Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5651
Themen:   97811
Momentan online:
435 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Fantasy und MĂ€rchen
Clarence
Eingestellt am 17. 03. 2019 16:46


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
KB
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2016

Werke: 6
Kommentare: 9
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um KB eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Einem Zugluftwurm ist stĂ€ndig kalt. Kein Wunder, schließlich sind seine Einsatzgebiete der zugige TĂŒrspalt und das kalte Fenster. Er ist immer hungrig, kann aber nichts essen, weil sein Maul zugenĂ€ht ist. Niemand hat vor ihm Respekt. Er ist ein Nichts, wird stĂ€ndig geschubst, geschoben und mit FĂŒĂŸen getreten.
Geboren von einer seelenlosen NĂ€hmaschine, sofort nach seiner "Geburt" abgeschoben in einen dunklen grauen Karton. Geduldig wartend auf eine Bestellung, die ihm aber niemals Befreiung bringen wird.
Clarence, so hatten ihn die Kinder getauft als sie ihn aus einem Sonderpostenmarkt mit nach Hause brachten, war einer von ihnen. An einen Wurm erinnerte nur sein endlos langer Körper. Ansonsten sah er mit seinem gelb-schwarz-gestreiften Fell und den Knopfaugen eher wie ein Tigerbaby aus. Wenn man in seine dunklen Glasaugen schaute, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um ein lebendiges Wesen handelte. Er schien alles um sich herum wahrzunehmen und jede Bewegung zu registrieren. Irgendwann habe ich mich sogar dabei ertappt, mit Clarence lĂ€ngere GesprĂ€che zu fĂŒhren.
Anfangs wurde mit ihm noch gekuschelt und geschmust, dass es fĂŒr ihn eine wahre Freude sein musste. Als die Kinder Ă€lter wurden und lieber mit watschelnden Robotern und ferngesteuerten Autos spielten, landete Clarence im zugigen Flur vor der TĂŒr zum Garten. Es dauerte nicht lange und sein Fell wurde grau und unansehnlich. Die warmen, dunklen Augen verloren ihren Glanz.
Überhaupt ging in Clarence eine merkwĂŒrdige VerĂ€nderung vor. Obwohl er sich aus eigener Kraft nicht fortbewegen konnte, lag er mal hier, mal dort, aber stets als Stolperstelle im Wege. Es gab Tage, an denen er dann wieder völlig unauffindbar war bis wir ihn irgendwo im Garten verwahrlost wiederfanden.
Auch an diesem besonders kalten, grauen Oktobertag, der Wind stand auf Nordwest, und der stĂ€ndige Nieselregen drang durch jede Ritze der alten, nicht mehr dicht schließenden TĂŒr, war Clarence wieder einmal verschwunden.

FĂŒr den Abend hatte sich Besuch angekĂŒndigt.
Ich konnte die MĂŒllers mit ihren unerzogenen, lĂ€rmenden Kindern nicht leiden. Aber sie gehörten nun einmal zur Familie und Helena, meine Frau, sah es als ihre familiĂ€re Pflicht an, den Kontakt zu den Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten.
Die Besuche waren stets eine Heimsuchung, bei der die hyperaktiven Kinder durch unsere Wohnung rasten und erst zufrieden waren, wenn irgendetwas zu Bruch ging.
Der Leidtragende ĂŒberhaupt war jedoch Clarence.
Die MĂŒller-Kinder trampelten mit Begeisterung auf Clarence herum und hatten ihren Spaß daran, ihn in hohem Bogen in den höchsten Ast des Kirschbaumes zu schleudern. Ich litt jedes Mal mit Clarence und hĂ€tte es verstanden, wenn er sich mit einem gezielten Biss der Gören entledigen wĂŒrde.
Heute sollte es wieder soweit sein. Der Nieselregen war inzwischen in einen ausgewachsenen Starkregen ĂŒbergegangen und wir bereiteten uns auf das Unabwendbare vor.
„Wo ist Clarence? Ich werde ihn in Sicherheit bringen“, schlug ich vor.
Helena zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht hat er sich wieder einmal verkrĂŒmelt“, antwortete sie belustigt wĂ€hrend sie den gedeckten Tisch im Esszimmer kontrollierte.
Ein unergrĂŒndliches Poltern und Knirschen unterbrach unser GesprĂ€ch. Helena und ich stĂŒrzten ohne zu zögern durch den Vorgarten auf die Straße. Was wir jetzt sahen, verschlug uns fast den Atem. MĂŒllers nagelneuer VW Golf war zur HĂ€lfte in ein riesiges Loch in der Fahrbahndecke, direkt vor unserem Haus, eingebrochen. Die gesamte Familie MĂŒller stand fassungslos vor ihrem Auto. Offensichtlich waren sie körperlich unversehrt.
Polizei, Feuerwehr und sogar der Notarzt waren nach wenigen Minuten zur Stelle. Die Bergung des Havaristen stellte sich als Ă€ußerst schwierig dar, weil das Loch immer grĂ¶ĂŸere Ausmaße annahm und das Auto immer weiter verschlang.
Die verstörten MĂŒllers wurden allesamt zur psychologischen Betreuung ins Kreiskrankenhaus gebracht.
Noch Stunden nach dem Unfall waren Polizeibeamte und Mitarbeiter der Straßenverkehrsbehörde mit der Erforschung der Unfallursache beschĂ€ftigt. Alles wurde akribisch untersucht. Schließlich kam man zu dem Ergebnis, dass durch den Starkregen eine sogenannte Auswaschung ein unterirdisches Höhlensystem geschaffen hatte. Eiligst herbeigerufene Höhlenforscher stiegen hinab und tauchten erst nach Stunden wieder an der ErdoberflĂ€che auf. Sie berichteten von einem unterirdischen Röhrensystem, das bis in die hinterste Ecke der Siedlung reichte. Als FundstĂŒcke stellten sie den inzwischen angereisten Vertretern von Funk und Fernsehen KotrĂŒckstĂ€nde und Fellfetzen vor, die sie einer lĂ€ngst ausgestorbenen Tierart, einer Art Urwurm, zuordneten.
Seither berichtete man auch von rĂ€tselhaften ZwischenfĂ€llen. Angeblich soll im nahegelegenen Stadtwald eine Art Schlange ahnungslose Wanderer, ĂŒberwiegend Familien mit Kindern, angegriffen haben. TodesfĂ€lle gab es bisher noch nicht.
Clarence jedenfalls blieb verschwunden, aber er lebt, da sind wir uns sicher.



__________________
KB

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Fantasy und MĂ€rchen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung