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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Colin Crouch, Postdemokratie - Buchvorstellung
Eingestellt am 26. 01. 2012 15:20


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Arno Abendschön
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Das Unbehagen an gegenwärtiger Politik äußert sich vielfältig, in fast allen westlichen Ländern: Rückgang der Wahlbeteiligung, pessimistische Erwartungen, Verachtung für die politische Klasse. Viele sehen Symptome, wer erklärt Ursachen, Zusammenhänge? Der britische Politologe Colin Crouch hat es mit seinem langen Essay „Postdemokratie“ versucht. Das Buch ist zuerst 2003 italienischer Übersetzung erschienen, 2004 in Großbritannien und 2008 auf Deutsch in der Reihe edition suhrkamp (160 Seiten, 10 Euro).

Crouch untersucht primär die Verteilung von Macht in den heutigen demokratischen Gesellschaften. Er interessiert sich für die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Schichten, die er ungeniert Klassen nennt. Den Begriff Klasse definiert er wissenschaftlich kühl so: „ … bezeichnet …Zusammenhänge zwischen ökonomischen Positionen und dem Ausmaß an Zugang zu politischer Macht, über den die entsprechenden Gruppen verfügen.“

Bevor er sich dem Klassenkampf von heute im Einzelnen widmet, entwirft er ein Panorama der Postdemokratie. Dabei verwendet er den aus der Geometrie stammenden Begriff Parabel. Die vordemokratische Vergangenheit siedelt er am Beginn der aufsteigenden Kurve an, den Scheitelpunkt im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts, die Gegenwart auf dem Weg der Kurve vom Scheitelpunkt weg. Wir finden hier das uns nur zu Bekannte besonders prägnant formuliert. Beispiel Wahlen: „ … ein Gemeinwesen …, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten vorher ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, ja sogar apathische Rolle … Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“

Crouch schiebt einen Rückblick auf die Hochzeit der Demokratie ein. Unverkennbar gehören seine Sympathien der klassischen Sozialdemokratie, er war früher selbst für Labour politisch aktiv. Doch ist er nicht blind für die Widersprüche der damaligen Politik. Er spricht offen aus, dass die Ölkrisen der Siebziger das Ende des keynesianistischen Handelns herbeiführten, das der Inflation nicht mehr Herr wurde und die Gesamtwirtschaft nicht länger nachfrageorientiert steuern konnte. Dies war die Stunde der Neoliberalen, nun „verlagerte sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Dynamik unter dem Einfluss der globalen Deregulierung der Finanzmärkte vom Massenkonsum auf die Aktienmärkte.“

In dieser neuen Periode ändert sich die Inszenierung von Politik grundlegend. Politik versteht sich nun als Produkt, das verkauft werden muss. Der Politiker orientiert sich daher an der Werbeindustrie. Wie dies und die fatalen Folgen herausgestellt werden, gehört zu den überzeugendsten Abschnitten des Buches.

In vier weiteren Abschnitten geht der Autor als Diagnostiker in die Tiefe. „Das globale Unternehmen“ ist für Crouch die heute schlechthin dominierende Kraft. Besonders lesenswert ist der Abschnitt über „Phantomunternehmen“. Die Entwicklung führte vom japanischen Modell der engen Bindung der Beschäftigten an einen Konzern mit spezifischer Unternehmenskultur und –philosophie zum angloamerikanischen, in dem sich alles sehr schnell ändert (Fusionen, Übernahmen, Ausgliederung von Subunternehmen, Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse) und endet bei jenen Firmen, die nicht einmal ein Kerngeschäft behalten. Es sind „Firmen, die nur noch temporäre anonyme Finanzakkumulationen für die elektronische Koordination einer Vielfalt weitgestreuter Aktivitäten darstellen … Seine Fähigkeit, sich selbst zu dekonstruieren, stellt die extremste Form dar, nach der die Unternehmen die zeitgenössische Gesellschaft dominieren.“ Konstant bleibt jedoch die „Identität der wenigen wirklich wichtigen Investoren“.

Im Kapitel „Soziale Klassen im postdemokratischen Zeitalter“ findet der Leser einen besonders beunruhigenden Gedanken. Es geht um die Rolle und Wertschätzung von Bildung. Crouch weist unbarmherzig darauf hin, dass Bildung als Allheilmittel in aller Munde ist, dass Bildung jedoch die Konkurrenz zwischen den Schichten und Individuen nicht beseitigen wird. „In der Realität kann man dieses Dilemma nicht auflösen.“ Vielleicht haben die bildungsfernen Schichten genau dies begriffen. Man muss an Gerhard Schröders „faule Säcke“ denken, wenn Crouch konstatiert: „Im politischen Diskurs wird es (das Dilemma) kurzzeitig überspielt, indem man die Eltern ermuntert, den Lehrern die Schuld für den vergleichsweise geringen Erfolg ihrer Kinder zu geben.“

„Zur Lage der Parteien“ möchte man am liebsten vollständig zitieren. Crouch wählt wieder etwas aus der Geometrie, um Neuartiges zu veranschaulichen. Es ist die Ellipse, die jetzt statt des früheren inneren Kreises das Machtzentrum einer Partei darstellt. Die typische Partei der Zukunft hat „eine sich selbst reproduzierende innere Elite …, die weit von der Basis der Massenbewegung entfernt, gleichzeitig jedoch sehr eng mit einer ganzen Anzahl von Unternehmen vernetzt ist, die wiederum die Mittel bereitstellen, mit der die Partei externe Dienstleister für Meinungsumfragen, Politikberatung und Wahlkampagnen bezahlt; im Gegenzug wird die Partei sich diesen Unternehmen erkenntlich zeigen, sobald sie die Macht erlangt.“ Die zunehmende Korruption erklärt Crouch schlüssig aus dem enormen Geldbedarf für die modernen Wahlkämpfe.

Dann folgt „Postdemokratie und die Kommerzialisierung öffentlicher Leistungen“, besonders wichtig für uns als Bürger im Alltag – und zu komplex und detailliert, um im Rahmen einer Buchbesprechung dargestellt zu werden.

Abschließend versucht Crouch, Ratschläge für unseren Umgang mit dieser Entwicklung zu geben. Vielleicht überzeugt er als Therapeut weniger denn als Diagnostiker. Er setzt vor allem auf die Kraft neuer sozialer Bewegungen, ohne auf Parteien verzichten zu wollen. Wenn er als Beispiele die ökologische und die Frauenbewegung anführt, kann man einwenden, dass gerade diese beiden parallel zum Aufstieg der Postdemokratie ihren Aufschwung nahmen – ohne die dargestellte politische Entwicklung nachhaltig abzuschwächen. Crouch selbst verweist ja darauf, dass Labour mit der Bildung von Regenbogenkoalitionen in Südengland seinerzeit gescheitert ist.

Ăśberzeugender erscheint eine andere Ăśberlegung des Autors. Er verweist auf die Bedeutung von Chaos und Konfrontation im politischen Prozess. So sieht er bereits den Aufstieg der Demokratie im 20. Jahrhundert mit den groĂźen Krisen eng verbunden: Faschismus, Krieg, Wiederaufbau. Nur kann sich das kaum einer wĂĽnschen: erst die Welt in TrĂĽmmer fallen zu sehen, um sie danach gerechter wieder aufzubauen.

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Gegen Gleichmacherei - nein zur Ehe fĂĽr alle!

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