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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Colour my world
Eingestellt am 09. 12. 2014 11:56


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Monsieur Milan
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2014

Werke: 4
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"She┬┤s like a rainbow".
Das Lied der Rolling Stones erklang aus dem in der Dusche an einer dicken Kordel baumelnden Radio. Sie drehte den Lautst├Ąrkeregler des Ger├Ątes bis zum Anschlag. Der Song, mit dem der Hersteller "Worldcolour" f├╝r Farben mit Lotuseffekt warb, war seit Wochen zu ihrem Wegbegleiter geworden.

"She comes in colours everywhere, she┬┤s like a rainbow."
Laut sang sie mit. Beim Shampoonieren ihrer langen, glatten Haare tanzten langhaarige junge Menschen vor ihrem geistigen Auge. Weite bunte Hosen, eng anliegende Batikhemden mit Mustern in allen Farben des Kaleidoskops. Modeschmuck um Hals und Handgelenke. F├╝r einen Moment f├╝hlte sie sich eins mit diesen jungen Leuten. Hippies, wie es sie fr├╝her gegeben hatte, heute bel├Ąchelt, gleichsam aber wehm├╝tige Gedanken an eine scheinbar bessere Zeit ausl├Âsend. VW-Bus mit Regenbogen auf der Seitent├╝r. "She┬┤s like a rainbow." Hier war es wieder!
ÔÇťSchade, diese Zeit ist vorbei. Heute ist alles schlechterÔÇť dachte sie. Das Lied endete, sie machte das Radio aus und stieg aus der Dusche.

Der Duft des Kaffees lag in der Luft, den Fr├╝hst├╝ckstisch deckte sie aus Gewohnheit mit zwei Kaffeebechern, obwohl Marco nicht mehr da war. Marco, der ihr die Becher samt zugeh├Ârigen Tellern zum Geburtstag geschenkt hatte. Zartes Gelb, Bl├╝mchenmuster, dar├╝ber, in geschwungenen Buchstaben die Aufschrift "Colour my world". Ha, wie auf dem Werbeplakat von "Worldcolour", das gegen├╝ber ihres Hauseingangs auf eine Werbewand aufgeklebt war.

Colour my world?
Nichts war weiter entfernt in ihrer grauen Gedankenwelt als die Erf├╝llung dieses Wunsches. Der heftige Krach, der sich an einer Lappalie entz├╝ndet hatte, wie immer, wenn es Streit gab.
"Der Rasen ist gr├╝n" hatte Marco nicht zum ersten Mal gesagt und resignierend auf den Fernseher gezeigt, "aber ich sehe es nicht. Was ich sehe sind Schattierungen von Grau. Dunkel, mittel, hellgrau. Grau, grau, grau!
Wer hat den einzigen Schwarz-Fernseher in der Stadt?" hatte er gefragt.
"Nat├╝rlich, meine Freundin!
Wer ist der Einzige, der Fu├čball Schwarz-Wei├č sehen muss?
Ich! Die Dunkelgrauen gegen die Hellgrauen. Unm├Âglich! W├Ąre ich doch besser zuhause geblieben und h├Ątte mir das Spiel da angesehen."

Nadja hatte ungl├Ąubig geschaut, nie hatte sie ein Problem darin gesehen, keinen Farbfernseher zu besitzen. Manchmal hatte sie sich gefragt, ob das vielleicht an ihrer Arbeit liegen k├Ânnte, dass sie darin kein Problem sah, aber nein, das konnte nicht sein! Nat├╝rlich musste sie damit leben, dass diese Art von Arbeit von den meisten ihrer Freundinnen nicht verstanden wurde, sie aber liebte sie: Das Schreiben von Trauerreden, Kondolenzschreiben und pers├Ânlichen Entschuldigungsbriefen im Auftrag. Handschriftlich auf wei├čem B├╝ttenpapier. Schwarze Tinte. Einf├╝hlsame, blumige Worte f├╝r dunkelgraue Stunden. Sie liebte die dankbaren Reaktionen der Auftraggeber.
"Das h├Ątten sie nicht sch├Âner formulieren k├ÂnnenÔÇť oder ÔÇ×Sie haben wieder Farbe in unser Leben gebracht mit ihren einf├╝hlsamen Worten" h├Ârte sie oft und das best├Ąrkte sie, mit dieser Arbeit weiterzumachen.

Marco hatte sich in helle Aufregung hineingesteigert.
"Das Schwarz-Wei├č Fernsehen wird mir langsam zu bunt!" hatte er geschrien, "Ich gehe nach Hause, zu meinem Farbfernseher! Riesiger Bildschirm! Farbe! Gr├╝n, Gelb, Rot, alles im ├ťberfluss vorhanden. Gleich gucke ich die Roten gegen die Gelben auf gr├╝nem Rasen, wie es sich geh├Ârt! Nicht die Dunkelgrauen gegen die Hellgrauen."

Im Nachhinein konnte sie sich nicht mehr an alle Details erinnern. Es war, als h├Ątte der Streit einen Schockzustand ausgel├Âst, aus dem sie nur langsam erwachte. St├╝ck f├╝r St├╝ck. Sie musste wohl rot gesehen haben, das wurde ihr immer deutlicher bewusst. "Da hast du deine Gelben und Roten!" hatte sie geschrien, als sie den Teller mit der hei├čen Tomatensuppe gegen die gelb gestrichene Wand warf. Die Suppe war die Wand herunter gelaufen und erinnerte an ein expressionistisches Bild. Er war daraufhin blass geworden und hatte die Wohnung ohne Worte verlassen.

Nun sa├č sie am Fr├╝hst├╝ckstisch, starrte in den Kaffeebecher und ├╝berlegte, wie es mit Marco weitergehen w├╝rde. Von drau├čen wehten die Ger├Ąusche des Parks herein, der direkt hinter dem Haus lag: Vogelgezwitscher, Stimmen vereinzelter Spazierg├Ąnger, Schritte der Jogger und das Pl├Ątschern des Brunnens. Erste Sonnenstrahlen hatten ihren Weg in die Wohnung gefunden. Wieder kam ihr der Regenbogen ins Ged├Ąchtnis. "She wears colours everywhere, she┬┤s like rainbow."

Vielleicht ist das eine gute Idee, dachte sie. Den Tag positiv beginnen, freudig und farbenfroh! Sie ging zu ihrem Kleiderschrank, suchte eine Weile und entschied sich dann f├╝r ein luftiges Sommerkleid, dessen Muster alle Farben des Regenbogens beinhaltete. Wie das "Worldcolour"-Werbem├Ądchen auf der anderen Stra├čenseite. Was w├╝rde ihre Kollegin im Institut sagen, dachte sie und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Kollegin, die sie sonst nur in Schwarz und Wei├č kannte. Das w├╝rde eine ├ťberraschung werden.

Sie setzte sich wieder an den K├╝chentisch. Aus einem Werbeblatt eines ├╝berregionalen Elektronikh├Ąndlers schnitt sie das Bild eines Farbfernsehers raus, klebte es auf einen Bogen Schreibpapier, nahm den F├╝llfederhalter und schreib ein paar Zeilen an Marco. Schm├╝ckte den Briefbogen mit smilies: Lachende Gesichter, Herzen und Kussm├╝nder in gelb und rot. Sie legte den Bogen in einen Umschlag, versah diesen mit seinem Namen und steckte ihn in ihre Jackentasche, bevor sie die Wohnung verlie├č.

"Colour my world with hopes of loving you" dachte sie und betrat beschwingten Schrittes den Weg, der quer durch den Park zu Marcos Wohnung f├╝hrte.

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