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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Charly II
Eingestellt am 02. 03. 2003 11:21


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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FĂŒr Charly begann schon um 6 Uhr der Tag. Eine Uhrzeit, die uns gerne noch schlafen ließ, doch sobald seine Augen geöffnet waren zog es ihn hinaus auf Entdeckungsreise. NatĂŒrlich stand er vor dem Bett und erwartete, dass wir uns erhoben.
Unsere Einladung, sich doch noch mal zu uns zu legen, stieß bei ihm auf taube Ohren. Er tippelte mit blanken FĂŒĂŸen ins Badezimmer und dort begann seine morgendliche Reise. Ich rief ihm hinterher: „Zieh doch bitte deine Pantoffeln an!“ Doch was Charly nicht hören wollte, hörte er nicht und wenn er sich vornahm alles grĂŒndlich zu untersuchen, so war das jetzt die beste Gelegenheit und die ergab sich fĂŒr etwa eine Stunde. Dann schellte der Wecker und fĂŒr alle hieß es jetzt „Aufstehen!“
NatĂŒrlich blieb es nicht aus, dass wir hinterher die Bescherung seiner AusflĂŒge entdeckten.
ZunĂ€chst war es das Toilettenpapier, das von der Rolle entfernt, auf dem Fußboden lag.
Wir nahmen es hin. Diese Stunde am frĂŒhen Morgen im warmen Bett war uns das wert.

Am nĂ€chsten Tag blieb Charly schon gleich im TĂŒrrahmen stehn, um alsbald seine Abenteuerreise anzutreten. Auch diesmal vermisste ich wieder die neuen Pantoffeln an seinen FĂŒĂŸen.
Wie am Tag zuvor, fĂŒhrte sein erster Weg wieder ins Badezimmer: Clorolle abrollen, ZahnbĂŒrsten in den Abfluss stecken.
Der nĂ€chste Tag brachte uns eine weitere Überraschung: Clorolle, ZahnbĂŒrsten, Zahnpastatuben ausdrĂŒcken!
Ich schaute mir dieses Spiel etwa eine Woche an.
Es gab immer eine Schandtat mehr, die Charly sich so einfallen ließ, bis mir der Kragen platzte, denn am letzten Tag kam ein weinender Hund an mein Bett und ich versuchte herauszufinden, warum seine Augen trĂ€nten.
Im Wohnzimmer sah ich das Dilemma. Unter dem Wohnzimmertisch lag eine Schere und ich sah die Tasthaare, die Waldi hatte opfern mĂŒssen fĂŒr Charly’s dumme Streiche.
Wir wussten jetzt: Er macht immer weiter, bis wir einschreiten. Seine Streiche werden schlimmer, je lÀnger wir nichts unternehmen.
Ich sprach mit Charly und sagte ihm: „So mein Junge, das war das letzte mal, ab morgen sind dein AusflĂŒge zu Ende. Du hast dem Hund sehr weh getan und ab jetzt sollst du wissen, was man darf und was nicht!“ Vermutlich wollte er das nicht glauben und am nĂ€chsten Tag stand Charly wie gewohnt im TĂŒrrahmen, natĂŒrlich barfuß.
Ich erhob mich und nahm ihn bei der Hand. Wir gingen zurĂŒck in sein Zimmer, wo ich ihm die Pantoffeln zeigte. „Wenn du diese angezogen hast, darfst du wiederkommen!“ Kaum lag ich wieder in meinem Bett stand Charly schon mit blanken FĂŒĂŸen hinter mir. Wir wiederholten diese Prozedur noch einmal, nur diesmal drehte ich den TĂŒrschlĂŒssel herum und gab ihm zu verstehen, er solle rufen, wenn er die Pantoffeln angezogen hĂ€tte.

Nun lagen wir in unseren Betten, genossen zwar noch deren WĂ€rme, aber mussten uns an GerĂ€usche gewöhnen, die in unseren Ohren unangenehm klangen. Da war dieses Stampfen und Treten gegen die TĂŒre wie von einem wilden Tier und dieses Schreien, als wĂŒrde einem Kind Gewalt angetan.
Charly hatte Ausdauer, er schrie lange. Ich stellte ihm nur eine Frage: „Hast du die Pantoffeln an?“ Sie waren mit einem Reißverschluss leicht anzuziehen und es dauerte lange, bis ein zögerliches „Ja“ ĂŒber seine Lippen kam. Sofort drehte ich den SchlĂŒssel herum und was soll ich sagen? Es gab keine Streiche, auch nicht einen, den ganzen Tag nicht.


Vier Wochen waren vergangen, in denen wir uns sehr gut aneinander gewöhnt hatten. Charly kam prima ohne seine Streiche aus und wir erst recht und es hĂ€tte besser nicht sein können, als das Telefon am frĂŒhen Morgen schellte und alles anders werden sollte.
Am anderen Ende der Leitung drohte mir eine Stimme: „Meine Frau will sofort ihr Kind wieder haben, wir werden den Jungen heute abholen!“
Der erste Besuch seiner Eltern war in 6 Wochen geplant.
Ich sah auf Charly, der sich mit dem Hund beschÀftigte und von alledem nichts ahnte. Ich versuchte den Mann zu beruhigen und versprach, mich mit dem Jugendamt in Verbindung zu setzen. Er drohte noch mit der Polizei und warf den Hörer auf.
Der Herr vom Jugendamt gab mir zu verstehen, dass wir wegen der KĂŒrze der Zeit
kaum Aussicht hĂ€tten, das Kind zu behalten und wollte von mir wissen, wie ich denn dazu stĂŒnde. Ich mochte Charly nur ungern missen, doch akzeptierte ich auch die GefĂŒhle der Mutter, die offensichtlich mit der Trennung nicht fertig wurde.
Ich gab ihm zur Antwort: „Charly ist gerade vier Wochen hier, nicht lĂ€nger als ein schöner Urlaub und wenn die Mutter es noch einmal versuchen will, mit ihm klar zu kommen, das mĂŒsste doch zu schaffen sein. Ich gebe ihn ab, weil mein GefĂŒhl mir sagt, er kommt wieder!“
Diesen letzten Satz musste ist mir spÀter noch oft anhören. Doch diesmal packte ich das Köfferchen, mit dem er vor 4 Wochen gekommen war und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.

Als Roger vom Schulbus nach Hause kam, lief Charly ihm entgegen und ich besprach anschließend die ganze Angelegenheit mit ihm.
SpÀter gab es noch einige drohende Anrufe von seiten des Stiefvaters und ich wusste: Es hat keinen Sinn, ich kann diese aufgebrachten Leute nur beruhigen, wenn sie bekommen, was sie wiederhaben wollen.

Als am Nachmittag der weiße VW-Bus vor der TĂŒre stand, mit dem Charly abgeholt werden sollte, sagte Roger zu Charly: „Siehst du, jetzt darfst du auch mal Schulbus fahren!“ und er stieg ein. Seine Mutter sah ich nicht. Sie stieg nicht einmal aus.

Und ab da liefen meine TrÀnen, die oft nur der Hund sah, der mit mir litt und sich wunderte, warum ich immer und immer nur die gleichen Lieder hörte und mich jedesmal mit runden traurigen Hundeaugen ansah. Sicher dachte auch er bei den Liedern immer an den kleinen Charly.


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kuschelmuschel
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Anemone,

Vom Thema her eine anrĂŒhrende Geschichte, die ich gerne gelesen habe und das obwohl mir doch ein zwei Sachen störend aufgefallen sind. Da ist einmal der Hund Waldi (Der Name allein, aber na gut, gibt ja viele Waldis). Hund haben keine trĂ€nenden Augen, wenn man ihnen die Tasthaare abschneidet. Die merken das nicht einmal. Meine Katze hat sich mal, an einer Kerze, ein paar Tasthaare verschmorrt. Die Katze hat das ĂŒberhaupt nicht bemerkt. Ich glaube sie haben dann nur Probleme mit dem Gleichgewicht oder zumindest bei Katzen ist es so, dass sie Probleme mit der Abstandsmessung (oder wie man das nennt) haben.

Die Problemlösung der Mutter solltest du ausbauen, meistens ist es mit einmal einschließen nicht getan. Wobei ich persönlich es auch ĂŒberhaupt nicht mag, wenn man Kinder einschließt. Was wiederum kein gutes Licht auf deine Protagonistin wirft und das obwohl sie eigentlich durch den ErzĂ€hler ein gutes Bild abgibt. Auch der Satz: "Als wĂŒrde einem Kind Gewalt angetan." Es wird ihm ja Gewalt angetan.

Vielleicht solltest du auch noch einen Hinweis geben wie denn die leiblichen Eltern an die Adresse gekommen sind (Haben sie jemand vom Jugendamt bestochen?), so weit ich weiß, rĂŒckt das Jugendamt (oder welches Amt das genau ist) die Adressen nicht raus, wenn die Kinder einmal vermittelt sind.

Also irgendwie war mir die Mutter am Anfang sehr viel sympathischer, als sie es so schön toleriert hat, dass Charly auf Entdeckungsreise geht..., nachher gibt sie so einfach auf und gibt das Kind wieder ab. Da könntest du doch noch einiges mehr einbauen. Was waren denn das fĂŒr Drohungen des Vaters, dass sie so einfach das Kind abgibt. Und was ist denn das fĂŒr eine Aussage: "Ich gebe ihn ab, weil ich glaube, dass er bald wieder kommt. Charly ist doch kein Gegenstand, den man einfach so hin und her tauscht. Sie wĂ€re mir bedeutend sympatischer wenn sie um den Jungen gekĂ€mpft hĂ€tte, gerade weil sie ja denkt, dass er bei seinen leiblichen Eltern nicht so gut aufgehoben ist.

Ich bin mir jetzt gar nicht mehr so sicher, ob du die Mutter vielleicht genauso darstellen wolltest, wie du es getan hast. Dann nehme ich alles zurĂŒck.

LG

Michael

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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hallo Kuschelmuschel,

Ich habe mir sagen lassen, dass die Tasthaare der Tiere reine Nervenenden sind, in dem Fall also hochempfindlich und da diese ErzÀhlung auf Tatsachen beruht, sollten wir diese Aussage nicht anzweifeln (Es sei denn, der Junge hat den Hund mit der Schere anderweitig gequÀlt.)

Zu der Pflegemutter ist zu sagen: Sie war vorgewarnt. Sie wusste, "Ich bekomme ein Kind, mit dem die Eltern nicht fertig werden." Sie wusste: "Es spricht nicht, weil es emotionale Probleme hat." (Bitte den Unterschied zu Adoptiveltern zu beachten, die wissen, dass sie das Kind fĂŒr immer behalten und deren Adressen nicht genannt werden).

Sie war sich sicher, der Junge kommt wieder, weil sie ahnte,
er hat eine KĂ€mpfernatur; er wird es schaffen zurĂŒckzukommen und so war es auch. Charly war ein kleiner Tyrann, wĂ€re er das nicht gewesen, hĂ€tte sie ihn niemals
wieder bekommen.
HĂ€tte sie von sich aus den Jungen geholt oder es anderweitig versucht wieder an ihn heranzukommen,
wĂ€re er fĂŒr immer fĂŒr sie verloren gewesen.

Ich will diese Charly-ErzÀhlungen jetzt allerdings nicht weiter vertiefen. Möchte nur soviel dazu sagen:
Er ist ein großer, krĂ€ftiger Bursche geworden.
Es war nicht immer leicht fĂŒr ihn und seine Pflegeeltern, aber Schaden hat er nicht gelitten, ganz im Gegenteil.

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