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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Chantal
Eingestellt am 16. 11. 2011 16:15


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Dani im Sommer
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2011

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Chantal


(aus meinem Roman "Doktor Heinrich Faust", Teil IV "Faust und die Mutmacher")

Die Frau verbeugt sich vor ihrem Publikum. Das Konzert ist zu Ende. Der tosende Applaus fordert sie mehrfach heraus. Sie winkt die Bandmitglieder zu sich. Gemeinsam verneigen sie sich auf breiter B├╝hne. Ihr Konzert hat die Fans erreicht. Sie ist gl├╝cklich, f├╝r diesen einen Moment. Sie f├╝hlt nichts, als diesen einen Augenblick, sie denkt ├╝ber nichts nach, auch nicht dar├╝ber, wie schnell dieser Augenblick vergehen w├╝rde.

Der Beifall, die Rufe, Schreie, begleiteten sie noch eine ganze Weile, auch als sie l├Ąngst auf dem Hocker in der Garderobe sa├č. Nur langsam klang ihre innere Regung ab. Doch sie wollte nicht die N├╝chternheit ihrer Umgebung, dies war ihr zutiefst unangenehm. Sie wollte sich weiterhin dem Gef├╝hl ihrer Musik hingeben, es nicht loslassen.
Schon jetzt, wenige Minuten nach Ende, hatte sie Sehnsucht nach dem Publikum, nach der Erregung, die Kunst und Publikum in ihr erzeugt hatte. Irgendwie woll-te sie dieses Gef├╝hl aufrechterhalten. Sei wehrte sich mit aller Kraft gegen die einsetzende Normalit├Ąt. Deshalb griff sie schnell zu einer Whiskyflasche. Obwohl ein lan-ger Schluck aus dem, sie auf ihrer Tournee stets beglei-tenden Glas sie ├Ąu├čerlich beruhigte, innerlich war sie es noch lange nicht. Sie brauchte mehr, sie wollte mehr. Sie wollte anderes: Befriedigung ihrer Lust, die sich w├Ąhrend des Konzertes so sehr stark aufgebaut hatte, aber mit des-sen Ende l├Ąngst nicht aufgebraucht war und sich nun immer st├Ąrker in ihrem K├Ârper fixierte. Und so gab sie sich vollkommen, allein und einsam wie sie sich f├╝hlte, ihrer Lust hin. Es war die Lust ihrer Musik, ihres Lebens. Nach wenigen Minuten nur war sie erleichtert und kon-zentrierte sich auf die Normalit├Ąt der Gegenwart. Ruhig konnte sie ihr Konzert als sehr gut einsch├Ątzen, ja, sie hatte alles gegeben, und ihre Fans haben ihr alles zur├╝ck-gegeben.
Als Chantal am folgenden Morgen, noch in der D├Ąmmerung, nach einer langen, lustigen und lustvollen, ja feuchtfr├Âhlichen Feier mit viel Gel├Ąchter in ausgelassener Stimmung nach Hause kam, legte sie sich nicht sofort hin. Sie war innerlich zu sehr aufgebracht, als dass sie jetzt schlafen konnte. Sie setzte sich ans Klavier und improvisierte Erinnerungen an das gestrige Konzert, wo-bei manche Klassiker mit ihren Melodien einflossen. Doch irgendwann verselbst├Ąndigte sich ihr Spiel und es floss ein neuer Rhythmus ├╝ber die Klaviatur. Sofort no-tierte sie sich diese Idee. Sie h├Ąmmerte auf die Tastatur ein, sie entlockte ihr lyrische Melodien und wieder harte Rhythmen. Auch ein paar Worte fielen ihr ein, die genau zu diesem Rhythmus passten, ihn unterstrichen, sogar steigerten: ÔÇ×Paris, Paris im August, Paris.ÔÇť Sie arbeitete rasch und konzentriert, nichts konnte sie st├Âren, auch kein Verlangen nach Whisky. So beschrieb sie ein Blatt nach dem anderen mit Noten und Worten:

Paris, Paris.
Sie steht auf der B├╝hne,
Mikrofon in der Hand.
Sie steht auf der B├╝hne,
das Lied t├Ânt mit Kraft.

Sie steht auf der B├╝hne,
Gitarre im Schlag,
und rhythmisch ihr Ton,
die Schreie der Fans.
Paris, Paris, Paris im August.

Paris, Paris
Sie steht auf der B├╝hne,
Violine singt mit,
Sie streicht ihren Bogen,
so t├Ânt ihre Stimme.

Sie geht auf der B├╝hne,
im Schritt und im Sprung,
ihr K├Ârper vibriert,
die Stimme ist sie!
Paris, Paris, Paris im August.


Chantal stampfte mit den Schuhen aufs Parkett ihres Zimmers. Erst wild, dann im Takte ihres Spiels, dieses wurde leiser, aber schnell, rasend schnell glitten ihre Fin-ger ├╝ber die Tastatur. Und wieder wurde sie heftig und ihr Spiel dr├Âhnte durch das Haus. Neue Takte fielen ihr ein, ihre Melodien flatterten wie Fahnen im heftigen Wind und wurden von ihrem ersten Thema fortgetrieben, wie Bl├Ątter im Sturm weit von ihrem Baum. Chantal fand irgendwann wieder ihr Lied von Paris und kehrte zu ih-rem Thema zur├╝ck:

Paris, Paris,
Sie atmet Musik,
sie lebt die Musik,
die Stimme durcheilt
jede Zeit, jeden Raum.

Sie steht auf der B├╝hne,
du stehst hinter ihr,
sie bebt mit dem K├Ârper
du nimmst es dir auf.
Paris, Paris, Paris im August.

Paris, Paris,
Sie f├╝hlt deine Hand,
die Hitze im K├Ârper,
du f├╝hlst die Ekstase,
sie steigt ihr empor.

Die Brust bebt in ihr,
die Haut zuckt ihr sanft,
sie sp├╝rt deine Hand,
sie gibt ihr Musik.
Paris, Paris, Paris im August.

Paris, Paris,
Musik gibt ihr Leben,
sie will noch viel mehr,
explodiert auf der B├╝hne,
ihr Lied wird zum Schrei.

F├╝hlt stark auch ihr K├Ârper
das Zittern im Leibe, sonst nichts.
Ihr Lied gibt ihr Rhythmus,
im Rhythmus w├Ąchst sie.
Paris, Paris, Paris im August


Chantal war froh, denn sie hatte Neues geschafft. Ihr war es gut. Sie w├╝rde es am Nachmittag ihren Kollegen vor-spielen. Ob es anderen gefiele, wusste sie nicht. In die-sem Moment war das ihr auch egal. Das wichtigste war, sie konnte ihr Gef├╝hl in Musik fassen und sie fand ihre innere Ruhe und St├Ąrke dabei.
Nun wurde sie schnell m├╝de, legte sich ins Bett, nicht ohne vorher f├╝r einen ruhigen Schlaf, wie sie mein-te, einen Whisky zu trinken, und schlief rasch ein. Rich-tige Erholung fand sie im Schlaf nicht. Ihr tr├Ąumte wirres Zeug. Nicht vom Konzert, nein, von den Irrungen und Wirrungen der anschlie├čenden Feier. Viel Wein war ge-trunken worden, auch ÔÇ×Jonny WalkerÔÇť nicht zu knapp. Irgendwann hatte sie zwei riesengro├če Br├╝ste in den H├Ąnden. An das Gesicht dieser Frau konnte sie sich auch im Traum wohl kaum erinnern, nur an ihre wundersch├Â-nen und gro├čen gr├╝n-braunen Augen. Diese haben sich ihr so tief eingepr├Ągt, dass ihr Traum eine kribbelnd-angenehme Dimension erhielt, die sie nicht mehr loslassen wollte. Doch dann tr├Ąumte sie von einem heftigen Blitzlichtgewitter, das sie keinem Ereignis zuordnen konnte. Als sie schlie├člich bei Sonnenschein mit schwe-rem Kopf erwachte, konnte sie zwar die Tr├Ąume nicht entwirren, aber auch nicht loswerden. Auf der rechten Seite konnte sie nicht liegen, links ebenso wenig, auch auf dem Bauch liegend fand sie keine Ruhe. So rief sie ihren Kaspar zu sich: ÔÇ×Kaspar, du musst mir helfen!ÔÇť Der nickte ihr einfach zu: ÔÇ×Stets zu Diensten, du wei├čt, mit mir kannst du immer rechnen.ÔÇť ÔÇ×Was bleibt dir auch an-deres ├╝brig, als mir zu Willen zu sein, du kannst ja nicht anders.ÔÇť So sprach Chantal zu ihrem Kaspar, doch es war ein Gespr├Ąch mit der eigenen Fantasie. Seit Kindheitsta-gen war Kaspar in allen Situationen f├╝r sie da, wenn sie Sorgen hatte, wenn sie verliebt war und Liebeskummer hatte, auch in ihrer Lust und in ihrer Musik, im Auto, wenn sie in rasendem Tempo ├╝ber die Autobahn fuhr. Ja, die Autobahn. Immer war Kaspar dabei. Und jetzt, was k├Ânnte Kaspar ihr jetzt geben? Ach ja, die Lust an der Musik. Und doch fehlte ihr etwas. Sie k├Ânnte heulen, Einsamkeit, wirre Tr├Ąume, Sehns├╝chte. ÔÇ×Komm, Kaspar, vertreib mir die Einsam┬Čkeit, komm, liebe mich, jetzt.ÔÇť Mit Kaspar war es immer sch├Ân, auch wenn er mit ihr manchmal wegen ihrer Launen hart ins Gericht ging. Dennoch gab er ihr Hoffnung: Vor sich sah sie ein gl├╝ck-liches Gesicht ÔÇô ein M├Ąd┬Čchen oder eine junge Frau ÔÇô wie gestern bei ihrem Konzert.
Sie lag noch im Bett, ihr Verlangen war gro├č. Nicht weit war der K├╝hlschrank mit der Whiskyflasche. Ein Schluck und ein zweiter, dann einen hei├čen Kaffee und wieder das Klavier mit dem neuen Song. Sie stockte beim Spiel. Der Schluss gefiel ihr nicht. Es holperte. Sie strich ein Wort, das andere, f├╝gte neue hinzu, und strich wieder. Bis sie zufrieden schrieb:

F├╝hlt einzig ihr K├Ârper
das Zittern im Leibe.
Ihr Lied gibt den Rhythmus,
der Rhythmus treibt sie.
Paris, Paris, Paris im August


Musik, sie h├Ątte toben k├Ânnen in diesen Takten. Das war ihr Glaube, das war ihr Leben, Musik und wieder Musik. Freude in fremden Augen. Dann kommen diese Augen ihr nah, wie sie es sich w├╝nschte, der ganze Mensch, eine Frau, ein Mann. Ihr Zimmer dr├Âhnte und bebte in ihrer Musik; es h├Ątte auch die ganze Stadt sein k├Ânnen. So war es gut, so musste es sein. Jetzt f├╝hlte Chantal sich wohl. Sie wirbelte durch ihr Zimmer, durch die ganze Wohnung und fiel dann ersch├Âpft auf ihr Bett. Zwei Stunden schlief sie traumlos und fest. Bis es an der Wohnungst├╝r klingelte und sie von ihrem Manager ins Studio abgeholt wurde.

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DL

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