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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Christa von Drostenburg
Eingestellt am 17. 11. 2009 23:32


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Daniel S.
Hobbydichter
Registriert: Nov 2009

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Franks Behausung – pardon, seine „Literatenklause“ – ist von bohĂšmehafter UnzulĂ€nglichkeit, wie es sich fĂŒr einen RingelnatzjĂŒnger gehört! Als „Arbeitsplatz“ benutzt er einen alten IKEA-KĂŒchentisch, auf welchem auch die bejahrte Olympiaschreibmaschine thront, die er von seinem Großvater mĂŒtterlicherseits geerbt hat. Auf dem Platz, den die Schreibmaschine noch frei lĂ€ĂŸt, tĂŒrmen sich Manuskripte. Weitere – teilweise im Zorn in Fetzen gerissene – literarische ErgĂŒsse liegen neben und unter dem Schreibtisch auf dem verschlissenen Teppich. Die verstreut im Zimmer herumliegenden BlĂ€tter lassen den ursprĂŒngliche Text unter zahllosen hingekritzelten Korrekturen und Bemerkungen oft kaum noch erkennen. Manche Buchstaben tanzen ĂŒberdies nach oben oder unten aus der Zeile, denn die Mechanik der Schreibmaschine ist schon etwas klapprig.
Neben dem „Schreibtisch“ ist Franks Dachkammer auch noch mit einem Drehstuhl, einem Bett, einem alten Schlafzimmerschrank, einer Biedermeierkommode, einem vollgestopften BĂŒcherregal und einem kleinen Gasofen möbliert. Eine Stehlampe im 50erjahre-Design, eine rote Klemmlampe am Bett, ein auf der Kommode stehendes großes Grundig-Röhrenradio mit „magischem Auge“, eine Doppelkaffeemaschine, eine elektrische Kochplatte und diverser Krimskrams, der sich in den bisherigen 25 Lebensjahren des jungen Dichters angesammelt hat, vervollstĂ€ndigen die Einrichtung. Ein an diese Studentenbude angrenzendes und von ihr nur durch einen einfachen Vorhang getrenntes KĂ€mmerchen beherbergt ein kleines, verwinkeltes Badezimmer mit einer Toilette, einem Waschbecken und einer etwas schmal geratenen Dusche.
Frank stammt ursprĂŒnglich aus Dinslaken. Er wollte im Gegensatz zu seinem Vater kein „Postbeamter im mittleren Dienst“ werden, sondern Literatur studieren. Sein Vater tat alles, um ihm dieses Studium auszureden, das ja doch nur zu einem unsteten Studentenleben und einer ungesicherten Zukunft fĂŒhren wĂŒrde. Frank setzte sich jedoch letztendlich gegen seinen Vater durch und begann ein Literaturstudium an der UniversitĂ€t in Göttingen. Franks Begeisterung fĂŒr das selbstgewĂ€hlte Studium verflog allerdings schon nach recht kurzer Zeit, denn er mußte bald enttĂ€uscht feststellen, daß seine Vorstellungen bezĂŒglich interessanter und lesenswerter Literatur von denen der Dozenten erheblich abwichen. Ringelnatz, den Frank besonders verehrte, wurde kaum erwĂ€hnt und sein Verdacht, sich grĂŒndlich verschĂ€tzt zu haben, nahm spĂŒrbar zu.
Er ging allmĂ€hlich immer seltener in die Vorlesungen und verbrachte statt dessen mit einigen Gleichgesinnten ganze NĂ€chte in Studenten- und KĂŒnstlerkneipen. Im Laufe der Zeit erwuchs in Frank schließlich der Wunsch, ein „Vollerwerbs-Schriftsteller“ zu werden. Frank lief nun oft stundenlang in Göttingen und Umgebung herum, um das Tun und Treiben der Menschen zu beobachten, wobei ihn gelegentlich Freunde und Gesinnungsgenossen begleiteten. Stets trug er ein kleines Notizbuch in der Jackentasche, worin sich wĂ€hrend seiner Wanderungen Verse, Gedichte und kleine Skizzen sammelten.
Das Studium hatte Frank inzwischen gĂ€nzlich aufgegeben, was er seinen Eltern allerdings verschwieg, da er nicht wußte, wie er ihnen diese plötzliche Änderung seiner ZukunftsplĂ€ne begreiflich machen sollte. Seinem Vater fehlte das VerstĂ€ndnis fĂŒr die „brotlosen KĂŒnste“, wie er sie nannte, weitgehend  infolgedessen bekĂ€me er gewiß beinahe einen Herzanfall, wenn er von Franks PlĂ€nen erfĂŒhre, eine Karriere als Schriftsteller zu beginnen. Franks Mutter wĂŒrde allerdings – wie schon bei allen vorhergehenden Familienstreitigkeiten – ihr Möglichstes tun, um den zeternden Vater zu beruhigen. Dieser ginge schließlich grollend in seine geliebte Eckkneipe, um dort Stammtischweisheiten ĂŒber den Werteverfall in Deutschland zum besten zu geben.
Und so sitzt nun Frank, der seiner gemĂŒtvollen Mutter diese unerfreulichen Szenen auf jeden Fall ersparen möchte, gedankenversunken in seiner Dachkammer:
Auf Franks „Schreibtisch“ liegt seit einigen Tagen ein angefangener Brief an seine Eltern, in welchem er ihnen nun endlich die Wahrheit ĂŒber seine ZukunftsplĂ€ne sagen will. Er hat in den vergangenen Monaten bereits mehrere Briefe dieser Art begonnen und nach wenigen SĂ€tzen wieder zerrissen, weil sie entweder zu konkret oder zu beschönigend gerieten.
— einige Wochen vergehen —
Mittlerweile ist Franks pekuniÀre Lage nicht mehr ganz so prekÀr, denn erste Erfolge erzielte er mit seiner Schriftstellerei schon. Ein örtlicher Zeitungsverlag hatte sich dazu bereit erklÀrt, einige der gelungeneren Gedichte und ErzÀhlungen probeweise abzudrucken. Diese wurden von den Lesern bisher recht gut angenommen, weshalb der Verlag inzwischen jedes veröffentlichte Dichtwerk mit einer Provision honoriert.
Franks Eltern können ihrem Sohn fĂŒr sein Leben in Göttingen nur eine relativ bescheidene finanzielle UnterstĂŒtzung zukommen lassen  das „Zubrot“, welches durch seine schriftstellerische TĂ€tigkeit entsteht, kommt ihm deshalb als Verbesserung seines Lebensstandards sehr zupaß. Frank hat sich inzwischen unter anderem eine neue Schreibmaschine zulegen können – ein Computer wĂ€re ihm wesentlich lieber, er wĂŒrde seine finanziellen Möglichkeiten momentan jedoch um ein Vielfaches ĂŒbersteigen. Mit einem Mal verspĂŒrt Frank ein GefĂŒhl der Erschöpfung, dies ist allerdings nicht sehr verwunderlich, denn die Sonne schickt sich soeben an, hinter den DĂ€chern der NachbarhĂ€user zu verschwinden. Frank steht leise stöhnend auf und streckt seine vom langen Sitzen steif gewordenen Glieder; schließlich öffnet er das Fenster so weit es geht, um die milde Luft des außergewöhnlich warmen Herbstabends hereinzulassen.
Aus den hohen Pappeln der benachbarten GartengrundstĂŒcke ertönt lebhaftes Vogelgezwitscher, wodurch Frank Lust auf einen gemĂŒtlichen Spaziergang durch das abendliche Göttingen bekommt. Er dreht das Radio an und hört gerade noch das Ende der Nachrichten mit der Wettervorhersage: die Nacht soll trocken und bis in den spĂ€ten Abend hinein fast genauso warm wie der Tag bleiben! Frank angelt seine Birkenstocksandalen unter dem Bett hervor, wobei er durch einen Zufall die „Phantasusverse“ von Arno Holz wiederfindet, ein Buch, das er schon mehrfach vergeblich in allen Ecken seiner Schriftstellerklause gesucht hatte!
GlĂŒcklich ĂŒber diesen ebenso unerwarteten wie erfreulichen Fund tauscht Frank seinen barock gemusterten „Inspirationsbademantel“ gegen Sandalen, Jeans und T-Shirt aus, fĂŒllt die benutzte Kaffeetasse im Waschbecken mit Wasser und sammelt dann noch einige der mißlungenen Manuskripte vom Fußboden auf, um sie beim Verlassen des Hauses in die MĂŒlltonne zu werfen. Er öffnet noch einmal weit das Dachfenster, wobei ihm jetzt allerdings ein entgegen der Wettervorhersage leicht auffrischender Wind ins Gesicht weht und auch einige Wolken am Horizont sichtbar werden.
„So viel zum Thema StraßencafĂ©!“ geht es Frank durch den Kopf, und leise seufzend zieht er nun doch ein Paar Socken an. Nachdem er sich noch rasch ein wĂ€rmeres Sweatshirt ĂŒbergestreift und die alten Manuskripte in eine PlastiktĂŒte gestopft hat, verlĂ€ĂŸt Frank leise pfeifend seine „Literatenklause“. Im Treppenhaus begegnet er seiner Vermieterin: Einer außergewöhnlich attraktiven und sehr sympathisch wirkenden Frau in den mittleren Vierzigern, die Franks Texte normalerweise vor allen Anderen zu sehen bekommt. Sie mag seinen etwas skurrilen Schreibstil und hat ihm bei kurzzeitigem Ideenmangel schon des öfteren mit originellen EinfĂ€llen wieder auf die literarischen SprĂŒnge geholfen.
Die relativ hĂ€ufigen Begegnungen, die sich naturgemĂ€ĂŸ durch den Einzug in Christas Haus ergaben, ließen zwischen ihr und Frank bald ein mehr als freundschaftliches VerhĂ€ltnis entstehen. DarĂŒber hinaus regen sich in Christas Seele seit einigen Wochen Empfindungen, welche ihr bisher noch weitgehend fremd waren, die sie nun allerdings unterbewußt dazu drĂ€ngen, Frank ein wenig zu bemuttern. Frank genießt die Auswirkungen jenes an Christa neuen Wesenszuges im Stillen sehr, obwohl dieser ihrem Charakter gemĂ€ĂŸ eine zunehmend besitzergreifende Form annimmt:
So gehört es mittlerweile zu Christas Gewohnheiten, Frank bei gelegentlichem Zusammentreffen im Hausflur hin und wieder  und nötigenfalls auch unter Anwendung sanfter Gewalt  in ihre Wohnung zu befördern. Hier setzt sie Frank  welcher sich nachgewiesenermaßen sonst nur von Pulverkaffee, Kartoffelchips und Fertigsuppen ernĂ€hrt  zunĂ€chst eine Tasse Bohnenkaffee und oft auch einen kleinen Imbiß vor, um ihn danach mit dem Geschick einer lebenserfahrenen, alleinstehenden Frau, die einen neuen Partner und/oder „Ersatzsohn“ sucht, in ein ausgedehntes GesprĂ€ch zu verwickeln.
Weil seine Kindheit und Jugend vergleichsweise behĂŒtet verlief und seine Mutter ihm allzu direkte Begegnungen mit der „bösen Welt da draußen“ möglichst lange ersparen wollte, hat sich Frank bis heute eine gewisse NaivitĂ€t bewahrt, die ihn fĂŒr Christa besonders interessant macht. Christas frĂŒhere Beziehungen zu MĂ€nnern ihres eigenen Alters gingen vielfach schon nach recht kurzer Zeit in die BrĂŒche, weil diese die gebildete und ĂŒberaus selbstbewußte Christa oft als zu dominierend empfanden. Im Leben noch nicht sehr fest verwurzelt und sich fern der Heimat manchmal etwas einsam und unsicher fĂŒhlend, ist Frank fĂŒr Christas RatschlĂ€ge wesentlich empfĂ€nglicher.
Christa möchte den sensiblen Frank gerne enger an sich binden, wobei ihr allerdings die Probleme, die das Zusammenleben mit einem zwanzig Jahre jĂŒngeren Mann mit sich bringen kann, durchaus bewußt sind. In Herzensangelegenheiten erfahren, erkannte Christa in Franks Zuneigung ein zartes PflĂ€nzchen, dessen Wachstum es durch sorgsame Pflege und Zuwendung zu fördern gilt. Sie ging hierbei bisher mit relativer Behutsamkeit vor, denn sie verspĂŒrte deutlich Franks innere Unsicherheit, der seine Empfindungen fĂŒr Christa noch nicht recht einzuordnen wußte. Das wohlige Kribbeln und das GefĂŒhl, wie auf Wolken zu gehen, welches Frank bei Christas Anblick und manchmal schon bei dem bloßen Gedanken an sie ĂŒberkommt, ist ihm ein wenig unheimlich. Er fragt sich oft, ob es sich dabei tatsĂ€chlich um echte Liebe oder einfach nur um eine vorĂŒbergehende GefĂŒhlsverwirrung handelt.
Frank hatte angesichts des vergleichsweise hohen Altersunterschieds von immerhin zwanzig Jahren ursprĂŒnglich gelegentliche Zweifel an der Richtigkeit seiner GefĂŒhle. Diese Unsicherheit hat sich inzwischen allerdings weitgehend verloren, denn Christa erweckt durchaus den Eindruck einer um fast zehn Jahre jĂŒngeren Frau, wobei die Menge der von ihr verwendeten Kosmetika kaum nennenswert ist. Wie Christa Frank selbst einmal gesagt hat, liegt der Ursprung dieser gleichbleibend hohen geistigen und körperlichen VitalitĂ€t grĂ¶ĂŸtenteils in einer tiefen seelischen Ausgeglichenheit begrĂŒndet, der jedoch eine von hĂ€ufigen Selbstzweifeln geprĂ€gte Jugend vorausging.
Die wohlhabenden Eltern hatten fĂŒr die Probleme ihrer Tochter nur wenig VerstĂ€ndnis. Christas Vater vertrat die Ansicht, daß finanzieller Wohlstand und eine gesicherte Zukunft alle weitergehenden Ängste ĂŒberflĂŒssig machen wĂŒrden. Ihre Mutter war hĂ€ufig nervös und wurde in ihren spĂ€ten Jahren von einem Hang zur Hypochondrie befallen, so daß sie sich kaum um ihre Tochter kĂŒmmerte  vielmehr beschĂ€ftigte sie sich mit ihren eigenen eingebildeten Nervenleiden! GlĂŒcklicherweise hatte Christa den ausgeglichenen Charakter ihrer Großmutter vĂ€terlicherseits geerbt, so daß sie den widrigen UmstĂ€nden zum Trotz nach manchen Schwierigkeiten schließlich doch einen ihr gemĂ€ĂŸen Weg durchs Leben fand!
Christa erhielt fĂŒr ihre Ă€ußerst unerfreuliche Jugend eine spĂ€te, aber dafĂŒr sehr umfangreiche EntschĂ€digung, denn sie erbte als einziges Kind ihrer Eltern nach deren Ableben das gesamte verbliebene Vermögen, dessen nicht unerhebliche Höhe ihr heute ein in finanzieller Hinsicht sorgenfreies Leben ermöglicht. Zu ihrer Erbschaft gehört unter anderem ein in den spĂ€ten fĂŒnfziger Jahren gebautes, dreistöckiges, orangegelb verklinkertes und recht eintrĂ€gliches Mietshaus im sĂŒdöstlich der Göttinger Innenstadt gelegen Vorort Lohberg.
Hier befindet sich auch Christas eigene, 120 mÂČ große Wohnung, die durch das Entfernen der TrennwĂ€nde zwischen zwei ehemaligen Mietwohnungen entstand. Umfangreiche VerĂ€nderungen des Grundrisses ließen helle und großzĂŒgig wirkende RĂ€ume entstehen, deren unaufdringlich-luxuriöse Einrichtung ein GefĂŒhl der Geborgenheit hervorruft. Christa bewohnt das oberste Stockwerk des Hauses, was ebenso wie dessen relative Ă€ußere UnauffĂ€lligkeit einen erhöhten Schutz vor EinbrĂŒchen darstellt. Auch der teilweise als Wohnraum hergerichtete Dachboden des Hauses ist erwĂ€hnenswert, denn dort liegt seit einigen Monaten Franks „Literatenklause“!
Christa mißfĂ€llt der Gedanke, daß der von ihr als „Ersatzsohn“ und jugendlicher Liebhaber ausersehene Frank nach wie vor in dieser vergleichsweise kargen Behausung lebt, die er selber jedoch als sehr bohĂ©mienhaft und einem jungen Schriftsteller angemessen empfindet. Gerne möchte sie ihn zur „Übersiedlung“ in ihre eigene, komfortable Wohnung bewegen, sie hĂ€lt es allerdings fĂŒr sinnvoller, mit einer solchen Aufforderung noch ein wenig zu warten, bis sich Frank innerlich zu seinen GefĂŒhlen bekennt! Die fĂŒr die Dachkammer berechnete Miete lĂ€ĂŸt Christa inzwischen in Form interessanter BĂŒcher und anderer nĂŒtzlicher Geschenke wieder an Frank zurĂŒckfließen, denn das vollstĂ€ndige Erlassen der Miete wĂ€re ein allzu deutliches Zeichen ihres Interesses an ihm.
Wir kehren nun wieder zu dem Augenblick zurĂŒck, in welchem Frank gerade seine „Literatenklause“ verlassen hat und im Treppenhaus unerwartet Christa begegnet, die offenbar ebenfalls aus dem Haus gehen will. Der ĂŒberraschende Anblick dieser großen, schlanken und sommerlich-elegant gekleideten Frau mit ihrem Charme, Klugheit und innere Ausgeglichenheit ausstrahlenden Gesicht, das zudem von weich fallendem, dunkelblonden Haar umrahmt wird, löst in Franks Verstand einen emotionellen Wirbelsturm aus, der alle anderen Gedanken hinfort weht!
Christa, die in Franks Seele inzwischen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen kann, genießt die Gewißheit, selbst einem um zwanzig Jahre jĂŒngeren Mann immer noch den Boden unter den FĂŒĂŸen erbeben lassen zu können. Sie erkennt allerdings auch, daß er kurz davor steht, ihr hier im Treppenhaus um den Hals zu fallen und umfaßt deshalb mit einem beruhigenden Druck seine zitternde Hand. Diese warme und sanfte BerĂŒhrung gibt Frank allmĂ€hlich seine Fassung wieder. Verlegen ĂŒber den gerade noch verhinderten GefĂŒhlsausbruch, wagt er es zunĂ€chst jedoch nicht, Christas freundlichen aber auch forschenden Blick zu erwidern.
Christa schließt nun noch einmal ihre WohnungstĂŒr auf und fĂŒhrt Frank, der ihre Hand jetzt seinerseits festhĂ€lt und offensichtlich auch nicht loslassen möchte, ins Wohnzimmer, wo sie ihn behutsam auf eine Ledercouch nötigt. Christa befreit sich auf sanfte aber bestimmte Weise von Franks Hand und geht danach zum Barschrank hinĂŒber um dort zwei GlĂ€ser mit Sherry zu fĂŒllen. Eines der beiden GlĂ€ser reicht sie Frank und setzt sich dann neben ihn auf die Couch. Der Sherry ĂŒbt auf Frank offensichtlich die beabsichtigte Wirkung aus, denn der Ausdruck der NervositĂ€t weicht allmĂ€hlich aus seinem Gesicht. Christa beginnt jetzt, vorsichtig seinen verspannten Nacken zu massieren, wobei sie Frank gedankenvoll betrachtet.
Nach einigen stillen Minuten des Massierens wendet sich der nun wesentlich ruhiger erscheinende Frank mit dankbarem LĂ€cheln seiner WohltĂ€terin zu, die darauf hin seine Behandlung einstellt. Frank zeigt mittlerweile deutliche Symptome einer aufkommenden großen MĂŒdigkeit, woran Christa befriedigt erkennt, daß ihre Entspannungstherapie erfolgreich war. Nur mit MĂŒhe kann sie Frank dazu bewegen, aufzustehen und in seine Mansarde zurĂŒckzukehren. Hier gelingt es ihm gerade noch, die Schuhe ausziehen, bevor er auf sein ungemachtes Bett fĂ€llt und ĂŒbergangslos einschlĂ€ft. Frank steht eine erlebnisreiche Nacht bevor, denn die GefĂŒhlsaufwallungen des Abends werden in der Gestalt wilder erotischer Phantasien seine TrĂ€ume erfĂŒllen.
Christa schließt hinter Frank die WohnungstĂŒr, wobei sie ein GefĂŒhl der Erleichterung verspĂŒrt und kehrt dann ins Wohnzimmer zurĂŒck. Erst jetzt entsinnt sie sich wieder des Klavierkonzerts, welches an diesem Abend im Schloß Wilhelmshöhe in Kassel aufgefĂŒhrt werden sollte. Die Eintrittskarte befindet sich bereits in Christas Handtasche, doch fĂŒr die Reise nach Kassel ist es nun zu spĂ€t, denn das Konzert beginnt in etwa dreißig Minuten und die Fahrt zum Schloß Wilhelmshöhe wĂŒrde eine Stunde dauern. Angesichts des entgangenen Kunstgenusses ein wenig verstimmt, gießt sich Christa noch ein Glas Sherry ein, mit dem sie sich dann in einen bequemen Drehsessel setzt. WĂ€hrend sie ĂŒber die Ereignisse des Tages nachsinnt, betrachtet Christa durch das breite Wohnzimmerfenster den von einigen Sternen erhellten und von zarten WolkenbĂ€ndern durchzogenen Nachthimmel.
Christa steht noch einmal auf, um eine Schallplatte mit Mozart-Serenaden aufzulegen und das Wohnzimmerfenster zu öffnen. Die sanfte Musik und die linde Nachtluft, die durch das große Schwingfenster in das abgedunkelte Wohnzimmer gelangt, vertreiben schließlich die letzten Spuren der Mißstimmung aus Christas GemĂŒt. Nachdem sie ihre Schuhe abgestreift und den Drehsessel vollends in die Liegeposition gebracht hat, beginnen Christas Gedanken Nachtvögeln gleich umherzuschweifen. Szenen einer inzwischen schon mehr als zwanzig Jahre zurĂŒckliegenden Griechenlandreise – ein Geschenk ihrer Eltern an Christas zweiundzwanzigstem Geburtstag – kommen ihr in den Sinn. Erinnerungen an die Athener Altstadt, die Akropolis, den Hafen von PirĂ€us, die griechischen Inseln und das ÄgĂ€ische Meer ziehen wie die Bilder eines alten Urlaubsfilms an ihrem inneren Auge vorĂŒber.
Christa wohnte damals in einem kleinen aber sehr gemĂŒtlichen Hotel in einem ruhigen Außenbezirk Athens, von dem aus die Innenstadt mit Hilfe der Vorortbahn bequem zu erreichen war. Der 19jĂ€hrige und recht gut aussehende Hotelierssohn Perikles hatte sich gleich am Tage ihrer Ankunft rettungslos in die schöne junge Frau aus Deutschland verliebt und bescherte Christa  nachdem diese ihre anfĂ€ngliche ZurĂŒckhaltung aufgegeben hatte  noch drei romantische und erlebnisreiche Wochen in Griechenland.
Langsam in die Gegenwart zurĂŒckkehrend bemerkt Christa, daß die ins Wohnzimmer wehende Nachtluft deutlich kĂŒhler geworden ist, woraufhin sie sich widerstrebend erhebt, um das Fenster zu schließen und die Heizung aufzudrehen. Nachdem sie auch das Licht wieder eingeschaltet hat, stellt Christa bei einem Blick auf die ĂŒber dem Fernseher hĂ€ngende Wanduhr verwundert fest, daß es bereits kurz nach Mitternacht ist. Demnach hat sie fĂŒr mehr als drei Stunden hier im Sessel gelegen und dabei im Halbschlaf von vergangenen Zeiten getrĂ€umt!
Durch ein plötzlich aufkommendes starkes SchlafbedĂŒrfnis schon ein wenig benommen, öffnet Christa den in der Diele hinter einem Bild verborgenen zentralen Steuerschrank der Alarmanlage und dreht den Hauptschalter auf „Nachtsicherung“. Daraufhin beginnt es in allen RolladenkĂ€sten ihrer Wohnung leise zu brummen, und Metalljalousien schieben sich von außen vor die Fenster. In der aufbruchsicheren WohnungstĂŒr knackt es mehrmals, denn deren Schlösser sind ebenso wie die Jalousieantriebe mit der Alarmanlage verbunden. Dieses aufwendige Sicherungssystem hat durchaus seine Berechtigung, denn Christa besitzt zahlreiche wertvolle Bilder und Möbel, die sie teilweise von ihren Eltern geerbt, vielfach aber auch erst in den letzten Jahren erworben hat.
Nachdem sie sich im Badezimmer noch ein wenig frisch gemacht und ihre Kleider im Schlafzimmer ĂŒber einen Sessel gelegt hat, genießt es Christa sehr, endlich in ihrem Bett zu liegen, denn sie konnte die Augen zuletzt nur noch mit MĂŒhe offenhalten. Sie zieht die seidene Steppdecke bis zum Kinn hinauf, dreht sich zufrieden seufzend langsam auf die rechte Seite und fĂ€llt bald in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Der ĂŒber ihr in seiner Dachkammer ebenfalls im Bett liegende Frank hat einen weniger festen Schlaf, denn er trĂ€umt wĂ€hrend der ganzen Nacht von Liebesabenteuern mit attraktiven, dunkelblonden Frauen!
* * * * *
Christa erwacht am Samstagmorgen erst kurz nach neun Uhr, denn sie hatte die TĂŒrglocke und das Telefon am Freitagabend abgestellt. Aus den Nebeln angenehmer TrĂ€ume aufsteigend, tastet sie im Dunkeln nach dem Schalter der Nachttischlampe, die dank eines eingebauten automatischen Dimmers zuerst nur schwach glimmt und dann ganz allmĂ€hlich heller wird, bis sie ein sanftes Licht ausstrahlt, welches auch die empfindlichsten Augen noch nicht blenden kann. Christa streckt und rĂ€kelt sich unter wohligem Stöhnen, trinkt dann einen Schluck Orangensaft aus einem am Bett stehenden Glas und schlĂ€gt nach einigen Minuten angenehmen Dösens schließlich doch die Bettdecke zurĂŒck, um aufzustehen. Sie tut dies sehr langsam und widersteht hierbei nur knapp der Verlockung, sich einfach wieder ins warme und wunderbar weiche Bett zu legen um noch ein oder zwei StĂŒndchen zu schlafen.
Noch ein wenig unsicher auf den Beinen, hĂŒllt sich Christa in einen warmen, cremefarbenen Morgenmantel und schaltet dann die Alarmanlage auf „Tagessicherung“, bei welcher lediglich die Einbruchsdetektoren und die Notrufschalter aktiviert sind. In der WohnungstĂŒr öffnen sich nun wieder die Sicherheitsschlösser, und die sich hebenden Jalousien geben den Blick auf einen grau verhangenen Morgenhimmel frei. Die trĂŒbe Wetterlage lĂ€ĂŸt in Christa nochmals den Wunsch aufkommen, sich wieder in Bett zu legen, aber schließlich geht sie doch ins Badezimmer, um dort heiß und ausgiebig zu duschen.
Nachdem sie sich geduscht und frisiert hat, vertauscht Christa den Morgenmantel gegen einen bequemen, blauseidenen Hausanzug, den sie aufgrund seines eleganten Schnittes an heißen Tagen durchaus auch außerhalb des Hauses tragen könnte und bereitet sich in ihrer nahezu komplett ausgestatteten, allerdings nur sehr selten voll ausgenutzten LuxuskĂŒche ein einfaches aber schmackhaftes FrĂŒhstĂŒck. Schließlich schaltet Christa noch das Telefon und die TĂŒrglocke wieder ein, was sie allerdings nach einer guten Viertelstunde schon bereut:
Sie hatte es sich gerade erst auf der im Wohnzimmer stehenden, breiten Ledercouch gemĂŒtlich gemacht, um vor dem Hintergrund des inzwischen heftig gegen die Fenster prasselnden Regens einer Mozartsinfonie zu lauschen, als plötzlich jemand in ungeduldiger Weise an der WohnungstĂŒr zu lĂ€uten beginnt. Christa wickelt sich verĂ€rgert wieder aus der Pelzdecke, wobei sie ĂŒber den plötzlichen Störenfried sehr böse Dinge denkt und geht dann langsam zur TĂŒr. Nachdem Christa durch den Spion Franks Gesicht erkannt und ihm die TĂŒr geöffnet hat, bestĂŒrmt dieser sie sofort mit der Frage, ob sie denn nicht mehr wĂŒĂŸte, daß er heute nach Hause zu seinen Eltern fahren wĂŒrde, wovon er ihr doch bereits vor einer Woche erzĂ€hlt habe. Außerdem habe er heute morgen schon sehr oft vergeblich an ihrer WohnungstĂŒr zu klingeln versucht.
Christa – die Frank wĂ€hrend dieser Vorhaltungen gelangweilt betrachtet hat – unterbricht schließlich nach einigen Sekunden höflich aber bestimmt seinen Redeschwall und fĂŒhrt ihn dann in ihre KĂŒche. Hier setzt sie Frank, der mit ziemlicher Sicherheit wieder nicht richtig gefrĂŒhstĂŒckt hat, den ĂŒbriggebliebenen, noch heißen Kaffee und etwas Eßbares vor. Frank beruhigt sich wĂ€hrend des Essens allmĂ€hlich und bereut nun auch seinen unbeherrschten Auftritt an der WohnungstĂŒr. Christa bemerkt seinen Sinneswandel und quittiert ihn mit einem LĂ€cheln. Frank blickt dessen ungeachtet und offenbar durch irgend etwas bedrĂŒckt weiterhin mit gesenktem Kopf auf die Tischplatte, weshalb sich Christa nun direkt neben ihn setzt um sanft seine Hand zu streicheln. Diese zarte BerĂŒhrung ist fĂŒr Frank eine lang ersehnte Befreiung, denn sie bricht in seiner Seele einem schmerzhaften GefĂŒhlsstau Bahn, der sich dort im Laufe der vergangenen Monate angesammelt hatte:
Er umfaßt Christas Oberkörper, zieht sie dicht an sich heran und gesteht ihr mit bebender Stimme und feuchten Augen seine Liebe! Christa hatte schon seit einigen Tagen mit einer solchen Offenbarung gerechnet, allerdings fĂŒhlt sie sich durch Franks unvermittelte Bekundung seiner innersten GefĂŒhle nun doch sehr erschĂŒttert, denn diese Empfindungen erscheinen ihr so rein und unverfĂ€lscht, wie sie es bisher noch bei keinem anderen Mann erlebt hatte. Christa drĂŒckt Franks Kopf behutsam an ihre Schulter und flĂŒstert ihm beruhigende Worte ins Ohr, bis sein Zittern nachlĂ€ĂŸt. Nachdem sie ihn sacht auf Mund, Stirn und Wangen gekĂŒĂŸt hat, findet Frank allmĂ€hlich seine Sprache wieder und beginnt, Christa mit noch etwas schwacher Stimme verliebte VerrĂŒcktheiten zu erzĂ€hlen.
GerĂŒhrt und geschmeichelt seinen Komplimenten lauschend, wird sich Christa unverhofft und mit leichtem Erschrecken der Mitverantwortung bewußt, die sie nun fĂŒr das Leben dieses jungen und noch viel zu leicht beeinflußbaren Menschen ĂŒbernommen hat. Nachdem sich die Wogen der Empfindungen ein wenig geglĂ€ttet haben, bringt Christa den durch die Dramatik der Ereignisse sichtlich erschöpften Frank ins Wohnzimmer, in welchem er sich auf eine Couch legt und seinen Kopf dankbar in Christas Schoß bettet. WĂ€hrend Christa nachdenklich Franks dichtes, braunes Haar zerzaust und ihn liebevoll und mit einem gewissen Besitzerstolz betrachtet, erinnert sie sich seiner fĂŒr den heutigen Tag geplanten Heimreise. Leise und ohne Frank in irgendeiner Weise drĂ€ngen zu wollen, fragt sie ihn nun nach der Abfahrtszeit seines Zuges und erfĂ€hrt, daß dieser den Göttinger Hauptbahnhof bereits vor einer halben Stunde verlassen hatte.
Frank wird nun wieder lebhafter und erklĂ€rt der ein wenig perplexen Christa, daß er eigentlich gar keine Lust mehr habe, nach Dinslaken zurĂŒck zu fahren, denn dort erwarteten ihn nur ein stĂ€ndig unzufriedener Vater und eine zwar liebevolle aber ĂŒbertrieben besorgte Mutter! Er beklagt außerdem, daß diese einfach angelegten Menschen im Gegensatz zu Christa kaum fĂ€hig seien, die geistigen HöhenflĂŒge ihres Sohnes nachzuvollziehen. Ein ernsthaftes und fĂŒr Frank nur schwer zu lösendes Problem bleibe allerdings die Tatsache, daß seine Eltern ihn nach wie vor fĂŒr einen fleißigen Studenten hielten und fĂŒr seine jetzige TĂ€tigkeit als hauptberuflicher Schriftsteller mit grĂ¶ĂŸter Wahrscheinlichkeit wenig VerstĂ€ndnis haben wĂŒrden. Christa hört sich geduldig Franks Klagen an, verschafft sich durch sanftes Kraulen seiner Nackenhaare ein wenig Bedenkzeit und gibt ihm dann diese Antwort:
Sie freue sich natĂŒrlich sehr darĂŒber, daß sich Frank bei ihr so wohlfĂŒhle, sie sei jedoch nicht dazu bereit, die Verantwortung fĂŒr eine mögliche Entfremdung zwischen Frank und seinen Eltern zu tragen; von daher mĂŒsse er die Entscheidung, ob er nach Hause fahren wolle oder nicht, letzten Endes selber treffen. Den Abbruch seines Studiums mĂŒsse Frank seinen Eltern auf jeden Fall mitteilen, und wenn er sich dafĂŒr entscheiden wĂŒrde, nicht nach Hause zu fahren, solle er ihnen seine BeweggrĂŒnde schriftlich darlegen. Im Bedarfsfall wĂŒrde sie Frank bei der Formulierung dieses Briefes selbstverstĂ€ndlich unterstĂŒtzen. Schließlich ermahnt Christa Frank noch ausdrĂŒcklich, seine Eltern möglichst bald anzurufen, wenn er sich dafĂŒr entscheiden sollte, nicht nach Hause zu fahren.
Christa hat den ihr aufmerksam zuhörenden Frank genau beobachtet, und sie weiß nun, daß er sich ihre RatschlĂ€ge wirklich zu Herzen nimmt; sie sieht allerdings auch, daß ihn immer noch etwas beunruhigt. Christa ahnt, daß Franks Problem in seiner Liebe zu ihr begrĂŒndet ist. Offensichtlich weiß er nicht, wie er seinen unflexiblen Eltern die tiefempfundene Zuneigung zu einer um zwanzig Jahre Ă€lteren Frau begreiflich machen kann! Christa spricht ihn schließlich auf sein Dilemma an und erklĂ€rt ihm, daß er in einem Alter von fĂŒnfundzwanzig Jahren bei der Wahl eines Lebenspartners nicht mehr auf die Zustimmung seiner Eltern angewiesen sei, und besser daran tĂ€te, seinen eigenen GefĂŒhlen zu folgen!
Christas Worte verschaffen Frank eine sichtliche Erleichterung, allerdings bestĂ€rken sie ihn auch in seinem Wunsch, bei Christa zu bleiben. Frank weiß jedoch nicht, wie er seinen Eltern die VerlĂ€ngerung seines Aufenthaltes in Göttingen am Telefon erklĂ€ren soll. Auf Christas Anraten hin entschließt er sich dazu, ihnen als Grund tatsĂ€chlich seine Liebe zu ihr zu nennen, auf die nĂ€heren UmstĂ€nde (vor allem auf den Altersunterschied) aber nur dann einzugehen, wenn er von seinen Eltern direkt danach gefragt wĂŒrde! Christa bringt dem seiner Situation entsprechend ziemlich nervösen Frank das Telefon und setzt sich wieder zu ihm auf die Couch, um bei Bedarf Beistand leisten zu können. Frank wĂ€hlt zögernd die Nummer seiner Eltern und greift dann UnterstĂŒtzung suchend nach Christas Hand.
Einige Sekunden spĂ€ter meldet sich Franks Mutter, die nach erfolgter BegrĂŒĂŸung unverzĂŒglich damit beginnt, ihren Sohn mit besorgten Fragen nach seinem Wohlergehen zu ĂŒberschĂŒtten. Frank kann die mĂŒtterlichen Bedenken hinsichtlich seiner ErnĂ€hrung, Kleidung, Unterbringung und Gesundheit weitgehend zerstreuen und kommt dann schließlich auf den eigentlichen Grund seines Anrufes zu sprechen. Frank erklĂ€rt seiner Mutter, daß er heute nicht nach Hause fahren, sondern weiterhin in Göttingen bleiben werde, weil er eine Frau kennengelernt habe, die er liebe und deshalb nicht verlassen wolle. Franks Mutter freut sich sehr ĂŒber diese Mitteilung, denn sie lag ihrem Sohn schon seit Jahren damit in den Ohren, daß er sich doch ein „nettes, junges MĂ€dchen“ suchen solle, das fĂŒr ihn sorgen könne, wenn sie selbst einmal nicht mehr da wĂ€re.
NatĂŒrlich möchte seine Mutter jetzt NĂ€heres ĂŒber dieses „MĂ€dchen“ erfahren, weshalb ihr Frank nun erklĂ€rt, das es sich dabei keineswegs um ein MĂ€dchen, sondern vielmehr um eine ebenso attraktive wie vermögende Frau handele, der ĂŒberdies das Haus gehöre, in dem er sein Zimmer gemietet habe. Frank bemerkt, daß die Stimmung seiner Mutter durch diese Mitteilung erheblich angehoben wird, da sie ihren Sohn jetzt „in guten HĂ€nden“ wĂ€hnt. Sie fragt glĂŒcklicherweise nicht nach Christas Alter, erkundigt sich allerdings zu Franks Erschrecken, ob diese einmal selber ans Telefon kommen könne. Christa hatte schon zu Beginn des GesprĂ€chs den Mithörlautsprecher eingeschaltet und weiß daher Franks fragenden Blick richtig zu deuten. Sie nimmt Frank den Hörer aus der Hand und meldet sich mit ihrem Nachnamen „von Drostenburg“, welcher Franks Mutter – die mit großer Begeisterung Liebes- und Adelsromane liest – nicht unerheblich beeindruckt.
In der irrigen Annahme, Franks Stellung bei „Frau von Drostenburg“ zusĂ€tzlich sichern zu mĂŒssen, beginnt Margarete Spich – wie Franks Mutter mit vollem Namen heißt – nun damit, die charakterlichen VorzĂŒge ihres Sohnes herauszustellen. Frank fĂŒhlt sich durch die Lobreden seiner Mutter eher peinlich berĂŒhrt, und Christa macht ihnen mit der Versicherung, daß sie Frank inzwischen gut genug kenne und wisse was sie an ihm habe schnell ein Ende. Nachdem sie sich mit einigen freundlichen aber unverbindlichen Worten von Margarete Spich verabschiedet hat, gibt Christa den Telefonhörer noch einmal an Frank zurĂŒck, welcher nach einem letzten Schwall besorgter mĂŒtterlicher Ermahnungen sehr froh ist, den Hörer endlich auflegen zu können!
Frank, der sich seiner einfach angelegten Mutter wegen schĂ€mt, wirft Christa schulterzuckend einen resignierenden Blick zu, woraufhin sie Frank liebevoll an sich drĂŒckt und ihm vorschlĂ€gt, sie nach Kassel zu chauffieren. Christa erkennt mit Befriedigung, daß Franks Unmut ĂŒber das Verhalten seiner Mutter zusehends schwindet und jener Euphorie weicht, die ihn stets erfaßt, wenn Christa ihm die SchlĂŒssel ihres schwarzen Zwölfzylinder-Jaguars ĂŒberreicht! Christa kann die Begeisterung, die das Fahren dieses Luxusautomobils bei Frank hervorruft, sehr gut nachfĂŒhlen. Sie hatte sich den komplett ausgestatteten Jaguar vor fĂŒnf Jahren zugelegt, weil er ihrem Wunsch nach einem eleganten, komfortablen und leistungsfĂ€higen Reisewagen mit klassischem Erscheinungsbild in idealer Weise entsprach.
Christa liebt es, mit ihrem Auto spontan grĂ¶ĂŸere AusflĂŒge und kleinere Reisen zu unternehmen, die sie hĂ€ufig nach Hamburg, Berlin, MĂŒnchen, Stuttgart oder DĂŒsseldorf fĂŒhren. Ihr GepĂ€ck besteht hierbei normalerweise nur aus zwei mittelgroßen Koffern, die sie nach einem ausgeklĂŒgelten System in kurzer Zeit packen kann, ohne dadurch unterwegs auf einen angemessenen Luxus verzichten zu mĂŒssen. Wenn Christa von ihren Reisen zurĂŒckkehrt, sind die Koffer fast immer etwas schwerer als auf dem Hinweg; mitunter leisten ihnen außerdem die Taschen eines noblen ModegeschĂ€ftes im Kofferraum Gesellschaft, denn Christa frönt – wie die meisten Menschen – einer Sammelleidenschaft.
Christa kennt in jeder Metropole, die sie regelmĂ€ĂŸig besucht, eine Anzahl von GeschĂ€ften, deren Schaufenster sich zu betrachten lohnt, weil dort hĂ€ufig jene sportlich-elegante Kleidung zu sehen ist, die ihr besonders gut zu Gesicht steht. Christa verabscheut Röcke, Abendkleider und Schuhe mit hohen AbsĂ€tzen (die sie dank ihrer GrĂ¶ĂŸe ohnehin nicht benötigt), da Kleidung fĂŒr sie gleichermaßen Ă€sthetisch und bequem sein muß. In Christas KleiderschrĂ€nken findet sich eine große Auswahl an geschmackvollen und – fĂŒr heiße Tage und festliche AnlĂ€sse – vielfach seidenen HosenanzĂŒgen in warmen Rot-, Blau- und Cremetönen mit zu ihnen passenden weiten MĂ€nteln fĂŒr die verschiedensten Wetterlagen.
ErgĂ€nzt wird diese ebenso elegante wie zweckmĂ€ĂŸige Garderobe durch zahlreiche edle EinzelstĂŒcke, die es Christa ermöglichen, ihr Erscheinungsbild je nach Stimmung und Anlaß phantasievoll zu variieren. Daheim trĂ€gt Christa zumeist einen jener besonders bequemen seidenen HausanzĂŒge, welche ihr einen Ausdruck selbstbewußter, entspannter Weiblichkeit verleihen und ihre Reize durch elegante VerhĂŒllung dezent betonen. Christas besondere Vorliebe gilt eleganten und oft knöchellangen PelzmĂ€nteln, sowie teilweise recht lebhaft gemusterten Pelzjacken aus dichten, langhaarigen und in der Regel sehr kostbaren Fellen. Die voluminösen und auch arktischen Temperaturen standhaltenden Pelze nehmen fast die gesamte linke HĂ€lfte des großen Schlafzimmerschrankes ein und lassen bei Christa zuweilen den Wunsch nach einem KĂ€lteeinbruch aufkommen!
WĂ€hrend Frank zur Garage hinunter geht, um den Jaguar vor die HaustĂŒr zu fahren, öffnet Christa ihre KleiderschrĂ€nke und wirft anschließend einen Blick auf den nach wie vor grau verhangenen, weiteren Regen verheißenden Himmel. Durch das leicht gekippte, breite Schwingfenster weht ein recht frischer Wind ins Schlafzimmer, weshalb sich Christa schließlich fĂŒr einen leichten, aber nicht allzu dĂŒnnen dunkelblauen Hosenanzug und einen eleganten, cremefarbenen Trenchcoat entscheidet. Christa vervollstĂ€ndigt ihr Äußeres mit einer lĂ€ssig umgehĂ€ngten, braunen Lederhandtasche, in welcher auch der zusammengeschobene Regenschirm Platz findet und betrachtet sich danach befriedigt im hohen Schlafzimmerspiegel.
Einige Minuten spĂ€ter wieder an der WohnungstĂŒr klingelnd, verspĂŒrt Frank bei Christas Anblick ein ungeheures WohlgefĂŒhl  er kann das GlĂŒck, nun offensichtlich der Geliebte dieser erfahrenen, weltgewandten und ĂŒberaus attraktiven Frau zu sein, noch gar nicht recht begreifen. Christa verspĂŒrt Franks Zuneigung wie eine sanfte BerĂŒhrung und schließt ihn kurz liebevoll in ihre Arme. Nachdem sich die Wogen seiner Empfindungen ein wenig geglĂ€ttet haben, steigt Frank auf Christas Rat hin noch einmal in seine Mansarde hinauf, um seine Sandalen gegen wetterfeste Schuhe zu vertauschen und sich eine Regenjacke ĂŒberzuziehen. WĂ€hrend Christa dem nach oben entschwindenden Frank nachsieht, fĂŒhlt sie sich durch den Anblick seiner alten Birkenstocksandalen und der an den SĂ€umen ausgefransten Jeans nochmals in ihrem Entschluß, ihn in Kassel völlig neu einkleiden zu lassen, bestĂ€tigt.
Christa nutzt Franks kurze Abwesenheit um in ihrer Wohnung noch einmal nach dem Rechten zu sehen, die Fenster zu schließen und ihren sich bereits wieder leise regenden Magen mit einer kleinen Zwischenmahlzeit zu beruhigen. Frank ist mittlerweile aus seiner Mansarde zurĂŒckgekehrt und teilt sich nun mit Christa die letzten Bissen ihres zweiten FrĂŒhstĂŒcks, wobei er ihre auf Kassel bezogenen PlĂ€ne in Erfahrung zu bringen sucht. Christa lĂ€chelt jedoch nur geheimnisvoll und erwĂ€hnt eine „wichtige Anschaffung“, im ĂŒbrigen solle sich Frank ĂŒberraschen lassen!
Frank schließt aus Christas Bemerkung, daß sie beabsichtigt, einmal mehr einer ihrer liebsten BeschĂ€ftigungen, nĂ€mlich dem Besuch verschiedener nobler ModegeschĂ€fte, nachzugehen. Diese Aussicht ist nicht gerade dazu geeignet, seine Stimmung zu heben, wirklich beunruhigt wĂ€re er allerdings, wenn er wĂŒĂŸte, daß es Christa diesmal um die VerĂ€nderung seines Äußeren geht! Christa bemerkt Franks Unmut und zieht ihn an sich, um ihm einen kurzen aber intensiven Kuß zu geben, welcher seine Stimmung spĂŒrbar aufhellt. Sich in besitzergreifender Weise bei ihm einhakend, verlĂ€ĂŸt Christa schließlich mit Frank das Haus, wobei ihre Schritte durch einen ausgeprĂ€gten Tatendrang beflĂŒgelt werden.
Frank kann sich Christas ansteckender Unternehmungslust nicht lange entziehen, weshalb er ihr nun – den Chauffeur mimend – die AutotĂŒr öffnet, um danach hinter dem Lenkrad Platz zu nehmen und (mit sichtlichem Genuß) den Motor in Gang zu setzen. Dank des schlechten Wetters ist die Autobahn relativ frei, so daß Christa und Frank schon nach einer knappen halben Stunde zĂŒgiger Fahrt und zu den KlĂ€ngen von „Frank Sinatras greatest Hits“ das Kasseler Stadtgebiet erreichen.
Die attraktive und elegant gewandete Christa und ihr lediglich mit einer schlichten Bluejeans und einer roten Regenjacke bekleideter Begleiter bilden ein zumindest Ă€ußerlich recht ungleiches Paar, das in der Kasseler FußgĂ€ngerzone einige neugierige und erstaunte Blicke auf sich zieht. Christa nimmt diese Aufmerksamkeit kaum zur Kenntnis, zumal sie weiß, daß Franks Äußeres bald eine wesentliche VerĂ€nderung erfahren wird. Frank hingegen verspĂŒrt ein gewisses Unbehagen, denn er befĂŒrchtet, fĂŒr einen armen Verwandten gehalten zu werden.
Frank und Christa nĂ€hern sich jetzt dem Herrenausstatter, den Christa fĂŒr Franks Verwandlung in einen Ă€ußerlich adĂ€quaten Partner vorgesehen hat. Weil Christa Franks ausgeprĂ€gte Abneigung gegen jede Art von Anproben kennt, verwickelt sie ihn nun allmĂ€hlich in ein GesprĂ€ch ĂŒber Psychologie und Literatur – zwei Themen, ĂŒber die beide oft schon stundenlang angeregt diskutiert haben. Christas Taktik ist erfolgreich, denn Frank hat seine Umgebung schon nach wenigen SĂ€tzen völlig vergessen, so daß sie ihn problemlos in das HerrenmodengeschĂ€ft hinein manövrieren kann. Frank wird Christas List erst gewahr, als er sich bereits in einer Umkleidekabine befindet und eine hĂŒbsche, junge VerkĂ€uferin ihm die von Christa zur Anprobe ausgewĂ€hlten KleidungsstĂŒcke hereinreicht.
Frank erkennt, daß er sich dieser Situation nicht auf ehrenhafte Weise entziehen kann und beschimpft in Gedanken die hinterhĂ€ltige Christa, die sich wĂ€hrenddessen angeregt mit dem GeschĂ€ftsinhaber unterhĂ€lt, der zu ihrem engeren Freundeskreis gehört und von Christa in ihren Überlistungsplan eingeweiht worden war. Christa freut sich zunĂ€chst ihrer eigenen Gerissenheit, muß aber plötzlich feststellen, daß Frank – wohl auch um sich an Christa zu rĂ€chen – beginnt, mit der jungen Angestellten, – welche ihm beim Umkleiden assistiert – lebhaft herumzuflirten. Christa möchte dem am liebsten durch direktes Einschreiten ein Ende machen, entscheidet sich aber schließlich dafĂŒr, Franks im Grunde harmloses Treiben zumindest scheinbar zu ignorieren und ihm seine GelĂŒste nach „pubertierenden SchulmĂ€dchen“ in dieser Nacht möglichst ein fĂŒr alle Mal auszutreiben.
Frank gewinnt im Verlauf dieser von Christa so geschickt arrangierten Einkleidungsaktion zunehmend den Eindruck, daß sie ihn offenbar in ihr perfektes, mĂ€nnliches Spiegelbild verwandeln will, um Frank allmĂ€hlich vollends zu vereinnahmen. Bei dieser Erkenntnis regt sich zunĂ€chst Franks Widerspruchsgeist, letzten Endes ĂŒberwiegt jedoch seine Neugierde auf den weiteren Fortgang dieser Eroberungsaktion.
WĂ€hrend sie die nicht gerade niedrige Rechnung bezahlt und sich von ihrem ErfĂŒllungsgehilfen verabschiedet, lĂ€ĂŸt Christa noch eine boshaft-ironische Bemerkung ĂŒber die „wirklich sehr zuvorkommenden weiblichen Angestellten“ dieses GeschĂ€fts fallen, wirft der jungen VerkĂ€uferin einen spöttisch-herablassenden Blick zu und verlĂ€ĂŸt dann in betont selbstbewußter Haltung mit Frank den Ort des Geschehens! Jetzt mit einer leichten, cremefarbenen Hose, einer dunkelblauen Seidenjacke und einem hellen Trenchcoat bekleidet, betrachtet Frank sich und die neben ihm gehende Christa in den spiegelnden Schaufenstern der GeschĂ€fte, wobei er sich selbst nun tatsĂ€chlich wie ihr jĂŒngeres, mĂ€nnliches Pendant vorkommt.
Obwohl er Christa ihrer HinterhĂ€ltigkeit wegen immer noch ein wenig grollt, muß Frank doch andererseits – wenn auch etwas widerwillig – innerlich zugeben, daß sich sein Erscheinungsbild auffallend positiv verĂ€ndert hat. Irritiert ist Frank allerdings aufgrund des bisherigen Ausbleibens weiterer ironischer oder spöttischer Bemerkungen bezĂŒglich seiner kleinen TĂ€ndelei mit der hĂŒbschen, jungen Angestellten des Herrenausstatters. Beunruhigt ist er auch durch Christas hintergrĂŒndiges LĂ€cheln, denn es kĂŒndigt höchstwahrscheinlich ihre Reaktion auf seinen kurzen „Flirt“ in der Umkleidekabine an! Christa spĂŒrt Franks NervositĂ€t, und sie weiß, daß er sich jetzt fragt, auf welche Weise sie sich wohl fĂŒr seinen Fehltritt Genugtuung verschaffen wird; Christa lĂ€ĂŸt Frank indessen ungerĂŒhrt im Saft seiner Ungewißheit schmoren, denn Strafe muß sein!
Nachdem die große Tasche des Herrenausstatters im Kofferraum des Jaguars deponiert ist, stellt Christa Frank vor die Wahl, sie entweder bei ihrem Rundgang durch einige noble DamenmodengeschĂ€fte und AntiquitĂ€tenlĂ€den zu begleiten oder wĂ€hrend dieser Zeit ins Kino zu gehen. Frank entscheidet sich nach einem Blick auf das triste Programm des in der FußgĂ€ngerzone gelegenen Kinos schließlich dafĂŒr, Christa zu begleiten, obwohl ModegeschĂ€fte ihn fast ebensosehr ermĂŒden wie OpernauffĂŒhrungen! Christa und Frank ziehen in der Innenstadt wiederum einige neugierige Blicke auf sich, die nach Franks „Metamorphose“ allerdings eher bewundernder Art sind, was Christa mit großem Wohlgefallen zur Kenntnis nimmt.
Christa erwirbt – unter anderem im Hinblick auf den heutigen Abend, der fĂŒr den noch „jungfrĂ€ulichen“ Frank zu einem möglichst eindrucksvollen Erlebnis werden soll – ein kimonoartiges, dunkelrotes Seidengewand, welches sie besonders verfĂŒhrerisch erscheinen lĂ€ĂŸt und Frank schon bei einer kurzen Anprobe in nicht unerhebliche Erregung versetzt. Auch einer blaubraun gemusterten und geradezu polartauglich anmutenden edlen Pelzjacke kann Christa angesichts des nahenden Winters nicht widerstehen – Frank ist allerdings weniger begeistert, denn er darf die Taschen mit Christas Anschaffungen tragen!




Nachdem auch diese Taschen im Kofferraum verstaut sind, lĂ€ĂŸt Christa schließlich Gnade walten und verzichtet auf eine Inspizierung der AntiquitĂ€tenlĂ€den. Statt dessen fĂ€hrt sie mit dem nun sichtlich erschöpften Frank nach Kassel-Wilhelmshöhe, um ihn dort im Schloßrestaurant zu einem vorzĂŒglichen Abendessen einzuladen. Der zunĂ€chst sehr intensive Regen ließ im Verlauf des Tages allmĂ€hlich nach und hörte am spĂ€ten Nachmittag zu guter Letzt ganz auf, so daß Christa und Frank nach ihrem wohlschmeckenden aber auch reichhaltigen Mahl noch einen ausgedehnten „Verdauungsspaziergang“ im weitlĂ€ufigen Schloßpark unternehmen können.
Der Park ist – von der direkten Umgebung des Schlosses abgesehen – menschenleer, weshalb sich Frank gerne mit Christa auf eine der romantisch gelegenen BĂ€nke setzen wĂŒrde, doch leider sind diese hierfĂŒr viel zu naß und ein kĂŒhler Wind weht. Er bescheidet sich daher damit, seinen Arm um Christas HĂŒfte zu legen, woraufhin sie Frank ebenfalls umfaßt und mit ihm in gemĂ€chlichem Schritt den weiten Park umrundet. Franks VerĂ€rgerung ĂŒber Christas hinterhĂ€ltige Verwandlungsaktion verfliegt zunehmend und macht allmĂ€hlich wieder einer tief empfundenen Zuneigung Platz. Christa, die seinen Stimmungswandel deutlich wahrnimmt, zieht Frank schließlich enger an sich heran und verspĂŒrt nun selbst eine gewisse Abscheu gegen ihren Vergeltungsplan.
Auf dem RĂŒckweg nach Göttingen schlĂ€ft Frank  von den Ereignissen des Tages ermĂŒdet  mehrmals beinahe ein, was ihn jedoch nicht daran hindert, die Hand der nun ihn chauffierenden Christa nahezu wĂ€hrend der ganzen Fahrt festzuhalten, was dank des automatischen Getriebes auch gefahrlos möglich ist. Den ursprĂŒnglichen Zorn ĂŒber Franks kleinen Seitensprung mittlerweile als völlig ĂŒbertrieben und ihrer selbst als unwĂŒrdig empfindend, fĂŒhlt sich Christa durch diese vertrauensvolle Geste nun tief im Innersten angerĂŒhrt. Angesichts der Heftigkeit ihres inzwischen abgeklungenen Unmuts verspĂŒrt Christa allerdings auch eine gewisse Beunruhigung, denn sie erkennt darin ein verborgenes Anzeichen fĂŒr den unerwartet hohen Stellenwert, den Frank in ihrer Seele offenbar schon einnimmt!
Christa umgab sich im Laufe der Jahre mit einem handverlesenen Kreis treuer Freunde, welche ihrem sozialen und kulturellen Niveau entsprechen. Die meisten von ihnen verehren die attraktive, erfahrene und gebildete Christa sehr, weshalb es fĂŒr Christa auch kein großes Problem wĂ€re, diese ĂŒberwiegend verheirateten MĂ€nner ihren Frauen fortzunehmen. TatsĂ€chlich wollten jene MĂ€nner Christa oft schon nach einigen gemeinsam verbrachten LiebesnĂ€chten ehelichen, wogegen sie allerdings begrĂŒndete Vorbehalte hatte, denn Christa mußte – wie schon einmal erwĂ€hnt wurde – in ihren vorhergehenden Partnerschaften einige herbe – teilweise allerdings auch selbst verschuldete – EnttĂ€uschungen hinnehmen und möchte sich nun verstĂ€ndlicherweise vor weiteren, unangenehmen Erfahrungen dieser Art schĂŒtzen.
Christa hatte in ihrer Beziehung zu Frank anfĂ€nglich nur ein reizvolles Spiel – einen interessanten Zeitvertreib – gesehen, ohne sich dabei auch nur im Mindesten zu tieferen GefĂŒhlen verleiten lassen zu wollen. Innerhalb der letzen Wochen mußte sie jedoch zu ihrer nicht geringen Verwunderung feststellen, daß Frank genau der anhĂ€ngliche, geistreiche und trotzdem noch in gewissen Grenzen formbare junge Geliebte ist, nach dem sie sich unbewußt schon seit lĂ€ngerer Zeit gesehnt hatte! WĂ€hrend Christa einen Blick auf den neben ihr sitzenden Frank wirft, wird ihr erneut die Mitverantwortung bewußt, die sie inzwischen fĂŒr ihn trĂ€gt und sie versucht, die Auswirkungen, die die Ereignisse der heutigen Nacht auf seine seelische Weiterentwicklung haben könnten, abzuschĂ€tzen.
Christa erkennt plötzlich mit erschreckender Klarheit, daß sich ihre Beziehung zu Frank in einer Weise zu entwickeln droht, die von ihr ursprĂŒnglich absolut nicht vorgesehen war und schwer abwĂ€gbare Folgen zeitigen kann. Sie lĂ€uft allmĂ€hlich Gefahr, sich gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig zu sehr zu engagieren, und damit einen Fehler zu wiederholen, der ihr in frĂŒheren Zeiten schon mehrfach erhebliche Schwierigkeiten eingebracht hatte. Christa hatte damals an einige MĂ€nner, mit denen sie teilweise bis zu einem knappen Jahr zusammenlebte, allzutief empfundene GefĂŒhle verschwendet, was ihr zum Ende der Beziehung hin oft schlecht gedankt wurde.
NatĂŒrlich erlagen diese MĂ€nner zunĂ€chst Christas Charme und ihren unbestreitbaren weiblichen Reizen. Sie genossen auch Christas FĂŒrsorglichkeit und ihren Drang, Menschen, an denen ihr etwas liegt, ein wenig zu bemuttern – nur neigte Christa im Laufe der Zeit leider auch dazu, ihre Partner zu bevormunden, wobei dies alles natĂŒrlich nur zum Besten des jeweiligen Mannes geschehen sollte. Nach einiger Zeit regten sich bei Christas Partnern jedoch wieder der Mannesstolz und der Selbstbestimmungswunsch, was teilweise erbitterte Auseinandersetzungen zur Folge hatte, denn Christa beharrte oft eisern auf ihrem Standpunkt, zumal sie das Recht meistens auf ihrer Seite wußte.
Diese „Beziehungen“ endeten ĂŒberwiegend im Zorn und in gegenseitiger Verachtung, weshalb Christa in den folgenden Jahren von solchen Lebensgemeinschaften abstand nahm. Christas Leben verlief seitdem nach einigen selbst definierten GrundsĂ€tzen, die ihr weitere unangenehme Erlebnisse dieser Art ersparten und Christa endlich wieder zu sich selbst finden ließen. Christa beschrĂ€nkte ihre Kontakte zu MĂ€nnern nun im wesentlichen auf den schon erwĂ€hnten Kreis guter und oft langjĂ€hriger Bekannter und Freunden, welche die charmante, niveauvolle und ĂŒberaus attraktive Christa nach wie vor sehr verehren. Diese „AuserwĂ€hlten“ wissen inzwischen, daß es sinnlos ist, Christa einen Heiratsantrag zu machen, ohne allerdings die wirkliche Ursache fĂŒr ihre ablehnende Haltung zu kennen.
Wenn tatsĂ€chlich einmal ein Heiratsantrag gestellt wird, weist Christa ihn in verstĂ€ndnisvollem aber bestimmtem Ton ab, wobei sie als BegrĂŒndung stets ihre UnabhĂ€ngigkeit nennt, die sie auf keinen Fall aufzugeben bereit sei. Den schwerwiegenderen Grund – nĂ€mlich die höchst unerfreulichen Erlebnisse ihrer Vergangenheit – hat Christa selbst vor ihren vertrautesten Bekannten bisher geheimgehalten. Christa erhĂ€lt sich ihren Verehrerkreis durch eine ausgewogene Verteilung ihrer Gunst, wobei ein gemeinsamer Restaurantbesuch als Ehre, ein Abend bei Kerzenschein als besondere Auszeichnung und eine in Christas Bett verbrachte Nacht von den meisten „AuserwĂ€hlten“ beinahe als letzte Stufe vor dem Himmelreich betrachtet wird.
Nachdem sie die Jahre der Auseinandersetzungen und EnttĂ€uschungen hinter sich gebracht hatte, beschloß Christa, nun jene schönen Seiten des Lebens zu genießen, die ihr vorher gar nicht oder in viel zu geringem Maß zuteil wurden! Von nun an wollte sie alle Dinge, die ihrer Seele und ihrem Körper abtrĂ€glich sein könnten aus ihrem Lebenskreis aussperren, was ihr mittlerweile auch weitestgehend gelingt. Sie verabscheut Kompromisse und gibt sich mit vollem Genuß ihrem luxuriösen Lebensstil hin, den sie mit einem Schuß niveauvoller Exzentrik wĂŒrzt!
VerstĂ€ndlicherweise ist Christa durch die plötzliche Bewußtwerdung ihrer wachsenden Zuneigung zu Frank erheblich beunruhigt, denn ihre in den letzten Jahren gewonnene Ausgeglichenheit beruhte schließlich zu einem großen Teil auf der Vermeidung tiefergehender GefĂŒhle dieser Art. Andererseits verspĂŒrte Christa wĂ€hrend der letzten Wochen in Franks Gegenwart oft ein GefĂŒhl tiefster, innerer Zufriedenheit, wie sie es zuvor nur sehr selten erlebt hatte. Christa fĂŒhrt diesen Zustand auf die Tatsache zurĂŒck, daß sie in Frank wieder einen Menschen gefunden hat, der nicht nur ihre RatschlĂ€ge zu schĂ€tzen weiß, sondern ihr auch das GefĂŒhl gibt, wirklich gebraucht zu werden!
Christa ist sich allerdings der Tatsache bewußt, daß ein geschicktes Vorgehen notwendig ist, um sich einerseits Franks Zuneigung zu erhalten und andererseits die Wiederholung frĂŒher begangener Fehler zu vermeiden!
Zu Hause muß Christa den plötzlich sehr mĂŒde werdenden Frank beinahe die Treppe hinauf schieben, weshalb sie ihn anschließend direkt zur großen Wohnzimmercouch bringt, auf die er dankbar niedersinkt. Christa verriegelt die WohnungstĂŒr und lĂ€ĂŸt die Metalljalousien der Fenster herunter, woraus Frank schließt, das er heute auch die Nacht bei ihr verbringen soll, was bisher noch nie geschah und ihn mit freudiger Erregung erfĂŒllt, andrerseits aber auch beunruhigt.
Christa rĂ€t Frank, es sich schon einmal gemĂŒtlich zu machen und vor allem die Schuhe auszuziehen. Schließlich gießt sie ihm zur Entspannung noch ein Glas Sherry ein und geht dann verheißungsvoll lĂ€chelnd aus dem Zimmer. Nach einigen Minuten kehrt Christa  nun in den neuen, dunkelroten Seidenkimono gehĂŒllt  zu Frank zurĂŒck, um seine Reaktion auf ihr verĂ€ndertes Erscheinungsbild zu testen. Frank verschlĂ€gt der Anblick der ohnehin sehr attraktiven, aber in diesem Gewand geradezu atemberaubend schönen Christa schier die Sprache und auch seine KrĂ€fte verlassen ihn in diesem Moment gĂ€nzlich, so daß er noch nicht einmal von der Couch aufstehen kann.
Christa, die seine Bewunderung als warmen, ihren Körper umströmenden Wind wahrnimmt, zieht Frank mit leichter Hand von der Couch hoch und preßt ihn dann genußvoll an sich. Von einem heftigen Verlangen erfĂŒllt, legt sie zunĂ€chst ihre Arme um seine Schultern, umfaßt dann seinen Kopf, und gibt Frank schließlich einen Kuß, der ihm beinahe den Verstand raubt. SĂ€mtliche Bedenken und Zweifel von sich werfend, fĂŒhrt Christa ihren jungen Geliebten nun in ihr Schlafzimmer, welches in gedĂ€mpftes Licht getaucht ist und von leiser, romantischer Klaviermusik erfĂŒllt wird.
Frank fĂŒhlt sich nach Christas alles verschlingender Umarmung und ihrem feurigen Kuß immer noch sehr benommen und lĂ€ĂŸt sich von ihr daher widerstandslos zu ihrem großen französischen Bett geleiten, welches ganz und gar aus schimmernder, cremefarbener Seide zu bestehen scheint. Christa schlĂ€gt die weit ĂŒberhĂ€ngende seidene Steppdecke zurĂŒck und drĂŒckt Frank sanft auf den Rand der ebenfalls mit Seide ĂŒberzogenen Matratze herab, um ihn behutsam zu entkleiden. Christa tut dies gerade so, wie man ein kostbares Geschenk auspackt und Frank lĂ€ĂŸt es sich auch gerne gefallen, zumal sie dabei schließlich in sehr anmutiger Weise vor ihm niederkniet.
Christa stellt befriedigt fest, daß Frank sein inneres Gleichgewicht nun allmĂ€hlich wiedergewonnen hat, denn sie war ĂŒber die unerwartet nachhaltige Wirkung ihres Kusses zuletzt doch ein wenig beunruhigt gewesen. Sie macht sich bewußt, das sie bei der Eroberung dieses sensiblen jungen Mannes bei weitem nicht mit jener Direktheit und SchĂ€rfe vorgehen darf, die sie bei reiferen und sexuell erfahreneren MĂ€nner zur Anwendung bringt, wenn Frank keine lĂ€ngerfristigen seelischen SchĂ€den davontragen soll.
Frank hat sich inzwischen erleichtert hingelegt und Christa zieht die Steppdecke bis ĂŒber seine nackten Schultern hinauf. Er stellt erstaunt fest, daß dieses Bett offenbar ganz darauf hin angelegt worden war, den Körper möglichst sanft einzuhĂŒllen und den Gedanken an ein Aufstehen gar nicht mehr entstehen zu lassen. WĂ€hrend sich Frank auf der breiten und angenehm weichen Matratze ausstreckt, findet er unter einem Kissen zufĂ€llig die Kabelfernbedienung der Bettverstellung. Christa hatte anscheinend an alles gedacht, ein grĂ¶ĂŸerer Luxus war wohl kaum mehr möglich! Der Anblick, der mittlerweile entspannt neben ihm im Bett liegenden Christa verursacht bei Frank eine ungeheure GĂ€nsehaut, denn er sieht sich nun kurz vor der ErfĂŒllung der TrĂ€ume seiner schlaflosen NĂ€chte!
Christa greift nach der Bettsteuerung und fÀhrt das Kopfteil etwas weiter nach oben, um Frank besser betrachten zu können:
Diesem noch kaum gereiften junge Mann war es tatsĂ€chlich gelungen, unbewußt einige jener GrundsĂ€tze ins Wanken zu bringen, welche ihr wĂ€hrend der vergangenen Jahre ein zutiefst ausgeglichenes und von peinigenden seelischen StĂŒrmen freies Leben verschafft hatten, denn Christa empfindet bei seinem Anblick ein GefĂŒhl tiefster Zuneigung (oder ist es etwa schon Liebe?) und plötzlich verspĂŒrt sie den Wunsch, ihm in dieser Nacht etwas besonders Gutes zu tun.
* * * * *
Christa erhĂ€lt sich ihre Gesundheit und unbestreitbare Schönheit im wesentlichen durch einen ausgiebigen und meist sehr tiefen Schlaf, den sie vor allem der unĂŒbertroffenen Bequemlichkeit ihres luxuriösen Bettes verdankt. Hier verbringt Christa bei schlechtem Wetter – sofern dem keine interessanteren Vorhaben entgegenstehen – oft auch den grĂ¶ĂŸten Teil des Tages, denn es gehört fĂŒr sie zu den höchsten GenĂŒssen, im Bett liegend und mit einem schmackhaften Essen vor sich dem vom tiefgrauen Himmel herabströmenden Regen zu lauschen und dabei gute Musik zu hören oder einen unterhaltsamen Film anzuschauen.
An diesem Sonntagmorgen gibt sich Christa besonders ausdauernd Morpheus Armen hin, denn die Nacht mit Frank war zwar sehr schön aber auch recht lang; außerdem heult schon seit mehreren Stunden ein krĂ€ftiger Sturm ums Haus, was Christas Schlaf von jeher sehr zutrĂ€glich war. Von den Wogen des Schlafes sanft umfangen, nĂ€hert sich Christa erst am spĂ€ten Vormittag allmĂ€hlich wieder den Ufern des Erwachens und kurz nach 11 Uhr öffnet sie schließlich in der Dunkelheit des Schlafzimmers ihre Augen. Nach wenigen Sekunden schließt Christa ihre Augen jedoch wieder, um die warme Umschmeichelung ihres Bettes und die Erinnerung an die vergangene Nacht nochmals fĂŒr einige Minuten ungestört genießen zu können.
Die schlaffördernde Gestaltung der luxuriösen Lagerstatt zeigt nun erneut ihre Wirkung, denn Christa widersteht nur mit großer MĂŒhe der sĂŒĂŸen Verlockung, sich abermals ihren wohltuenden TrĂ€umen zu ĂŒberlassen. Nach einem Blick auf die rot glimmende Zeitanzeige des Radioweckers schaltet Christa schließlich doch die Nachttischlampe ein, wartet, bis deren Licht einen warmen goldenen Farbton angenommen hat und zieht ihre Beine dann mit einem GefĂŒhl des Bedauerns unter der warmen Steppdecke hervor.
Ein wenig fröstelnd hĂŒllt sich Christa nun in einen bequemen aprikosenfarbenen Webpelzhausmantel, um zunĂ€chst einmal die Alarmanlage auf Tagessicherung umzuschalten. Leise brummend geben die Jalousien die Fenster frei, und Christa wirft einen kurzen Blick auf den nach wie vor tobenden Sturm und die schnell fliegenden Wolken; zumindest regnet es nicht, doch es ist wesentlich kĂ€lter geworden. Christa mißt der jeweils herrschenden Wetterlage jedoch bereits seit lĂ€ngerer Zeit nur noch eine vergleichsweise geringe Bedeutung zu, denn sie weiß jedes Wetter fĂŒr sich auszunutzen, zumal ihre umfangreiche Garderobe tropischer Hitze und arktischer KĂ€lte gleichermaßen gerecht wird.
Frank scheint der einschlÀfernden Wirkung des Seidenbettes vollstÀndig erlegen zu sein, denn auch das Brummen der sich öffnenden Jalousien und das hereinscheinende fahle Tageslicht vermochten ihn noch nicht zu wecken. Christa setzt sich vorsichtig neben Frank auf die Bettkante, um sein durch den Schlaf sehr entspannt wirkendes Gesicht zu betrachten, auf welchem ein zufriedenes LÀcheln liegt. Wahrscheinlich trÀumt er in diesem Moment von den Ereignissen der vergangenen Nacht:
Christa hatte Frank mit großem EinfĂŒhlungsvermögen, viel Geduld und aller gebotenen Behutsamkeit an die Freuden der Liebe herangefĂŒhrt, wobei Frank ihre sachkundige FĂŒhrung nach der Überwindung anfĂ€nglicher Ängste schließlich vertrauensvoll annahm. Christa hatte ihr Möglichstes getan, um diese Nacht fĂŒr Frank besonders angenehm zu gestalten und seine Reaktion schien ihren Erfolg zu bestĂ€tigen.
Die Steppdecke war ein wenig heruntergerutscht, weshalb Christa sie vorsichtig wieder ĂŒber Franks nackte Schultern zieht, wodurch er aufwacht. Frank glaubt zunĂ€chst, sich immer noch in einem schönen Traum zu befinden, dann wird ihm allerdings bewußt, daß er tatsĂ€chlich in Christas Bett liegt, wĂ€hrend sie selbst neben ihm sitzt und ihn mit wohlwollendem Interesse ansieht. Diese Erkenntnis erfĂŒllt Frank mit großer Erleichterung und er versucht, sich aufzurichten, um Christa zu umarmen. Christa kommt Frank jedoch zuvor, indem sie ihn mit einer sanften Handbewegung wieder in die Kissen zurĂŒck drĂŒckt und zĂ€rtlich seine Stirn kĂŒĂŸt. Christa spĂŒrt, daß Frank ihr jetzt endgĂŒltig verfallen ist – diese Gewißheit versetzt sie in einen angenehmen leichten Rauschzustand!
Frank möchte nun doch gerne aufstehen – er schĂ€mt sich allerdings ein wenig seiner BlĂ¶ĂŸen, weshalb Christa ihm schließlich einen warmen orangeroten Morgenmantel und ein Paar bequemer Schlappen gibt. Der Mantel und die Schlappen sind fĂŒr Frank ein wenig zu groß und sie bestĂ€tigen außerdem erneut seine Vermutung, daß Christa ihn allmĂ€hlich in ihr perfektes mĂ€nnliches Spiegelbild verwandeln will, um ihn letztendlich ganz zu vereinnahmen. Frank versucht jedoch nicht, gegen Christas Vorhaben Einspruch zu erheben, denn es erscheint ihm noch immer wie ein Wunder, daß sich eine Frau wie sie ĂŒberhaupt fĂŒr ihn interessiert – ein GlĂŒck, welches er keinesfalls aufs Spiel setzen möchte.
Franks schlanke junge Gestalt betrachtend, verspĂŒrt Christa in sich erneut ein aufsteigendes GefĂŒhl des Verlangens, das es zu befriedigen gilt. Sie fĂŒhrt Frank deshalb in ihr luxuriöses Badezimmer, welches unter anderem mit einem runden Sprudelbad ausgestattet ist und durch eine blickdichte Glasbausteinwand erhellt wird. Christa dreht in der Dusche das Wasser an und geheißt Frank, seinen Morgenmantel auszuziehen und in die Kabine zu steigen. WĂ€hrend Frank von freudig-kribbelnder Erwartung erfĂŒllt ihren Anweisungen nachkommt, entkleidet sich Christa ebenfalls und folgt ihm dann in die Dusche.
Christa reicht Frank das Duschbad sowie einen weichen Schwamm, auf daß er sie wasche, was er ein wenig verwundert, aber mit zunehmender Begeisterung dann auch tut. Nachdem Christa einige Sekunden damit verbracht hat, Franks sorgsame und liebevolle Reinigung zu genießen, beginnt sie, ihn ihrerseits behutsam einzuschĂ€umen, und eine vergnĂŒgliche halbstĂŒndige Duschorgie nimmt ihren Lauf. GlĂŒcklich aber auch ein wenig erschöpft setzen sich Christa und Frank nach ihrem „Badefest“ warm eingehĂŒllt in die KĂŒche, um dort ihre mittlerweile energisch nach einer FĂŒllung verlangenden MĂ€gen zu beruhigen. WĂ€hrend des FrĂŒhstĂŒcks eröffnet Christa dem ihr gegenĂŒbersitzenden Frank, daß sie nun bald die schon seit lĂ€ngerem erwogene VergrĂ¶ĂŸerung und grundlegende Renovierung seiner Mansardenwohnung durchfĂŒhren lassen wird.
Auf Franks Einwand, daß ihm seine „Literatenklause“ mit ihrer bohemehaften Schlichtheit sehr gut gefalle, erwidert Christa, daß sie es nicht zulassen könne, daß er weiterhin in jenem „primitiven Bretterverschlag“ lebe, zumal große Teile des Dachbodens schon seit mehreren Jahren ungenutzt seien und sich fĂŒr einen Umbau in idealer Weise eigneten. Nachdem Frank von Christas UmbauplĂ€nen erfahren hat, möchte er verstĂ€ndlicherweise gerne wissen, in welcher Form die Renovierung erfolgen soll und wie seine Wohnung nach deren Beendigung aussehen wird; von Christa erhĂ€lt er allerdings nur die Auskunft, daß die Arbeiten in drei Tagen beginnen wĂŒrden, von deren Resultat er sich im ĂŒbrigen mit gutem Gewissen ĂŒberraschen lassen könne!
Christa hat mit den Umbauten jenen Innenarchitekten betraut, der seinerzeit auch ihre eigene Wohnung einrichtete, wodurch die hohe QualitĂ€t des Endergebnisses sichergestellt ist. Christa beauftragte ihn, den in ihrer Wohnung verwendeten, unaufdringlich-luxuriösen Einrichtungsstil unter Anpassung an die rĂ€umlichen VerhĂ€ltnisse auch auf die neue Dachwohnung zu ĂŒbertragen. Christa verfolgt hierbei zwei Ziele: einerseits möchte sie bei Besuchen in Franks Wohnung keinesfalls auf den „standesgemĂ€ĂŸen“ Komfort verzichten, andererseits möchte sie Frank auf diesem Wege aber auch allmĂ€hlich an ihren eigenen Lebensstil gewöhnen, um ihn schrittweise in einen adĂ€quaten Geliebten zu verwandeln.
Frank Ă€rgert sich ĂŒber Christas Vorgehensweise, denn er kann sich des GefĂŒhls nicht erwehren, daß sie ihn wieder einmal mehr nach allen Regeln der Kunst ĂŒberrumpeln wird, wie sie es auch schon bei seiner Neueinkleidung in Kassel tat. Ein wenig gereizt fragt er Christa nun, wo er denn eigentlich wĂ€hrend dieser Renovierung wohnen solle. Christa spĂŒrt deutlich Franks nicht unerhebliche Verstimmung und ergreift sofort bewĂ€hrte und wirkungsvolle Gegenmaßnahmen, indem sie sich anmutig erhebt und mit einem LĂ€cheln, welches jeden Widerstand dahinschmelzen lĂ€ĂŸt, um den KĂŒchentisch herum auf Frank zu geht.
Vor ihm stehend, umfaßt Christa warm Franks HĂ€nde und zieht ihn dann sanft, aber jede Gegenwehr unmöglich machend, vom Stuhl zu sich herauf. Sie legt ihre Arme weich um Franks schmale Schultern, wobei sie ihm liebevoll tief in die Augen sieht, was sein Vorhaben, sich von Christa diesmal nicht „sanft ĂŒberwĂ€ltigen“ und umstimmen zu lassen, sehr schnell zunichte macht. Mit einem langen, gefĂŒhlvollen Kuß löst Christa Franks Abwehr schließlich ganz auf und erklĂ€rt ihm dann mit leiser, warmer Stimme, daß er wĂ€hrend des Umbaus selbstverstĂ€ndlich bei ihr wohnen wird  Frank empfindet bei diesen Worten ein unbeschreibliches GlĂŒcksgefĂŒhl und sein Oppositionsgeist ist jetzt endgĂŒltig dahin. Christa drĂŒckt Frank nun noch einmal lustvoll an sich, um ihn fĂŒr einige Augenblicke mit aller Macht die Aura ihrer Weiblichkeit verspĂŒren lassen, wodurch er beinahe die Besinnung verliert.
Christa erkennt Franks bedenklichen Zustand und ihr wird bewußt, daß sie bei der Befriedigung ihrer GelĂŒste beinahe ĂŒber jenes Maß hinausgegangen wĂ€re, welches dieser sensible junge Mann gerade noch zu ertragen imstande ist. Von Gewissensbissen geplagt bringt Christa Frank nun wieder ins Schlafzimmer zurĂŒck, wobei sie ihn schon mehr tragen als fĂŒhren muß und legt ihn dort behutsam in ihr Bett. Neben Frank auf dem Bettrand sitzend und ihn sorgenvoll betrachtend beginnt Christa, sich ĂŒber ihr eigenes selbstsĂŒchtiges Verhalten zu Ă€rgern, weil es sich mit der Verantwortung, welche sie fĂŒr Frank trĂ€gt, absolut nicht vereinbaren lĂ€ĂŸt. Christa weiß, daß sie durch ihren jeweiligen Umgang mit Frank einen nicht unerheblichen Einfluß auf sein zukĂŒnftiges Leben ausĂŒbt, sei es nun zum Guten oder zum Schlechten hin – eine Situation, welche sie durch ihre Kinderlosigkeit stets zu vermeiden trachtete!
Christa verflucht fĂŒr einen Moment ihre eigene Leichtsinnigkeit – was hatte sie nur dazu getrieben, sich mit diesem zwar sehr geistreichen und sympathischen, aber auch entsetzlich sensiblen und unreifen jungen Mann einzulassen? Christa bemerkt, daß Frank allmĂ€hlich sein Orientierungsvermögen zurĂŒckgewinnt, wodurch in ihr unvermittelt der Wunsch geweckt wird, diesen Störer ihrer ausgeglichenen LebensfĂŒhrung aus ihrer Wohnung zu werfen, ihm seine Literatenklause zu kĂŒndigen und Frank auf diesem Wege fĂŒr immer aus ihrem Leben zu entfernen!!
Kurz vor der Umsetzung des Wunsches in die Tat regt sich jedoch lebhaft Christas Gerechtigkeitssinn, welcher sie ermahnt, die Schuld fĂŒr ihre momentanen Probleme eher bei sich selbst als bei Frank zu suchen. Auch die Kauffrau in ihr meldet sich zu Wort, und weist Christa darauf hin, daß alles, was sie an Zeit und Geld in Frank investiert hatte, bei einem Beziehungsbruch sinnlos verschwendet wĂŒrde. Christa erkennt, daß Franks Innenleben – wenn auch noch etwas zögerlich – wieder in normale Bahnen zurĂŒckfindet. Sobald seine Verfassung dies zulĂ€ĂŸt, wird er ihr wahrscheinlich erneut ihre EigenmĂ€chtigkeiten hinsichtlich der Renovierung seiner Mansarde vorzuwerfen; Christa will dieses ĂŒberflĂŒssige und unerquickliche Wortgefecht auf jeden Fall vermeiden, weshalb sie nun abermals geschickt die ihr gegebenen FĂ€higkeiten einsetzt, um Franks Trotz möglichst bereits im Ansatz aufzulösen:
WĂ€hrend Frank noch verzweifelt nach Worten des Protests gegen ihr listiges Vorgehen sucht, schiebt Christa schon ihre warme Hand unter die Bettdecke, um mit wissenden Bewegungen seine Brust zu streicheln. Nachdem Christa Franks Blut mit dieser „Kur“ in nicht unerhebliche Wallung gebracht hat, beugt sie sich tief zu ihm herab, umfaßt sanft seinen Kopf und fragt ihn dann – seiner Hörigkeit nun gewiß – ob er mit ihr nach London fahren wolle. Christa erfĂŒllt Frank hiermit einen schon seit sehr langer Zeit gehegten Wunsch und kann ihn auf diese Weise außerdem wĂ€hrend der gesamten Umbauzeit von seiner Mansarde fernhalten um etwaige Einmischungsversuche zu verhindern!
Das Angebot einer gemeinsamen Londonfahrt hat auf Frank – welcher durch Christas wiederholte „erotische Attacken“ zunehmend seiner KrĂ€fte beraubt worden war – eine ungemein belebende Wirkung. Von einem wachsenden Tatendrang ergriffen, bestĂŒrmt er Christa bald mit Fragen nach Beginn, LĂ€nge und Verlauf der geplanten Reise. Nachdem sie Frank mit der Eröffnung, daß die Fahrt bereits am nĂ€chsten Morgen beginnen soll und der Aufenthalt wahrscheinlich drei Wochen dauern wird, in erhebliches Erstaunen versetzt hat, sucht Christa die Telefonnummer des Kensington-Towers Hotels heraus. Es handelt sich hierbei um einen in den Sechzigerjahren erbauten Hotel-Doppelturm, der hinter seinen eher an ein BĂŒrohaus gemahnenden, großzĂŒgig verglasten Rasterfassaden zahlreiche komfortable Suiten und zwei luxuriöse PenthĂ€user verbirgt.
Das westlich der Londoner Innenstadt gelegene Hotel ist Christa von frĂŒheren Reisen her vertraut und hat ihr mehrmals als Ausgangspunkt fĂŒr Reisen in den SĂŒdosten Großbritanniens gedient. Es befindet sich in einer verkehrsgĂŒnstigen Lage am nordöstlichen Rand des relativ kleinen aber sehr baumreichen Holland Parks in direkter NĂ€he des gleichnamigen U-Bahnhofs der Central Line, von welchem aus man innerhalb weniger Minuten umsteigefrei bis ins Herz der britischen Hauptstadt gelangen kann. Christa tippt die mit Landes- und Ortsvorwahl recht lange Nummer in das Tastenfeld des Telefonhörers, woraufhin unter leisem, fernem Rattern der Verbindungsaufbau beginnt.
Nach einigen Sekunden wird das monotone, langgezogene Tuten des Freizeichens hörbar und schließlich meldet sich die Rezeption des Hotels. Die junge Empfangsdame erkennt Christa als ehemaligen Gast des Hauses und teilt ihr mit, daß das östliche Penthaus, welches einen besonders eindrucksvollen Ausblick auf das Stadtzentrum bietet, ab morgen frei sei. Christa bucht das Penthaus fĂŒr drei Wochen und lĂ€ĂŸt sich anschließend mit dem GeschĂ€ftsfĂŒhrer Edward Hales verbinden, welcher sich anlĂ€ĂŸlich ihrer zurĂŒckliegenden Aufenthalte im Kensington-Towers Hotel – zum damaligen Ă€ußersten Verdruß seiner Frau – dem Kreise ihrer glĂŒhendsten Verehrer zugesellt hatte. Obwohl Christa in diesem Hotel – das ihr seinerzeit von einem bei London lebenden Bekannten empfohlen worden war – damals lediglich eine knappe Woche verbrachte, reichte diese kurze Zeitspanne doch aus, um Edward Hales einen handfesten Ehekrach zu bescheren.
Der gutaussehende und ĂŒber eine distinguierte Ausstrahlung verfĂŒgende Edward war Christa sofort aufgefallen, denn er befand sich bei ihrer Ankunft zufĂ€lligerweise gerade selber an der Rezeption, wo er die TĂ€tigkeit einer jungen Auszubildenden ĂŒberwachte. Edwards angetrautes Eheweib hatte die Jahre seiner BlĂŒte leider schon hinter sich, weshalb er es sich nicht nehmen ließ, die auffallend attraktive Christa persönlich zu bedienen.
* * * * *
Edward hatte seine Frau vor nun fast fĂŒnfzehn Jahren in ebenjenem Hotel kennengelernt, dem er heute als GeschĂ€ftsfĂŒhrer vorsteht. Er war zu jener Zeit noch als Empfangschef tĂ€tig, wĂ€hrend sich Sarah als Hausdame um das Wohl der GĂ€ste bemĂŒhte. Beide gingen allein durchs Leben und Edward erlag im Laufe der hĂ€ufigen gemeinsamen Arbeit allmĂ€hlich Sarahs herbem Charme, wĂ€hrend sie sich durch Edwards Ă€ußere Ausgeglichenheit und seine scheinbare Charakterfestigkeit beeindrucken ließ.
Die Hochzeit folgte bald, doch die schnell einsetzende Gleichförmigkeit des tĂ€glichen Zusammenlebens zeigte allzu frĂŒh ihre negativen Auswirkungen. Sarah war in einer ausgesprochen konservativen Weise erzogen worden und ihre „vornehme ZurĂŒckhaltung“ ließ sie fĂŒr Edward zunehmend uninteressanter werden. Edward, der im tĂ€glichen Umgang mit den HotelgĂ€sten zu stets gleichbleibender und nimmer endender Freundlichkeit gezwungen war, wollte wenigstens nachts und an freien Tag seinen WĂŒnschen und Trieben nachgehen können, allerdings stieß er bei seiner eher spröden Gattin hiermit oft nur auf sehr verhaltene Gegenliebe!
Zu Edwards großer EnttĂ€uschung galt Sarahs Vorliebe eher Opern- und Theaterbesuchen als der Auslebung erotischer Sinnesfreuden, und auch ihr Äußeres verlor im Laufe der Zeit spĂŒrbar an Reiz. Edward war den KĂŒnsten zwar ebenfalls zugetan, doch von geistiger ErfĂŒllung allein konnte seine Seele nicht leben! Der Not gehorchend begann Edward schließlich damit, Sarah zu betrĂŒgen – er hatte allerdings wenig Freude daran, denn er wußte um den geradezu hexenhaften Scharfsinn seiner Frau, durch welchen sie seine „AffĂ€ren“ unweigerlich entdecken wĂŒrde!
Eines Tages – Edward war inzwischen zum GeschĂ€ftsfĂŒhrer aufgestiegen – stellte Sarah ihren untreuen Mann schließlich offen zur Rede. In scharfem aber beherrschtem Ton fragte Sarah Edward, woher er eigentlich die UnverschĂ€mtheit nĂ€hme, sie in dieser dreisten Art und Weise zu hintergehen. Edward gestand es sich selbst nur höchst ungern ein, doch er fĂŒrchtete sich vor Sarah, die dank ihrer kĂŒhlen Intelligenz und verbalen Schlagfertigkeit bei ehelichen Auseinandersetzungen so gut wie immer das letzte Wort behielt.
Wenn Sarah ihn nach dem Ende solcher Dispute – welche ĂŒberdies meistens zu ihren Gunsten ausgingen – in der Pose menschgewordener höherer Gerechtigkeit verließ, erfĂŒllte Edward stets ein peinigendes GefĂŒhl schmachvoller Unterlegenheit und allmĂ€hlich begann er, seine Frau zu hassen! Die bei Sarahs Anblick allzu oft aufkommende Unsicherheit mĂŒhevoll ĂŒberwindend, erklĂ€rte Edward ihr nun mit leidlich fester Stimme, daß er sich jene grundlegende und fĂŒr seine seelische Gesundheit unabdingbare Befriedigung – die ihm seine eigene Frau seit langer Zeit weitgehend vorenthielte – gezwungenermaßen außerhalb seiner Ehe beschaffen mĂŒsse.
Sarah warf Edward einen verĂ€chtlichen Blick zu und erinnerte ihn mit eisiger Stimme daran, daß sie ihn seinerzeit vor allem um seines Esprits und Intellekts willen geheiratet habe, zumal er ihr damals unmißverstĂ€ndlich zu verstehen gegeben hĂ€tte, daß seinem Ehewunsch dieselben Motive zugrunde lĂ€gen!
Edward  der Zank und Streit von jeher aus tiefster Seele verabscheute  sah widerstrebend ein, daß sich Sarah – wie schon so oft – auch bei dieser Auseinandersetzung unverkennbar in der besseren Position befand. Sarahs Feststellungen mit glaubwĂŒrdigen Argumenten zu widerlegen war unmöglich, denn ihre Behauptungen bezĂŒglich des Heiratsgrundes entsprachen voll und ganz der Wahrheit.
Angesichts dieser fĂŒr ihn denkbar ungĂŒnstigen Lage hielt es Edward nun fĂŒr sinnvoller, eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, indem er Sarah zumindest dem Ă€ußeren Anschein nach recht gab, wie er es um des Friedens willen schon hĂ€ufig getan hatte. Im Grunde haßte Edward „diplomatische“ Problemlösungen dieser Art, denn sie verschafften Sarahs ausgeprĂ€gtem Selbstbewußtsein zusĂ€tzliche willkommene Nahrung, wodurch sich das „Eheleben“ fĂŒr Edward allmĂ€hlich in eine immer grĂ¶ĂŸere Belastung verwandelte.
Zunehmend unter streßbedingten Depressionen leidend, hatte Edward Sarah vor kurzem eine Scheidung angedroht – er hoffte, ihr auf diese Weise einen möglichst lang anhaltenden heilsamen Schock versetzten zu können, doch er wurde bitter enttĂ€uscht! Sarah lĂ€chelte nĂ€mlich nur spöttisch und verdeutlichte Edward, daß er wohl kaum befĂ€higt sei, das große und viel besuchte Kensington-Towers Hotel ohne ihre UnterstĂŒtzung zu fĂŒhren – er wĂ€re sich doch hoffentlich der Tatsache bewußt, daß sie ihm nach einer Scheidung auch als Mitarbeiterin nicht mehr zur VerfĂŒgung stĂ€nde!
Edwards Vorwurf, daß man ihr Verhalten nur als Erpressung der schlimmsten Art bezeichnen könne, löste bei Sarah keineswegs Betroffenheit aus – vielmehr bestĂ€tigte sie ihm in sarkastischem Ton, daß er hiermit durchaus Recht habe! Von Sarahs brutaler Offenheit ĂŒberwĂ€ltigt und ihren triumphierenden Blick geradezu im Nacken verspĂŒrend, verließ Edward nun mit einem tiefsitzenden Groll im Herzen den Schauplatz seiner Niederlage, um seinen Zorn durch Arbeit zu vertreiben. Edwards Stimmung wĂ€re eine wesentlich bessere gewesen, wenn er geahnt hĂ€tte, daß ihm bald die eindrucksvollste Begegnung seines bisherigen Lebens vergönnt sein wĂŒrde!
* * * * *
Wir erinnern uns, daß Christa just in dem Moment an die Rezeption herantrat, in welchem sich auch Edward hier aufhielt und daß er sich aufgrund ihrer außergewöhnlichen Schönheit sofort dazu entschloß, sie selbst als Gast des Hotels zu begrĂŒĂŸen. Angesichts der hochsommerlichen Wetterlage mit einem besonders leichten rotseidenen Hosenanzug und einer großen schwarzen Sonnenbrille bekleidet, hatte Christa auch ihrerseits gleich ein Auge auf den gutaussehenden Hotelchef geworfen. Christa erkannte schnell, daß das Leben diesem Mann offenbar eine wesentliche und allen Menschen zustehende Freude vorenthielt und sie war durchaus nicht abgeneigt, ihm diese zuteil werden zu lassen, zumal Christa keineswegs die Absicht hatte, die folgende Nacht allein zu verbringen! Edwards Hand zitterte, wĂ€hrend er Christa in das GĂ€stebuch eintrug, denn die direkte NĂ€he dieser berauschenden Frau erschwerte konzentriertes Handeln.
Christa unterzog Edward unterdessen einer kritischen Beurteilung, in deren Verlauf sie zu dem Ergebnis gelangte, daß er gewiß ein guter und dankbarer Liebhaber sein wĂŒrde, ohne daß sie ihm vorher den bei MĂ€nnern verbreiteten Hang zur Dominanz austreiben mĂŒĂŸte, denn jene Veranlagung schien er nicht oder nicht mehr zu besitzen! Bereits völlig in Christas Bann stehend, nahm Edward den SchlĂŒssel des östlichen Penthauses  welches sie vorerst fĂŒr eine Woche gemietet hatte – aus seinem Fach, um ihn Christa zu ĂŒberreichen. Den SchlĂŒssel entgegennehmend umfaßte Christa fĂŒr einen Augenblick mit sanftem Druck Edwards Hand – eine Geste, die ihre Wirkung nicht verfehlte, denn Edward war nun schier außerstande, sich von Christa abzuwenden.
Ihre Sonnenbrille mit einer betont langsamen Bewegung vor die Stirn schiebend, warf Christa Edward nun einen Blick zu, der ihm deutlicher als alle Worte zu verstehen gab, daß sie ihn in dieser Nacht in ihrem Bett zu finden wĂŒnschte! Edward verspĂŒrte beim Anblick dieser tiefen dunklen Augen, die ihn beinahe zu verschlingen schienen, ein plötzliches starkes SchwindelgefĂŒhl  er glaubte sogar, in ihrem Inneren lodernde Flammen des Begehrens zu erkennen. Christa ließ ihren hypnotisierenden Blick noch fĂŒr einige Sekunden auf Edward ruhen, bis sie sich seiner Wirkung sicher war und ging dann durch die große und in klassisch-modernem Stiel eingerichtete Empfangshalle zu den FahrstĂŒhlen, die sich in der dem Portal gegenĂŒbergelegen Wand befanden.
WĂ€hrend sie die weitrĂ€umige Empfangshalle durchschritt, verspĂŒrte Christa die ehrfĂŒrchtige Bewunderung der MĂ€nner (welche sie zutiefst genoß!) ebenso deutlich wie die neidischen {und manchmal auch haßerfĂŒllten} Blicke der Frauen (ĂŒber welche sie sich köstlich amĂŒsierte!), wodurch ihre ohnehin schon sehr gute Stimmung in ein GefĂŒhl höchster Zufriedenheit verwandelt wurde!
Christa betrat den Fahrstuhl gemeinsam mit zwei jungen MĂ€nnern, die zwar offensichtlich einer gehobenen Gesellschaftsschicht entstammten, aber noch sehr unreif wirkten und ihr Interesse an Christas Person nur mĂŒhevoll zu verbergen wußten. Christa nahm die GefĂŒhlsaufwallungen ihrer „Bewunderer“ mit großer innerer Belustigung zur Kenntnis, was sie sich jedoch nicht anmerken ließ. Sie betrachtete die beiden jungen Briten vielmehr mit einem Ausdruck unerschĂŒtterlichen spöttischen Gleichmuts, bis jene unter der Last ihrer wachsenden NervositĂ€t und Verlegenheit kaum mehr wußten, was sie tun sollten!
Das Leiden der beiden „Gemarterten“ sollte allerdings nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig lange wĂ€hren, denn schon in der vierten Etage bestieg eine vergleichsweise herb und desillusioniert wirkende Frau mittleren Alters und mittlerer GrĂ¶ĂŸe den Fahrstuhl, welche Christas Interesse schließlich weitgehend auf sich zog! Mit einem blaugrauen KostĂŒm von unauffĂ€lliger Eleganz bekleidet und die ehemals blonden, inzwischen jedoch zunehmend ergrauenden Haare hochgesteckt tragend, vermittelte sie einen Eindruck ausgeprĂ€gter Selbstbewußtheit und rationalistischen Denkens.
Christa hatte von der Mehrzahl ihrer „Geschlechtsgenossinnen“ nie eine allzu hohe Meinung gehabt, doch konnte sie sich des GefĂŒhls nicht erwehren, daß diese Frau (deren Erscheinungsbild und Auftreten an die Leiterin eines streng gefĂŒhrten MĂ€dchenpensionats erinnerte) im Falle einer Auseinandersetzung durchaus eine ernstzunehmende Widersacherin darstellen könnte. Sarah Hales – denn um ebendiese handelte es sich bei der „potentiellen Kontrahentin“ – begann nun ihrerseits, Christa einer zwar unauffĂ€lligen aber trotzdem sehr grĂŒndlichen Musterung zu unterziehen. Ihr erster Eindruck war der einer extravagant gekleideten, vermögenden Frau, die ihre Zeit wahrscheinlich damit verbrachte, in der Welt herumzureisen um dabei recht viel Geld auszugeben, welches sie möglicherweise geerbt, sich aber wohl kaum selbst erarbeitet hatte.
Sarah hatte ihren Lebensinhalt weitgehend in ihrer Arbeit gefunden, weshalb sie gegen Menschen, die ausschließlich ihren VergnĂŒgungen nachgingen  wie ihr GegenĂŒber es allem Anschein nach tat  eine tiefe Abneigung empfand. Auf die Frage, ob diese Abneigung auch auf einem gewissen Neid beruhen könnte, hĂ€tte Sarah mit ehrlicher EntrĂŒstung reagiert, denn sie machte sich selbst schon lange nichts mehr vor und stand zu ihren GrundsĂ€tzen. ZusĂ€tzliche willkommene Nahrung erhielt Sarahs mit Mißtrauen gepaarte Abneigung im ĂŒbrigen durch die Gewißheit, daß sich ihr treuloser Ehegatte Edward bereits bei der ersten Begegnung unweigerlich in die zugegebenermaßen sehr attraktiv wirkende Christa verlieben wĂŒrde!
In der Abgeschlossenheit und relativen Enge des leise aufwĂ€rts gleitenden Fahrstuhls entwickelte sich zwischen den beiden Frauen bald ein stummes ZwiegesprĂ€ch, denn Sarahs WahrnehmungsfĂ€higkeit stand Christas psychologischem SpĂŒrsinn in nichts nach. Sarah und Christa wußten einander tief in die Seele zu schauen, wobei sie den Ă€ußerlichen GegensĂ€tzen zum Trotz grundlegende Gemeinsamkeiten entdeckten: Beide schĂ€tzen die eigene UnabhĂ€ngigkeit als höchstes Gut und Fremdbestimmung jeglicher Art war ihnen aufs Äußerste verhaßt – gemeinsam war ihnen allerdings auch das tiefempfundene BedĂŒrfnis, ĂŒber andere Menschen Macht auszuĂŒben.
Einen Blick auf die Stockwerksanzeige werfend, bemerkte Christa, daß der Fahrstuhl die oberste Etage beinahe erreicht hatte, was sie dazu veranlaßte, in den schier unergrĂŒndlichen Tiefen ihrer Handtasche nach dem ZimmerschlĂŒssel zu fahnden. Christa förderte das schwere ovale Metallschildchen mit schwarz eingeprĂ€gter Zimmernummer just in dem Augenblick zutage, in welchem auch der Fahrstuhl seinen Aufstieg beendete, weshalb Sarah den SchlĂŒssel nur noch in letzter Sekunde als zum östlichen Penthaus gehörig identifizieren konnte. Sarah wußten nun, daß es sich bei Christa um diejenige Frau handelte, die ihr aufgrund ihres sehr „deutsch“ klingenden und eine adelige Abstammung andeutenden Namens bereits vor einigen Tagen in der Reservierungsliste aufgefallen war.
Der Name „Christa von Drostenburg“ hatte in Sarahs Phantasie das Bild einer alternden reichen Matrone heraufbeschworen, welche durch ein Übermaß an protzigem ererbtem Schmuck von ihren Falten abzulenken suchte. Sarahs ursprĂŒngliche Mutmaßungen bezĂŒglich Christa von Drostenburgs waren keineswegs aus der Luft gegriffen oder einer Klischeevorstellung entsprungen – sie beruhten vielmehr auf jener Erfahrung, die eine langjĂ€hrige TĂ€tigkeit im Hotelgewerbe mit sich bringt! Sarah kannte diese Sorte verwitweter weiblicher Adelsabkömmlinge zur GenĂŒge – sie verbrachten ihre Tage vielfach damit, alten „besseren“ Zeiten und ehemals „hochherrschaftlichen“ LandgĂŒtern nachzutrauern, die sich ĂŒberwiegend in den ehemaligen deutschen Ostgebieten befunden hatten und von den Kommunisten nach dem zweiten Weltkrieg dem Verfall anheim gegeben worden waren!
Jene „Landbaronswitwen“ waren mitunter sehr lĂ€stige und anstrengende GĂ€ste, denn sie hatten hĂ€ufig die Gewohnheit, an das Hotelpersonal ĂŒbersteigerte WĂŒnsche und Forderungen zu richten, die selbst fĂŒr eine private Hausangestellte unzumutbar gewesen wĂ€ren. In ihrer Eigenschaft als Hausdame fiel Sarah hierbei die Aufgabe zu, diesen GĂ€sten in bestimmter doch taktvoller Weise verstĂ€ndlich zu machen, daß es nicht die Pflicht der Hotelpagen und ZimmermĂ€dchen sei, die Arbeiten eines persönlichen Bediensteten zu verrichten!
Sarah wußte sich jedoch dank ihres sicheren Auftretens stets gegen die anspruchsvollen „Landbaronswitwen“ durchzusetzen, ohne dabei die gegenĂŒber dem Hotelgast gebotene Höflichkeit zu vernachlĂ€ssigen. Trotzdem waren ihr diese „Diskussionen“ höchst zuwider, denn sie bedeuteten eine sinnlose Vergeudung von Zeit, die auch wesentlich effektiver genutzt werden konnte. Nach alledem war es fĂŒr Sarah nun eine interessante Überraschung, daß es sich bei Christa von Drostenburg keineswegs um eine perlenbehĂ€ngte ewiggestrige Matrone, sondern vielmehr um eine außergewöhnlich gutaussehende und das Leben genießende „Femme fatale“ handelte. Christa hatte im Verlauf der gemeinsamen Fahrstuhlfahrt ebenfalls einen sehr konkreten Eindruck von der Natur ihrer „Mitreisenden“ erhalten:
Sarah war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Hotelgast  es sprachen allerdings viele Anzeichen dafĂŒr, daß sie innerhalb des Hotels eine leitende Position einnahm. FĂŒr Christa barg diese Konstellation einen eindeutigen strategischen Vorteil in sich, denn Sarah wĂŒrde selbst im Falle eines direkten Interessenkonfliktes gezwungen sein, ihr gegenĂŒber zumindest oberflĂ€chlich die einem gut zahlenden Hotelgast gebĂŒhrende ZurĂŒckhaltung zu wahren! WĂ€hrend Christa nun den Fahrstuhl verließ, um durch den zwar kleinen, aber geschmackvoll mit einigen Pflanzen und Bildern dekorierten und von vier Punktstrahlern dezent erleuchteten Vorraum zum Eingang des Penthauses hinĂŒber zugehen, blieb Sarah selbst in der Aufzugkabine, denn ihr ursprĂŒngliches Ziel lag drei Etagen tiefer.
Sarah schĂ€tze Effizienz ebensosehr als unverzichtbare Tugend, wie sie Zeitverschwendung als verdammungswĂŒrdige SĂŒnde ansah, weshalb sie ihre Fahrt in die oberen Bereiche des Kensington-Towers Hotels auch keineswegs aus Gedankenlosigkeit bis zum Dachgeschoß fortgesetzt hatte: In Sarahs Verstand keimte seit dem Beginn der gemeinsamen Fahrstuhlfahrt eine zunehmend an Deutlichkeit gewinnende Vorahnung warnenden Charakters, aus welcher Sarah schloß, daß Christa bald fĂŒr einige empfindliche Störungen ihres wohlorganisierten Lebens sorgen könnte!
Getreu dem Grundsatz, daß eine gut funktionierende Verteidigung auf ausreichenden Informationen ĂŒber die StĂ€rken und SchwĂ€chen des Gegners beruht, nutzte Sarah daher die sich ihr bietende Gelegenheit, um Christas Wesen zumindest bis zu dem Augenblick zu studieren, in welchem Christa den Fahrstuhl verließ. Christa fiel es angesichts der kaum zu leugnenden Seelenverwandtschaft nicht schwer, die BeweggrĂŒnde nachzuvollziehen, die dem stillen, aber dessen ungeachtet Ă€ußerst kritischen Interesse zugrunde lagen, welches Sarah ihr entgegenbrachte. Christa empfand diese Situation keineswegs als unangenehm – sie verspĂŒrte vielmehr mit zunehmender IntensitĂ€t jenes belebende innere Kribbeln, welches sich stets regte, wenn ein gut gefĂŒhrter mentaler Kampf mit einem ebenbĂŒrtigen Gegner bevorstand.
* * * * *
Die Gewißheit, daß sich die vor ihr liegende Woche wesentlich interessanter gestalten wĂŒrde, als sie es zunĂ€chst angenommen hatte, bereitete Christa eine Empfindung großen Wohlbehagens, welches durch das Öffnen der breiten und aus dunklem Edelholz bestehenden DoppeltĂŒr des Penthauses noch verstĂ€rkt wurde:
Diese gab den Blick in einen weiten, hellen Raum von annĂ€hernd quadratischem Grundriß frei, dessen jenseitige Wand aus großen deckenhohen FensterflĂ€chen bestand, die bis zum Fußboden herabreichten. Die LĂ€ngsseiten des lichtdurchfluteten Wohn- und Speiseraums wurden durch zwei fensterlose cremefarbene ZwischenwĂ€nde gebildet, die je eine TĂŒr aus hellem Edelholz enthielten, hinter welcher sich auf der linken Seite das Schlafzimmer und auf der rechten Seite das Badezimmer verbarg. Die zeitlose und unaufdringliche Eleganz der luxuriösen Einrichtung erinnerte Christa auf angenehmste Weise an ihre eigene Wohnung, wodurch sie die Richtigkeit ihrer Entscheidung, im Kensington-Towers Hotel zu wohnen, vollends bestĂ€tigt fand.
Ihre große Lederhandtasche zunĂ€chst auf einer Couch ablegend, ging Christa zur breiten Fensterfront hinĂŒber, um das tief unter ihr liegende London zu betrachten, welches im Glanz der hochstehenden Julisonne erstrahlte. Der geradezu unbritisch blaue und wolkenlose Himmel ließ Christa die Strapazen ihrer langen Anreise schnell vergessen. Sie warf deshalb lediglich einen raschen kontrollierenden Blick in ihre Koffer, die der Hausdiener bereits in einem hierfĂŒr vorgesehenen Schrankfach im Schlafzimmer deponiert hatte und ließ sich dann durch die Rezeption ein Taxi bestellen.
Christa wollte London ursprĂŒnglich von Beginn an mit ihrem eigenen Auto erkunden, dieses Vorhaben gab sie angesichts der ungewohnten britischen VerkehrsverhĂ€ltnisse allerdings schon wĂ€hrend der Fahrt von der Stadtautobahn zum Hotel wieder auf. Sie erachtete es jetzt als zweckmĂ€ĂŸiger, sich die britische Hauptstadt zunĂ€chst unter Zuhilfenahme der weltbekannten schwarzen Taxen und gegebenenfalls auch zu Fuß zu erschließen. WĂ€hrend sie vor dem Badezimmerspiegel ihr schulterlanges dunkelblondes Haar ordnete, stellte Christa fest, daß die weite Reise ihren bordeauxroten Hosenzug doch nicht ganz unberĂŒhrt gelassen hatte, weshalb sie ihn rasch gegen ein gleichartiges Modell blauer FĂ€rbung vertauschte. Christa entnahm ihrer Handtasche noch einen Personalausweis sowie eine weltweit gĂŒltige Scheck- und Telefonkarte, die sie als unverzichtbare Reiseutensilien in eine tiefe Tasche ihres Gewandes schob und begab sich schließlich nach einem letzen prĂŒfenden Spiegelblick zum Fahrstuhl.
In der Hotelhalle angekommen, setze sich Christa in einen Sessel, von dem aus sowohl die Hotelvorfahrt als auch die Rezeption zu ĂŒberblicken war. Auf diese Weise war es ihr nicht nur möglich, das Eintreffen des bestellten Taxis sofort zu bemerken  darĂŒber hinaus bot sich Christa auch noch die Gelegenheit, Edward zu beobachten, der sich gerade an der Rezeption betĂ€tigte. Bei Christas Anblick regte sich in Edwards Seele eine Empfindung brennender Ungeduld und freudiger Erwartung. Leider wĂ€hrte dieses stille GlĂŒck nur wenige Sekunden, denn Sarah trat just in dem Moment neben ihren Gatten, in welchem dieser am tiefsten in seinen LiebestrĂ€umen schwelgte.
Sarah verspĂŒrte Edwards Seelenzustand nur allzu deutlich, weshalb sie ihn mit einer sarkastisch-spöttischen Bemerkung ĂŒber seine „Angebetete“ ausgesprochen unsanft wieder in die RealitĂ€t zurĂŒckholte. Edward war durch Christas Gegenwart sehr in Anspruch genommen worden, so daß er Sarahs Herannahen zunĂ€chst gar nicht wahrnahm, weshalb ihn der Schock ihrer plötzlichen Anwesenheit besonders hart traf. Edward bemerkte mit nicht geringem Erschrecken, daß der unterdrĂŒckte Haß, welcher sich im Laufe der Ehejahre angesammelt hatte, nun dem Magma eines Vulkans gleich zum Ausbruch drĂ€ngte! Die bedrohliche NĂ€he der Eruption erkennend, ergriff Edward mit ungewohnter Entschlußkraft Sarahs Arm, um sie von der Rezeption fort und in einen nahegelegenen Abstellraum zu fĂŒhren.
In der Abgeschlossenheit des knapp 2 mÂČ großen KĂ€mmerchens, welches außer drei Staubsaugern und einer Fußbodenpoliermaschine auch noch mehrere Flaschen mit Reinigungsmitteln beherbergte, ließ Edward seinem tiefsitzenden Groll seit vielen Jahren erstmals wieder freien Lauf: Mit einer Heftigkeit, die sie ihm kaum mehr zugetraut hatte, begann Edward nun, Sarah ihre stĂ€ndige kaltlĂ€chelnde Arroganz, ihre unweibliche FrigiditĂ€t und ihre berechnenden Erpressungstaktiken vorzuwerfen – dies seien CharakterzĂŒge, die durchaus zu einer Hexe, aber wohl kaum zu einer Ehepartnerin passen wĂŒrden.
Sarahs Antwort auf Edwards verbale Attacke ließ nicht lange auf sich warten: sie erklĂ€rte ihm mit eisiger Stimme und frostigem, siegesgewissem LĂ€cheln, daß er ihre Selbstsicherheit lediglich aufgrund seiner eigenen Minderwertigkeitskomplexe als Arroganz empfĂ€nde. Ihre angebliche FrigiditĂ€t habe Edward selbst verschuldet, da er in erotischer Hinsicht ein Langweiler ohne den geringsten Erfindungsreichtum sei. Die sogenannten Erpressungstaktiken fĂ€nden ihre Rechtfertigung schließlich in der Tatsache, daß ihr nach dem Scheitern ihre Ehe – welches Edward ĂŒberdies ganz allein zu verantworten habe – an lebenserfĂŒllenden Dingen im wesentlichen das Kensington-Towers Hotel geblieben wĂ€re, dessen reibungsloses Funktionieren ihr sehr am Herzen lĂ€ge. Leider benötige sie Edward bei der FĂŒhrung des Hotels nach wie vor als unterstĂŒtzenden Mitarbeiter, weshalb sie keinesfalls gedenke, ihn freizugeben.
Edward gelang es nun zum allerersten Male, Sarahs Argumente in einer Weise zu widerlegen, welche ihr jede Möglichkeit eines wirkungsvollen Gegenschlags nahm: Er beschied ihr in sachlichem Ton und mit unbewegter Miene, daß er angesichts einer offenbar nur noch beruflich bedingten Beziehung sehr wohl dazu berechtigt sei, sich die Befriedung seiner biologischen BedĂŒrfnisse auch außerhalb der Ehe zu verschaffen. Die Unmöglichkeit einer effektiven Vergeltung ließ in Sarah eine Empfindung glĂŒhenden Zorns entstehen, welchen sie vor Edward auch mit grĂ¶ĂŸter MĂŒhe nicht gĂ€nzlich zu verbergen wußte. Edward ĂŒberkam beim Anblick ihrer haßerfĂŒllten Augen zunĂ€chst jenes AngstgefĂŒhl, welches ihm beinahe seit dem Beginn seiner Ehe mit Sarah vertraut war – schließlich obsiegte allerdings die Gewißheit seines Triumphes, denn er hatte seiner Frau unter Zuhilfenahme logischer Argumente eine schmerzliche Niederlage beigebracht!
Christa hatte Sarah und Edward wĂ€hrend ihres verbalen Schlagabtausches aufmerksam beobachtet, wodurch das Bild, daß sie sich von Edwards Charakter gemacht hatte, eine bedeutsame ErgĂ€nzung erfuhr: Edward war offenbar durchaus noch dazu fĂ€hig, sich gegen seine Frau zu behaupten, sofern der von ihr ausgeĂŒbte seelische Druck ein kritisches Maß ĂŒberschritt – dies schien allerdings relativ selten zu geschehen, denn Sarah hatte auf Edwards „Aufbegehren“ mit sichtlichem Erstaunen reagiert! Christa blieb der brisanteste Teil des Wortgefechtes der geschlossenen AbstellraumtĂŒr wegen verborgen  es fiel ihr jedoch nicht schwer, dessen Ablauf zu rekonstruieren, denn Edward ließ beim Verlassen des Abstellraumes die Zeichen eines ebenso großen wie unerwarteten Triumphes erkennen. Kurz darauf verließ auch Sarah den Abstellraum – im Gegensatz zu Edward verspĂŒrte sie in sich ein schmerzhaftes GefĂŒhl bitterer EnttĂ€uschung sowie einen tiefsitzenden und laut nach Genugtuung verlangenden Zorn, denn Sarahs Stolz war in einer Weise verletzt worden, die ihre Seele nicht zu ertragen vermochte.
Dank ihrer eisernen Selbstdisziplin gelang es Sarah, den Aufwallungen ihrer Psyche weitestgehend unsichtbar ihren Lauf zu lassen, weshalb Christa aufgrund ihrer geschĂ€rften Sinneswahrnehmung zu den wenigen Anwesenden gehörte, die Sarahs dramatischen Seelenzustand erkannten. Christa bemitleidete Sarah in diesem Moment beinahe, denn sie wußte, daß es fĂŒr jene Frau – in der sie inzwischen eine Geistesverwandte erkannt hatte – eine ungeheure Qual sein mußte, ihrem glĂŒhenden Vergeltungsdrang nicht an Ort und Stelle nachgeben zu können! Die Tatsache, daß sie höchstwahrscheinlich selbst das Ziel dieser RachewĂŒnsche darstellte, beunruhigte Christa nicht im Mindesten, denn sie ging inzwischen davon aus, daß ihr Sarah durchaus gewachsen, aber wohl kaum ĂŒberlegen sein wĂŒrde.
Christa wendete sich just in dem Augenblick wieder dem Hoteleingang zu, in welchem auch das bestellte Taxi die Hotelvorfahrt erreichte, weshalb sie sich rasch aber ohne Hast erhob, wobei sie Edward noch einen kurzen bestĂ€tigenden Blick zuwarf, um dann in gehobener Stimmung das Hotel zu verlassen. Der Anblick des ein wenig altertĂŒmlich erscheinenden schwarzen Taxis amĂŒsierte Christa, denn sie wußte, daß diese geradezu legendĂ€ren GefĂ€hrte allein der Tradition zuliebe bis in die Gegenwart hinein in jener nostalgischen Form gebaut wurden, die mindestens vierzig Jahre alt war und die Londoner Taxen auf der ganzen Welt unverwechselbar machte!
Christas Kenntnisse des Londoner Stadtgebietes beschrĂ€nkten sich zu diesem Zeitpunkt im wesentlichen auf Informationen, die sie einem Stadtplan, einem LondonreisefĂŒhrer, den ErzĂ€hlungen eines bei London lebenden Bekannten sowie einigen Fernsehsendungen entnommen hatte. Christa war nun daran gelegen, sich zunĂ€chst einmal einen Überblick ĂŒber die Lage der wichtigsten und interessantesten SehenswĂŒrdigkeiten zu verschaffen, weshalb sie den Taxifahrer anwies, eine Stadtrundfahrt zu unternehmen, in deren Verlauf möglichst viele PlĂ€tze und GebĂ€ude von historischer und architektonischer Bedeutung erreicht werden sollten. Der Taxifahrer startete den Motor und schlug  die Hotelvorfahrt als Wendeschleife benutzend  den Weg zur Holland Park Avenue ein; wĂ€hrenddessen unterrichtete er seine Leitstelle darĂŒber, daß er aufgrund einer ausgedehnten „Sightseeing-Tour“ bis auf weiteres nicht anderweitig verfĂŒgbar sei.
Die Holland Park Avenue bildete einen vergleichsweise kurzen Teil einer nahezu in Ost-West-Richtung verlaufenden Magistrale, die ihren Ursprung im Innenstadtbereich nahm und einen großen Teil des Kraftfahrzeugverkehrs von und zu den westlichen VorstĂ€dten auf sich zog. Diese Magistrale ermöglichte allerdings kein direktes Durchqueren des Stadtzentrums, da sie im Bereich der Oxford Street – einer ebenso belebten wie beliebten Einkaufsstraße – fĂŒr den privaten Autoverkehr weitestgehend gesperrt war. Der Durchgangsverkehr mußte die „verkehrsberuhigte“ Oxford Street daher unter Benutzung von Parallelstraßen umgehen.
Das Taxi bog erst kurz vor ihrem östlichen Ende in die Holland Park Avenue ein, die hier in einer als „Notting Hill Gate“ bezeichneten Straße ihre Fortsetzung fand. Die HĂ€userfassaden wiesen im Zuge dieser Straßen ausgeprĂ€gte Elemente des Klassizismus und des viktorianischen Baustieles auf, weshalb die ĂŒberwiegend drei- bis vierstöckigen Bauten zumeist eine AtmosphĂ€re standesbewußter Traditionsverbundenheit ausstrahlten. Diese Szenerie großbĂŒrgerlichen Wohlstandes wirkte in ihrer relativen Gleichförmigkeit eher ermĂŒdend, jedoch wurde ihr bereits nach kurzer Fahrt ein wohltuender Kontrast entgegengestellt: Im Verlauf der sich weit hinziehenden Bayswater Road bot sich in sĂŒdlicher Richtung ein unverbauter Blick auf die Kensington Gardens und den Hyde Park.
Die ineinander ĂŒbergehenden und landschaftlich sehr reizvollen Parks stellen eines der ausgedehntesten GrĂŒngebiete im zentrumsnahen Bereich des Großraums London dar. Die Trennungslinie zwischen den Kensington Gardens im SĂŒdwesten und dem Hyde Park im Nordosten bildet ein langer und vergleichsweise schmaler See, der im nordwestlichen Bereich „The Long Water“ und im sĂŒdöstlichen Bereich „The Serpentine“ genannt wird. In seiner Mitte wird der See von einer FußgĂ€ngerbrĂŒcke ĂŒberquert, die als vielgenutzte Verbindung zwischen Kensington Gardens und Hyde Park dient.
An SehenswĂŒrdigkeiten ist in den Kensington Gardens an erster Stelle der Kensington Palace mit der benachbarten Orangerie zu nennen, darĂŒber hinaus findet man hier auch das Albert Memorial und eine Galerie der zeitgenössischen Kunst. Im Hyde Park befindet sich unter anderem die „SpeakersÂŽ Corner“; dieser Platz liegt – wie sein Name bereits andeutet – an der nordöstlichen Ecke des Hyde Parks und verkörpert auf eindrucksvolle Weise den Geist britischer Demokratie, denn hier kann sich jeder, der dies möchte, öffentlich und ungehindert ĂŒber alle Themen auslassen, die ihm wichtig erscheinen.
Nachdem die nordöstliche Ecke des Hyde Parks mit dem eindrucksvollen steinernen Triumphbogen „Marble Arch“ passiert war, erreichten Christa und ihr Chauffeur schließlich die Oxford Street und damit den Rand der eigentlichen Innenstadt. Entspannt zurĂŒckgelehnt das belebte Straßenbild betrachtend, kam Christa zu dem Ergebnis, daß der relative hohe Aufwand der langen und zuweilen auch ein wenig stressigen Anreise durch die bisherigen EindrĂŒcke in jeglicher Hinsicht gerechtfertigt wurde. In Berlin, Hamburg, MĂŒnchen, Frankfurt, Stuttgart und Wien gleichermaßen zu Hause, entdeckte Christa in London eine reizvolle Mischung von gewachsener eindrucksvoller Historie und moderner weltstĂ€dtischer Umtriebigkeit, die sie in dieser faszinierenden Form auch in MĂŒnchen oder Wien nicht gefunden hatte.
London vermittelte tatsĂ€chlich den Eindruck, nach wie vor der „Nabel der Welt“ zu sein, obwohl sich seine tatsĂ€chliche weltpolitische Bedeutung mit dem Ende der Kolonialzeit spĂŒrbar verringert hat. Christa stellte bald erstaunt und befriedigt fest, daß ihr Chauffeur bezĂŒglich des kulturellen Lebens der britischen Hauptstadt unerwartet fundierte Kenntnisse besaß, denn sie erhielt auf ihr Befragen hin zahlreiche nĂŒtzliche Informationen ĂŒber sehenswerte Kunstausstellungen und TheaterauffĂŒhrungen. Im Verlauf dieser eintrĂ€glichen Unterhaltung entstand vor Christas geistigem Auge eine Liste verschiedener kultureller Veranstaltungen und Einrichtungen, die im Rahmen ihres einwöchigen Londonaufenthaltes einen Besuch wert sein könnten. Auf dieser imaginĂ€ren Liste fanden sich an oberster Stelle das British Museum, die National Gallery und das National Theatre.
Christa ließ das Taxi nach einem gut zwei Stunden wĂ€hrenden und ebenso bequemen wie interessanten „Sightseeing“ schließlich vor einem Restaurant mit gehobener kontinentaleuropĂ€ischer KĂŒche halten, da sie der als fade und reizlos verrufenen britischen Kost mißtraute. Christa ĂŒberreichte dem Taxifahrer zum Abschied ein Trinkgeld, das seinen unverhofften fremdenfĂŒhrerischen QualitĂ€ten gerecht wurde, woraufhin er sich ihr als Chauffeur fĂŒr weitere Touren in und um London anbot; Christa wußte allerdings, daß die Höhe des Trinkgeldes keineswegs der einzige Grund fĂŒr dieses spontane Angebot war – vielmehr hatte sie bereits kurz nach dem Beginn der Fahrt registriert, daß auch der Taxifahrer unweigerlich der Wirkung ihrer weiblichen Aura erlag.
Christa verspĂŒrte angesichts der inneren Aufwallungen ihres Chauffeurs lediglich ein GefĂŒhl leichten AmĂŒsements; die Bewunderung, die ihr von Angehörigen des sogenannten „starken Geschlechtes“ entgegengebracht wurde, bildete fĂŒr Christa zu jener Zeit bereits seit langem einen Teil der NormalitĂ€t – irritiert hĂ€tte sie hingegen ein Ausbleiben dieser Bewunderung, ein solcher Fall war jedoch noch nie eingetreten! Christa beglĂŒckwĂŒnschte sich beim Betreten des Restaurants „Hamilton“ im Stillen zur Richtigkeit ihrer Wahl – dem edlen Interieur dienten offensichtlich die WohnrĂ€ume eines luxuriösen englischen Landhauses als Vorbild, wobei man die fĂŒr den Restaurantbetrieb notwendigen Anpassungen mit großer SensibilitĂ€t und Geschmackssicherheit durchgefĂŒhrt hatte.
Das Restaurant erstreckte sich ĂŒber eine Höhe von zwei Stockwerken, wobei die obere Etage durch eine umlaufende Empore gebildet wurde, zu welcher zwei einander gegenĂŒberliegende Treppen hinauffĂŒhrten. Christa konnte der eingehenderen Begutachtung der ansprechenden innenarchitektonischen Gestaltung des Restaurants zunĂ€chst nur einen kurzen Augenblick widmen, da sie bereits nach wenigen Sekunden durch einen in auffallender Weise dienstbeflissenen Kellner zu einem Tisch auf der Empore gefĂŒhrt wurde, von dem aus das Restaurant bequem zu ĂŒberblicken war.
Christa ließ sich einen ApĂ©ritif und die Speisekarte bringen, in der sie allerdings ungeachtet der großen Zahl angebotener MenĂŒvorschlĂ€ge keine Speisefolge entdeckte, die ihren Vorstellungen gĂ€nzlich entsprochen hĂ€tte, weshalb schließlich der KĂŒchenchef herbeigeholt wurde, dem es zu guter Letzt auch gelang, ein MenĂŒ zusammenzustellen, das Christas individuellen AnsprĂŒchen gerecht wurde. Von meisterlicher Hand zubereitet, gab dieses Dinner Christa bald die Energien zurĂŒck, die sie im Verlaufe der weiten Anreise und der ausgedehnten Stadtrundfahrt verbraucht hatte, weshalb sie ihren ursprĂŒnglichen Plan, anschließend direkt zum Hotel zu fahren, verwarf, um statt dessen noch einen Rundgang durch die abendlich belebte Innenstadt zu unternehmen.
Die Sonne hatte London wĂ€hrend dieses Julitages nahezu unablĂ€ssig in gleißend helles Licht getaucht, so daß die Straßen und PlĂ€tze auch bei fortgeschrittener DĂ€mmerung noch eine deutlich wahrnehmbare Hitze ausstrahlten. Lediglich in eine locker aufliegende und kaum spĂŒrbare Schicht feiner dunkelblauer Seide gehĂŒllt, nahm Christa diese ĂŒbermĂ€ĂŸige WĂ€rme – im Gegensatz zu manchen erkennbar leidenden Zeitgenossen – allerdings kaum wahr; sie konnte sich daher voll und ganz den EindrĂŒcken ihrer Umgebung hingeben, ohne hierbei durch negative Empfindungen behindert zu werden.
Nach einer Stunde genußvollen Flanierens und einer Tasse belebenden Espressos kehrte Christa schließlich zum Hotel zurĂŒck, in welchem sie schon seit dem frĂŒhen Abend sehnlichst erwartet wurde. Zu Edwards großer Erleichterung war Sarah bereits um 17 Uhr anlĂ€ĂŸlich eines dreitĂ€gigen Verwandtenbesuches nach dem 100 km weit entfernten Ramsbury abgereist, weshalb er sich vor einer Störung seines Rendezvous mit Christa weitestgehend geschĂŒtzt sah. Edward wußte jedoch auch, daß seine Frau die Ereignisse der kommenden Nacht klar vorhersah – ihr eisiges Schweigen und die verĂ€chtlichen Blicke, die sie ihm in den Stunden vor ihrer Abreise zugeworfen hatte, legten davon ein beredtes Zeugnis ab!
Obwohl Sarah Christa einen gewissen Respekt nicht mehr verweigern konnte, haßte sie sie zu diesem Zeitpunkt aus tiefster Seele: Christa war gerade in jener Woche nach London gekommen war, in welcher auch eine unaufschiebbare Familienzusammenkunft stattfand, wodurch es Sarah unmöglich gemacht wurde, ihren eindeutig zur Untreue neigenden Ehemann an weiteren Verfehlungen zu hindern. Ungeachtet der Tatsache, daß ihr Interesse an Edward inzwischen nur noch rein beruflicher Natur war und sich ihre Empfindungen fĂŒr ihn mittlerweile auf eine ausgeprĂ€gte GeringschĂ€tzung beschrĂ€nkten, war Sarah keineswegs dazu bereit, Edward im „außergeschĂ€ftlichen“ Bereich einer anderen Frau zu ĂŒberlassen – sie empfand die UnfĂ€higkeit, Edward ausschließlich an ihre Person zu binden, als Zeichen eigener SchwĂ€che und infolgedessen als schmerzvolle DemĂŒtigung.
Einen Nutzgegenstand stets vorrangig aufgrund seines Gebrauchswertes und erst in nachgeordneter Hinsicht anhand seiner Ästhetik auswĂ€hlend, besaß Sarah einen großrĂ€umigen und stark motorisierten Volvo-Kombiwagen in braun/beiger Lackierung, in welchem sie nun zĂŒgig dem Ort Ramsbury entgegen strebte, wobei der aufgestaute Groll in der Gestalt eines zwar unbeirrbar sicheren aber auch betont offensiven Fahrstiles zu Tage trat. Mit zumeist weit durchgetretenem Gaspedal und unter hĂ€ufiger Benutzung der Lichthupe bahnte sich Sarah auf der Überholspur ihren Weg ĂŒber die Schnellstraße nach Swindon, wobei sie den nervenschwĂ€cheren unter ihren Weggenossen den kalten Angstschweiß in Gesicht und Nacken trieb.
Sarah verspĂŒrte jetzt eine zunehmende Aufhellung ihrer anfĂ€nglich nachtschwarzen Stimmung  dies rĂŒhrte unter anderem daher, daß es ihr wĂ€hrend der Fahrt nach Ramsbury einmal mehr vergönnt war, durch die Anwendung der ihr gegebenen FĂ€higkeiten ĂŒber andere Menschen Macht und Einfluß auszuĂŒben und fĂŒr einen kurzen Augenblick deren verschrecktes oder gar panisches Reagieren zu betrachten. DarĂŒber hinaus belebte sie die Aussicht auf ein Wiedersehen mit einem großen Teil ihrer weitverzweigten Familie, in deren Reihen sie mehrere potentielle Opfer fĂŒr die Attacken ihres in erschreckendem Ausmaß geschĂ€rften kritischen Verstandes zu finden wußte.
Zu Sarahs bevorzugten Opfern zĂ€hlte ihre jĂŒngere Schwester Mandy: ĂŒberaus sensibel, von schwacher Konstitution und bar jedes Durchsetzungsvermögens, vereinigte diese naive junge Frau in sich CharakterzĂŒge, die Sarah fĂŒr besonders verabscheuungswĂŒrdig hielt. Sarahs vernichtenden verbalen Angriffen hilflos ausgeliefert, wußte sich Mandy stets nur dadurch zu retten, daß sie sich – oft schon mit trĂ€nennassem Gesicht – in die schĂŒtzenden Arme ihres Mannes warf, der Sarahs Feindseligkeiten daraufhin mit leidlichem Erfolg abwehrte.
Auch ĂŒber die beiden Töchter ihrer Schwester Ă€ußerte sich Sarah meist nur abfĂ€llig: sie vertrat die Überzeugung, daß eine derart schwach konstituierte Frau wohl kaum Kinder zur Welt bringen könne, die dem Leben dauerhaft ohne Hilfe gewachsen sein wĂŒrden  leider waren Mandys Töchter bei weitem noch nicht alt genug, um Sarah in dieser Hinsicht glaubhaft eines Besseren belehren zu können. Zu den wenigen Familienmitgliedern, die sich gegen Sarahs aggressiven Intellekt wirkungsvoll verteidigen konnten, gehörte der Ă€ltere ihrer beiden BrĂŒder: William verstand es, ihre erbarmungslose Kritiksucht fĂŒr den Zeitraum einer Zusammenkunft oftmals weitgehend einzudĂ€mmen, weil er die FĂ€higkeit besaß, Sarahs scharfzĂŒngigen Vorhaltungen und Beschuldigungen entsprechende Antworten entgegenzusetzen.
Sarah verließ die Schnellstraße an der Abzweigung nach Hungerford und erreichte schließlich nach einigen Kilometern ruhiger Landstraßenfahrt den Stammsitz der Familie Cunningham: dieser bildete einst das KernstĂŒck eines weitrĂ€umigen Landgutes, von dem mittlerweile allerdings nur noch das stattliche Herrenhaus und ein umgebendes GrundstĂŒck mit mustergĂŒltig gepflegtem Garten ĂŒbriggeblieben war. Mit seinen rotbraunen Klinkermauern, seinem breiten, von SĂ€ulen flankierten Haupteingang und den hell abgesetzten Fenstern, TĂŒren, Zwischendecken und Dachkanten bildete dieses GebĂ€ude eine Verkörperung frĂŒheren Großgrundbesitzerstolzes, die durch den umgebenden schmiedeeisernen Zaun noch vervollstĂ€ndigt wurde.
Sarah bog nun in die Zufahrt des GrundstĂŒcks ein und brachte ihren Wagen neben der Eingangstreppe zum Stehen, wobei der ihr eigene temperamentvolle Fahrstil den Kies des Vorplatzes lautstark knirschen und aufspritzen ließ. Diese GerĂ€usche gaben den bereits Anwesenden in unmißverstĂ€ndlicher Weise zu erkennen, daß jetzt auch das unbeliebteste Mitglied der Familie Cunningham eingetroffen war. Sie wußten nur allzu genau, daß Sarah die ruhige AtmosphĂ€re des bisher recht harmonisch verlaufenden Beisammenseins in KĂŒrze mit einer nahezu körperlich spĂŒrbaren Wolke des Unfriedens belasten wĂŒrde, die sich vorzugsweise ĂŒber denjenigen Personen verdichtete, die Sarahs gut kalkulierten verbalen Attacken am schutzlosesten gegenĂŒberstanden.
Victoria Cunningham hatte das unbeherrschte Auftreten ihrer Tochter Sarah bereits anlĂ€ĂŸlich frĂŒherer Begegnungen mit zunehmendem Mißfallen betrachtet – die diesjĂ€hrige Familienzusammenkunft vorbereitend, hatte Victoria den Entschluß gefaßt, das aggressive Verhalten ihrer Ă€lteren Tochter – das sich gegen die Familie im Allgemeinen und gegen einige „bevorzugte Opfer“ im Besonderen richtete – zukĂŒnftig in keiner Weise mehr zu tolerieren. Die Aufgabe, Sarah im Falle besonders hemmungsloser Kritiksucht in ihre Schranken zu weisen, war im Laufe der vergangenen Jahre fast immer William zugefallen, da er zu denjenigen Familienangehörigen zĂ€hlte, die Sarah mit ihren eigenen Waffen zu bekĂ€mpfen wußten. Leider hatten Williams BemĂŒhungen, Sarahs Aggressionen in ertrĂ€glichen Grenzen zu halten, stets nur eine zeitlich eng begrenzte Wirkung, da Sarah anscheinend aufgrund ihrer Natur dazu gezwungen war, ihre seelische Unausgeglichenheit nach dem Überschreiten einer gewissen „Schmerzgrenze“ in der Gestalt einer ĂŒbersteigerten Kritiklust nach außen zu tragen.
Victoria wußte, daß der Ă€ußerst unharmonische Charakter ihrer Tochter allenfalls in einem langwierigen Prozeß – und auch dann nur mit begrenztem Erfolg – verĂ€ndert werden konnte, da sie in Sarah weitestgehend diejenige Frau wiedererkannte, die sie in ihren mittleren Jahren selbst gewesen war. Victoria hatte in gleicher Weise ĂŒber viele Jahrzehnte hinweg mit einem sehr unausgewogenen Seelenleben gekĂ€mpft, wodurch sie fĂŒr ihre Angehörigen zu einer schmerzlichen Belastung wurde; ebenso wie Sarah war sie damals dazu gezwungen, ihren inneren Unfrieden nach außen abzuleiten – ansonsten hĂ€tten sich jene destruktiven Energien gegen Victorias eigenen Körper gerichtet, um ihn durch seelisch bedingte Erkrankungen schrittweise zu zerstören.
Der Weg, der Victoria schließlich eine hinreichende innere Ausgeglichenheit erlangen ließ, war weit und Ă€ußerst mĂŒhevoll, zumal sie ihn grĂ¶ĂŸtenteils auf sich allein gestellt bewĂ€ltigte. Victoria hatte nie die UnterstĂŒtzung eines Psychotherapeuten in Anspruch genommen, da ihr Stolz und ihr ausgeprĂ€gter Selbstbestimmungsdrang sie dazu zwangen, ihre psychischen Probleme aus eigener Kraft zu bewĂ€ltigen. In Victorias dunkelsten Stunden, die sie mit aggressiven AusbrĂŒchen schrecklichster Art erfĂŒllte, rang ihre Familie oftmals schon mit dem Entschluß, Victoria zwangsweise in eine Nervenheilanstalt einweisen zu lassen. Ihre Mutter weigerte sich allerdings standhaft gegen eine solche Maßnahme, da Victoria bekanntermaßen lediglich ein weiteres Glied in einer langen Ahnenreihe von Frauen bildete, die wĂ€hrend eines Teiles ihres Lebens ĂŒberwiegend mit den gleichen seelischen Problemen zu kĂ€mpfen hatten.
Victoria fand ihre lang ersehnte und unter TrĂ€nen des Zorns erkĂ€mpfte Rettung letztlich in der bildenden Kunst, weshalb das Malen recht dekorativer Ölbilder seit einigen Jahrzehnten zu den haltgebenden Schwerpunkten ihres mittlerweile vergleichsweise ruhigen Lebens zĂ€hlte. Victoria war nun darum bemĂŒht, ihrer Tochter auf einem Ă€hnlichen Wege zu innerem Frieden zu verhelfen, sie war sich jedoch auch der Tatsache bewußt, daß Sarahs kranke Seele zunĂ€chst vor allem nach einem direkten und kompromißlosen Vorgehen verlangte – auf eine andere Weise wĂ€re der unabdingbare VerĂ€nderungsprozeß gewiß nicht auszulösen. Victoria faßte daher im Zuge der Vorbereitung des Familientreffens den Entschluß, Sarah bei den ersten deutlichen Anzeichen eines aufkommenden Unfriedens mit unmißverstĂ€ndlichen und nötigenfalls auch vergleichsweise harten Worten an die Regeln des zivilisierten Zusammenlebens zu erinnern.
* * * * *
Edward hatte seine Schritte im Verlaufe des Abends bereits mehrfach zur Rezeption gelenkt, um einen kurzen Blick auf die SchlĂŒsselfĂ€cher zu werfen; erst wĂ€hrend seines nunmehr fĂŒnften „Kontrollganges“ fand er das Fach kurz nach 21 Uhr schließlich leer, woraus er schloß, daß Christa mittlerweile in ihr Penthaus zurĂŒckgekehrt sei. Diese Erkenntnis ließ in Edwards Seele eine Empfindung berauschender Vorfreude erglĂŒhen, da ihm jetzt nach einer langen Periode erzwungener weitestgehender Entsagung ein erotisches Erlebnis bevorzustehen schien, das er sich kaum mehr zu ertrĂ€umen gewagt hatte. Edward kehrte nochmals fĂŒr einige Minuten in seine Wohnung zurĂŒck, um sein Erscheinungsbild einer kritischen PrĂŒfung zu unterziehen und fuhr dann – von einer tiefen inneren Unruhe erfĂŒllt  zum Penthaus hinauf.
In hemmender NervositĂ€t befangen, klopfte Edward nur sehr zaghaft an die EingangstĂŒr des Penthauses, die ihm jedoch dessen ungeachtet bereits nach wenigen Sekunden von Christa  die sein Herannahen frĂŒhzeitig wahrnahm  geöffnet wurde. Christa hatte sich mittlerweile in ein bequemes weites Gewand von schwerer schokoladenbrauner Seide gehĂŒllt, welches ihr das Aussehen der Hohen Priesterin eines antiken Kultes des östlichen Mittelmeerraumes verlieh und in Edward ein GefĂŒhl ehrfĂŒrchtigen Begehrens entstehen ließ. Christa verspĂŒrte Edwards glĂŒhendes Verlangen ebensosehr wie die ihn quĂ€lenden Zweifel bezĂŒglich der Richtigkeit seines Handelns, weshalb sie nun gemessenen Schrittes und mit einem ermutigenden LĂ€cheln auf ihn zuging. Christa genoß ihren perfekt inszenierten Auftritt aus vollster Seele, denn sie sah in sich selbst tatsĂ€chlich eine Hohe Priesterin der Liebe – eine Überzeugung, in der sie sich durch Edwards offenbar bedingungslose Verehrung ein weiteres Mal bestĂ€tigt fand.
Nahe vor ihm stehend, umfaßte Christa mit einem warmen Griff Edwards HĂ€nde, um ihn langsam rĂŒckwĂ€rts schreitend in den mild erleuchteten Wohnraum hineinzufĂŒhren, wobei sie in liebevollem Ton auf Edward einsprach. In der Mitte des Raumes angelangt, legte Christa ihre linke Hand mit sanftem Druck auf Edwards RĂŒckgrat, wĂ€hrend sie mit der rechten Hand sein Schulterblatt berĂŒhrte, um ihn schließlich genußvoll an sich zu ziehen, wobei sie Edward mit den weiten Ärmeln ihres Gewandes nahezu vollstĂ€ndig umhĂŒllte. Christa hatte ihr Seidengewand vorsorglich mit einem kaum wahrnehmbaren LiebesparfĂŒm besprengt, welches erfahrungsgemĂ€ĂŸ eine unmittelbare Wirkung auf das Unterbewußtsein eines jeden Mannes ausĂŒbte, indem es seine Phantasie beflĂŒgelte und hierdurch die Grundlage fĂŒr eine gelungene Liebesnacht schuf. Christa war auf die unterstĂŒtzenden KrĂ€fte dieses ParfĂŒms keineswegs angewiesen, sie hatte vielmehr den Wunsch, an diesem Abend alle ihr zu Gebote stehenden FĂ€higkeiten einzusetzen, um Edward fĂŒr möglichst lange Zeit in einen nur ihr hörigen Verehrer zu verwandeln, den sie im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit Sarah gegen diese auszuspielen gedachte.
Edward fĂŒhlte sich  ĂŒber die körperliche UmhĂŒllung hinaus – in zunehmendem Maße von einer sanft wogenden warmen Dunkelheit umgeben, die bald auch in sein Inneres eindrang und mit jeder weiteren Woge mehr Raum in ihm einnahm. Edward ahnte instinktiv, daß dies Christas dominierendes Selbst war, das sich in unaufhaltsamer Weise seiner Seele bemĂ€chtigte, um Edward  vielleicht fĂŒr immer  in seinen Bann zu ziehen. Diese geistige Eroberung erfĂŒllte Edward mit großer Furcht, er verfĂŒgte jedoch nicht ĂŒber die Energien, die er benötigt hĂ€tte, um sich dieser machtvollen Vereinnahmung zu widersetzen. Edward glaubte nun ĂŒberdies, in sich ein behutsames, suchendes Tasten zu spĂŒren, das in seiner Seele umherwanderte und seinen Weg selbst in die verborgensten Kammern fand. Christa erkundete jetzt Edwards Psyche, wobei sie auch auf die unzĂ€hligen Wunden und kaum verheilten Narben stieß, die das Zusammenleben mit Sarah in seiner Seele hinterlassen hatte. Christa empfand angesichts der Tatsache, daß Sarah die GefĂŒhle dieses sensiblen Mannes wĂ€hrend der vergangenen Jahre oftmals regelrecht mit FĂŒĂŸen getreten hatte, ein ehrliches Entsetzen und eine tiefe Abscheu, die sich gegen Sarah richtete.
Christa wußte, daß Edwards bestĂŒrzender Seelenzustand eine ihren ursprĂŒnglichen PlĂ€nen entsprechende Gestaltung des Abends verbot, zugleich erwuchs in ihr das BedĂŒrfnis, seiner mißhandelten Psyche eine rasche und dauerhafte Linderung oder gar Heilung angedeihen zu lassen. Edwards Furcht wich allmĂ€hlich einer Empfindung dankbarer Hingabe – er begriff, daß Christa in seine Seele geblickt und ihn verstanden hatte. Er war sich nun gewiß, daß sie ihm wohlwollte, denn er verspĂŒrte die seelische Kraft, die Christa innewohnte und im Laufe der Zeit auch ihm zuteil werden sollte. Edwards Sehnsucht nach ihrer stĂŒtzenden und stĂ€rkenden Hand rĂŒhrte Christa sehr – sie sah hierin einen Weg, auf dem sie ihn in einen unwandelbar treuen und bestĂ€ndigen Freund und Verehrer verwandeln konnte, wie es auch durch mehrere gemeinsame LiebesnĂ€chte kaum möglich sein wĂŒrde.
Die Gewißheit, gĂ€nzlich von Christas Selbst durchdrungen zu werden, bescherte Edward eine Empfindung großen GlĂŒcks, denn er wußte sich jetzt keinen erstrebenswerteren Zustand mehr als den, mit dieser faszinierenden Frau in jener ebenso unerklĂ€rlichen wie beseligenden Weise vereinigt zu sein! Um so mehr erschreckte es ihn deshalb, daß sich Christa nun langsam wieder aus ihm zurĂŒckzog, weil sie  von fremden EinflĂŒssen ungestört  ihre zukĂŒnftige Vorgehensweise abwĂ€gen wollte: es galt zunĂ€chst, Edwards Seele unter Aufwendung des gebotenen ZartgefĂŒhls von den tiefgreifenden SchĂ€den zu befreien, die dort seit seiner Eheschließung mit Sarah entstanden waren; des weiteren beschloß Christa, ihre FĂ€higkeiten darauf zu verwenden, Edwards Psyche soweit zu stĂ€rken und zu festigen, daß er seiner Frau bei Meinungsverschiedenheiten als möglichst gleichwertiger Gegner entgegentreten konnte – hierdurch wĂŒrde Edward gegenĂŒber Christa zu bleibender Dankbarkeit und LoyalitĂ€t verpflichtet!
Christa sah, daß Edward  von einem beinahe körperlich schmerzenden Hunger gepeinigt – nach ihrer stĂ€rkenden und heilenden Kraft verlangte, weshalb sie ihn erneut an sich zog, um ihn nochmals die Energieströme ihrer machtvollen Aura spĂŒren zu lassen. Von Christa in sanfter und zugleich Halt gebender Weise umfangen, bemerkte Edward, daß ein erster kleiner Teil dieser Energien nun auch auf ihn ĂŒberging, um sich zunĂ€chst in der Gestalt einer zwar noch vergleichsweise dĂŒnnen aber bereits wohltuend schĂŒtzenden HĂŒlle um seine geschundene Seele zu legen. Diese HĂŒlle schĂŒtzender und stĂ€rkender Energie bildete eine Keimzelle der psychischen Kraft, die Christa im Verlaufe ihrer folgenden Londonaufenthalte in Edward erwachsen lassen wĂŒrde. Edwards seelische Verfassung stabilisierte sich zusehends, weshalb ihn Christa nun zu einer cremefarbenen Ledercouch fĂŒhrte, die  der breiten Fensterfront zugewandt  im vorderen Drittel des Wohnraums plaziert war, so daß sich von dort aus ein eindrucksvoller Blick auf die BĂŒrotĂŒrme der nahen Innenstadt bot.
Im Niedersetzen legte Christa sanft einen Arm um Edwards Schultern, was zur Folge hatte, daß ihn der weite Ärmel ihres schokoladenbraunen Seidengewandes schließlich wie ein Cape umhĂŒllte. Edward genoß die zart duftende WĂ€rme dieser Umarmung in einem Maße, das er mit Worten nicht zu beschreiben gewußt hĂ€tte – er hatte in Christa erstmals eine Frau gefunden, die ihm das GefĂŒhl vermittelte, vorbehaltlos angenommen zu werden – er wußte inzwischen allerdings auch, daß jeder Versuch einer beabsichtigten oder unbeabsichtigten Verstellung im Umgang mit Christa ebenso nutzlos wie ĂŒberflĂŒssig sein wĂŒrde – diese aufkommende Erkenntnis erfĂŒllte Edward mit einer unangenehmen Empfindung des Ausgeliefertseins, andererseits empfand er es jedoch auch als zutiefst erregend, von Christa gĂ€nzlich durchschaut und beherrscht zu werden!
Edwards Psyche analysierend, stellte Christa leicht irritiert fest, daß die angewandte Therapie nicht exakt die Wirkung erzielte, die sie ihr zugedacht hatte: entgegen ihrer Absicht, Edward schrittweise in eine eigenstĂ€ndige Persönlichkeit zu verwandeln, wurde dieser offenbar in wachsendem Maße von dem Wunsch beseelt, sich ganz und gar ihrem machtvollen Einfluß hinzugeben! Einem inneren Drang folgend, hob Edward nun seine Hand, um vorsichtig Christas weiches volles Haar zu streicheln; Christa ließ Edward in seinem Tun gerne gewĂ€hren – nachdem ein paar Augenblicke vergangen waren ergriff sie jedoch schließlich seine Hand, um sie versonnen zu betrachten – feingliedrig und von beinahe frauenhafter Zartheit, spiegelte diese Hand in trefflichster Weise Edwards empfindsame Seele wider. Christa wĂŒnschte sich, von dieser zarten Hand liebkost zu werden und fĂŒhrte sie deshalb behutsam durch die Falten ihres Gewandes, bis sie auf ihrem Herzen zu liegen kam.
Zu Christas freudigem Erstaunen erkannte Edward jetzt geradezu intuitiv, in welcher Weise er sie zu berĂŒhren hatte, um ihr diejenige Befriedigung zu verschaffen, um derentwillen sie ihn zu sich geholt hatte. Christa ließ Edward durch geschicktes Vorgehen den Eindruck gewinnen, daß der aktive Part im sich nun entspinnenden Liebesspiel ihm zufalle, um auf diese Weise das Wachstum des in ihm wiedererwachenden Selbstbewußtseins zu fördern – tatsĂ€chlich war sie es allerdings, die ihn unbemerkt leitete, wodurch sie die Wirksamkeit ihrer BemĂŒhungen um die StĂ€rkung seiner Psyche sicherstellte. Edward blieb die gleichermaßen diskrete und effektive Förderung, die Christa ihm zukommen ließ, jedoch nicht völlig verborgen – unbewußt spĂŒrte er, daß sie ihm den Weg der Befreiung, den er an diesem Abend beschritt, in umsichtiger und einfĂŒhlsamer Weise ebnete; er dankte ihr ihre Hilfe, indem er in dieser Nacht sein Möglichstes tat, um den hohen AnsprĂŒchen, die sie an einen Liebhaber stellte, gerecht zu werden.
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Edward verließ Christas Bett – das fĂŒr ihn ein Ort beglĂŒckender und unvergeßlicher Erlebnisse gewesen war – am folgenden Morgen nur sehr ungern, doch leider drĂ€ngten die Pflichten, die sich mit seiner TĂ€tigkeit als Hotelchef verbanden, unbarmherzig zum Aufbruch. Sich leise ankleidend, warf Edward noch einen sehnsuchtsvollen Blick auf das wunderbar bequeme braunseidene Bett und die genußvoll lĂ€chelnd in ihm ruhende Christa, die aus ihrem tiefen und krĂ€ftigenden Schlafe erst im Laufe des Nachmittags erwachen wĂŒrde – schließlich ergab er sich jedoch dem Zwang der Gegebenheiten und verließ Christas Penthaus, um  von einer leisen Trauer erfĂŒllt  zu seinem DienstbĂŒro hinabzufahren.
Christa wußte ein bequemes Bett aus mehreren GrĂŒnden von jeher in hohem Maße zu schĂ€tzen, so gehörte es unter anderem zu ihren FĂ€higkeiten, im Bedarfsfall auch ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitabschnitt hinweg umfangreiche Energiereserven mobilisieren zu können, ohne hierbei ihre Gesundheit zu gefĂ€hrden, sofern sie nach dem Abklingen der Belastung die Möglichkeit hatte, jene Energieverluste durch ausreichendes ungestörtes Schlafen in einem entsprechenden Bett wieder zu kompensieren. Aufgrund dieser FĂ€higkeit war es ihr möglich gewesen, vom Zeitpunkt ihrer Abreise in Göttingen bis spĂ€t in den vergangenen Abend hinein ohne nennenswerte Pausen oder störende Anzeichen der Erschöpfung aktiv zu sein – sie ging hierbei im Hinblick auf die anschließend zwingend notwendige Regeneration ihrer KrĂ€fte kein Risiko ein, denn sie hatte sich im Vorlauf ihrer Reise von jenem bei London lebenden Bekannten, der ihr auch das „Kensington-Towers Hotel“ empfohlen hatte, den hohen Komfort des Penthauses und des dazugehörigen Bettes garantieren lassen.
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Christa erwachte an diesem Tage erst kurz nach fĂŒnfzehn Uhr – von allmĂ€hlich verblassenden Nachbildern eines interessanten Traumes erfĂŒllt, erschien ihr der Gedanke, die Behaglichkeit des angenehm durchwĂ€rmten Bettes aufzugeben, der bereits vorgerĂŒckten Stunde zum Trotz jedoch noch wenig verlockend; angesichts des hochsommerlich blauen und wolkenlosen Nachmittagshimmels ĂŒberwog in ihr letzten Endes allerdings doch der Wunsch, den verbleibenden Tag einer weitergehenden Stadterkundung zu widmen. Noch schlafeswarm und das Verlangen, schließlich doch im Bett zu bleiben, mĂŒhsam niederkĂ€mpfend, hĂŒllte sich Christa nun zunĂ€chst in einen rotseidenen und mit arabischen Motiven bestickten Morgenmantel, um vom Wohnraum aus einen Blick auf die nachmittĂ€glich umtriebige Stadt zu werfen.
Diese Impression nimmermĂŒden Großstadtlebens stimulierte Christas Unternehmungsgeist, weshalb sie sich zunĂ€chst ins Badezimmer begab, um die noch immer wahrnehmbare Schwere des Schlafes vermittels eines ausgiebigen, heißen Duschbades gĂ€nzlich aus ihrem Körper zu vertreiben. Wohltuend erfrischt und mit einem Hosenanzug aus kupferfarbener Seide bekleidet, bestellte sich Christa nun ein exakt nach ihren Vorgaben zubereitetes Nachmittagsmahl, das sie im bequemen braunseidenen Bett sitzend mit großem Genuß verzehrte, um anschließend in die Tiefgarage des Hotels hinabzufahren.
Sich in den Verkehrsstrom der Holland Park Avenue einfĂ€delnd, faßte Christa den Entschluß, zunĂ€chst einmal Jonathan Rosewater zu besuchen, der sie ursĂ€chlich zu dieser ersten Londonreise animiert – oder vielmehr – geradezu gedrĂ€ngt hatte. Christa hatte Jonathan vor einigen Jahren auf eher geschĂ€ftlicher Basis in Frankfurt am Main kennengelernt, wo er ebenso wie Christa eine Kunst- und AntiquitĂ€tenmesse besichtigte. Christa und Jonathan fanden – anfĂ€nglich aufgrund der beiderseits vorhandenen fundierten Fachkenntnisse, bald aber auch infolge einer unleugbaren Geistesverwandtschaft – rasch zunehmenden Gefallen aneinander, weshalb Jonathan Christa bereits im Rahmen seiner Heimreise bis nach Göttingen begleitete, wo er als Gast zwei NĂ€chte in ihrer Wohnung verbrachte. Christa beschrĂ€nkte ihren Kontakt mit Jonathan wĂ€hrend dieser kurzen Zeitspanne bewußt vorwiegend auf die geistige Ebene, obwohl es ihr leichtgefallen wĂ€re, Jonathan den Weg in ihr Bett finden zu lassen.
Von ihren sonstigen Gepflogenheiten abweichend, unterdrĂŒckte sie ihr Verlangen nach seiner wohlgeformten Physis, deren ZĂŒge dem altgriechischen Ideal auffallend nahe kamen  ein selbst auferlegter Verzicht, der ihr in Jonathans Gegenwart stets

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