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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Christos Tsiolkas, Unter Strom - Rezension
Eingestellt am 19. 12. 2011 10:43


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Arno Abendschön
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Tsiolkas, 1965 als Sohn griechischer Einwanderer in Melbourne geboren, ist einer der bedeutenderen Erzähler im gegenwärtigen Australien. Sein Erstling, der Roman „Loaded“ (1995), brachte ihm neben beachtlicher Buchauflage eine Reihe von Literaturpreisen ein. Das Werk kam 1998 unter dem Titel „Unter Strom“ in dem kleinen Berliner Verlag Albino heraus. Inzwischen ist es nicht mehr im Buchhandel, kann jedoch weiterhin leicht übers Internet bezogen werden (Restauflage oder gebraucht).

Es ist ebenso bezeichnend wie bedauerlich, dass ein Roman dieser Güte in Deutschland kaum beachtet worden ist. Das hat er nicht verdient – und das hiesige Lesepublikum, soweit überhaupt an gut lesbarer, ernsthafter Gegenwartsliteratur interessiert, hat sich um etwas gebracht. Die Handlung spielt durchgehend in Melbourne, sie könnte jedoch mit leichten Modifikationen ebenso gut in Berlin oder Hamburg angesiedelt sein. Die Thematik passt zu jeder großen Stadt des Westens mit „Migrationsvordergrund“ – um den Sachverhalt einmal vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Der neunzehnjährige Ich-Erzähler Ari ist der jüngere Sohn materiell erfolgreicher, aus Griechenland eingewanderter Eltern. Er wird ihren Weg nicht fortsetzen, so viel ist bereits klar. Ari ist auf mehrfache Weise Außenseiter: Er ist schwul und weder studiert noch arbeitet er. Er handelt ein wenig mit Drogen, das beansprucht ihn nur wenig. Die meiste Zeit hört er Musik, nimmt selbst permanent Rauschmittel und lässt sich Tag und Nacht durch die Stadt und ihre Vororte treiben. Nach der Buchlektüre kennen wir Melbourne, als wären wir selbst da gewesen.

Ari ist seit seinen Schultagen extrem promisk und verheimlicht gleichzeitig seine Sexualität vor Eltern und Verwandten, soweit diese der Elterngeneration angehören. Wir begleiten ihn vierundzwanzig Stunden lang auf den Stationen: Elternhaus, andere Privatwohnungen, Cafés, Diskotheken, Bars, Parks und Toiletten. Am Ende dieser selbstzerstörerischen Gewalttour steht eine Begegnung, die für ihn vielleicht einen Ansatz zur Veränderung enthält.

Jenseits dieser speziellen Problematik ist das Buch auch für ein breiteres Lesepublikum gut geeignet, da die Situation der Eingewanderten ausführlich dargestellt und kritisch durchleuchtet wird. Ari analysiert gnadenlos. Dazu einige Zitate: „Ich widersetze mich dem Norden (= von Melbourne), jenen Gegenden, in denen Griechen, Italiener, Vietnamesen und die übrigen einhundertneunzig Rassen, beziehungsweise deren Abschaum, Sträflinge und Diebe, an alten Sitten und Gebräuchen, alten Kulturen, alten Zeremonien festhalten, denen heutzutage keinerlei Bedeutung mehr beigemessen werden kann …“ Oder: „Die Matriarchalin regiert unangefochten über die Haushalte der Wogs (= Einwanderer). Durchaus möglich, dass sie geprügelt und getreten, ausgenutzt und gehasst wird, doch es ist ihre Majestät, die mit eiserner Hand an den Traditionen festhält, die ihr selbst das Leben vergällt haben und ihren Kindern das Leben zur Hölle machen werden …“

Auch diese Sätze Aris sind so aktuell wie zur Zeit der Erstpublikation: „Das manische Verlangen nach Reichtum, der Wunsch, immer mehr an sich zu raffen, immer mehr zu horten, immer reicher, eleganter, sorgloser zu werden, immer wohlhabender, scheint typisch für unseren Kulturkreis. Es gelingt den Menschen nicht, Kameradschaft zu verspüren, wenn der dominierende Wunsch des Einzelnen darin besteht, genügend Geld, genügend Besitztümer anzuhäufen, um sich über die Gemeinschaft, in der er lebt, zu erheben. Zu mehr Reichtum und Wohlstand zu gelangen als die Leute in der unmittelbaren Umgebung, heißt, ihnen ins Gesicht zu spucken …“ Oder: „Da heißt es immer, die nachfolgende Generation soll es einmal besser haben als die vorherige. Totaler Schwachsinn. Das Kapital befindet sich auf dem absteigenden Ast und reißt uns mit sich. Die Generationen nach der jetzigen werden nicht mehr in der Lage sein, auf dem Grundbesitz der Bauern Häuser zu bauen …“

Zugegeben, diese Passagen klingen weniger nach Ari als nach dem Schriftsteller Tsiolkas. Sie sind jedoch nur wie Inseln in einem Strom, der recht gut mit dem Begriff Grunge-Literatur charakterisiert wird. In diesem Stil ist dann Aris persönliche Moral abgefasst – hier nur eine Kurzfassung: „Du sollst darauf scheißen, was die Leute denken … Du trägst keine Verantwortung für das Versagen deiner Eltern … Du kannst einen Mann haben und doch zugleich ein Mann sein … Du sollst die gesamte Menschheit verachten, ohne Rücksicht auf Rasse, Glauben oder Konfession … Du sollst nie die Armen oder die Alten bestehlen, den Reichen hingegen reiß ruhig nach Strich und Faden den Arsch auf …“ (Übersetzung: Stefan Trossbach).

Zum Schluss: Der Roman wurde unter dem Titel „Head on“ von Ana Kokkinos verfilmt – so sehens- wie das Buch lesenswert.

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