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Leselupe.de > Horror und Psycho
Déjà Vu
Eingestellt am 22. 12. 2007 22:22


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Bad Rabbit
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„Guten Morgen, Sir!“
Wie immer wurde er von dem Wachmann begrüßt. Wie immer erwiderte er die Begrüßung. Wie immer summte der elektronische Mechanismus, welcher die schwere Stahltür öffnete.
Er ging durch das Portal und einige Meter den Gang hinunter, als er plötzlich stehen blieb. Fehlte nicht irgendwas? Hatte er etwas vergessen?
„Entschuldigung, aber haben Sie das Spiel gesehen?“ fragte ihn der Wachmann in schüchternem Ton. Das Gefühl verflog.
Er musste nicht einmal darüber nachdenken, was er zu sagen hatte:
„Klar“ sagte er, während er sich umdrehte.
Sag es, dachte er, ohne zu wissen, warum.
„Das ist gut, denn ich schiebe hier eine Doppelschicht und konnte es deswegen nicht sehen. Hier unten ist die Welt...“
„...zu Ende.“
„Stimmt! Sie kennen den Spruch wohl schon, was?“
Er kannte ihn nicht. Er kannte ihn?
„Ja, hab ich schon mal gehört. Also: Die Sharks lagen bis zur Halbzeit in Führung, aber zehn Minuten vor Schluss hat Trolsky einen Treffer gelandet, und kurz darauf hat Barryman den Ausgleich geschossen. In der Verlängerung haben wir sie gekriegt.“
Er hatte das Gefühl, als würde er irgendein auswendig gelerntes Gedicht runterleiern.
Der Wachmann verzog den Mund zu einem anerkennenden Lächeln, bevor er sagte:
„Wow, da hab ich ja echt was verpasst. Bis nachher, Sir!“
Er drehte sich wieder um und ging weiter. Der Mechanismus der Tür summte wieder und wich dann einem schleifendem Geräusch, das durch ein Scheppern abgestellt wurde.
Es kribbelte in seinem Brustkorb. Der Schimmel in diesen dunklen Gängen und in den Zellen machte ihm schon immer zu schaffen. Als überaus reinlicher Mensch hasste er es, hier unten zu sein. Zum Glück war die Beleuchtung schwach, so dass er sich die ganze Scheiße nicht auch noch ansehen musste.
Nach einigen Minuten hatte er sein Ziel erreicht, ohne auch nur einmal in den falschen Gang abzubiegen. Normalerweise passierte das ständig, denn die Anlage umfasste über dreihundert Zellen und einige andere Räume auf einem halben Quadratkilometer. In den drei Jahren, die er für die Abteilung arbeitete, hatte er nicht einmal die Hälfte des Objekts gesehen.
Warum....
Warum hatte er diese Zelle auf Anhieb gefunden?
Das ist doch das erste mal, dass ich diesen Häftling verhöre. Oder?
Diesen Gedanken beiseite drängend, kramte er aus seiner Tasche eine Magnetkarte hervor, welche er in das Schloss der Tür steckte.
Die Tür glitt zur Seite und offenbarte einen kleinen Raum, den man zu einem Verhörraum umfunktioniert hatte. Früher war dies wahrscheinlich eine gewöhnliche Zelle gewesen, doch da man mitunter mehrere Tage auf einen freien Verhörraum warten musste, hatte man kurzerhand improvisiert.
In der Mitte der Zelle stand ein einfacher Aluminiumtisch. An zwei Seiten des Tisches standen sich zwei Stühle, ebenfalls aus Aluminium, gegenüber. An einen der beiden Stühle war ein nackter Mann gefesselt, welcher nun den Kopf hob, und ihn mit ängstlichen Augen anblickte. Die erbärmliche Gestalt war schweißgebadet und mit blauen Flecken übersät.
„Wer...wer....sind Sie?“ fragte der abgemagerte Gefangene in gebrochenem Englisch.
„Ich...“
Ich kenne das.
Er kannte das. Irgendwie wusste er, wie dieses Gespräch laufen würde. Die ganze Situation kam ihm bekannt vor. Wie ein Film, den man vor vielen Jahren gesehen hat, an den man sich aber nicht mehr richtig erinnert. Er beschloss, diese Gedanken zu ignorieren, und von nun an rein professionell vorzugehen.
„Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“ sagte er schließlich.
„Ich nicht wissen, was Sie wollen! Bitte mich gehen lassen!“ flehte der Gefangene.
„Natürlich lassen wir Sie gehen. Sie müssen uns nur sagen was wir wissen wollen.“
Während er das sagte, zog er den freien Stuhl etwas zurück, und setzte sich darauf.
Dann faltete er seine Hände auf dem Tisch und lächelte den Gefangenen freundlich an.
Das verwirrte sie immer.
„Ich nichts wissen!“
„Doch doch, Sie wissen! Wollen Sie etwas über mich wissen?“ Er machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte zu verstärken.
„Die Verhöre hier laufen in Stufen. Sie haben bereits zwei Stufen hinter sich. Zwei Gelegenheiten, uns die Wahrheit zu sagen. Sie haben sie nicht genutzt. Ich bin Stufe drei. Eine Stufe vier gibt es nicht.“
Wenn es möglich war, Todesangst und pures Entsetzen zu steigern, so hatte er es geschafft.
Er wird sagen, dass er Kinder hat.
„Ich habe Kinder! Bitte! Bitte!“
„Sagen Sie mir, wo sich die Maschine befindet, und Sie können zu Ihren Kindern. Ganz einfache Sache.“ Sein Ton war ruhig, fast schon gelangweilt. Klang er nicht genauso, wenn er am Telefon mit seiner Schwiegermutter redete?
„Wie Sie wollen.“ Hinter dem Gefangenen stand ein kleines Tischchen, über welches ein Tuch ausgebreitet war. Er stand auf, ging zu dem Tisch und zog das Tuch beiseite. Aus der kleinen aber feinen Auswahl an Werkzeugen, die sich ihm nun bot, wählte er eine Packung Nägel.
„Letzte Gelegenheit, bevor es unangenehm wird.“
„Ich nicht wissen was Sie wollen! Wahrheit!“
Vorsichtig nahm er einen Nagel aus der Packung, dann trat er hinter den Häftling, dessen Hände hinter der Lehne des Stuhls mit einem Kabelbinder gefesselt waren.
Mit einer schnellen Bewegung griff er sich einen Finger des Häftlings, und schob ihm einen Nagel unter den Fingernagel.
Als die Schreie endlich in ein Wimmern übergegangen waren, fragte er:
„Wo ist die Maschine?“
„Ich doch nicht wissen...“ Der Häftling weinte jetzt. Gut.
„Sie haben noch neun weitere Finger. Danach muss ich mir was noch unangenehmeres ausdenken. Reden Sie. Bitte.“
Es folgten weitere zwanzig Minuten voller Schreie und Beteuerungen.
Warum tue ich das? Ich weiß, dass er nichts weiß.
Lächerlich. Woher sollte er das denn wissen? Schließlich war es der Sinn dieses Verhörs, an die gewünschten Informationen zu kommen.
Ich habe das schon mal getan. Oder? Nein....unmöglich. Verrückt.
Nachdenklich betrachtete er das Blut auf dem Boden und an dem Stuhl. Er hatte sich noch nie Gedanken darüber gemacht, warum man hier unten Möbel aus Aluminium verwendete, doch jetzt wurde es ihm klar: Sie ließen sich leicht abwaschen.
Er hatte vorgehabt, es als nächstes mit dem Lötkolben zu versuchen, doch er beschloss, auf seine innere Stimme zu hören und holte ein Handy aus der Innentasche seiner Jacke. Dabei viel ihm auf, dass seine Hände und seine Kleidung mit Blut besudelt waren. Er war heute doch tatsächlich so daneben, dass er Schürze und Handschuhe vergessen hatte.
Den Kopf über seine eigene Nachlässigkeit schüttelnd, wählte eine Nummer. Es wurde sofort abgenommen.
„Sir, ich habe das Verhör beendet. Er weiß nicht, wo es sich befindet. Wie soll ich weiter verfahren?“ Er bekam eine kurze und präzise Anweisung, dann wurde die Verbindung sofort unterbrochen.
Ich sollte nicht....ich darf nicht....wieder.....
Er kniff die Augen zusammen und kämpfte gegen seine aufkommenden Zweifel.
Tatsächlich schaffte er es, diese gefährlichen Gedanken für einige Sekunden in den Hintergrund zu drängen. Diese Zeit musste er nutzen. Im Dienst für sein Land durfte er niemals zögern. Mit einer geübten Bewegung zog er die Waffe aus seinem Schulterholster und schoss dem Gefangenen zweimal in die Brust und einmal in den Kopf.
Die Schüsse waren ohrenbetäubend. Er steckte die Waffe wieder ein, atmete einige Male tief durch, dann verließ er die Zelle und eilte Richtung Ausgang. Er wollte nur noch hier weg.
Was habe ich getan? Was ich tun musste. Wirklich? Er war unschuldig. Nein, wer hier landet ist nie unschuldig. Aber was bin dann ich....
Er erinnerte sich an seine beschmutzte Kleidung. Auf dem Weg zum Ausgang kam er an einer Toilette vorbei. Als er sich im Spiegel begutachtete, stellte er erleichtert fest, dass es nicht ganz so schlimm war. Seine Hände konnte er abwaschen, die Flecken waren auf seiner schwarzen Jacke kaum zu sehen, und indem er sie zumachte, ließ sich auch das Blut auf seinem Hemd ganz gut verbergen. Dennoch musste er seinen Ekel niederkämpfen. Was ihm nicht gefiel, war der Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wandte sich ab, aber nicht aus Ekel vor dem Blut, sondern aus Ekel vor sich selbst.
Es war richtig. Komm schon! Durchatmen und weiter.
Er wusch sich die Hände und bespritzte sich das Gesicht mit kühlem Wasser.
Warum nur? Warum hatte er diesmal diese Schuldgefühle?
Er war wirklich unschuldig.
Und wenn schon. Spielte das eine Rolle? Leben gegen Leben? War der Akt des kaltblütigen Mordes nicht unabhängig vom Lebenslauf des Opfers?
„Scheiße!“
Den Wachmann ignorierend (Er will mich noch fragen, ob dieser neue Spieler zum Einsatz kam.) stürmte er durch die Korridore der Anlage, vorbei an weiteren Wachmännern und anderen Agenten, bis er endlich im Freien stand. Endlich. Er ging zu seinem Auto, darum bemüht, möglichst ruhig zu wirken. Wenn er sich beeilte, dann würde er vor seiner Frau zu Hause sein, und könnte noch die beschmutzten Sachen loswerden.
Er achtete nicht auf die rote Ampel, als er über die Straße ging, doch als die Zeit plötzlich stillstand, da wusste er plötzlich alles. Er musste sich nicht nach links drehen, um zu wissen, dass da ein Lieferwagen war, der nicht mehr würde bremsen können. Er wusste, dass er eben nicht in einer geheimen Zweigstelle der Abteilung gewesen war. Er wusste, was er hätte tun müssen, und was er das nächste mal tun musste. Alles schien so klar, doch nur einen Augenblick später waren all diese Gedanken fort. Zurück blieben nur der nach Schimmel riechende Korridor und der Wachmann, der ihm einen guten Morgen wünschte.

__________________
Ein Wolf im Schafspelz bleibt trotzdem ein Wolf.

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Bad Rabbit
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Registriert: Jul 2006

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Stephen King hat in einigen seiner Geschichten das Motiv "In der Hölle geht es um Wiederholung" benutzt (Zum Beispiel bei "Dieses Gefühl, dass man nur auf Französisch ausdrücken kann" oder "Der Sturm des Jahrhunderts")
Ich fand das interesssant, habe das alles aber vor vielen Jahren gelesen.
Letztens habe ich mich aber dran erinnert, und kurz vorm Einschalfen ist mir diese kleine Geschichte eingefallen.
Das Niederschreiben und "drüberlesen" hat nur einen Tag gedauert...ich erwarte entsprechende Kritiken :-)
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Ein Wolf im Schafspelz bleibt trotzdem ein Wolf.

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majissa
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Es passiert schon mal, dass Geschichten unkommentiert bleiben, obwohl sie gut sind. So wie diese hier. Ich habe sie gern gelesen und fand sie durchweg spannend. Der Anfang ist sprachlich nahezu perfekt, zieht rein und hält fest. Später kommen einige recht umständlich bis zäh formulierte Textstellen. Da wäre weniger mehr gewesen. Dennoch musste ich bis zum Ende weiterlesen, weil die Handlung mich nicht mehr losließ.

Majissa

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