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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Cuba Libre
Eingestellt am 02. 08. 2006 01:54


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aboreas
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Cuba Libre

Der Wasserkocher zischte und dampfte. Gisela, die 54-jĂ€hrige Tresenbedienung, wartete auf das automatische Abschalten des GerĂ€ts. Dann öffnete sie den Klappdeckel, wandte sich um und begann mit der nĂ€chtlichen 3-Uhr-Feierabendroutine. Die Desinfektion der Zapfanlage dauerte nicht lĂ€nger als 4 Minuten. Dazu hob sie den Wasserkocher an, ließ die ZapfhĂ€hne der drei Biersorten tief hineinreichen ins noch siedende Wasser. Eine Prozedur, die jedem Keim den Garaus machen sollte.

Mit einem Mal klopfte es an der EingangstĂŒr. Gisela blickte auf. Es war ein unbekanntes Klopfen, irgendwie leblos, weder zaghaft, noch fordernd. MerkwĂŒrdig auch, dass an den Fenstern links wie rechts der TĂŒr kein Schatten zu sehen gewesen war. Der um Einlass begehrende Besucher musste also herĂŒbergekommen sein von der anderen Straßenseite. Ungewöhnlich, denn die spĂ€t nachts gelegentlich vorbeikamen, arbeiteten allesamt links herum in Richtung Hauptbahnhof. Gleichwohl waren es nur wenige, die zu so fortgeschrittener Stunde herein durften. Junge Frauen zumeist, oft sogar erst noch MĂ€dchen.

Ein SchwĂ€tzchen war es, ein bisschen Vertrautheit, wonach sie suchten - eine Art Tankstelle fĂŒr die Seele zum Durchhalten ihres Scheißjobs. Dazu gab es einen Drink, den einzigen, den Gisela nach der Reinigung des Tresens bereit war auszuschenken: Cuba Libre. Übrigens die SpezialitĂ€t des Hauses, wie es auf einer vergilbten, mit roter Farbe beschriebenen Schiefertafel hieß. Immerhin handelte es sich hier um eine kubanische, eben die Havanna-Bar, wovon auch die zahlreichen Fotos und Bilder an den WĂ€nden zeugten.

Wieder erklang dieses unrhythmische Klopfen. Misstrauisch, mit kurzen, zögernden Schritten verließ Gisela den Tresen. Unbehaglich wurde ihr bei dem Gedanken an die nĂ€chtlichen ÜberfĂ€lle, die das Viertel zuletzt heimgesucht hatten. Oder sollte vielleicht..? Die Furchtsame begann zu schnaufen. Wie aufgescheucht löste sich ihr Herz aus der Umfriedung eines fortgeschrittenen Lebens. Hinter dem ĂŒppigen, noch immer festen Busen spĂŒrte sie ein heftiges Pochen. Sollte wirklich Fernando..? Oh Gott! Fernando war kein gewöhnlicher RĂ€uber. Sie nannte ihn den Todesengel ihrer jungen Jahre. Weiß Gott unerwartet war er damals in ihr Leben getreten, wie aus heiterem Himmel, die inneren und Ă€ußeren Gestade ihrer Fraulichkeit im Sturm erobernd. Jahrelang hatte das Kraftpaket dieses Terrain besetzt gehalten, alle Vegetationsreste des vorherigen Lebens zerstörend. Seit Tagen war es die AnkĂŒndigung vom Besuch des schönen Fernando, was ihr karges Leben vergiftete.

Wieder klopfte es. Gisela zupfte ihre grĂŒne, einfache Bluse zurecht, so dass der Stoff ĂŒber dem Busen spannte. Ihre Augen visierten die TĂŒr, ĂŒber der sie fĂŒr eine Zehntelsekunde Halt fanden an einem Bild, das den morbiden Charme einer vom Kolonialstil geprĂ€gten Altstadt zeigte. Fernandos Heimat.

Nur einen Spalt öffnete sie die TĂŒr. Es war nicht Fernando, es war Eve. Das dumme Kind saß zusammengesunken auf dem Bordstein. Es wirkte apathisch, leblos fast. Wieder einmal schien es, als wollte die Seele dem ausgemergelten Körper entfliehen. Gisela fasste die Gefallene unter die Achseln, zog sie herein in die Gaststube, bettete sie auf eine alte Hundedecke. WĂ€hrend die Besorgte daran dachte, den Notarzt zu rufen, flehte Eve um einen Drink. „Cuba Libre! Bitte, bitte, einen Cuba Libre.“ „Was ist passiert?“, fragte Gisela in eindringlichem Ton, „zu viel Heroin?“ „Nein, zuviel von Volker!“ „Dein Freund?“ „Ja, , er hat mir ins Genick geschlagen. Neuerdings verlangt er mehr denn je - fĂŒr sich allein. Aber ich kann nicht mehr heranschaffen.“ Eve begann hemmungslos zu schluchzen. Gisela wandte sich ab, um den Cuba Libre zu bereiten.

Vom Tresen aus beobachtete sie, wie Eve sich aufrichtete, der Hundedecke zu entfliehen. Kein Wunder, das Textil war dick wie ein Teppich, filzig und stank zum Gotterbarmen. Dass die Kleine dies in ihrem Zustand noch bemerkte
 Auch Gisela hatte schon auf der Decke gelegen, als sie gerade angeschafft worden war, vor fast vierzig Jahren, mit nacktem Hintern und Fernando ĂŒber sich. Die Erinnerung erzeugte widersprĂŒchliche Empfindungen.

Damals war Fernando, der mit vollstĂ€ndigem Namen Fernando Meier hieß, nach Hamburg gekommen. Untergebracht hatte man ihn ganz in der NĂ€he, wo er sich mit einem zweiten Kuba-FlĂŒchtling ein bescheidenes Zimmer hatte teilen mĂŒssen. Gisela hatte gerade mit dem Job in der Havanna-Bar begonnen, stundenweise. Nicht nur eine junge, begabte Studentin mit dem Ziel, ArchĂ€ologin zu werden, sondern auch eine glĂŒckliche Frau, die im Begriff gewesen war zu heiraten. Ihr Verlobter soll ein lieber, fleißiger Mensch gewesen sein. Um so schrecklich fĂŒr ihn, als er nur zwei Monate spĂ€ter aus der gemeinsamen Wohnung getrieben wurde, von Gisela, unter Fernandos Anleitung.

Eve schaffte es aus eigener Kraft bis zum Tresen. Dankbar nippte sie am Cuba Libre. Sie atmete hörbar durch. Ihre Stimme verlor den piepsigen Ton. Etwas Beschwerliches fiel von ihr ab. Schon gefasster plapperte sie: „Was wohl die Reichen so trinken?“ Dann: „Vorhin bin ich zu einem MĂŒnchner in einen großen Wagen gestiegen. Er hat mich fĂŒr spĂ€ter mal zum Essen eingeladen.“ Sie sagte es nicht ohne Stolz. Gisela grinste. „Ein MĂŒnchner? Woher weißt du das?“ „Er hatte ein M auf dem Nummernschild.“ „Ach so!“ Gisela winkte ab. „Das bedeutet gar nicht. Könnte auch ein Leihwagen gewesen sein. War wohl ein Perverser, der es unerkannt auf die Schnelle besorgt haben wollte.“ „Nein“, widersprach Eve, „pervers war der nicht!“ „Das ganze Leben ist pervers, jedenfalls fĂŒr unsereinen“, murmelte Gisela.

Eve taute allmĂ€hlich auf und freute sich ĂŒber das nachgefĂŒlltes Glas. WĂ€hrenddessen fuhr Gisela fort mit den Feierabendverrichtungen. Und wĂ€hrend sie darĂŒber nachdachte, wie sie Fernando bei dessen RĂŒckkehr begegnen sollte, hörte sie Eve fragen: „Soll ich fortgehen, wenn mein Volker noch gewalttĂ€tiger wird?“ Gisela, auf der Treppe zum Keller, rief hinauf: „Ja, Kind, mach dich weg von d e i n e m Volker. Noch besser wĂ€re es allerdings, du gingest gleich auf Entzug.“ „Ach wo, was soll ich denn auf Entzug? Ich bin jung und habe das Leben vor mir.“ Sie lachte spitz. „Irgendwann wird der Tag schon kommen. Danach werde ich dich besuchen und mit dir einen Cuba Libre trinken auf das neue Leben.“ Inzwischen war Gisela heraufgekommen aus dem Keller. Nachdenklich sagte sie: „Wenn man etwas wirklich will oder nicht will, dann darf man keine halben Sachen machen.“ Eve zuckte mit den Achseln, kicherte: „Was soll das heißen? Willst du, dass ich den Cuba Libre flaschenweise trinke?“

Gisela kehrte hinter den Tresen zurĂŒck, schenkte entgegen der Gewohnheit auch sich einen Drink ein, einen Cuba Libre. Nochmals fĂŒllte sie Eves Glas. „Geht aufs Haus.“ Dann prostete sie der nĂ€chtlichen Besucherin zu. Gisela lĂ€chelte milde. „Du hast mir geholfen bei einem Entschluss.“ Eve richtete sich auf, kniff fragend die Augen zusammen. „Ja“, erklĂ€rte Gisela, „auch ich bin mal von einem Menschen abhĂ€ngig gewesen. Und glaube mir, ich will den Kerl nie wieder sehen.“

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Am nĂ€chsten Tag klingelte Giselas Telefon ununterbrochen. Sie fuhr aus dem Schlaf. Hatte sie verschlafen? War das schon Gonzo, ihr Chef? Zu ihrer TĂ€tigkeit in der Havanna-Bar gehörte es seit geraumer Zeit, ihm das Essen zu bereiten. Gonzo wĂŒnschte um 17.00 Uhr zu speisen. Gisela warf einen Blick auf den Wecker, der auf ihrem Nachttisch stand. Es war gerade eben 14.00 Uhr. Sie erschrak. Fernando! Blitzartig war sie hellwach. Alles in ihr weigerte sich, den Hörer anzufassen. Da, einem kurzen Schweigen folgte ein anhaltendes Klingeln. Schließlich nahm sie den Hörer auf. „Wurde aber auch Zeit“, beschwerte sich die schneidende Stimme Gonzos. Gisela setzte sich aufrecht. „Weißt du, wie spĂ€t es ist?“, versuchte sie eine Beschwerde. „SelbstverstĂ€ndlich“, schnarrte der Chef. Dann fĂŒgte er hinzu, dass er GĂ€ste erwarte und dass Gisela heute frĂŒher zur Arbeit kommen mĂŒsse. Als seine Angestellte nicht gleich antwortete, fĂŒgte er mit murrendem Unterton hinzu: „Ich bitte dich darum!“ Da wusste Gisela, dass es ihm wichtig war.

Wenn fĂŒr Gonzo etwas wichtig war, dann seine politischen Freunde. Exilkubaner zumeist, die heute in Amerika lebten. FrĂŒher war Gonzo öfter nach Miami gereist. Noch lĂ€nger war es her, dass die Freunde nach Hamburg gekommen waren. Zu denen ĂŒbrigens auch der junge Fernando gehört hatte, als Vertreter seines kranken Vaters. Der junge Heißsporn hatte die Versammlungen gelegentlich geschwĂ€nzt, um mit Gisela auszugehen. AbfĂ€llig hatte er dann gesagt: „Lass die alten MĂ€nner von alten Zeiten trĂ€umen, ich denke lieber an die Zukunft, die sagt mir, dass Fidel Castro in 10 Jahren ohnehin nach Moskau geflĂŒchtet sein wird.“ Und mit dĂŒsterem Unterton hatte er manchmal hinzugefĂŒgt: „DafĂŒr werden wir schon sorgen.“ Fernandos Deutsch war selbst fĂŒr einen DeutschstĂ€mmigen außergewöhnlich akzentfrei. Im Gegensatz zu Gonzos Kauderwelsch, der sich damals nur mĂŒhsam hatte verstĂ€ndigen können.

Gisela sprang unter die Dusche, schlĂŒpfte in ihre Kleider, legte das Make-up einen Tick sorgfĂ€ltiger auf als sonst. ZĂŒgig, genau wissend, was sie wollte, suchte sie in der Langen Reihe, einer schmalen, quirlig bunten Einkaufsstraße, verschiedene LĂ€den auf. Gonzo wĂŒnschte ein Steak zu essen, am liebsten mit grĂŒnen Bohnen. Der Hungrige lag wie zumeist in den letzten Jahren im Bett. Das Herz! Immerhin: Er hatte die 70 ĂŒberschritten. Wie alt er genau war, wusste Gisela nicht. Das wollte sie auch gar nicht wissen. Ihr gefiel es so wie es war. Denn in dem Maße, wie seine Atembeschwerden gekommen waren, war seine aggressive Strenge gegangen.

Gonzo saß aufrecht im Bett und aß mit ungewöhnlichem Appetit. Er wirkte entspannter als sonst und seinem Atem fehlte das Pfeifen. „Wir bekommen morgen Besuch“, sagte er schmatzend, beilĂ€ufig. Gisela hatte sich gerade ans Bettende gesetzt, ihm etwas Gesellschaft zu leisten, als er plötzlich jegliches GerĂ€usch vermied. Gisela sah auf. Gonzo drehte die Gabel, auf der ein StĂŒck Fleisch steckte, vor seine Augen. Ohne den Blick von der Gabel zu lassen, sagte er: „Auch Fernando wird morgen Nachmittag einfliegen.“ Giselas Herz begann wie wild zu pochen. Gonzo steckte die Gabel in den Mund und fuhr fort, genussvoll zu schmatzen. Dabei beobachtete er seine Tresenbedienung aus den Augenwinkeln. Sie war gealtert und viel schlauer als frĂŒher. „Freust du dich auf Fernando?“ Die Frage hatte etwas Lauerndes. Gisela wusste, dass Gonzo eifersĂŒchtig werden konnte, zumindest seit sie vor Jahren begonnen hatte, gelegentlich das Bett mit ihm zu teilen. Sie beantwortete die Frage nicht. Stattdessen redete Gonzo: „Er hat sich verĂ€ndert, dein Fernando. Aber nicht zu seinem Besten. Also erschrick nicht, wenn er vor dir steht.“ Wenn es etwas gab, worauf Gisela weiß Gott wĂŒrde verzichten können, dann aufs Erschrecken, ĂŒberhaupt auf eine Empfindung im Angesicht des Todesengels.

Seiner Gewohnheit bei außergewöhnlichen Ereignissen folgend, ĂŒberließ Gonzo nichts dem Zufall. Ganz oben auf der Liste der Anordnungen fĂŒr Gisela stand das Entstauben und GeraderĂŒcken der Bilder an den WĂ€nden der Gaststube. Darum kĂŒmmerte sie sich umgehend. Zuerst kamen die eingerahmten Fotos einer abseits der Stadt gelegenen Gruppe von GrĂŒnderzeithĂ€usern dran: Gonzos Lieblingsbilder. Nicht nur einmal hatte sie den derben Menschen weinend erlebt, wenn er die prunkvollen HĂ€user betrachtete. Gisela wischte ĂŒber die entspiegelten Scheiben, dann ĂŒber die Rahmen. Nach und nach brachte die Prozedur hinter den klebrigen Ablagerungen des fettigen Rauchs unzĂ€hliger Zigaretten eine von Licht ĂŒberflutete, atemberaubend schöne karibische Inselwelt hervor.

Als sie die mit Öl gemalten Festungen El Morro und La Cabana reinigte, wurde auch sie zum hundertsten Mal von Fernweh gepackt. Hinzu kam, dass die dicken Mauern einen unerklĂ€rbaren Reiz auf sie ausĂŒbten. Ja, hinter solchen Mauern wĂ€re sie ganz sicher unantastbar und auf der ihr angestammten Lebensbahn geblieben. Doch die dicken WĂ€lle waren fern. So wie Kuba, Havanna, weiße StrĂ€nde, berauschende NĂ€chte. Nie war sie dort gewesen, obwohl der grĂ¶ĂŸte Teil ihres Lebens mit der Zuckerrohrinsel verknĂŒpft gewesen war. Und zum wiederholten Mal beschĂ€ftigte sie die Frage, wie wohl die Pflanzen aussehen und sich anfĂŒhlen mochten, aus denen der Cachaca gemacht wurde, aus dem sie Abend fĂŒr Abend Caipirinha zubereitete? Auch und vor allem interessierte es sie brennend, wie wohl der Cuba Libre auf Cuba schmeckte? Gisela seufzte. Fernando wusste es und Gonzo wusste es auch. Überhaupt wussten es so viele


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In der folgenden Nacht schloss sie die Bar ĂŒberpĂŒnktlich. Keine Besucherin, die noch hereingebeten wurde. Der frĂŒhe Feierabend indes sollte ohne wirklichen Nutzen bleiben, denn in dieser Nacht haperte es am ersehnten Schlaf. Ein Ärgernis, wusste Gisela doch nur allzu gut, wie grau und fleckig durchwachte NĂ€chte sich ĂŒber das Antlitz legen konnten. Aber leer und grau auszusehen, dass war heute gewiss nicht ihre Absicht. Also wĂŒrde sie sich am Nachmittag besonders sorgfĂ€ltig schminken mĂŒssen. Bis dahin aber galt es, all die feinen und exotischen Leckereien einzukaufen, mit denen Gonzo seine GĂ€ste verwöhnen wollte. Sogar die tĂŒrkischen GemĂŒsehĂ€ndler am Steindamm hatte die Unausgeschlafene bis 12.00 Uhr abgeklappert. Der dicke, kranke Patron registrierte Giselas Fleiß mit EntzĂŒcken.

Bald darauf begann sie GemĂŒse zu putzen, Kartoffeln zu schĂ€len, Fleisch zu marinieren. Eigentlich kein Problem, wenn da nicht der erwartete Besuch gewesen wĂ€re. Dieser eine, ganz bestimmte Besuch. Gisela sah auf die edelhölzerne, in die Breite gearbeitete Uhr am Ende der Bar, ein Modell aus den fĂŒnfziger Jahren. 14.35 Uhr. Wann sollten die GĂ€ste einfliegen? Am Nachmittag. War jetzt schon Nachmittag oder war erst nach Mittag? Gisela hantierte jetzt vorsichtiger mit den Messern und sonstigen scharfschneidigen KĂŒchengerĂ€ten. Zu nervös war sie geworden, zu verunsichert von dem, was auf sie zukommen wĂŒrde. Ihre Bewegungen wurden fahrig, fahrlĂ€ssig geradezu gegen sich selbst.

Irgendwann, die Fleißige machte gerade eine Pause am Fußende von Gonzos Bett, klingelte das Telefon. Mit einer Kopfbewegung wies er seine Tresenbedienung an, das GesprĂ€ch anzunehmen. „Havanna-Bar, ja bitte?“ Schweigen. Langes Schweigen. „Bist du es, Giesel?“ Die Stimme gehörte zu Fernando. Sie war bar jeglicher Aggression. Ganz fest presste Gisela den Hörer ans Ohr. Kaum wagte sie zu atmen. „Hier ist Fernando. Du kannst Gonzo sagen, dass wir gelandet sind.“

Keine Stunde spĂ€ter bogen drei Taxis in die Altbauschluchten St. Georgs ab. Nur wenige hundert Meter und sie hielten vor der Havanna-Bar. Ein wenig matt aussehend, aber munter schwĂ€tzend entstiegen den cremefarbenen Fahrzeugen sechs gealterte, gut gelaunte MĂ€nner. Ihre Kleidung war angeknittert, nicht weniger ihre Gesichter. Gisela stand hinter einem Fenster und beobachtete die Ankunft. Ihr Herz begann zu flimmern, als Fernando dem Beifahrersitz des vorderen Wagens entstieg. MerkwĂŒrdig: nur mit Verzögerung setzte er seine FĂŒĂŸe auf den Gehweg. Unerwarteter Zorn stieg in ihr auf. Verfluchter Hund!, schimpfte eine innere Stimme. Sie öffnete die TĂŒr, ließ die GĂ€ste eintreten. Was fĂŒr eine BegrĂŒĂŸung. Die Herren in den teuren, eleganten AnzĂŒgen erkannten die langjĂ€hrige Angestellte ihres Kumpels Gonzo sofort. Umarmungen, warme HĂ€ndedrĂŒcke, Ausrufe des EntzĂŒckens. Zum Schluss betrat Fernando die Gaststube. Augenblicklich riss das ausgelassene GelĂ€rme ab. Man hatte plötzlich mit dem Koffer, dem Taschentuch, dem Betrachten der Einrichtung zu tun. Die Augen jedoch, die hafteten verstohlen auf Gisela. Was wĂŒrde geschehen? Wie wĂŒrde die einst GedemĂŒtigte den schönen Fernando empfangen.

Gisela vergaß ihre vielen Vorstellungen von diesem Empfang binnen eines Augenblicks. Stattdessen erschrak sie ganz einfach, ĂŒber seinen rechten JackenĂ€rmel, der schlaff und leer herabhing. Fernando schien die Reaktion der einstigen Geliebten und GefĂ€hrtin zu gefallen. Er grinste, fasste mit der Rechten nach dem leeren Ärmel, schĂŒttelte ihn demonstrativ. „Sprengstoff!“, sagte er lakonisch. Seine Begleiter begannen zu lachen. „Unser Fernando, ein Teufelskerl“, brummte einer. Andere ballten die Faust.

Gisela fĂŒhrte die Ankömmlinge zu Gonzo ans Bett. Der war ĂŒbers Warten eingenickt. Sie ließ die Gesellschaft allein, suchte die KĂŒche auf und fuhr fort mit der Zubereitung des Essens. Irgendwann erschien Fernando in der KĂŒche. Er roch nach einem exotischen Parfum, wĂŒrzig, frisch, anziehend. Er sprach kein Wort. Stattdessen steckte er seinen Zeigefinger in die SchĂŒsseln und Töpfe, probierte hier, probierte da. „Was wĂŒrden deine Freunde sagen“, mahnte Gisela, „wenn sie erfĂŒhren, dass du deinen Finger in ihr Essen steckst?“ Fernando legte einen verĂ€chtlichen Ausdruck auf sein Gesicht, wobei er mit einer raschen Kopfbewegung zur TĂŒr hinaus auf die fröhlich schwĂ€tzende Gesellschaft in der Schankstube wies. Dann ging er hinaus, wortlos, so wie er hereingekommen war.

Mag er auch noch so gereift aussehen, er scheint doch der gleiche geblieben zu sein, dachte Gisela. Aber, wie es schien, besaß der verdammte Kerl trotz seiner Behinderung nicht weniger Selbstvertrauen als damals. Er wird wohl Kariere gemacht haben, in dem Unternehmen seines Mentors, eines Schiffbauers. KrĂ€ftig atmete Gisela durch. Wird er versuchen, mit ihr anzubĂ€ndeln? Oder wird der Schweinehund nach drogensĂŒchtigen MĂ€dchen Ausschau halten? So wie frĂŒher. Eines jedenfalls stand fĂŒr Gisela fest: Vergriffe er sich an einer der Gestrauchelten, die nĂ€chtlich zum Cuba Libre vorbeikamen, sie wĂŒrde ihm ein Messer in die Brust zu rammen. Der Gedanke entspannte sie nachhaltig.

AllmĂ€hlich gelang es ihr, sich ausschließlich auf die Vorbereitung des Essens zu konzentrieren. Hilfreich war dabei, dass Gonzo die Bar fĂŒr heute geschlossen hatte. Erstaunlich wie sicher und gelöst der fettleibige Herzkranke hinter dem Tresen stand und seine GĂ€ste bediente. Gegen 18.00 Uhr wurden die bestellten Hummer angeliefert. Gisela verzog das Gesicht. Allein dem Gedanke, die Viecher bei lebendigem Leib ins kochende Wasser zu legen, entsprang ein tiefer Widerwille.

Ein Konflikt, der ihr jedoch erspart bleiben sollte. Denn kaum dass die Essensvorbereitungen abgeschlossen waren, erschien Gonzo in der KĂŒche und entließ die VerblĂŒffte in den Feierabend. Es war in der Vergangenheit fĂŒr Gisela nicht von Interesse gewesen, was die MĂ€nner Geheimnisvolles zu besprechen hatten, ebenso wenig scherte es sie heute. Dankbar wies sie den Patron ein und verließ die Bar durch den Nebeneingang ĂŒbers Treppenhaus.

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Unabgelenkt jetzt, bar aller Pflichten, fiel es Gisela schwer, den Reminiszenzen an Fernando zu widerstehen. Es waren wunderbare Monate, Wochen und Stunden gewesen, die sie anfangs mit ihm hatte erleben dĂŒrfen. Empfindungen und SehnsĂŒchte, so schön, intensiv und anhaltend wie nie zuvor und nie danach. Eine erregende ElektrizitĂ€t, die von ihm zu ihr geflossen war, die sie sich fĂŒr die Ewigkeit erhofft hatte. Doch nicht lange und Fernando hatte seine andere Seite zeigen sollen: Fehlschaltungen, 1000-Volt-Aussetzer ohne Vorbereitung. Eingeleitet von einer unerwarteten, fĂŒrchterlichen Ohrfeige mit der flachen Hand. FĂŒr den Anfang allerdings eine einmalige Angelegenheit, daher verzeihbar. Verzeihbar? Ja! Fernando war ein Vertriebener und zwar mit der ganzen Familie, davongejagt von Haus und Hof. Einem eigenen Hof. Große LĂ€ndereien, Zuckerplantagen sollen es gewesen sein. Einfach weggenommen. Von Fidel Castro, den Fernando am liebsten in der karibischen See hatte ersĂ€ufen wollen, wie er immer gesagt hatte. Doch der alte RevolutionĂ€r war immer noch da. Und wie man im Fernsehen verfolgen konnte, fĂŒhlte er sich ganz offensichtlich pudelwohl auf Kuba. Konnte es einen Vertriebenen geben, der dabei nicht verrĂŒckt wĂŒrde im Kopf?

Gisela, die nicht weit entfernt vom Hansaplatz wohnte, war zu Hause angekommen. WĂ€hrend sie den WohnungsschlĂŒssel in die HaustĂŒr steckte, befanden sich ihre Gedanken bei der Frage, wie wohl Fernando heute wohnen wĂŒrde. Wieder so herrschaftlich wie einst auf Cuba? Ach, Cuba..! Da war sie wieder, die eigentĂŒmliche Sehnsucht nach der Insel, die vielleicht alles erklĂ€ren konnte. Bald, sagte sich Gisela, bald werde auch ich endlich hinfliegen. Das Geld jedenfalls lag schon seit lĂ€ngerem bereit.

Mitternacht sollte es werden, bis sie endlich zu gĂ€hnen begann. Ein sicheres Zeichen fĂŒr den bevorstehenden Schlaf. Doch dann klingelte es an der HaustĂŒr. Verabredet war sie mit niemanden, so wenig wie an den letzten tausend Abenden zuvor. Gerechnet aber hatte sie schon mit einem, mit Fernando! Und es erfĂŒllte sie mit Genugtuung, dass er tatsĂ€chlich gekommen und nicht zu einem der billigen Flittchen gegangen war.

Sie kleidete sich an und öffnete die TĂŒr. Mit dem Betreten der Wohnung kĂŒsste er der Erstarrten die Stirn. Ganz so wie frĂŒher zog er sofort das Jackett aus, warf es auf den erstbesten Sessel. Nur die HemdĂ€rmel, die konnte er nicht aufkrempeln so wie frĂŒher. „Wieder zu Hause!“, stellte er fest. Und wĂ€hrend er sich in der Wohnung umsah, nickte er mit dem Kopf, so als wĂŒrde er einen Tagesordnungspunkt abhaken. Gisela hatte noch keinen Mucks von sich gegeben. Sie schĂŒttelte nur unmerklich den Kopf. So hatte sie sich das Widersehen nicht vorgestellt. „Gibt es etwas zu trinken?“ „Cola, sonst nichts.“ MĂŒrrisch fragte Fernando nach: „Keinen Cachaca, keinen Wein, nicht einmal Bier?“ Gisela musste lachen. „Nichts davon.“ Fernando erhob sich, ging in die KĂŒche, öffnete den KĂŒhlschrank. „Aha“, sagte er, „du willst mich suchen lassen. Ein Spiel..?“ Dann öffnete er die BalkontĂŒr. Eine milde KĂŒhle kam hereingeweht. Wo ist der Kasten Bier, den du hier immer gelagert hast?“ Einen Tick lĂ€nger als normal sah er Gisela an. „Ihr habt hier in Deutschland doch bestimmt auch Pizza- und GetrĂ€nkedienste, die man nur anzurufen braucht. Wenn nicht, dann musst du eben zur Bar zurĂŒcklaufen.“ Vor dreißig Jahren wĂ€re keiner seiner WĂŒnsche unerfĂŒllt geblieben.

Heute aber sollte dieser Film einen zweiten, unerwarteten Regisseur bekommen, genauer gesagt eine Regisseurin. „Wenn du etwas Alkoholisches trinken willst“, entgegnete Gisela scharf, „dann hol es dir. Du weißt doch, wo die Havanna-Bar ist. Und wenn du zurĂŒck bist, mische ich uns einen schönen Cuba Libre.“ Fernando empörte sich: „Du weißt doch, dass ich das Arme-Leute-Gesöff nicht anrĂŒhre. Also geh’ und besorge uns Champagner. Ich zahle ihn morgen bei Gonzo.“ Ausgerechnet Gonzo, der ganz sicher eifersĂŒchtig werden wĂŒrde, dachte Gisela. PrĂŒfend, hellwach, so sah sie Fernando in die Augen. Eigentlich hĂ€tte der Schöne jetzt fuchsteufelswild werden mĂŒssen.

Doch Fernando wirkte nervös, verunsichert, ratlos. In diesem Zustand war er unberechenbar. Gisela rĂŒckte von ihm ab, suchte das Sofa-Ende. Zwar presste Fernando bei geöffneten Lippen die ZĂ€hne aufeinander, doch blieb er ruhig, als er mit dem ihm eigenen Singsang sagte: „Du solltest wissen, dass man so nicht reden darf mit mir, nicht in Miami und nicht in Hamburg. So hat man auch nicht mit meiner Familie reden dĂŒrfen, als wir noch auf Kuba gelebt haben.“ Gisela verkniff sich ein Grinsen. Auf keinen Fall durfte sie ihn reizen, das hĂ€tte lebensgefĂ€hrlich werden können. Denn immer klarer stellte sich heraus: Fernando war immer noch der alte, keine Frage, der verdammte Todesengel ihrer frĂŒhen Jahre. Unter dem Kopfkissen am Ende des Sofas lag ein Messer versteckt. Mit dessen Hilfe plante sie den Exfreund fĂŒr den Ă€ußersten Fall in Schach zu halten.

Mit einem Mal wurde der GedemĂŒtigte unruhig. „Ich erwarte, dass du etwas zu Trinken heranschaffst. Das ist mein gutes Recht. Immerhin sind wir schon einmal fast verheiratet gewesen.“ Gisela schĂŒttelte den Kopf und erwiderte: „Die Zeiten Ă€ndern sich , mein Lieber. Im ĂŒbrigen bin ich froh, dass wir nur fast verheiratet gewesen sind, denn das zĂ€hlt heute nicht mehr. Und nun, bitte“, so forderte sie, „verlass auf der Stelle meine Wohnung.“ Fernando sprang auf. „Du willst mich rausschmeißen?“ „Nicht rausschmeißen, mein Lieber, verabschieden will ich dich.“

AllmĂ€hlich kroch die Furcht an Giselas RĂŒckgrat herauf. Fernandos Augen besaßen diesen blöden, gefĂ€hrlichen Blick. Ruckartig hob er das Kinn. „Wer bist du eigentlich, du kleines schĂ€biges Nichts? Kennst du keine Dankbarkeit? DafĂŒr, dass einer wie ich dich so viele Jahre in seiner NĂ€he geduldet hat? Auf Kuba, da hĂ€tten wir eine wie dich zum KartoffelschĂ€len auf den Hof gejagt. Na ja, viel mehr tust du ja auch in der Havanna-Bar nicht. Zu mehr taugst du einfach nicht.“ Fernando lachte höhnisch. „Wenn du Kinder gehabt hĂ€ttest“, fuhr er fort, „wĂ€re es ihnen ganz bestimmt besser ergangen. Sie hĂ€tten sich mit unseren Vorarbeitern vergnĂŒgen dĂŒrfen.“ Fernando zog seine Jacke ĂŒber, machte auf dem Absatz kehrt. „Ich besorge jetzt Champagner fĂŒr uns, denn du, meine Königin, du hast etwas Besseres verdient als deine ungeborenen Kinder.“ Wieder lachte er höhnisch, laut und schallend. Dann verließ er die Wohnung.

Gisela wusste: Fernando wĂŒrde zurĂŒckkommen. Sie dachte nicht eine Minute daran, auf ihn zu warten. Wenige Schritte, dann stand sie auf dem Balkon und spĂ€hte ĂŒber das GelĂ€nder. Wichtig war jetzt, dass der JĂ€hzornige tatsĂ€chlich den Weg zur Havanna-Bar nahm. Als er endlich außer Sichtweite war, raffte sie binnen weniger Minuten ihre Kleider zusammen, stopfe sie in einen Aluminiumkoffer. Auf einer Bank an der Alster wartete sie auf das Morgengrauen. Und mit der ersten U-Bahn fuhr sie nach Barmbek, von dort mit der S-Bahn nach Ohlsdorf und weiter mit dem Bus zum Flughafen. Bereits am Nachmittag landete sie in Frankfurt. Und schon am Abend saß sie im Heck einer Boing nach Havanna auf Cuba, dem einzigen Ort, an dem sie sich jetzt in Sicherheit wusste, vor solchen Menschen wie Fernando Meier.

© RĂŒdiger N. Aboreas, Juli 2006

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TanjaF
Guest
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...nur eine schnelle Antwort...muss packen...Flieger geht gleich...!
Sehr gelungen!

Liebe GrĂŒĂŸe,
Tanja

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HFleiss
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Cuba Libre

Der Text bedarf meiner Ansicht nach stilistisch wirklich der Überarbeitung, die Aussage ist mir zu direkt, nicht differenziert genug. Dass Gisela schon immer mal nach Kuba wollte, reicht meiner Ansicht nach nicht, um ihren Entschluss zu begrĂŒnden. Dahinter mĂŒsste viel mehr stehen: die Sehnsucht nach einem sauberen Leben ohne dieses Gesindel. Das finde ich nicht ausreichend begrĂŒndet, am besten durch ein Ereignis, das Fernando nackt dastehen lĂ€sst. Gisela wĂ€chst mir wĂ€hrend der Geschichte noch nicht ans Herz, mir scheint, du selbst hast sehr viel Distanz zu diesem Milieu. Du solltest es nicht denunzieren, das kommt zu gewollt rĂŒber.
Trotzdem, wĂ€hrend des Lesens hatte ich die ganze Zeit das GefĂŒhl, ich mĂŒsste mir die HĂ€nde waschen. Das ist dir gut gelungen, das ZuhĂ€ltermilieu, in dem diese Leute sich bewegen, die eine Revolution des Volkes rĂŒckgĂ€ngig machen wollen, darzustellen. Ja, es sind Todesengel.

Gruß
Hanna

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aboreas
Routinierter Autor
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Liebe TanjaF,
danke fĂŒr dein dickes Lob. Gute Reise, wohin sie dich auch fĂŒhren möge.

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Liebe Hanna,

danke fĂŒr deine gut gemeinten Zeilen. Ja, gewiss, die Aussage ist schon direkt, jedenfalls fĂŒr die, die sie verstehen. Schön, wenn sich solche Leser finden.

Die Geschichte sollte im wesentlichen die Sicht der Protagonistin wiedergeben. Die ist eben nicht darauf aus, sich mit Wissen und Gewissen zu beladen, jedenfalls nicht mit solchem, das nicht zu ihrem unmittelbaren Leben gehört. Damit gehört sie ĂŒbrigens zu der Sorte Mensch, die ein (wahrscheinlich sogar jedes) Volk ĂŒberhaupt erst ausmachen, zum ĂŒberwiegenden Teil jedenfalls.

FĂŒr die Protagonistin ist Cuba mehr als nur ein Reiseziel. Es ist eine Art Denkpunkt ihres Schicksals. Sie sehnt sich danach, hat aber auch allen Grund zu zögern. Am Ende kann sie eigentlich nicht anders. Sie wird, sofern sie sich eben sicher fĂŒhlen will (Lebenssicherheit), aufgrund ihrer konkreten Lebenssituation dahin gefĂŒhrt.

So weit, so gut. Gleichwohl Ă€ndert das nichts daran, dass man die ganze Chose auch anders hĂ€tte darstellen können. Du magst es anders. Nun, wĂŒrde ich die Geschichte heute noch einmal schreiben - ohne den Zeitdruck (wenige Tage) einer Lesung zum Thema wegen -, sĂ€he sie womöglich anders aus, die Geschichte, vielleicht sogar mehr in deine Richtung gehend. Vielleicht aber auch nicht. Wer weiß..? Eines hĂ€tte ich freilich mit Sicherheit nicht gemacht: eine sozialkritische Geschichte schreiben, deren zentrale Aussage sich erst in langatmigen Seminaren erschließt.

PS: Ich hĂ€tte Fernando zum Beispiel als treusorgenden, liebevollen Familienmenschen darstellen können.WĂ€re ja gar nicht mal so abwegig. Eine Maske! Gisela wĂ€re dann erst wĂ€hrend einer Reise nach Cuba auf seine Seele gestoßen... Andererseits: WĂ€re sie nicht zufrieden gewesen mit einem gut ausehenden, fleißigen und treuen Mann an ihrer Seite? Wem hĂ€tte sie geglaubt? Usw usf, immer neue Probleme. Das Thema ist halt nicht einfach zu bedienen.

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HFleiss
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Cuba libre

Neenee, aboreas, ist schon gut so. Und langer Seminare braucht es auch nicht. Es ist rein handwerklich gemeint, dass du die Motivation Giselas einleuchtender begrĂŒndest. Sie muss so angekotzt von ihrer Gegenwart sein, dass sie ihr entfliehen will (und das sollte in einer Kurzgeschichte in Aktion mĂŒnden) - egal, aus welchem Grund auch immer.

Gruß
Hanna

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aboreas
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Liebe Hanna,

deine AnsprĂŒche in Ehren...

Hier etwas zur Kurzgeschichte bei wikipedia:

" (...)* Geringer Umfang
* Keine Einleitung (bzw. sehr kurze Einleitung)d.h. keine Exposition
* Überraschender Einstieg
* Offener Schluss oder eine Pointe
* Konfliktreiche Situation
* Ein oder zwei Hauptpersonen stehen im Mittelpunkt (es gibt jedoch auch Kurzgeschichten mit deutlich mehr Hauptpersonen)
* Ein entscheidender Einschnitt aus dem Leben der handelnden Person wird erzÀhlt
* Chronologisches ErzÀhlen
* EinstrÀngige Handlung
* Wenig Handlung
* Metaphern und Leitmotive weisen den Leser auf wichtige Gesichtspunkte der Geschichte hin
* Der Höhepunkt/Wendepunkt ereignet sich am Ende der Geschichte
* Themen sind Probleme der Zeit
* Die Figuren sind Menschen, die nicht herausragen (Vgl. Alltagsmenschen), sie sind keine Helden
* Es bleiben noch Fragen ĂŒbrig (offenes Ende), der Leser muss zwischen den Zeilen lesen

Form

Idealerweise besteht eine Kurzgeschichte aus den vier Elementen: Auftakt, Aufbau des Problems/der Spannung, retardierendes Moment, Lösung. Lösung muss in dem Moment nicht Lösung des Problems bedeuten. Ein Scheitern der Protagonisten wird in diesem Zusammenhang auch als "Lösung" angesehen. Die ErzĂ€hlperspektive ist oft die des Ich-ErzĂ€hlers (RĂŒckschau, chronologische Anordnung) mit eingeschrĂ€nktem Wissen fĂŒr den Leser. Er erfĂ€hrt oft nicht mehr (sogar weniger), als der Ich-ErzĂ€hler zum Zeitpunkt des Geschehens weiß. Moderne Kurzgeschichten haben oft einen Er-ErzĂ€hler, der weit hinter (in!) die Hauptfigur(en) zurĂŒcktritt. Er ist hĂ€ufig nur noch in verbindenden Zwischentexten nachweisbar (...sagte er.). Manchmal erzĂ€hlt er wie aus dem Bewusstseinszentrum einer oder mehrerer Personen (innerer Monolog!), oder er verhĂ€lt sich wie ein völlig neutraler Beobachter, ohne die Gedanken und GefĂŒhle seiner Figuren preiszugeben (wie eine neutral registrierende Kamera!), indem er ausschließlich Ă€ußere VorgĂ€nge abschildert (Schnitttechnik). Absicht/ Wirkung letzterer ErzĂ€hlhaltung: Der Leser ist gezwungen, den Text sehr intensiv zu lesen, vieles an inneren VorgĂ€ngen zu erschließen, um zu verstehen, die Gedanken, GefĂŒhle und Reaktionen aus den Ă€ußeren Hinweisen abzuleiten und auch die CharakterzĂŒge so zu erfassen: aktives, mitdenkendes, mitschaffendes Lesen wird erfordert. Der Leser kann sich meist sehr gut in die handelnde Person hineinversetzen, da es sehr wenige biographische Daten ĂŒber sie gibt. (...)"

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springcrow
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Eine sehr gelungene Geschichte. Ich finde es sehr gut, das die Hauptfigur keine Heldin darstellt, sondern eben das tut, was sie tun muss und kann. Sie könnte jetzt auch eine unrealitstische Hedlentat vollbringen und diesem Fernando eine Lektion erlteilen, indem sie sonstwen beauftragt, oder den moralischen Dampfhammer auspackt. Aber sie haut ab, bringt sich in sSicherheit und handelt einfach nur menschlich.

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