Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
413 Gäste und 10 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Cees Nooteboom: Kinderspiele
Eingestellt am 31. 07. 2007 12:18


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 149
Kommentare: 1964
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Ein Bekannter drückte mir kürzlich den schmalen Erzählband eines Schriftstellers in die Hand, dessen Name ich zwar bereits mehrfach wahrgenommen, von dem ich jedoch bisher noch kein Wörtchen gelesen hatte. Er heißt Cees Nooteboom, die kurze Erzählung von ihm trägt den harmlosen Titel „Kinderspiele“.

Es geht wirklich um Kinder, sie spielen allerdings sehr ernsthafte Spiele, sie wiederholen im Spiel die Welt der Erwachsenen in einer verkürzten, überhöhten, mythisch konzentrierten und so auf „Welt-wesentliches“ sich beschränkenden Form. Das „Spiel“ ist demzufolge keines mehr. Es ist Ernst, Repression, Hörigkeit, Brutalität, Sadismus, Krieg und Vernichtung.

Die Handlung in Grundzügen: André, ein scheuer, nachdenklicher Junge, lernt Paul kennen. Paul ist trotz oder gerade wegen seiner Krankheit ein starker Charakter mit Neigung zu grausamen, überbordenden, größenwahnsinnigen Fantasien. Er ruft sich zum König aus, nimmt Dorf und Wald verbal in Besitz, zieht einen plump-dienstwilligen Bauernjungen namens Gerrit an seine Seite, erklärt ihn zum Minister. Er verlangt von André, dass der ihm die passende Königin beschaffe: Eline, ein Mädchen, für das André Symphatien empfindet, für die er aber nicht zu kämpfen in der Lage war. Den Beleidigungen von Elines Vater vermochte er nichts entgegenzusetzen, er zog sich zurück; dient „seinem König“, lässt sich zum Priester machen; beweist "Treue“, indem er, auf des Königs Geheiß, einem vergammelten Rattenkadaver die Eingeweide herausschneidet und als priesterlicher Augur, als Haruspex, die gewünschten Weissagungen von seinen Lippen lässt. Schließlich bringt er Eline zu Paul und verharrt in der passiven Rolle eines Wächters.
Paul vergewaltigt Eline, die wie eine „angezündete Katze“ schreit: hoch und schrill. Als die aufgeschreckten Dörfler mit Laternen und Stimmgetöse nahen, tötet er Eline und flieht in den Wald; er stolpert, fällt unglücklich, wird bewusstlos; taucht mit dem Kopf in eine Wasserpfütze, ertrinkt: Der König ist tot.

So der Schlusssatz der kleinen Erzählung. Sie ereignet sich in einem archaischen Ambiente von Wald, Sumpf, alten Häusern, dunklen Räumen – an einer Stelle spricht der Erzähler von festgefügten Einheiten, die nicht zählbar seien. Die Erwachsenen sind sehr fern, nicht zu verstehen, nicht zu begreifen – teilnahmslose Teile einer toten, gegenständlichen, kalt-gefühllosen Welt.

Die Sprache ist eindringlich, es gibt eine Reihe poetischer Bilder:

Friedlich und ruhig ging er durch eine Landschaft aus Hellblau und Hellgrün, in der man Kühe erwarten würde und Bauernwagen – doch da war nichts, das lebte, sich bewegte, sprach...

Stellenweise wird der Ton leicht schwül und dunkel, nähert sich bedenklich der Kitschgrenze:

Paul ließ ihn los, und ruhig, als wäre nichts geschehen, schlurfte er wieder herum wie ein alter Mann, leicht gebeugt, kränklich, Blumen pflückend...

Manchmal fällt es schwer, der Trennung von direkter und indirekter Rede zu folgen, der klassische Konjunktiv wäre einfacher, verständlicher, vielleicht handelt es sich aber auch um eine Ungenauigkeit der Übersetzung:

„Ich weiß“, sagte André, und er überlegte, was kann ich mit ihm machen...

Hin und wieder tauchen aus dem ruhigen, magisch dahinziehenden Erzählfluss störende „Leuchtbojen“ hoch, sperrig-plakative Symbolismen:

Er nahm den Umweg durch den Wald auf der anderen Seite der Chaussee, an der Blindenanstalt vorbei.

Man sieht sich abgelenkt, schĂĽttelt den Kopf, distanziert sich ein wenig vom Text-Fluss; bevor Geist und Konzentration sich wieder sammeln und wir zu folgen in der Lage sind.

Was ist nun erstaunlich an der Erzählung? Zunächst nicht viel. Sie beschreibt, wie eingangs erwähnt, Kinderspiele, aber man weiß sehr schnell: Kindheit und Unschuld werden hier ad absurdum geführt, Gegensatzpaare wie „Kind – Erwachsener“, „Naiver – Wissender“, „Unschuldiger – Verbrecher“ exekutiert: nie gab es Unschuld, zu keiner Zeit, nirgends.

Das ist nichts Neues, nichts Ungewöhnliches. Warum bin ich dennoch ein wenig erschrocken? Der Grund ist: Nooteboom schrieb diese Erzählung mit 23 Jahren, sie erschien das erste Mal 1958. Ich staune: Wie kann ein Autor in so jungen Jahren – und zu dieser Zeit! – derart sicher mit Mythen hantieren; woher nimmt er das Wissen um die vertrackten Zusammenhänge von Blut, Boden, Unterordnung, Hörigkeit, Gewalt und Tod. Vor allem: Mit welcher Leichtigkeit gelingt es ihm, die Allgemeingültigkeit von Verhaltensmustern vor Augen zu führen...

Es bleibt nur eine Erklärung: C. Nooteboom hat ein Gespür für komplexe Stimmungen. Er hört den Puls des Menschentieres. Wir sehen mit ihm in die Augen dieses Wesens und schrecken zurück.

Vor uns selbst.

Nachsatz: Wie man sieht, bin ich ein wenig unsicher/unentschlossen in meiner Meinung zu dem Text, ich sehe Mängel und außergewöhnliche Qualitäten. Vielleicht gibt es im LL-Bereich jemand, der den Text gelesen hat und zu einer anderen Meinung gekommen ist?

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Bei mir tauchte die Frage auf, wie alt "die Kinder" sind. Am Anfang dachte ich sie mir als "echte Kids", die eben so herum-Fantasy-ren – 7, 8 Jahre etwa. Dann als vielleicht 10-, 11-Jährige, die schon einen gewisse, auch mehrer Tage übrdauernde Hartnäckigkeit im Spiel haben. Dann plötzlich die Vergewaltigung – Paul ist also doch schon mindestens 13 oder so. Oder? Wenn ja: Wie alt ist Andrè?
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂĽr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!