wichtig die Schule f├╝r ihre Zukunft ist. Sie wollte ja immerhin ihren gro├čen Traum erf├╝llen und Wirtschaftsprofessorin werden. Naja, eigentlich war das anfangs nicht ihr Traum, sondern der, ihrer Mutter. Sie wollte immer schon so gerne Biologie studieren. Sie empfand die Natur und die wunderbare Fauna der Erde schon immer als realen Traum. Aber verdienen konnte man nat├╝rlich als Biologin nicht viel. Man konnte dann ja nur von Forschungsgeldern leben und eine gesicherte Zukunft war dies auf keinen Fall. Ihre Mutter hatte halt immer schon Recht. Seit sie in die Grundschule gekommen war, lernte sie f├╝r jedes Fach so viel sie konnte und gab immer 110% in der Schule.

Viele Freunde hatte sie ja nicht. Naja das war nicht ganz richtig. Sie hatte schon ein paar Freunde gehabt. Da war einmal ihre beste Freundin Judith und ihr bester Freund Marcel. Beide kannte sie schon aus dem Kindergarten und die drei waren auch ewig lang befreundet. Aber irgendwann kam dann die Zeit, wo sich Lisa auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren und f├╝r die Schule lernen musste. Ab diesem Zeitpunkt trennte sich immer mehr ihre Wege, denn als die Beiden vor zwei Jahren Lisa immer wieder auf Partys mitschleppen wollten, erkannte sie ihre alten Freunde nicht mehr und distanzierte sich von ihnen. Sie verstand nie den Sinn in Partys. Man wird in eine Gruppe von Menschen geworfen, die einen nicht kennen und dann kommt noch vielleicht irgendein komischer Typ zu ihr und m├Âchte etwas mit ihr ÔÇ×trinkenÔÇť. Lisa war zwar noch Jungfrau und hatte bisher noch keinen Freund, selbst gek├╝sst wurde sie noch nie, jedoch wusste selbst sie was diese Umschreibung eigentlich bedeutete. Warum sollte sie ihre wertvolle Zeit mit Menschen verbringen, die sie doch eh nur ausnutzen wollen? Einen Mann konnte sie sich ja immer noch suchen, wenn sie ihr Studium fertig hatte und einen geregelten Tagesablauf f├╝hrte. Ob das nun drei oder zehn Jahre dauerte war ihr ziemlich egal. Der berufliche Erfolg sollte immer vor dem Privaten stehen, denn wen interessiert es denn in zwanzig Jahren ob sie einmal von einem schmierigen Typen aufgerissen wurde oder nicht. Und auch ihre Unerfahrenheit und jungfr├Ąuliches Dasein machte ihr nichts aus, denn wenn sie jemals einen Mann f├╝rs Leben finden sollte, wird dieser sie auch so akzeptieren k├Ânnen, wie sie ist. Oder nicht?

Ihre Freundin hatte damals versucht, mit ihr dar├╝ber zu reden, denn irgendwann schien sie besorgt dar├╝ber zu sein, was sie von Jungs hielt. Als dann Judith mit 16 einen Freund hatte, hielt sie gar nichts mehr von ihrer scheinbar besten Freundin. Ihre Noten wurden immer schlechter und Lisa glaubte, dass sie mittlerweile in Englisch und Geschichte sogar auf einer 3 stand. Fr├╝her, vor drei Jahren, konnten beide noch zusammen intensiv und produktiv lernen und hatten in fast jedem Test eine sehr gute Note. Also mussten ja die M├Ąnner daran schuld sein, dass Judith nun so abst├╝rzte. Lisa war stolz darauf, dass sie nicht zu den typischen Flittchen geh├Ârte, die sich schon mit 15 Jahren von ihrem Freund entjungfern lassen. Ihre Freundin teilte damals jedoch nicht ganz ihre Meinung und dann endete die Freundschaft endg├╝ltig in einem Streit. ├ťber Marcel wollte sie gar nicht erst nachdenken, denn dieser war unglaublich schlecht in den letzten zwei Schuljahren geworden und ging dann schlussendlich von ihrer Schule. Wahrscheinlich lag das daran, dass er damit anfing ins Fitnessstudio zu gehen. Das fra├č ja immer sehr viel Zeit, wie er ihr berichtete. Immer zwei volle Stunden jeden Tag. In den zwei Stunden k├Ânnte er seine Hausaufgaben machen, etwas f├╝r den n├Ąchsten Test lernen oder lesen. Aber nein, der Neandertaler musste ins Studio gehen und wie er selbst sagte ÔÇ×F├╝r die Bitches pumpenÔÇť.

Lisa verstand ihre Generation einfach nicht. Alle verschwendeten gute Noten und warfen ihre M├Âglichkeiten f├╝r die Zukunft einfach so wegen sinnlosem Zeug weg. Sie verschwendeten alle ihr Leben. Endlich schaltete die Ampel auf Gelb um und Lisa dr├╝ckte in Gedanken versunken die Kupplung und startete wieder den Motor. Sie hatte wegen der langen Wartezeit ihr Auto abgestellt, um der Umwelt etwas Gutes zu tun. Gr├╝n. Endlich. Lisa fuhr langsam los und schaute auf ihr Ziel, die folgende gerade Strecke Richtung Stadtmitte. Als sie in der Mitte der Kreuzung angekommen war, schaltete sie auf den zweiten Gang. Doch pl├Âtzlich h├Ârte sie etwas Lautes, Gro├čes, von der linken Seite her rauschen und auf einmal dr├╝ckte sie eine gewaltige Kraft auf die rechte Seite ihres Wagens. Sie versuchte zu schreien, doch der gigantische Knall, der ihre Ohren bet├Ąubte, verbarg ihr Kreischen unter sich. Alles verbog sich und presste sie mit voller Wucht nach rechts. Auf einmal sp├╝rte sie einen unglaublich schmerzhaft, stechenden Schmerz in ihrer Brust und alles wurde auf einmal finster um sie herum.

Als sie wieder zu Bewusstsein kam, sah sie alles verschwommen und es roch nach Rauch und Benzin. Jetzt konnte sie wieder etwas klarer sehen und erblickte ein schreckliches Szenario. Sie sah durch ihre zerbrochene Windschutzschreibe, einige einzelne Flammen auf dem Asphalt und alles war irgendwie zur Seite gedreht. Wie zur Seite? Lag ihr Auto etwa auf der rechten Seite? Von ├╝berall flogen einzelne Funken und Glassplitter klirrend herunter, ├╝berall rauchte es. Lisa stand unter einem Schock und konnte nichts sp├╝ren. Als sie jedoch langsam die Situation begriff, kam ihr das Grauen. Sie h├Ąngte in der linken Seite, ihres Autos und starrte auf die eingequetschte rechte Autot├╝r, auf dem das komplette Gewicht ihres Wagens lag. Was war passiert? Sie schaute nach links und sah, dass das gesamte linke Metallgestell mindestens 30cm nach innen gedr├╝ckt wurde und fast schon einer Alufolie, in die man einen Apfel eingewickelt und danach wieder herausgenommen hatte, glich. Es musste sie etwas gerammt haben. Aber sie konnte nicht erkennen, was es gewesen war. Ihre Gedanken wurden durch einen unertr├Ąglich, stechenden Schmerz in ihrer Brust unterbrochen, worauf sie nach unten blickte und auf ein gewaltiges, blut├╝berstr├Âmtes St├╝ck Metall erblickte, das aus ihrem Torso ragte. Sie keuchte auf, ihr Blut rann aus ihrem Mund und bildete eine kleine, rote Pf├╝tze au├čerhalb des zerbrochenen Beifahrerfensters. Dort war bereits vorher eine Blutlache gewesen, was darauf schlie├čen lie├č, dass sie einige Zeit bewusstlos gewesen war. Konnte sie noch gerettet werden? Gab es ├╝berhaupt auch nur die kleinste Chance darauf, diesen Vorfall zu ├╝berleben? Wieder nach Hause zu kommen? W├Ąhrend ihre Angst immer gr├Â├čer und die Schmerzen immer unertr├Ąglicher wurden, gab die Karosserie mit einem lauten Knarzen leicht nach und sie wurde nach vorn gedr├╝ckt. Bei dieser Bewegung sp├╝rte sie pl├Âtzlich einen h├Âllischen Schmerz in der Magengegend und sie musste mit ansehen, wie sich ein Teil ihres Darms an dem St├╝ck Metall entlangschl├Ąngelte und unten in der blutigen Pf├╝tze landete. Sie keuchte auf und wusste nun, dass es keine Chance mehr gab, dies zu ├╝berleben.

Sie hatte sich nie wirklich die Frage gestellt, wie es wohl sein musste, zu sterben. Sie ├╝berlegte was wohl nun aus ihrer Familie werden w├╝rde, sie w├╝rden sie bestimmt vermissen. Und da stellte sie sich einen Friedhof vor, an dem sie gerade beerdigt wurde. Ihre Eltern standen weinend neben ihrer Grabst├Ątte, w├Ąhrend ihr Bruder gerade ein paar Worte mit dem Pfarrer wechselte, vermutlich um etwas Finanzielles zu kl├Ąren. Die Vorstellung war noch sehr leer, also versuchte sie sich ihre Freunde dazu zu denken. Doch sie hatte ja keine mehr, sie hatte all ihre Freunde weggeekelt, weil sie nicht mit ihnen einer Meinung waren und deswegen w├╝rden diese auch bestimmt nicht zu ihrer Beerdigung kommen. Zweifelhaft versuchte sie nun auf ihr Leben zur├╝ckzublicken um zu sagen, dass ihr jetziges Leben toll war und sie es vern├╝nftig ausgekostet hatte. Doch so viel sie sich auch anstrengte, sie fand nichts. Ein paar Momente mit Judith, wo sie als kleine Kinder mit dem Schlitten einen kleinen Berg herunterfuhren und dann beide in den Schnee fielen. Oder als sie mal zusammen in der Urlaub gefahren waren, das war sch├Ân. Aber nichts, was in den letzten acht Jahren passiert w├Ąre. Auf einmal wurde ihr alles klar. Sie hatte ihr Leben weggeworfen. Sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, f├╝r die Zukunft zu arbeiten, zu lernen und alles zu tun, um besser als andere zu sein. Doch nun musste sie sterben und sie hatte nicht eine Sekunde ihrer Lebens vern├╝nftig genutzt. Sie h├Ątte mit auf all die Partys gehen k├Ânnen, zu denen sie freundlicherweise eingeladen wurde. Sie h├Ątte mit einem Typen rummachen k├Ânnen, der ihr gef├Ąllt. Sie h├Ątte einen Freund finden k├Ânnen, sodass sie nicht als Jungfrau sterben musste. Sie h├Ątte Menschen haben k├Ânnen, die sie wirklich vermissen. Sie h├Ątte Erfahrungen sammeln, Spa├č haben und ihr Leben leben k├Ânnen. Sie hatte die Wahl. Doch nun war alles zu sp├Ąt.
Es wurde alles um sie herum immer unwirklicher und dunkler. Als LisaÔÇÖs Herz endg├╝ltig aufh├Ârte zu schlagen, war alles, was sie noch auf der Erde hinterlie├č eine kleine Tr├Ąne, die von ihrer rechten Wange herunterkullerte und in das Blutgemisch tropfte.

Carpe diem

__________________
ÔÇ×Beurteile nie einen Menschen, wenn du seine Geschichte nicht kennstÔÇť

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