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Leselupe.de > Kurzgeschichten
DER MENSCH DENKT
Eingestellt am 23. 02. 2009 18:01


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elfriede
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2009

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DER MENSCH DENKT...............OD. JEDEN DONNERSTAG UM 7 UHR AUF PAV 7


Doris schlĂ€ft noch, sie hat die Decke bis zum Kinn gezogen und ihre roten, dichten Haare heben sich deutlich von der lichten BettwĂ€sche ab. Den Polster legt sie immer ĂŒber ihr Gesicht, ĂŒber ihre obere GesichtshĂ€lfte besser gesagt, um auch beim Schlafen das GefĂŒhl zu haben eine Krone auf dem Kopf zu tragen. Nicht irgendeine Krone, so wie sie jemand in der Faschingszeit aufhat. Nein, eine Krone, die Macht verleiht, so wie eine Herzogin- oder Prinzessinnenkrone, erklĂ€rt Doris allen, die es wissen wollen, obwohl sie letztendlich ja doch niemand verstehen kann, sagt sie immer. Denn alle großen Herrscherinnen sind im Grunde von den meisten missverstanden worden.
Sie weiß das, denn sie liest die GeschichtsbĂŒcher, und sie weiß, dass eigentlich auch die
„Queen“ nur von VerstĂ€ndnislosen umgeben ist. Doris öffnet die Augen, gĂ€hnt, streckt sich und schaut prĂŒfend auf die anderen Betten. Es sind noch fĂŒnf Patientinnen im Zimmer und neben einem Fenster steht ein Rollstuhl.
Sie schlafen noch;` das ist gut`, denkt Doris, `sehr gut, denn die Herrscherin darf niemals als zweite, dritte oder gar als letzte aufwachen, es wĂ€re fatal fĂŒr die ganze Entwicklung; fĂŒr die feinmaschige Struktur, fĂŒr alle und alles`, sagt Doris und sie wĂ€re in ihrem Bestreben, das zu erreichen, was sonst niemand schafft, um einige Monate, wenn nicht Jahre zurĂŒckgeworfen
Die schwierigste, durchdachteste PÀdagogik wÀre mit einem Schlag zunichte gemacht.
„Aufstehen, ihr Dienerinnen und DrecksĂ€cke !“ brĂŒllt sie und weiß, dass heute Donnerstag ist. „Aufstehen !“schreit sie wieder, und langsam beginnen sich die Körper in den Betten zu rĂ€keln. Doris schlĂŒpft schnell in ihr Galakleid, das ist fĂŒr Donnerstag ! EingehĂŒllt in sieben verschieden große Plastiktragetaschen und mit zwölf Meter Spagat verschnĂŒrt, liegt es die ganze Woche hinter dem Stoß Nachthemden, fast versteckt.. Nur einmal, eben donnerstags entfĂ€delt sie das Paket und zieht gekonnt das himmelblaue mit Strasssteinen im Oberteil besetzte Kleid an. `Es kleidet nicht sonderlich, sie mĂŒsse noch zunehmen`, denkt Doris unzufrieden, `noch fĂŒnf bis sieben Kilo – dann sitzt es wie angegossen`. WĂ€hrend sie das Kleid zuknöpft, schreit sie einige Male „Marie Luise“, „Maria Theresia“ u. „GrĂ€fin Annemaria von Meran“ in den Schlafsaal und fĂŒgt hinzu, dass Marie Antoinette nur an ihrer mageren, fast mĂ€dchenhaftren Statur gescheitert ist.
„Ruhig“, sagt eine zittrige Stimme, und Doris merkt – wie die „bucklige Grete“, so nennt sie die GĂŒnzel, die sich einbildet, sie sei Kaiserin Marie Luise, manchmal auch nur „Bucklige die zweite“, weil sie neben der Sturm die zweite Körperbehinderte in der NĂ€he der Fenster ist – wie sie versucht sich an dem Trapez hochzuziehen. „Nicht so !“sagt Doris alias Marie Antoinette zornig, „ nicht flippig werden, heute ist Donnerstag“, und sie zerrt die GĂŒnzel an den FĂŒĂŸen ins Bett zurĂŒck, dann lacht sie und Fleischer, von Doris „Idiotin 3“ oder „blinde Kuh“ genannt, eine VierundzwanzigjĂ€hrige mit Parkinson-Syndrom applaudiert.
Durch die Unruhe sind nun auch die beiden ĂŒbrigen „Idiotin 1“Fellbrauer und „Idiotin 2“ Bruckner aufgewacht.“ Das ist ausgezeichnet, ihr faules Gesindel, vortrefflich, gerade zur rechten Zeit seid ihr munter geworden; heute ist nĂ€mlich Donnerstag, der Tag der großen Staatsfrauen, der Tag, an dem die grĂ¶ĂŸten Königinnen und Kaiserinnen gekrönt worden sind. Es ist auch mein Tag, wie ihr alle wissen solltet, ihr halbtotes Pack, Scheißdreck und Jauche, SargnĂ€gel einer guten Gesellschaft, verrecken und dann vermodern sollt ihr, ich bin hier, um euch zu schulen, als Lehrmeisterin bin ich hier fĂŒr euch, ihr verfluchtes, heruntergekommenes“ an dieser Stelle unterbricht sie ihre Litanei und endet wie so oft mit den Worten, dass sie vorigen Sommer als einzige zum dritten mal beim Gartenfest den Preis im „HĂŒhnertanz“ gewonnen hat.
Dann setzt sie sich an ihren Bettrand und wartet mit dem Geschichtsbuch fĂŒr Sonderschulklassen „Teil !“in der Hand, auf ihren eigentlichen Auftritt, und manchmal wird sie dabei traurig, Sie sieht sich im Zimmer um, und `nur diese Untermenschen mit nur tierischer Intelligenz sind um sie`, denkt sie. Sie ist aber ein reifes, ausgewachsenes Frauenzimmer mit krĂ€ftigen Armen und Beinen, mit normal großem Kopf, nur eben mit dieser Schizophrenie und dem besonderen dringenden BedĂŒrfnis mit jungen Burschen ...ab und zu...wie es die Ärzte es ausdrĂŒcken. `Was hat sie verbrochen`, fragt sie sich, `dass sie hier in diesem Scheißhaufen leben muß ?
Sie war Medizinstudentin, erinnert sie sich, hatte in der Abendschule die Matura nachgeholt und sie liebte Eines nur das Weintrinken, Zigarettenrauchen und die zermĂŒrbenden Geschichtsepochen, wie sie sie nannte, ja, und auch den einen Tennisverein, von dem sie seit Kurzem immer wieder trĂ€umt. Sie hatte eine kleine Wohnung an der „S 3“ und einmal hat sie auch einen Mann gehabt. Er war dumm, das weiß sie heute noch, er verstand nichts von der Zeit und der Geschichte, er konnte auch nicht im Ansatz die Begabung zur von niemandem erreichten GrĂ¶ĂŸe verstehen. Die MĂ€nner seien alle Hurenböcke ohne Hirn, nur Burschen hĂ€tten ihr kurz den Geschmack fĂŒrs wahre Leben gezeigt, ehe sie sich freiwillig hierher meldete. Vor zehn oder drei Jahren , das weiß sie nicht mehr. Dann hat sie einen Traum, einen Tagtraum, den sie noch heftiger als frĂŒher trĂ€umt, und sie ist sicher, dass sie heute reif dazu ist, ein ganzes Volk zu regieren, sie fĂŒhlt es, sie hat unzĂ€hlige Skizzen gemacht fĂŒr den neuen und einzigen Staat, sie aber gleich und ganz vernichtet. Sie hat sie im Kopf, fĂŒr die Zeit danach, das weiß sie. Sie ist bereit, auf Abruf sozusagen, wenn dann ihre Epoche kommt, und sie wird kommen, davon ist Doris alias Marie Antoinette heute mehr denn je ĂŒberzeugt.
In diesem Augenblick öffnet jemand die TĂŒre, und eine Frau in weißem Rock und weißer Bluse tritt ein. Sie schiebt den FrĂŒhstĂŒckswagen ins Zimmer. Ein kurzer Gruß an die ĂŒbrigen, standesgemĂ€ĂŸes GrĂŒĂŸen fĂŒr Doris, die aufspringt und sich sogleich an alle wendet:
„Ihr A..löcher, ihr Hurenpack, ihr Zeugungsprodukte von rauschigen alten Böcken und Geißen .....“
„Bravo“, ruft Frau Birgit, die Schwester in Weiß, lachend. Sie schließt die TĂŒre und nimmt im Rollstuhl Platz. „Heute ist wieder Kaiserinnengrußtraining“, fĂ€hrt Doris fort. „Aufgepasst, sonst gehört das ganze FrĂŒhstĂŒck mir !“
Sie tritt zur buckligen Grete, und fordert sie auf, es ihr nachzumachen. Diese versucht mit aller Kraft einen Hofknix mit ihren spastischen Beinen, doch auch diesen Donnerstag gelingt es nicht, und Doris isst ihr zur Strafe ihre Marmeladesemmel auf.
Schwester Birgit lacht dazu und nickt. Sturm, die bis zum Halswirbel gelĂ€hmt ist und obendrein nicht sprechen kann, fĂ€llt sowieso aus der Konkurrenz. Doris hebt zwar ihren rechten Fuß, dieser sinkt aber gleich leblos ins Bett zurĂŒck. Sie verspeist eine weitere Marmeladensemmel und sagt, dass ihr das Galakleid bald gut stehen mĂŒsste. Dann ist
„Idiotin 2“alias „Maria Stuart“ an der Reihe, sie hebt aber beide HĂ€nde in die Luft statt einen Hofknix zu machen; und „Idiotin 1“ alias Kaiserin Elisabeth von Österreich fixiert nur den Servierwagen, weshalb ihr Doris mit dem Hausschuh auf den Hinterkopf schlĂ€gt. Schwester lacht schallend, und Doris verspeist weiter Marmeladesemmeln. Nur „Blinde Kuh“ ĂŒberrascht heute, sie hat wirklich aufgepasst und gelernt. „Einen schönen guten Morgen, Ihre MajestĂ€t“, sagt sie leise, aber deutlich und macht ihren Hofknix mit perfekter Grazie. Zwar sieht sie dabei „Kaiserin Elisabeth“ an, aber ein gelungener Versuch, zweifellos. Doris und Birgit sehen sich verwundert an und klatschen. Fleischer verspeist gierig ihr FrĂŒhstĂŒck.
„Ausgezeichnet“, konstatiert Birgit, „bis nĂ€chsten Donnerstag beim FrĂŒhdienst“, und klopft Doris leicht auf die Schulter. „Sehr gute Arbeit, lautet mein Bericht an sĂ€mtliche Minister Ihrer MajestĂ€t !“ schließt sie mit Augenzwinkern ab, dann verlĂ€sst sie den Schlafraum.
Doris grinst in sich hinein. Sie zieht das Kleid aus und verpackt es fein sĂ€uberlich, ehe sie es im Spind unter den Nachthemden verstaut, denn es ist bald acht, dann kommen die Ärzte – da muß die Welt so gut wie möglich wieder in Ordnung sein.

By Elfriede Herold



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Retep
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Guten Morgen, Elfriede,
ein kleiner Willkommensgruß von mir.

Du erzÀhlst von einer Situation in einer psychiatrischen Klinik. Ich habe da mal lÀngere Zeit gearbeitet, kann sagen, dass das durchaus real ist, was du da berichtest.
Ich habe noch ganz andere Sachen gesehen.

Nach meiner Arbeit in solcher Klinik konnte ich ĂŒber "Irrenwitze" nicht mehr lachen.
Du versuchst Komik in den Text einzubringen, die bei mir nicht ankommt. Es ist eine tragische Komik fĂŒr mich.

Ein paar kleine Anmerkungen:

- Doris war Medizinstudentin. Ich glaube kaum, dass sie dieses Vokabular benutzen wĂŒrde, das du in deinem Text verwendest.

quote:
und wartet mit dem Geschichtsbuch fĂŒr Sonderschulklassen
- bei uns in Baden-W. heißt das Förderschule, GeschichtsbĂŒcher, die da verwendet werden, entsprechen dem Hauptschulniveau.
- Vielleicht solltest du kĂŒrzere SĂ€tze schreiben.
- einige Formulierungen wĂŒrde ich noch einmal ĂŒberprĂŒfen.

Gruß

Retep


__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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