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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Cincan
Eingestellt am 02. 05. 2014 15:24


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Aligator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2013

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Als ich noch ein kleiner Junge war, sind wir in den Sommerferien immer zu Vaters Heimatdorf in die TĂŒrkei gefahren. Es liegt unten an der syrischen Grenze. Ein paar HĂ€user, die sich an die BerghĂ€nge anschmiegen, grĂŒnes Quellwasser und Ziegen. Es gibt dort zwar keine richtige Straße, aber dafĂŒr kennt jeder jeden, wie eine große Familie, die zusammenhĂ€lt. Menschen, die ein einfaches, ruhiges, aber auch hartes Leben haben.

Mit meinen sieben Jahren schlurfte ich also auch dieses Jahr mit meinem Vetter Ibo ĂŒber die Dorfstraße. Wir sollten irgendetwas vom Kiosk holen. Unsere Hosentaschen hatten wir zuvor mit Steinen gefĂŒllt, denn wie das halt mal in solchen Dörfern war, liefen einem stĂ€ndig Straßenköter ĂŒber den Weg. Und wenn man denen nicht klarmachte, wer hier das Sagen hatte, konnte man mit der KörpergrĂ¶ĂŸe eines SiebenjĂ€hrigen schon mal Probleme bekommen. Besser war es, sich im Vorfeld durch einen gezielten Wurf und entsprechendem Gefluche Respekt zu verschaffen.
Auf dem RĂŒckweg vom Kiosk fiel mir sofort dieser Hund auf: Es war ein kleiner, weißer Pudel, der neben der TĂŒr einer Metzgerei saß und mich treudoof anglotzte.
„Was ist denn das fĂŒr einer?“, fragte ich Ibo.
„Ach, das ist bloß Cincan“, erwiderte dieser, als wĂ€re damit alles gesagt.

Am nĂ€chsten Morgen ging ich zusammen mit meinen Vater die Straße hinunter. Wieder bemerkte ich diesen Pudel, der irgendwie nicht in mein Bild eines Straßenköters passen wollte. Er saß vor der Metzgerei und strahlte Erhabenheit aus, so als wĂ€re er sich bewusst, etwas Besonderes zu sein. Auch mein Vater interessierte sich fĂŒr das Tier und so kam er mit dem Metzger ins GesprĂ€ch.
„Der kommt jeden Morgen und setzt sich so hin“, erklĂ€rte dieser. „Einen anderen hĂ€tte ich schon lĂ€ngst verjagt, aber seht euch diesen Halunken doch an. Er schnĂŒffelt nicht herum, pisst nirgends hin. Er hat einfach Anstand. Ich muss ihm dann einfach was abgeben.“
„Ja, wenn er jetzt auch noch hören wĂŒrde“, mischte sich eine alte Frau ein, „dann hĂ€tten wir ihn schon lĂ€ngst mit auf den Hof genommen. Aber der macht, was er will, der Teufel.“
Ich wollte das einfach nicht wahrhaben. Warum sollte dieser Hund, der so brav dasitzen konnte, nicht auch Anweisungen befolgen? War er vielleicht taub? Ich musste es selbst versuchen.
„Na komm her!“, sagte ich. Und wie durch ein Wunder kam er schwanzwedelnd auf mich zu getrippelt, um mir die Hand zu schlecken. Die Oma schlug die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen und dem Metzger fiel die Kinnlade runter.
„Papa, warum hört der auf mich?“, wollte ich wissen.
Er lĂ€chelte mich an und sagte: „Ganz einfach, er hat dich verstanden. Der Hund versteht eben nur deutsch.“

Cincan wich mir von diesem Tag an nicht von der Seite, wenn ich vors Haus kam. Freudig bellend begrĂŒĂŸte er mich und lief neben mir her. Wenn ein anderer Hund kam, fletschte er sogar die ZĂ€hne und knurrte ihn an. Zur Belustigung der Dorfgemeinschaft konnte er nun auch Kommandos wie „Sitz“ und „Hol das Stöckchen“ befolgen.
Vater meinte, dass er wohl irgendwann von deutschen Urlaubern ausgesetzt worden war. Aber ich hatte meine eigene Theorie: Er gehörte einfach zu mir und hörte deshalb nur auf mich.
Wie dem auch sei, das Tier wuchs uns allen ans Herz und so beschloss Vater, ihn mit nach Deutschland zu nehmen. NatĂŒrlich ging das nicht so einfach. Vater musste in die Stadt aufs Amt fahren und einen Antrag ausfĂŒllen. Aber als er mir abends traurig erklĂ€rte, dass so etwas sehr lange dauern wĂŒrde, - lĂ€nger als unser Urlaub - wurde mir bald klar, dass Cincan doch nicht mitkommen konnte.

Im nĂ€chsten Jahr spazierte ich wieder mit Ibo zum Kiosk. Als mich drei Frauen, die auf einer Bank saßen, erkannten, riefen sie: „Cincan, dein Herrchen ist wieder da!“
Ganz ehrlich, ich hĂ€tte nie gedacht, dass der Hund mich nach einem Jahr wiedererkennen wĂŒrde. Er kam dann ganz verdreckt und mit gesenktem Hundehaupt um die Ecke getrottet und ich rief:
„Cincan, komm!“
Er sah auf, legte die Ohren an und sprintete zu mir, als wÀre ich noch gestern hier gewesen.
Dieser Sommer war einer meiner schönsten und das lag nicht wenig an meinem Freund Cincan. Auch zurĂŒck in Deutschland dachte ich oft an ihn und stellte mir vor, wie toll es wĂ€re, wenn er einfach um die Ecke kommen wĂŒrde.

Als wir das nĂ€chste Mal in Vaters Dorf kamen, fragte ich natĂŒrlich gleich nach Cincan. Mein Onkel sagte mir, die anderen Hunde hĂ€tten ihn gebissen und er wĂ€re daran gestorben.
Ohne ihn waren meine Ferien nicht mehr dasselbe. Mir kam es so vor, als wĂ€re der Zauber verschwunden. Doch das sollte sich bald Ă€ndern, als ich nur noch Augen fĂŒr MĂ€dchen hatte.

Heute kann ich sagen, dass mir durch die Zeit mit Cincan zwei Dinge klar geworden sind: Zum einen, was Freundschaften fĂŒr das Leben bedeuten und zum anderen, wie wichtig ist es, jemanden zu haben, der einen versteht.




Version vom 02. 05. 2014 15:24
Version vom 08. 05. 2014 23:41

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HelenaSofie
???
Registriert: Apr 2010

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Eine traurig schöne Geschichte gut erzÀhlt.
Wenn du noch Kleinigkeiten verbessern willst:
Auch meinem (mein) Vater interessierte sich fĂŒr das Tier.
zu gedrippelt (getrippelt)
Die Oma schlug die HĂ€nde ĂŒber den (dem) Kopf zusammen

Liebe GrĂŒĂŸe
HelenaSofie

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MarkoMarko
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2014

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Hallo Aligator, mir hat deine Geschichte gefallen , aber mir fielen 2 Sachen beim Durchlesen auf-
1: teilweise hört ich das Geschriebene zu sehr nach Umgangssprache an. (Beispiel: "Ganz ehrlich, ich hĂ€tte nie gedacht, dass der Hund mich nach einem Jahr wiedererkennen wĂŒrde"- das ganz ehrlich wĂŒrde ich weglassen)
2. Ich finde den Schlussteil ausbauwĂŒrdig-das Ende kommt meiner Meinung nach zu abrupt und den Schlusssatz kann ich nicht nachvollziehen:
Warum hat dir dieser Hund dir gezeigt, was Freundschaften fĂŒrs Leben bedeuten? OK, ich bin nicht der grĂ¶ĂŸte Tierfreund Aber das ist immerhin nur ein Hund gewesen und Hunde sind halt treu, egal wie gut/schlecht ein Mensch ist. Diesen Teil könnte man nĂ€her erlĂ€utern.

Trotz der Kritik: 7/10 Punkten

VG Marko

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Aligator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2013

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Hallo Marko!

Danke fĂŒr deine Kritik! Ich habe das mit der Umgangssprache ganz bewusst so gemacht, damit es authentisch rĂŒberkommt. Sicherlich, dieses "ganz ehrlich" ist ein bisschen zu gut gemeint, vielleicht nehm ich' s raus.
Mit dem Schluss bin ich auch nicht ganz zufrieden. Er kommt in der Tat zu abrupt. Aber die Handlung ist nun mal vorĂŒber und eigentlich wĂ€r sogar KĂŒrzen angesagt. Ein ErzĂ€hler wĂŒrde wiederrum noch solche ein, zwei SĂ€tze hinzufĂŒgen. Dass der ErzĂ€hler nicht seine GefĂŒhle in Verbindung mit dem Tod des Hundes beschreibt, oder erklĂ€rt warum ihn dieser Hund das mit der Freundschaft nĂ€her gebracht hat, ist fĂŒr mich wieder mit dem ErzĂ€hlstil erklĂ€rbar.
Was meine persönliche Haltung zu Hundefreundschaften betrifft, so tut sie gar nichts zu Sache. Das sei dem Leser ĂŒberlassen.
Ich habe ĂŒbrigens eine Katze

GrĂŒĂŸe, Aligator

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