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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Charlotte lernt fliegen
Eingestellt am 20. 07. 2002 21:55


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Charlotte lernt fliegen
Das kleine MÀdchen lÀsst ihre rote Buddelschippe sinken und starrt gebannt zur Steganlage des Strandbades. Soeben hatte sie die entscheidende Idee.
Vor einigen Minuten noch wĂŒhlte sie eher lustlos im moddrigen Ufersand, dann wurden ihre Gedanken abgelenkt von ein paar einsam am blauen Himmel dahinschwebenden Wölkchen. Sie sahen genauso aus wie die Wolken, auf denen Heidi immer in der geliebten Zeichentrickserie schwebt. Jaa, das mĂŒsste man können. Fliegen wie Heidi oder Nils Holgerson. Beim Nachdenken ĂŒber das „Wie“ fielen ihr die großen Kinder ein, die mit viel Gekreische und offensichtlichem Spaß immer und immer wieder von dem Turm ins Wasser sprangen.
Von diesem Turm, der am Ende des Holzsteges so herrlich in der Sonne glÀnzt.
Manchmal sah es aus, als ob sie einen Augenblick in der Luft schwebten.
Das MÀdchen steht nun am Strand, reckt ihr BÀuchlein heraus und streicht sich ein paar blonde HaarstrÀhnen aus dem Gesicht.
Ein kurzer Blick zum mit geschlossenen Augen daliegenden Papa, dann lÀuft sie los.
Niemand achtet auf sie, niemand ruft: „Bleib stehen, da darfst du nicht alleine hin!“ Die großen Kinder sind auch nicht mehr am Turm, sie spielen hinten auf der Wiese Fußball.
Langsam geht sie ĂŒber die alten Holzbretter des Steges. Sie duften nach etwas, dass sie nicht kennt, aber es riecht gut. Am Ă€ußersten Ende angekommen bleibt sie stehen, legt den Kopf in den Nacken und schaut nach oben.
Die Leiter sieht nicht viel höher aus als die von ihrem Bett. Nochmals wandert ihr Blick zur Wiese, aber Papa beachtet sie ĂŒberhaupt nicht. Keiner beachtet sie.
Sie legt beide HĂ€nde auf die Stufen vor ihrem Gesicht und setzt den linken Fuß auf die unterste Sprosse. Das kĂŒhle und noch nasse Metall hat viele kleine Löcher, die kitzeln an der Fußsohle. Unsicher noch, dann Selbstvertrauen fassend, beginnt sie mit dem Aufstieg.
Nach jeder Stufe streicht sie mit der unbewussten Bewegung, die sie von ihren langhaarigen Eltern ĂŒbernommen hat, ihr Blickfeld frei und zĂ€hlt. Als es nur noch vier Stufen sind, lĂ€chelt sie. Ab hier kann sie rĂŒckwĂ€rts zĂ€hlen.
Vier Jahre wird sie, wenn sie wieder Geburtstag hat. Jetzt ist sie drei. Sie hÀlt Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand hoch, wie um sich zu vergewissern. Dann steigt sie weiter.
Oben angekommen, kneift sie einen Moment die Augen zusammen, weil die Sonne blendet. Bei der ersten BerĂŒhrung des Sprungbrettes zögert sie. Dieser kleine schmale Weg, der sich nun vor ihr auftut, glitzert und ist kratzig. Auf so was ist sie noch nie gelaufen.
Sich links und rechts am GelĂ€nder festhaltend, tastet sie sich Schritt fĂŒr Schritt nach vorn.
Plötzlich spĂŒrt sie Bewegungen unter sich. Immer wenn sie einen Fuß aufgesetzt hat, wackelt das glitzernde Brett. Einige Schritte weiter merkt sie, dass sie es ist, die diese Bewegungen verursacht.
Das GelĂ€nder ist nun zu Ende, der Weg noch nicht. Sie schaut das erste Mal abwĂ€rts und erschrickt. Das Wasser schimmert grĂŒn ganz tief unter ihr. Die stĂ€ndigen Bewegungen der sanften Wellen und das gespiegelte Sonnenlicht machen es ihr unmöglich, einen festen Punkt zu fixieren. Ihr wird schwindlig, aber das weiß sie nicht.
Nach weiteren drei Schritten verzichtet sie darauf, bis zum Ende des Sprungbrettes zu gehen, zu schwierig ist es ihr geworden, dass Gleichgewicht zu halten. Einmal noch reißt sie den Blick vom Wasser unter ihr und nimmt mit einem kurzen Rundblick in sich auf wie groß der See ist; die Segelboote, die roten Bojen, die das Strandbad begrenzen, die Wellen eines Motorbootes, dass brummend hinter der nĂ€chsten Landzunge verschwindet.
Dann nimmt sie all ihren Mut zusammen.

„Hilfe!!“
Ich setze mich auf.
UngefÀhr zehn Meter vor mir steht eine Àltere Frau im noch Àlteren Einteiler am Ufer und zeigt wild mit dem Zeigefinger stochernd zum Sprungturm.
„Da ist grad ein ganz kleines Kind runtergefallen!“
Die Blicke aller BadegÀste, die ihr Rufen gehört haben, wandern zum Turm. An der OberflÀche des Wassers zeigen auseinanderlaufende Kreise an, dass zumindest jemand heruntergesprungen ist.
Rufe werden laut.
„Luisa?!“
„Cora?!
„Max?!
Dazwischen höre ich mich: „Charlotte?!“
Ein Rennen in Richtung Ufer bricht aus, auch ich bin wie gelÀhmt und renne trotzdem.
Wieder klatscht jemand seitlich vom Turm ins Wasser, diesmal der Bademeister.
Ich sehe mich um. Alle die eben noch Namen rufend angerannt kamen, haben nun ein Kind auf dem Arm und schauen mich vorwurfsvoll an. Ich stehe allein und rufe.
In mir bricht etwas zusammen.
Wie kann das Herz, das doch nur ein gut durchkonstruierter Muskel ist, einen solchen Schmerz aussenden?
Der Bademeister taucht auf und hĂ€lt meine mehr hustende als brĂŒllende Tochter zur HĂ€lfte aus dem Wasser.
Im gleichen Augenblick bin ich an der Leiter und nehme ihm das Kind ab.
Ich drĂŒcke sie an mich, kĂŒsse sie, streichele ihren Hinterkopf. Sie will etwas sagen, kann aber nur die Augen verdrehen und ein bisschen Wasser herauswĂŒrgen.
Der Bademeister schaut mich an, ich ihn. Ich will mich bedanken, aber er sagt: „Entschuldigung, ich hab den Steg nur einen kurzen Moment aus den Augen gelassen.“ Er beschĂ€mt mich, denn ich wollte mich entschuldigen.
„Wollen Sie einen Arzt rufen?“
„Nein, ich glaube, es ist alles in Ordnung.“
Lotte sagt mit dĂŒnner Stimme: „Papa, ich kann fliegen!“ und kann schon wieder strahlen.
„Ja mein Schatz, ich weiß, aber erst mal lernst du schwimmen, OK?“
„Oteh“ antwortet sie „aber nicht im tiefen Wasser.“
Ich ĂŒberlege kurz, ob ich meiner Freundin vom Abenteuer unserer Tochter erzĂ€hle, beschließe dann aber, dass diese Sache fĂŒr immer das sĂŒĂŸe Geheimnis von Lotte und mir bleiben soll.
Und insgeheim bin ich schon ein bisschen stolz aufs Kind.

__________________
kny

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
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Hallo kny,

eine ganz reizende Geschichte, sehr glaubwĂŒrdig und einfach schön. Danke!
Sie wĂŒrde sehr gut in ein Kinderbuch passen, auch stilistisch.

Gabi

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
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Hallo GabiSils,
schön, daß Dir die Geschichte gefallen hat, aber die beste Kritik hatte ich schon weg, bevor die Story gepostet war.
Meine Freundin mußte unter dem Vorwand der Korrekturlesung ran und fragte hinterher mit einem ganz Ă€ngstlichen Gesichtsausdruck: "Das ist doch nicht wirklich passiert, oder?"
Sowas macht mir Freude.
Aber sie hatte es natĂŒrlich leichter, weil sie die Gesichter zu den Figuren kennt und deswegen ist mir Deine Kritik genausoviel wert.
Gruß knychen
__________________
kny

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