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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Catania Trilogie ( neue Fassung)
Eingestellt am 21. 03. 2003 14:27


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Inu
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C A T A N I A - T R I L O G I E


DER CONTE

Es ist
das Meer smaragdgrĂŒn,
der Strand schwarz vom vulkanischen Sand.

Dunkel ragen Klippen aus Lava
und Feigenkakteen hoch wie SĂ€ulen ...
rotes, sĂŒĂŸes, blutendes Fleisch ihre FrĂŒchte.

Es ist Sizilien.

Über allem der Ätna. Bergmassiv, zerwĂŒhlt von Kratern und brodelnden SchlĂŒnden. Man sagt, der Ätna schlĂ€ft nie. Sein Inneres ist Flammenhölle. Auf dem Gipfel liegt immer Schnee. Das Eis und das Feuer!

Sizilien 1955.


Die jungen Touristen wohnen in HĂŒtten am Meer. Karin hat lange fĂŒr diesen Urlaub gespart.

Am Tag fegt der Scirocco das Land. Der heiße Wind von Afrika her.

Abends kommt die KĂŒhle. Sie sitzen zusammen auf der Speiseterrasse des Restaurants ... die Jungen, die MĂ€dchen. Die Tische sind mit weißem Leinen bedeckt. Ein Ober steckt Tropfkerzen auf bauchige Chiantibotteln. Die Kerzen flackern, brennen rasch herunter. Der Ober bringt immer mal wieder neue. Über grĂŒnem Glas gerinnt das fließende Wachs zu vielfarbigen, pittoresken Mustern.

An der Pergola ĂŒber den Tischen der GĂ€ste baumeln in Fischernetzen Seepferdchen, Seesterne – echte, getrocknete. Dazu Kraken, Schwertfische und Haie aus Bakelit.
Mediterranes Dekor. Die Einheimischen geben sich MĂŒhe. So glauben sie, mögen die Touristen aus dem Norden es gern.

Nach dem Abendessen das Fest. Folklore. Am Strand hat man eine BĂŒhne errichtet. Tenöre schmettern mit gewaltigen Stimmen Arien:
- Nessun dorma -


Von ĂŒberall her sind die Fremden und die Sizilianer gekommen. Kopf an Kopf wogt die Menge in der sĂŒdlichen Nacht. Wenn Applaus und Lachen fĂŒr eine Weile aufhören, tönt laut das Branden der See.

SpĂ€ter dann ‚la Tarantella‘. Elegante TĂ€nzer in HarlekingewĂ€ndern mit Tamburinen in den HĂ€nden.
Feststimmung - und der starke Vino Rosso vom Ätna.

Die jungen MÀdchen aus Schweden, aus Deutschland, haben sich schön gemacht: Ballerinenschuhe, Petticoat-Kleider, schmale Fesseln, wippende Röcke ... dazu ihre Jugend.

Und die wildernden reichen Signori der Insel kommen her zu ihrem VergnĂŒgen. Die Dons, die Patroni. Auch Papagalli, Giovannis und Tinos.

Aber die Herrschaften aus Catania und Siracus! MaßanzĂŒge tragen sie aus weißer Seide. In hellen Alfas kommen sie vorgefahren: Romeos. Eleganz ist weiß in Sizilien.

Ein Orchester spielt all die magischen Weisen ... die heißgeliebten Herz-Schmerz-Schlager-Melodien der Welt.

Da löst sich Ernando, der Conte, aus dem Kreis seiner Begleiter. Leicht berĂŒhrt er ein MĂ€dchen bei der Schulter. FĂŒhrt sie zur Terrasse ĂŒber dem Meer, wo die Menge schon begonnen hat, zu tanzen.
- Love is a many splendored thing -

Eine hat er sich ausgewĂ€hlt unter vielen ... die JĂŒngste.
Karin.
Sechzehn ist sie. Ihr ist alles ein Traum.

- Love is a many splendored thing -

Der Himmel. Die Sterne. Die Musik jetzt so brausend wie die Brandung der See.
‚Dieser Mann‘, denkt sie, ‚ist schöner als alle ... so stolz und unsagbar fremd.‘
Er sieht sie an mit einem Blick voller RĂ€tsel. Da tost ihr Herz.
- Chanson d‘ amour –

Il Conte. Hoch und schlank ragt er auf aus der Menge. Ernando, der JĂ€ger. LĂ€chelt nie. Ein dĂŒsterer Gott ... so erscheint er Karin in dieser samtblauen Nacht. Sie folgt ihm im Rhythmus seiner Schritte. Er lehrt sie den Tango tanzen. Mit ihm ist es leicht, ihren Körper biegt er wie magisch, so wie er sie haben will. Karin schwebt. Er spricht zu ihr von Begehren, wĂ€hrend er sie fest im Arm hĂ€lt. Die Stimme des Conte: heiser, erregt. Spricht ihr von FĂŒgung, von Schicksal ... geflĂŒsterte Worte. Die lasten schwer auf ihr. Schwer wie seine Hand auf ihrer Schulter.
‚Er ist nicht glĂŒcklich“, denkt sie ... und entdeckt verwirrt die Melancholie seiner ZĂŒge und dass seine Augen wie Glut in der Asche sind, Er ... die Gefahr und ... die Ekstase.

Geheimnisvoll ist dieser Mann, dunkel wie der Berg Ätna ... nur er zĂ€hlt, er ist es, war es schon immer, ER, den sie nie gekannt und stets zu kennen geglaubt hat ... das Ziel ihrer MĂ€dchentrĂ€ume.
Nah an seinem Körper, bewegt sie den ihren wie in Trance. Taumelig wird sie ... und stĂŒrzt kopfĂŒber in jenen lodernden 'Ring aus Feuer', von dem die Dichter sprechen.
Da fÀllt sie in Liebe.

*



ENDE DES SOMMERS

KĂŒhl ist die Nacht. Am Saum der Bucht lagern die jungen Touristen. Decken haben sie ausgebreitet im Sand. Weinflaschen reicht man herum. Paare gehen den Strand entlang. Ihre nackten FĂŒĂŸe ... Meerschaum umspĂŒlt sie.

Sizilianische MĂ€nner haben sich zu der deutschen Gruppe gesellt. Einer, mit Namen Salvatore, singt. Hell schwingt sich seine Stimme auf, ĂŒber das Brausen der See:
- Sul Mare lucido -. Enzio, der Reiseleiter, stimmt ein. Sie singen zu zweit. Von Gitarren begleitet:
'Santa Lucia'
und in der Ferne funkeln Catanias Lichter.
Karin sitzt mit ihren jungen Landsleuten beisammen.


Da kommt Ernando, der Conte mit einer Schar von Begleitern. Karin bebt. Ein Taumel erfasst sie. Der Puls rast, das Herz stockt... fĂŒr Augenblicke. GelĂ€hmt scheinen plötzlich die Glieder. Ihren Leib durchfĂ€hrt es wie ein Dolchstoß, als er im Vorbeigehen kurz zu ihr hin blickt. Und ihr fast unmerklich zunickt. Ernando. Der Boden versinkt unter den FĂŒĂŸen.
‚Ich bin fĂŒr ihn leichter als Luft‘, spĂŒrt sie. An einem Abend wie diesem fĂŒhlt sie, wie ihr Herz dem des Mannes so nah, doch seines von ihr so weit weg ist. Einen Blick ist sie ihm wert. Mit kaum merkbarem Kopfnicken grĂŒĂŸt er zu ihr herĂŒber.

Das Eis und das Feuer!

So etwas hat sie niemals gekannt, dieses wilde Wirbeln durch Freude und Schmerz. Die Liebe. Die Lust. Alles hat er sie gelehrt.
Manchmal hatte er sie in das Haus hoch oben am Ätna gebracht. Dort, wo er mit ihr allein war. Dann gehörte sie ihm.

Oder er holte Karin frĂŒh morgens vor dem Campeggio ab.
Im weißen, offenen Cabriolet fuhren sie ĂŒber die Strada del Sole, entlang den tĂŒrkisfarbenen und smaragdenen Buchten, dann tief hinein ins Landesinnere. Weite gelbe Weizenfelder! Heiß blies der afrikanische Wind ĂŒber die Ebenen.
Scirocco.

Agrigent ... Hohe und niedergestĂŒrzte SĂ€ulen auf antiken, griechischen Tempelfeldern zeigte ihr der Conte in sonnenverbrannter Landschaft. Und nah der KĂŒste die weiten Citrushaine. SpĂ€ter leuchtete ihnen in ĂŒppigem GrĂŒn, von BlĂŒten bekrĂ€nzt, hoch ĂŒber dem Meer Taormina entgegen, die Perle aller sizilianischen StĂ€dte.
- Memories are made of this -

Dass er nicht frei sei, hatte Ernando gleich am Anfang ihrer Bekanntschaft zu Karin gesagt. „Sono un uomo sposato, un uomo di famiglia“. Er sagte es, bevor er sie zum ersten Mal mitnahm zum Haus am Ätna. Sie war nur ganz wenig verwundert, hatte eigentlich nichts anderes erwartet ... ein Mann wie er!

In versteckten Restaurants aßen sie, flanierten nachmittags an Dingen vorbei, die das Herz jedes MĂ€dchens höher schlagen lassen: teurem Luxus, ausgestellt in Palermos Boutiquen. Alles wollte er ihr kaufen: Armband, Ohrringe, Designer-Kleider, -Schuhe, Seidenschal, eine Sonnenbrille. Noch nie hatte ein Mann ihr etwas geschenkt. Es war ihr auch keiner bisher nahe gekommen. Nur ER. Nein ... sie wĂŒrde von ihm nichts annehmen, nichts Materielles.
"So eine bin ich doch nicht", hatte sie leise gesagt. So eine wollte sie nicht sein. Niemals! Nein!
"Mais pourquois pas?", hatte er lĂ€chelnd gefragt - sie sprachen französisch miteinander – das hatte sie in der Schule gelernt - er verstand kein Deutsch und sie nur wenige Worte Italienisch.




Er drÀngte sie fast, Dinge anzunehmen. Ziemlich ungeduldig wurde er sogar, weil sie so starr blieb.

Da gab sie sich am Ende geschlagen und ließ sich beschenken. Gewissensbisse? Die kamen und gingen. Bald aber zeigte sie sich stolz in den von ihm ausgewĂ€hlten, kostbaren Sachen. Die MĂ€dchen aus ihrer Reisegesellschaft staunten und waren sich nicht schlĂŒssig, ob sie Karin beneiden oder verachten sollten. Und sie entschieden sich fĂŒr die Verachtung.

*

Doch an diesem Abend scheint der Conte nicht ihretwegen gekommen. Mit seinen Begleitern und den Herren des Campeggio sitzt er bald in lockerer sizilianischer MĂ€nnerrunde beisammen. Sie plaudern, diskutieren lautstark. Karin zittert sonderbar in ihrem Inneren. Sie wĂŒrde IHM so gerne nah sein. Aber sie ist umgeben von den deutschen Feriengenossen und er von seinen gut aufgelegten Amigos. Sie hat nicht den Mut, zu ihm hinĂŒber zu gehen.

‚Vielleicht ist er doch wegen mir da?‘, denkt sie. Rasend, wild klopft ihr Herz. Oft hat er sie abends von hier abgeholt. Hoffnung fĂŒr heute? Mit Ernando hinauf zu fahren zum Ätna ... zu dem Haus, wo er mit ihr allein ist, das ersehnt sie mehr als alles auf der Welt. Sie möchte nur eines: ihn in sich spĂŒren. Wieder in seiner Macht sein.
Aus der Sizilianerrunde klingt dann und wann seine Stimme, sein dunkles Lachen.

Und immer noch am Strand das Spiel der Gitarren!
Enzio und Salvatore singen.
- Nessun dorma, tu pure, o Principessa ... o Principessa -
Ach, die sĂŒdlichen Lieder!
Und der Himmel so hoch.
- Vieni, vieni sul mar -
Da ĂŒbertönen die Melodien gewaltig die Brandung.

Doch ER ist in Eile. Als Ernando geht mit seinen Begleitern, verliert die Nacht ihren Glanz. Noch immer gibt es reichlich Vino. Noch immer kĂŒssen sich Paare engumschlungen, andere laufen, sich jagend, kreischend, ins Meer.

Karin aber sitzt starr inmitten ihrer Urlaubsbekannten. Sie bedeuten ihr nichts, wenn ihr auch mancher durch Worte und Verhalten signalisiert hat, dass sie ihm gefÀllt.

Nach Ernando wird es fĂŒr sie keinen mehr geben, das weiß sie. Wie es auch vor ihm keinen gegeben hat. Er ist alles.

SpÀter legen die sizilianischen MÀnner die Gitarren beiseite. Nach und nach verlöschen in der Ferne Catanias Lichter. HÀrter als sonst, so scheint es, schlagen die Wellen aufs Ufer und dann kommt leer und frostig der Morgen.

Eines Tages war Salvatore tot, der SĂ€nger. Auf einer HauptgeschĂ€ftsstraße erschossen. Omerta.
Catania, gefÀhrliche Stadt.
Als die WinterstĂŒrme begannen am Meer, waren auch die letzten Touristen lĂ€ngst heimgefahren.

Karin ist in Sizilien geblieben.

*


TAORMINA NACHT
ein Jahr spÀter, Sommer

Die Zeit der Feste

Hoch ĂŒber dem Ozean der Palast und die GĂ€rten.
I giardini.
Akribisch gepflegter Pflanzendschungel.
Subtropische GewÀchse.
In Marmorbecken recken sich, ĂŒppig von Schlingreben umrankt, Nymphen und Götter aus Stein.
Springbrunnen schleudern ihre WasserfontÀnen zum Himmel.

Laternen aus Glas hĂ€ngen wie helle Ballone im nĂ€chtlichen Park. Ihr Licht wirft kreisrunde Inseln von fluoreszierendem LeuchtgrĂŒn in das Gewirr der Stauden und BĂ€ume. Über allem liegt der betĂ€ubende Duft von Gardenien, Jasmin.

Am Portal des Palazzo fahren Limousinen vor.
Kies knirscht unter den Schritten der illustren GĂ€ste ... im Schein der Laternen die Reichen, die Schönen, die aus den großen, alten Familien. KĂŒsschen hier, KĂŒsschen da. Im Park ist ein hoher, heller Pavillon errichtet. Dort servieren Butler und weißbehandschuhte Diener die Drinks und die HĂ€ppchen.

Davor die OrchesterbĂŒhne unter dem Sternenhimmel! Ein schöner, schwarzer SĂ€nger, von Big Band begleitet, singt:
- Only you -
Im tiefen Herzen Siziliens der Sound der ‚Platters‘ und von ‚Mister Acker Bilk‘.
-Twilight-time -
- I’m a big pretender -
Saxophon. Trumpet. Auch New Orleans-Blues- und Jazz im Louis Armstrong-Stil.


Gavros, der Grieche, kommt mit einem MĂ€dchen, das jung ist und das niemand kennt. Rot flammt ihr Kleid. Rot wie das Fleisch der KakteenfrĂŒchte: Karin.

Sie dĂŒrfte nicht hier sein, gehört nicht in einen exklusiven Kreis wie diesen. Denn sie ist niemandes Gattin, Tochter oder Verlobte. Streng sind die BrĂ€uche. So ... irgendeine und sei sie auch hĂŒbsch und harmlos, gehört nicht zu ihnen. Doch das schert Gavros wenig. Er prĂ€sentiert sie lachend der Meute. In dieser Nacht gibt man sich denn auch als gut aufgelegte, tolerante Gesellschaft. Man verĂ€rgert den Griechen nicht gern.

Dunkle MĂ€nner zeigen sich jovial, kĂŒssen Karin die Hand. Signori ... ihre eleganten, sicheren Gesten und sezierenden Blicke, die lĂ€chelnden, glatten Gesichter! Karin schaudert.
Als Gavros sich dann mit anderen GĂ€sten fĂŒr eine Weile entfernt, – "mi scusi ... die GeschĂ€fte“ - da ist sie bereits von einer Schar plaudernder Herren umringt.

SpĂ€ter, im Park, gelangt das deutsche MĂ€dchen inmitten der Gruppe zu SitzbĂ€nken aus Marmor. Dort lĂ€sst man sich nieder, wo hinter schön geschwungenen, steinernen Balustraden die KĂŒste zum Meer hin jĂ€h abfĂ€llt.

Da stĂŒrzt Karins Blick die steilen HĂ€nge und Felsen hinab. Von schroffen Basaltklippen ragen schwarz die hohen Umrisse der Feigenkakteen zum Himmel.

*

Und tief unten die nÀchtliche See. Naxos. Die Bucht.
Lautlos, mit gelben Lampions bestĂŒckt, gleitet eine Flottille Fischerbarken dahin. Auf der Jagd sind sie nach Kraken und Calamaren. Lichter von hundert Bootslampen flimmern ĂŒber das leicht gekrĂ€uselte Wasser. Die kleinen Wellenkronen gleißen wie Gold.

Auf den Kieswegen des weiten Parks lustwandeln die Frauen der Reichen in ihren kostbaren Roben. Wie Orchideen, wie BlĂŒtenblĂ€tter, schimmernd in pastellenen Farben, so leuchten sie aus dem Dunkel der Nacht.
Damen, flink, kokett, Weiber wie Eidechsen, Hexen ... schrill und ... vulgĂ€r. Oder stolz und voller Geheimnis. Sie duften nach Dior. Aus ihren grell geschminkten MĂŒndern perlen Worte, geistreich, frivol, leicht hingesagt, dabei immer auf Wirkung bedacht. Und Kaskaden lebhaften GelĂ€chters tönen wie Echos in Karins Ohren, melodisch wie die durchdringenden Schreie seltener Vögel.

Karin fĂŒhlt sich benommen ... wie im Rausch. Kommt das vom schweren Duft des Jasmin ... den DĂŒnsten, der Magie dieser mediterranen Nacht? Oder ist der Champagner schuld, an dem sie doch fast nur genippt hat?

Auf die baldachinĂŒberdachte Terrasse tritt spĂ€ter Cleo und wird gleich von jubelnden GĂ€sten umringt. Sie, die KĂŒhle ... zu dem Rest der Sizilianerinnen passt sie nicht. Cleo, die Winterkönigin. Norditalienerin ist sie und 
 Ernandos Frau. Einmal hatte er zu Karin von ihr gesprochen und dann nie mehr.

Karin ist erstaunt, dass Cleo so jung ist. Nur wenige Jahre Ă€lter als sie selbst. So schlank und hell. Eine blassklare, hohe Erscheinung mit arktischem Blondhaar ... la Contessa. Die Dame aus Chiavenna. La moglie d‘Ernando.

Gavros stellt der Contessa seine junge, deutsche Begleiterin vor. Ein ernster Blick aus Cleos grau-grĂŒnen Augen streift flĂŒchtig Karins Gestalt, und ein LĂ€cheln, undeutbar und rĂ€tselhaft, spielt um ihren dunkelroten Mund.
Ernando liebe seine Frau abgöttisch, hatte man im Campeggio so dahergeplaudert. Daran wollte und will Karin nicht glauben ... doch kann alles möglich sein, hier in Sizilien.
Ganz sicher aber ist die Contessa eine, die in dieser Gesellschaft viel zĂ€hlt ... eine, die man aufs Höchste hofiert. Karin ist verwirrt und beschĂ€mt. Ernando hatte Cleos große Schönheit niemals erwĂ€hnt.

Bald taucht er selbst unter den GĂ€sten auf. Dunkel und machtvoll, ‚so sehr aus einem Guss‘ denkt Karin, furchtbar und schön wie der unbesiegbare Berg Ätna.

Da fĂ€llt sie fast um. Dabei war sie doch darauf gefasst, ihn hier zu treffen. Aber hatte auch er gewusst, dass sie kommen wĂŒrde?
Das Eis und das Feuer! Sie bebt am ganzen Leib.

Ernando fordert Karin zum Tanz auf. Nicht gleich. SpĂ€ter im Tumult des Abends. Tanzend fĂŒhrt er sie davon ... Terrasse und Menge lassen sie nach und nach hinter sich. Rascher zieht er dann das schon wieder zitternde MĂ€dchen matt beleuchtete Pfade entlang. KĂŒsst sie ... kĂŒsst sie, drĂ€ngt sie ungeduldig tiefer hinein ins Dunkel der GĂ€rten und weiter, versteckte Stufen hinunter zum Meer, wĂ€hrend der Klang des Orchesters in der Ferne verweht.

Nah bei den Klippen, im Tosen der Brandung, auf dem glitzernden, schwarzen Sand hingebreitet, nimmt er sie. SelbstverstÀndlich, als seien nicht seit ihrer letzten Begegnung Monate vergangen.

Wie sehr er sich nach ihr gesehnt ... flĂŒstert er ... oh, er meint es nicht wirklich, das ahnt sie und will doch glauben, dass all die schönen Worte wahr sind ... Und ihre Körper sind eins, nur seine Augen im Mondlicht ... merkwĂŒrdig fern.

"Lieb mich, halte mich fest fĂŒr immer", möchte sie schreien und ihm tiefe Zeichen in seine Brust eingraben mit ihrem Mund, mit ihren zubeißenden ZĂ€hnen.

Male möchte sie ihm beibringen, damit er nicht spurlos wieder in seine Welt verschwindet und sie allein lĂ€sst. Und damit er sie nie vergisst. Aber seine dunkle Schönheit, sein Gesicht, sein Körper, vom Mondlicht beschienen ... fremd! Und seine Seele ist auch weltenweit fern. Sie fĂŒhlt es. Wie kann das aber sein, wo SIE ihm doch mit jeder Faser gehört?

Er tut ihr weh. Der Schmerz ist kostbar. Sie lacht unter TrĂ€nen, denn ihre Liebe ist ohnehin grĂ¶ĂŸer als seine.
‚DafĂŒr hat ER die Leidenschaft, die mutig ist und nach nichts fragt‘, denkt Karin.
Ihr ist alles ein Traum.

"Glaub mir", sagt Ernando, "du bedeutest mir ... viel. Ich wollte nie mit dir spielen. Wir werden bald wieder einmal gemeinsam ... verreisen. Ich möchte mehr Zeit fĂŒr dich haben."
Verspricht ihr ...
Ihr Gesicht, ihre nackten Schultern bedeckt er mit KĂŒssen.
"Ti amo", stammelt Karin ... und TrÀnen...

‚Es ist immer die gleiche, alte Geschichte‘, denkt der Conte. ‚Allzu sentimental sind die Frauen! Diese hier ist noch nicht verdorben. Das verursacht ihm Unbehagen. 'Sie ist rĂŒhrend, hĂŒbsch, auch leidenschaftlich, aber keine von den lustigen Sex-Mitspielerinnen 
 dafĂŒr nimmt sie die Dinge zu ernst', denkt er.

"Sei mia vita", flĂŒstert die Kleine: "Du bist mein Leben."
"Das bin ich nicht. Sag so etwas nie mehr, ti prego!"
Nein, sie wird es nicht mehr sagen.
Doch er i s t ihr Leben.
Ihr Meister.
Ihr H e r r.
Hoch ragt im Mondschein hinter Taorminas Nachtsilhouette der schneebedeckte Gipfel des Ätna empor. Zum Greifen nah. In Wahrheit fern ...

‚Nie hat eine Frau einen Mann so geliebt, wie ich dich liebe. Niemals.‘ Das spĂŒrt sie mit der Klarheit ihrer siebzehn Jahre. Doch sie weiß: Er will es nicht hören. Nein ... sie sagt es nicht.

Taumelig ist sie. Noch hĂ€lt er sie fest in den Armen. Auch wenn er nachher gehen wird ... sie wird ihn morgen und ĂŒbermorgen und Tage lang spĂŒren, spĂŒren tief in sich drin, als Schmerz in ihrem Leib. Im Herzen aber fĂŒr ... ewig.

‚Was ich fĂŒr dich fĂŒhle, ist grĂ¶ĂŸer als alles‘, denkt sie pathetisch. Und es ist ihr hoher, heiliger Ernst. Wieder stĂŒrzen TrĂ€nen aus ihren Augen. Nichts ist ihr je gewaltiger, feierlicher erschienen als diese Liebe. Eine Liebe, mĂ€chtiger sogar als der Tod!

Es funkeln und flirren in dieser Nacht ĂŒber Taormina alle Sterne.

Der Conte bringt sie zurĂŒck, dahin, wo die ausgelassene Gesellschaft wie ein Bienenstock brodelt. Ohne Aufsehen reihen sie sich ein in die Masse der Anderen.

"Du musst Hunger haben, warte, ich hole dir ..." Er ist froh, etwas fĂŒr sie tun zu können. Es ist gut, den Bann zu brechen. Jetzt.

Die Leute sehen nur den eleganten, höflichen Mann von Welt, der einem jungen, weiblichen Gast einen Teller mit Snacks und ein GetrĂ€nk vom Buffet besorgt. Und sie sehen ein MĂ€dchen ... ihr Gesicht glĂŒht wie im Fieber, riesengroß sind ihre Augen. Die Leute ahnen ... nichts.

Rasch werden Ernando und Karin aufgesogen, fortgerissen von einer lauten, lebhaften Schar.
Irgendwann entfernt sich der Conte und widmet sich neuen GĂ€sten. LĂ€sst Karin allein in der Runde.

Man findet die Deutsche ‚simpatica‘, man sieht ihr Kleid aus schwerer, roter Seide, ihre junge Gestalt ... carina. Man zieht sie hinein in small-talk, den sie nur wenig beherrscht. Denn sie ist linkisch. Doch was macht das schon?
Man gewahrt den Glanz in ihren Augen, aber nicht, dass in ihnen die TrÀnen aufsteigen. TrÀnen verbirgt die Nacht.
Eigentlich ist es eine gute Nacht fĂŒr Karin. Elegante Herren bitten sie zum Tanz, sagen ihr schmeichelnde Worte. Sie lĂ€chelt, doch hört sie kaum hin, was diese MĂ€nner erzĂ€hlen.

Gavros, der Grieche, ist dann wieder da und legt den Arm um sie.
‚Er ist wie ein Vater fĂŒr mich‘, denkt Karin.
Mit ihm tanzt sie am Ende, bevor die Band Schluss macht. Einen Tango. Den ersten hat sie im vorigen Sommer auf der Terrasse am Meer mit Ernando ...
"Der letzte Tanz gehört immer mir", sagt Gavros und spĂ€ter dann: „Wir mĂŒssen aufbrechen ... komm jetzt, meine Liebe!"
Mit festem Griff legt er ihr das Cape um die Schultern.
Da erst spĂŒrt sie die MorgenkĂ€lte.

Nun wird sie viel Muße haben, um in SternennĂ€chten zu trĂ€umen. Die Gedanken laufen immer im Kreis. Und ihre Sehnsucht. Und immer ist der Ätna da. Der Ätna schlĂ€ft nie. Nur das Eine ist wichtig: Ernando wiederzusehen. ZufĂ€llig? Bald? Morgen? Irgendwann in der Zukunft?
Liebe kann töten, sagen die Leute. Oder heilt die Zeit alles ... ?

Karin wird Sizilien nicht verlassen.


*


Copyright Irmgard Schöndorf Welch, MÀrz 2003
ĂŒberarbeitet am 22.05.2005








Version vom 21. 03. 2003 14:27
Version vom 22. 02. 2008 16:17
Version vom 22. 02. 2008 16:33
Version vom 11. 05. 2008 12:23
Version vom 11. 05. 2008 12:46
Version vom 14. 05. 2008 11:04
Version vom 15. 09. 2008 20:27
Version vom 30. 09. 2008 11:08
Version vom 13. 02. 2009 23:41
Version vom 14. 02. 2009 00:38

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Ralph Ronneberger
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Hallo Inu,

wow - was fĂŒr ein poetisches Feuerwerk! Und was fĂŒr ein Tempo! In diesen kleinen Dreiakter ließe sich eine ganze Novelle unterbringen. Ich gebe zu, viel lĂ€nger hĂ€tte ich nicht durchgehalten, mir wirbelts noch in der Birne. Weißt Du, was mir am meisten imponiert hat? Bei aller Poesie und der ausschmĂŒckenden Detailtreue vergisst Du nie die Handlung und...beschrĂ€nkst dich dort wirklich auf das Wesentliche. So etwas könnte ich nie zustande bringen. Bin ich deshalb so begeistert?

Gruß Ralph
__________________
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Inu
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Hallo lieber Ralph

Nachdem tagelang keine Reaktion der Leser auf meine Geschichte kam, hatte ich schon gefĂŒrchtet, mein von mir so geliebtes „Machwerk“ habe keinem gefallen. Tagelang schien mir der ( mit Herzblut geschriebene !lach!) Text verfemt, bis Du kamst, Ralph. Und Du sagst sogar, dass Dir die Geschichte gefĂ€llt. Dein Lob, von dem ich ja weiß, dass es ehrlich gemeint ist, hat mich wieder aufgebaut. Ich danke Dir.

Liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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caruso
Guest
Registriert: Not Yet

Congratulazione!

Eine wunderschöne Geschichte, voller Feuer und AuthenzitÀt.
Man kann sich gut in die Landschaft und die Leute hineinversetzen, man fĂŒhlt sich mittendrin.
M;an fĂŒhlt sich als ob man selbst ein Teil dieser Geschichte ist.

Gut gemacht!

bravissimo, congratulazione!

LG caruso (der seit 7 Jahren in Italia lebt)

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Inu
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Hallo Caruso

Deine geradezu sĂŒdlĂ€ndisch enthusiastische Bewertung freut mich sehr. Vielen,vielen Dank dafĂŒr.

Du lebst in Italien, Du GlĂŒcklicher Willst Du mir verraten, wo? Vielleicht sogar in Sizilien?


Sei herzlich gegrĂŒĂŸt

Tanti Saluti
Inu

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caruso
Guest
Registriert: Not Yet

sizilia

cara inu,

mi dispiace, abito in Italia nord, al lago di como.

ti saluti, caruso

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