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Leselupe.de > Horror und Psycho
DIE FRAU - Eine Kurz(e)Geschichte
Eingestellt am 17. 08. 2010 18:11


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Ati
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Die Frau
Eine Kurz(e)Geschichte
┬ę Antje J├╝rgens


April 2008

Kirsten war mittlerweile am Ende der knapp 60 Meter langen, nebelverhangenen Allee angekommen. Seit sie hier lebten, hatte sie es sich angew├Âhnt, regelm├Ą├čig zu joggen. Ralph fuhr lieber Fahrrad, weshalb sie das immer alleine machte. Doch obwohl sie gerade in einen leichten Laufschritt gefallen war, stoppte sie unwillk├╝rlich und zog sich die St├Âpsel ihres Kopfh├Ârers aus den Ohren.

Er war wieder da und sie musste unbehaglich schlucken. Der Mann sa├č wieder vor der Einfahrt, genau wie in den vergangenen Tagen. Sa├č da, wie ein stummer Vorwurf, wobei sie keine Ahnung hatte, was er wem vorwerfen wollte. Aber sie bekam bei seinem Anblick automatisch ein schlechtes Gewissen und h├Ąmmernde, Kopfschmerzen. Er sa├č einfach da. V├Âllig reglos, stumm. Wo er herkam oder was er wollte, war ihr ein R├Ątsel. Der Mann reagierte nie, wenn sie ihn ansprach. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten, dritten oder vierten. Nicht einmal als sie mit einem Stein nach ihm warf. Mittlerweile hatte sie es aufgegeben. Vermutlich war er in Schleswig ausgebrochen und die waren einfach so froh ihn los zu sein, dass sie ihn nicht einmal suchten. Oder es war der hiesige Dorftrottel. Und die Polizei machte nichts ÔÇô was logisch war, denn wann immer sie auf ihre Anrufe hin vorbeikam, war dieser Irre weg. Vermutlich hielt man sie f├╝r verr├╝ckt, denn die Beamten lie├čen sich zunehmend mehr Zeit, wenn sie denn ├╝berhaupt noch kamen. Er jagte ihr nicht direkt Angst ein, aber unbehaglich war seine Anwesenheit auf alle F├Ąlle.

Statt an ihm vorbeizulaufen, ging sie zu einem der gro├čen Torfl├╝gel. Sie l├Âste die Verankerung und schob ihn schnell zu, was sie gleich darauf mit dem anderen wiederholte. Ihre Finger zitterten, w├Ąhrend sie das Tor mit dem gro├čen Schl├╝ssel abschloss, der seit Monaten an ihrem Schl├╝sselbund baumelte. Die ganze Zeit behielt sie den Mann aufmerksam im Auge. Doch er regte sich genauso wenig, wie bei den letzten Malen als sie ihm begegnet war. Die Lust aufs Joggen war ihr vergangen. Genau wie die letzten Tage. Es zog sie regelrecht zum Haus zur├╝ck. Und der Nebel, der meist ├╝ber und in der Allee hing, schob sie f├Ârmlich darauf zu.
Atemlos kam sie im Hof des Anwesens an, in dem die Sonne eindeutig den Kampf gegen den Nebel gewonnen hatte. Statt zu joggen, w├╝rde sie sich mit Gartenarbeit besch├Ąftigen, bis es Zeit wurde, das Abendessen vorzubereiten.

Mai 2008

ÔÇ×Ich geh dann malÔÇť, rief Kirsten ins Atelier. Die Luft war fast zum Schneiden und sie weigerte sich einfach da rein zu gehen, wenn es sich irgendwie vermeiden lie├č. Im Gegenzug weigerte sich Ralph wie meistens in den letzten paar Wochen ziemlich kleinlich, zu reagieren oder herauszukommen. Er schmollte also immer noch wegen ihres kleinen Streits. Achselzuckend zog sie die Ateliert├╝r hinter sich zu und schlug nach einer besonders l├Ąstigen Fliege. Die Viecher waren bei den f├╝r April und Mai ungew├Âhnlich hohen Temperaturen die reinste Pest. Falls Ralph sich zu einem Gespr├Ąch mit ihr herablassen w├╝rde, w├╝rde er ihr sicherlich wieder einmal vorhalten, dass das eine der Schattenseiten des Landlebens war. Er fand erstaunlich viele Schattenseiten in den letzten Wochen.

Dabei war er nach Er├Âffnung des Testaments sofort Feuer und Flamme f├╝r ihre Idee gewesen, M├╝nchen zu verlassen und in das gerade von seinem Onkel an ihn vererbte Anwesen in einem entlegenen Zipfel Dithmarschens zu ziehen. Okay, Kirsten musste sich ehrlicherweise eingestehen, dass es fast ein Kulturschock war, hier oben zu leben. Hier schlossen Mittwoch nachmittags tats├Ąchlich noch Gesch├Ąfte und die medizinische Versorgung konnte einem Albtr├Ąume bereiten. Kultur? Au├čer in dem Wort Agrarkultur hatte sie sonst noch nirgends etwas gefunden. Aber die Landschaft war sch├Ân, das Anwesen ein absoluter Traum, das Geld, dass Ralphs Onkel ihm ebenfalls vererbt hatte, bescherte ihnen f├╝r mindestens 10 Jahre ein sorgloses, wenn auch bescheidenes Leben und Ralph konnte seit knapp f├╝nf Monaten seiner Leidenschaft ÔÇô der Bildhauerei ÔÇô nachgehen. Seit das Atelier fertig war, sprudelte er vor Ideen nur so ├╝ber und die Energie, mit der er die Projekte in Angriff nahm, war schon fast be├Ąngstigend. Seine eigenen Freunde beschwerten sich schon wochenlang, weil er so gut wie nichts von sich h├Âren lie├č. Leider war er k├╝rzlich sehr schwer gest├╝rzt, weshalb er nicht mehr so arbeiten konnte wie bisher. Vermutlich war deshalb auch seine Laune in der letzten Zeit so mies.

W├Ąhrend sie die Allee entlang lief, erinnerte sie sich an die letzten Wochen in M├╝nchen. An die Unkenrufe ihrer Freunde, die ihr allesamt davon abrieten, mit Ralph hierher zu ziehen. Einfach, weil sie nicht wollten, dass sie ihre Unabh├Ąngigkeit aufgab. Und weil die Beziehung mit Ralph nicht ganz unproblematisch war. Er war zwar meist recht diskret ÔÇô verlogen, wie Sabine meinte ÔÇô aber sie bekam doch hin und wieder mit, dass er sie betrog. Das war einer der Hauptgr├╝nde f├╝r ihren Vorschlag ihm gegen├╝ber gewesen, hierher zu kommen. Das Anwesen lag abgelegen und das n├Ąchste Dorf war so klein, dass sie hoffte, dass er einfach nicht allzu viele Gelegenheiten zum Seitensprung bekam. Und wie es schien, war ihre Rechnung aufgegangen. Ralph interessierte sich zuerst nur f├╝r den Ausbau des Ateliers und dann f├╝r seine Arbeit darin.

Sie steckte den Z├╝ndschl├╝ssel ins Schloss ihres alten Fiats und freute sich, weil er gleich ansprang. Seit Ralph sich nicht mehr f├╝r so etwas Profanes wie einen ├ľlwechsel interessierte und nicht mehr so regelm├Ą├čig wie fr├╝her nach ihrem kleinen Auto sah, war das fast schon ein Wunder. Der Kies knirschte unter den Reifen, als sie im Schritttempo die Allee hinunterfuhr und sich wieder einmal wunderte, wie an einem so sonnigen Tag, dichter Nebel entstehen konnte. Sicher hier gab es alle m├Âglichen Wassergr├Ąben und moorigen Boden. Dennoch war es mehr als seltsam. Aber da der Nebel meist nur auf das kurze St├╝ck der Allee begrenzt war, konnte sie ganz gut damit leben.

Kurz vor dem Tor kam sie zum Stehen. Doch erst als sie ausgestiegen war, sah sie den Fremden wieder an der Stelle sitzen, an der er immer sa├č, wenn sie hier vorbeikam. Direkt in der Mitte der schmalen Ausfahrt. Kirsten starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an und w├╝nschte ihn bereits zum wiederholten Mal zum Teufel. Leider erf├╝llte sich dieser Wunsch auch heute nicht. Genau genommen brauchte sie die Fl├╝gel des Tores gar nicht zu ├Âffnen. Er w├╝rde sowieso nicht weggehen. Weder durch gutes Zureden noch durch Drohungen. Einmal war millimeterweise auf ihn zugefahren, bis die Sto├čstange ihn bereits ber├╝hrte. Dieser Irre hatte sich nicht bewegt ÔÇô sie dagegen hatte fast einen Herzanfall bekommen (vor Wut) und unerkl├Ąrlicherweise eine G├Ąnsehaut, die sich stundenlang hielt. Dummerweise kam sie selbst mit ihrem Elefantenrollschuh, wie Ralph den Fiat immer nannte, nicht an ihm vorbei, weshalb der seltsame Fremde ein mittelgro├čes Problem war.

Nur gut, dass der Lebensmittelmarkt in dem kleinen Ort zwei Kilometer weiter auch Onlinebestellungen annahm und auslieferte. So viel Fortschritt h├Ątte sie hier gar nicht erwartet. Der Bote stellte die Sachen freundlicherweise immer in eine alte Streukiste, die neben einem Pfeiler des Eingangstores stand. Die war sowohl von au├čen als auch von innen zu ├Âffnen. W├Ąhrend Kirsten mit einem b├Âsen Blick in Richtung des Fremden wieder in ihren Fiat stieg, ├╝berlegte sie schon, was sie dieses Mal bestellen sollte.

September 2008

Die ungew├Âhnliche Hitze hielt sich seit Wochen oder eher Monaten. Mittlerweile sehnte sie fast den Winter herbei. Kirsten stand mit Schwei├čperlen auf der Stirn geb├╝ckt ├╝ber einem Gartenbeet und erntete Gem├╝se. In ihrem MP3-Player lief ein Mix aus klassischer Musik und Klassik-Pop, w├Ąhrend aus dem Atelier Iron Maiden dr├Âhnte. So laut, dass sie kaum etwas von dem verstand, was direkt an ihrem Ohr abgespielt wurde. Wie Ralph diesen Krach aushielt, war ihr ein R├Ątsel. Er hatte zudem noch alle Fenster und T├╝ren geschlossen. Das war zwar Gl├╝ck f├╝r sie, w├╝rde ihm aber unter Garantie einen Geh├Ârschaden bescheren und au├čerdem verwandelten die gro├čen Fenster das Atelier in die reinste Gluth├Âlle bei diesem Wetter. Z├Ąhneknirschend riss sie das Gem├╝segr├╝n ab und warf es auf den Kompost, bevor sie mit einem Korb voller Gem├╝se auf das Atelier zuging. Sie atmete tief durch, bevor sie die Fl├╝gelt├╝r aufriss.

ÔÇ×Geht es vielleicht ein bisschen leiser.ÔÇť

Ralph sa├č in einem Sessel, den er gleich nach Fertigstellung des Ateliers dort aufgestellt hatte. Falls er geantwortet hatte, war seine Stimme einfach im Dr├Âhnen der Lautsprecher untergegangen. Falls er nicht geantwortet hatte, hatte er jetzt Pech. Kirsten zog einfach den Stecker der alten Stereoanlage, wodurch pl├Âtzlich Stille eintrat ÔÇô wenn man von den sommerlichen Ger├Ąuschen absah. Dem Zirpen der Grillen und Rascheln und Summen von Fliegen und sonstigen Insekten. Kopfsch├╝ttelnd betrachtete sie das Durcheinander im Atelier. Es wurde eindeutig Zeit hier aufzur├Ąumen, was sie ihrem Freund nach einem Blick in sein Gesicht auch deutlich mitteilte.

Juni 2009

Kirsten klappte das gerade mitgelieferte Ringbuch auf. Es wurde wirklich Zeit, dass sie wieder mit Tagebuchschreiben anfing. Es war ihr ein R├Ątsel, wie sie das so lange schleifen lassen konnte. Sie machte das doch schon, seit sie Schreiben konnte. Bis jetzt nie ohne gro├če Pausen. Doch eins war sicher: In ihr altes, vor Monaten gerade begonnenes Tagebuch, w├╝rde sie keine Silbe mehr hineinschreiben. Die wenigen Dinge, die darin standen, lasen sich heute seltsam wirr, fast als ob sie im Rausch geschrieben worden w├Ąren. Stellenweise wurde sie selbst nicht mehr schlau aus ihrem Gekritzel. Was vielleicht an ihren ├╝berfallartigen Kopfschmerzen lag, oder daran, dass sie seit Monaten schlecht schlief und von Albtr├Ąumen gequ├Ąlt wurde. Oder daran, dass Ralph und sie in dieser Zeit sehr gro├če Probleme hatten. Mittlerweile war zwar auch nicht alles perfekt, aber doch nahe dran.

Der einzige Knackpunkt war, dass Ralph anscheinend ├╝berhaupt keine Lust mehr hatte, irgendetwas zu tun und meist recht phlegmatisch in seinem Sessel hing, den sie unter einigen M├╝hen wieder ins Haus geschafft hatte. Und dann noch der seltsame Mann in der Zufahrt. Seinetwegen f├╝hlte sie sich an manchen Tagen geradezu lebendig begraben an diesem Ort. Einfach, weil er da sa├č und verhinderte, dass sie das Anwesen verlie├č. Echt ├╝bel. Den Kopf gesenkt, das Gesicht irgendwo im Nichts zwischen seinen Armen und angewinkelten Beinen verborgen, sa├č er reglos da. Die Kleidung ziemlich ramponiert, die Haare v├Âllig zerzaust. Vermutlich hatte dieser Mistkerl sich nicht gewaschen oder umgezogen, seit sie ihn das erste Mal sehen musste.

Er wirkte unbewegt, fast wie tot. Dennoch suchte sie recht h├Ąufig seine N├Ąhe. Sie hatte schon ├Âfter bei ihren Joggingrunden entlang der inneren Grundst├╝cksgrenze den schmiedeeisernen Zaun passiert, da war er nie da. Idiotischerweise schien er aber f├Ârmlich zu sp├╝ren, wenn sie mit dem Auto ankam. Da war er IMMER da und das brachte sie manchmal fast zur Wei├čglut. Auch wenn sie die Lebensmittel aus der alten Streukiste holte, sa├č er da. Ihn fest im Auge behaltend, ging Kirsten dann immer langsam weiter auf das Tor zu. Wobei es seltsamerweise so war, dass sie den Mann nicht im Auge behielt, weil sie Angst hatte, dass er sich pl├Âtzlich auf sie st├╝rzen k├Ânnte. Das ging schon mal wegen des verschlossenen Tores nicht. Vielmehr war es so, dass sie es einfach nicht schaffte, ihren Blick abzuwenden und fast hoffte, dass er aufsah. Was er nie machte. Nachts tr├Ąumte sie oft von ihm. Aber es waren keine angenehmen Tr├Ąume. Er hatte nie ein Gesicht, aber sie wusste instinktiv, dass er ein gr├Ąssliches Geheimnis in sich barg.

August 2009

Dieser Nebel. Wegen dem k├Ânnte sie fast bereuen, mit Ralph in diese menschenleere ├ľde gezogen zu sein. Aber nur fast. Es war ihr immer noch schleierhaft, wie er es hier aushielt. Sie selbst war ja auf dem Land gro├č geworden und ihr gefiel es so gut hier, dass sie nicht mehr wegwollte. Vor allem, weil Ralph sie hier oben noch kein einziges Mal betrogen hatte. Aber er war eigentlich ein typischer Gro├čstadtmensch. Okay, das Atelier, das sie im Remisenhaus eingerichtet hatten, war definitiv ein Pluspunkt und er liebte es, darin zu arbeiten. Aber nur bis zu seinem Sturz. Seither konnte oder wollte er nichts mehr machen. Aber das w├╝rde mit Sicherheit bald wieder werden. Und dann w├╝rde sich auch die ÔÇŽ momentan wieder etwas angespannte Situation zwischen ihnen bessern. Er hatte Sehnsucht nach M├╝nchen, nach seinen Freunden. Das war v├Âllig verst├Ąndlich. Aber das kam mit Sicherheit nur von der Langeweile, weil er gerade nicht arbeiten konnte. Davor war doch auch alles bestens gewesen.

Mittlerweile vermisste auch Kirsten ihren Freundeskreis. Manchmal, wenn Ralph wieder bockig in einer Ecke sa├č, f├╝hlte sie sich so schrecklich allein. Aber ÔÇô nachdem ihr alle dringend davon abgeraten hatten, mit Ralph in diese Ein├Âde zu ziehen ÔÇô w├╝rde sie jetzt nicht angekrochen kommen. Sie w├╝rde einfach die Z├Ąhne zusammenbei├čen und diese Zeit durchstehen.
Kirsten stolperte fast ├╝ber ihre eigenen F├╝├če, w├Ąhrend sie sich durch den Nebel in Richtung des Zufahrtstores lief. Fast automatisch registrierte sie den seltsamen Mann. Sie griff nach dem Karton mit Lebensmitteln, den der Bote wie verabredet am Torpfosten abgestellt hatte. Ihn fest an sich dr├╝ckend, machte sie sich wieder auf den Weg zum Haus. Automatisch beschleunigte sie ihre Schritte. Wie immer war sie froh, den letzten Baum der Allee nach knapp 60 Metern hinter sich zu lassen. Gerade schien die Sonne und von Nebel war hier keine Spur zu sehen. Jetzt jedenfalls nicht. Im Winter konnte das durchaus noch anders werden. Ein schrecklicher Gedanke.

Denn der Nebel ÔÇŽ er nahm ihr die Luft, sog ihr die Energie aus ihren Muskeln und Knochen. Nebel stand f├╝r Schweigen, f├╝r K├Ąlte, f├╝r ÔÇŽ Das H├Ąmmern in ihren Schl├Ąfen setzte ein und verging nicht einmal, als sie ihr Gesicht in die Sonne hob und tief einatmete. Sie warf einen Blick in die Allee zur├╝ck und konnte seltsamerweise durch den Nebel dort den Mann vor dem Tor erkennen. Ein eisiger Schauer lief ├╝ber ihren schmalen R├╝cken. Der Mann war einfach unheimlich.

Genau wie das alte Herrenhaus, in das sie gleich darauf eintrat. Trotz aller Renovierungsma├čnahmen, die noch zu Lebzeiten von Ralphs Onkel von diesem veranlasst worden waren, war es einfach ein altes Haus. Es knarzte, ├Ąchzte und st├Âhnte und k├Ânnte vermutlich gut als Ger├Ąuschkulisse f├╝r einen Gruselfilm herhalten. Der Wind heulte jetzt im September oft unheimlich ums Haus. Manchmal hatte sie den Eindruck ein Weinen zu h├Âren, manchmal ein Wimmern. Das war nat├╝rlich pure Einbildung, die durch das d├╝stere Innere des Hauses noch verst├Ąrkt wurde. Von au├čen in einem sanften Gelb gestrichen und mit wei├čen Quadern abgesetzt, versetzte das Gem├Ąuer Kirsten auch heute noch jedes Mal beim Betreten fast einen Schock durch das Innere. Obwohl bis auf den Boden reichende Fenster im gesamten Erdgeschoss verbaut waren, war es immer d├╝ster. Was an der dunklen Vert├Ąfelung und den dunklen Fu├čb├Âden lag, die es im gesamten Erdgeschoss gab. Der reinste Albtraum, aber Ralph war nicht dazu zu bewegen, ein paar Euro f├╝r ein helles freundliches Laminat oder ihretwegen auch Parkett oder helle Tapeten oder wenigstens hellen Putz auszugeben. Nein, seiner Meinung nach w├╝rde es die Atmosph├Ąre des Anwesens zerst├Âren. Er hatte ja auch gut reden. Der einzige Bereich des Anwesens, der luftig und hell war, war sein Atelier im ehemaligen Remisenhaus. Trotzdem gefiel es ihr hier ausnehmend gut und sie f├╝hlte sich eigentlich die meiste Zeit wohl.

ÔÇ×Der Typ sitzt schon wieder direkt vor der Zufahrt. K├Ânntest du nicht mal versuchen, mit ihm zu sprechen? Der ist mir total unheimlich.ÔÇť

Aus dem Wohnzimmer war die Stimme einer Frau zu h├Âren. Offenbar sah Ralph sich wieder einmal eine dieser nachmitt├Ąglichen und uns├Ąglichen Gerichtsshows an, die ihr graue Haare verursachten. Entweder war er total darin vertieft, oder aber er war wegen ihres gestrigen Streits noch in seinem kleinen Schmollwinkel. Jedenfalls bequemte er sich zu keiner Antwort. Okay, er war noch nie eine Quasselstrippe gewesen, aber ein einfaches ÔÇ×was?ÔÇť oder ÔÇ×wie bitteÔÇť w├Ąre im momentanen Fall ganz angebracht. Sie riss sich beinahe einen Arm f├╝r ihn aus, damit er es sch├Ân behaglich hatte und er ÔÇŽ. machte einfach nichts!

Kirsten knallte den Karton auf den kleinen Schuhschrank im Flur, st├╝rmte ins Wohnzimmer und machte den Fernseher aus. Dann baute sie sich mit verschr├Ąnkten Armen vor Ralphs Fernsehsessel auf.

Bevor sie ihrem ├ärger jedoch Luft machen konnte, fiel der wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein kleiner Rest blieb zwar noch, aber der war wirklich verschwindend gering. Er sa├č mit einer Blume aus einem der K├Ąsten vor den gro├čen Fenstern in der Hand da. Die Geranienbl├╝te hing etwas schief herunter, weil er wieder mal mitten am Tag schlief. Das hatte er sich dummerweise seit seinem kleinen Unfall angew├Âhnt. Sein Kopf lag unnat├╝rlich abgeknickt an der Lehne des Fernsehsessels und Kirsten packte behutsam ein Kissen darunter, damit Ralph nicht aufwachte. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn und nahm die Blume aus seiner schlaffen Hand, bevor sie auf Zehenspitzen aus dem Wohnzimmer huschte.

Sie wusste, wie schwer es ihm seit seinem Sturz fiel, sich zu bewegen. Umso mehr sch├Ątzte sie seinen Versuch, ihr eine kleine Freude zu machen und sie sch├Ąmte sich augenblicklich, weil sie ihm eben noch unterstellt hatte, nichts zu machen oder zu schmollen. L├Ąchelnd stellte sie den mitgenommenen Karton auf die Arbeitsplatte in der K├╝che und die lachsfarbene Geranie in eine kleine Vase. Dann machte sie sich daran, die Vorr├Ąte in die Schr├Ąnke zu verstauen und das Abendessen vorzubereiten. W├Ąhrend sie leise vor sich hinsingend arbeitete, warf sie einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass der Mann vor dem Tor verschwunden war, genau wie der Nebel. Achselzuckend erledigte sie zwei der Fliegen, die das Landleben so mit sich brachte.

04. September 2009

Vor Wut und Entt├Ąuschung warf Kirsten das Buch an die Wand, das sie eben aus Ralphs Hand gerissen hatte. Leider hatte sich die Situation in den letzten Tagen eher verschlechtert als verbessert. Hinzu kam, dass die Sehnsucht nach ihrem alten Leben, nach ihren Freunden immer gr├Â├čer wurde und es ihr zunehmend schwerer fiel, ihnen in den immer k├╝rzer werdenden Telefonaten heile Welt vorzuspielen. Das Gef├╝hl, lebendig begraben zu sein, verst├Ąrkte sich mit jedem Tag, was eindeutig an dem Typen lang, der nach wie vor vor der Zufahrt zum Anwesen herumlungerte.

Ralph interessierte das nicht allzu sehr. Seit er es geschafft hatte, aus dem Sessel zu fallen, w├Ąhrend sie versuchte, das Chaos um ihn herum mit dem Staubsauer zu beseitigen, interessierte ihn fast gar nichts mehr. Er sa├č in seinem verfluchten Fernsehsessel, in dem er vermutlich bald festwachsen w├╝rde, und las in aller Seelenruhe, w├Ąhrend sie im Haus einen recht vergeblichen Kampf gegen Spinnweben und Staubflusen k├Ąmpfte, die zahllosen Fliegen erledigte, gegen das Unkraut in den Blumenbeeten vor dem Wohnzimmerfenster l├Ąngst verloren hatte und sich von Tag zu Tag mehr von dem unheimlichen Fremden bedroht f├╝hlte, der immer wieder in der Zufahrt zum Anwesen auftauchte. Ralph war seit Wochen nicht in seinem Atelier gewesen. Dabei waren sie genau deswegen hierhergezogen.

ÔÇ×Von der Muse gek├╝sst? So hast du dich doch in M├╝nchen ausgedr├╝ckt. Und jetzt sitzt du hier deinen Hintern auf diesem Sessel breit und tust einfach absolut nichts. Du redest nicht mit mir, du siehst nur fern oder liest oder starrst einfach vor dich hin oder pennst. Alles muss ich alleine machen. Alles, verstehst du? Soll das ewig so weitergehen.ÔÇť

ÔÇ×Nein.ÔÇť

Obwohl sie seine Stimme liebte und viel zu selten h├Ârte, l├Âste der Nachhall dieses Wortes Magenschmerzen aus. W├╝tend stapfte sie zu dem am Boden liegenden Buch und hob es wieder auf. Nicht einmal dazu konnte er sich aufraffen. ÔÇ×Dann tu was, verdammt noch mal. Ich wei├č, dass du Schmerzen hast, aber tu endlich was. Schrei mich meinetwegen an. Aber rede mit mir.ÔÇť

ÔÇ×Es wird alles gut.ÔÇť

ÔÇ×Nichts wird gut. Verstehst du. Nichts. Es war ein Fehler hierher zu kommen. Ich will zur├╝ck nach M├╝nchen. Ich ÔÇŽ.ÔÇť

ÔÇ×Bitte geh nicht.ÔÇť

Leise, fast verwaschen kamen die Worte bei ihr an. Das sagte er immer. Immer in diesem Ton. Aber er hatte sie zu oft darum gebeten, ohne dass sich etwas ge├Ąndert hatte. Zornig und bebend vor Hilflosigkeit st├╝rmte Kirsten aus dem Wohnzimmer und schnappte sich ihren Autoschl├╝ssel. Nicht einmal, als sie gleich darauf den Motor aufheulen lie├č, kam Ralph an die T├╝r. Mit Tr├Ąnen in den Augen trat Kirsten das Gaspedal durch und der Wagen schoss die lange, nebelverhangene Zufahrt hinunter. Gerade noch rechtzeitig kam sie vor dem verschlossenen Tor zum Stehen, hinter dem der Mann auf dem Boden sa├č.

Hemmungslos weinend brach sie ├╝ber dem Lenkrad zusammen. Der Mann sa├č w├Ąhrenddessen die ganze Zeit vor ihrem Wagen auf dem Boden.

13. September 2009

ÔÇ×Nat├╝rlich ist mit mir alles in Ordnung. Was soll denn sein?ÔÇť
ÔÇ×Du klingst so komisch. Willst du uns nicht mal besuchen? Du wei├čt, du bist uns jederzeit willkommen. Wie oft hast du das jetzt schon versprochen? Und es ist doch nicht allzu schwer, einen Flug zu buchen oder dich in den Zug zu setzen. Wenn du die Strecke nicht alleine fahren willst, weil Ralph nicht nach M├╝nchen will, w├Ąre das doch eine gute Alternative, oder nicht?ÔÇť

Kirstens Unterlippe zitterte, als sie die Stimme ihrer Freundin in sich aufsaugte wie ein trockener Schwamm einen Wassertropfen.

ÔÇ×Ich kann ihn gerade nicht alleine lassen. Er ist doch vor Kurzem gest├╝rzt. Seither hat er Schmerzen in der linken Seite und ist vollkommen hilflos. ÔÇŽ Du wei├čt doch, wie M├Ąnner sind. Ein kleiner Schnupfen und sie f├╝hlen sich gleich todkrank.ÔÇť

Das Lachen ihrer Freundin klang so gut, dass Kirsten das Telefon fester an ihr Ohr presste. Unbeschwert und fr├Âhlich. Ein Zustand, der bei ihr selbst mittlerweile eher eine Erinnerung war. Mittlerweile redeten Ralph und sie gar nicht mehr miteinander. Sie stellte ihm sein Essen hin, f├╝tterte ihn sogar, weil sein rechter Arm wirklich b├Âse aussah. Und ├╝berhaupt, dieser Dorftrottel sa├č nach wie vor mit sch├Âner Regelm├Ą├čigkeit direkt vor dem Tor, wenn sie das Anwesen verlassen wollte. Wenn es nicht die Telefonate und den Lieferservice g├Ąbe, w├╝rde sie mittlerweile vermutlich denken, dass es die ÔÇ×WeltÔÇť au├čerhalb des Anwesens gar nicht mehr gab. Sabines Stimme riss sie aus ihren d├╝steren ├ťberlegungen.

ÔÇ×Du l├Ąsst dir von dem Kerl viel zu sehr auf der Nase rumtanzen. Und es ist eindeutig schlimmer geworden, seid ihr in diese Ein├Âde gezogen seid. Wie lange willst du das Spiel noch mitspielen?ÔÇť

ÔÇ×Was denn f├╝r ein Spiel. Ich liebe ihn und ich will bei ihm sein. Kannst du das nicht verstehen?ÔÇť

ÔÇ×Nein, in der Form ehrlich gesagt nicht. Er muss doch mitkriegen, wie ungl├╝cklich du bist. Das kriege ja sogar ich ├╝bers Telefon mit. Auch wenn du immer das Gegenteil behauptest. Wann wachst du eigentlich endlich auf? Wenn du alt und grau bist? Gib ihn mir mal. Vielleicht gibt er dir ja Ausgang, wenn ich ihn lieb darum bitte.ÔÇť

ÔÇ×Sei nicht albern. Ich kann jederzeit weg. Ausgang, also wirklich. So wie du das sagst, h├Ârt es sich ja an, als ob ich seine Gefangene w├Ąre.ÔÇť

ÔÇ×Oder seine Leibeigene. Du meinst also, er h├Ątte nichts dagegen, wenn du f├╝r ein oder zwei Monate nach M├╝nchen kommst, wenn er wieder okay ist? Mich wundert eigentlich sowieso, warum er nicht schon l├Ąngst wieder hier ist. Er und Landleben, das ist noch immer etwas, was ich nicht ganz in Einklang bringen kann. Er kann sich doch auch hier erholen. Ich verstehe auch ├╝berhaupt nicht, wieso er noch nicht wieder auf den Beinen ist. Du hast doch gesagt, es war nur ein kleiner Sturz.ÔÇť

Nebelhaft erinnerte Kirsten sich augenblicklich an einen Streit mit Ralph, bei dem er eigentlich zur├╝ck nach M├╝nchen wollte. An ihren hysterischen Anfall und ihren Versuch, ihm die eilig gepackte Tasche aus der Hand zu rei├čen und ihn zum bleiben zu bewegen. Gl├╝cklicherweise hatte sie ihn damals davon ├╝berzeugen k├Ânnen, hier zu bleiben. Wie so oft in letzter Zeit h├Ąmmerte es unerbittlich in ihren Schl├Ąfen, wenn sie diesen Streit innerlich Revue passieren lie├č. M├╝de wischte sie sich ├╝ber die Augen. Es war Unsinn, dass sie sich immer wieder genau daran erinnerte. Genau, wie es Unsinn war, was Sabine Ralph da unterstellte. Er w├╝rde sie nie daran hindern, ihre Freunde zu besuchen, auch wenn er selbst mittlerweile nirgendwo mehr hin wollte.

ÔÇ×Als ob du zur├╝ckkommen w├╝rdest, wenn du einen Besuch in M├╝nchen machst.ÔÇť

Waren das Ralphs sp├Âttisch hervorgesto├čene Worte oder hatte sie das gesagt? Wohl kaum, sonst h├Ątte Sabine reagiert. Die lie├č allerdings nur weitere Spitzen gegen ihren Freund los. Die beiden hatten sich nie gemocht und auch keinen Hehl daraus gemacht.

04. Oktober 2009

Der melodische Dreiklang erf├╝llte das Haus und lie├č Kirsten, die Ralph gerade eine Decke ├╝ber die Beine legen wollte, aufschrecken.

ÔÇ×Erwartest du Besuch? Der Lieferservice war doch schon da.ÔÇť

Den Kopf sch├╝ttelnd richtete sie sich auf und ging Richtung Fenster. In dem Moment klingelte es bereits ein weiteres Mal. Kirsten eilte in den Flur und warf einen Blick in die Kamera, die den Bereich rund ums Eingangstor darstellte. Ihre Augen weiteten sich und ein Strahlen glitt ├╝ber ihr Gesicht, als sie den Wagen erkannte, der direkt vor dem verschlossenen Tor stand. Das M├╝nchner Kennzeichen verursachte ihr freudiges Herzklopfen. ├ťber die Schulter informierte sie Ralph, wer kam.

ÔÇ×Es ist Sabine.ÔÇť

Eilig schl├╝pfte sie in ihre Schuhe und griff nach ihrem Schl├╝sselbund, w├Ąhrend sie zeitgleich die T├╝r aufriss. Die lange Auffahrt kam ihr endlos vor und einen Augenblick hatte sie den Eindruck, dass sich der Weg wie durch Zauberei verl├Ąngerte.

ÔÇ×Huhu ÔÇô wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg. Wir haben gedacht, wir sehen einfach mal vorbei ÔÇô und siehe da, Jojos Navi hat tats├Ąchlich den Weg in diese Ein├Âde gefunden.ÔÇť

Sabines rauchige Stimme und ihre erhobenen Arme wurden fast von dem Nebel verschluckt, der gerade hereinzog. Nahezu automatisch kam Kirsten ins Stolpern und blieb gleich darauf stehen. Ihr Blick war auf die beiden M├Ąnner gerichtet, die neben Sabine standen. Der eine war Jojo ÔÇô Ralphs bester Freund und eigentlich Sabines Lieblingsfeind neben Ralph. Eigentlich passte es im Moment gerade gar nicht, dass er und Sabine hier aufkreuzten, ohne vorher einen Ton zu sagen.

Was aber noch viel verst├Ârender war, war der zweite Mann, der die St├Ąbe des Eingangstors so fest umklammerte, dass seine Fingerkn├Âchel wei├č hervortraten. Die Schl├╝ssel fielen aus ihren kraftlos gewordenen Fingern. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, weil er den Kopf gesenkt hielt, wusste sie sofort, dass es der Mann war, der immer die Zufahrt blockierte und sie am weggehen hinderte. Sein gesenkter Kopf bewegte sich leicht hin und her, als ob er ihn sch├╝ttelte. Es war das erste Mal, dass er nicht weggegangen war, wenn jemand anderes kam. Allerdings schien ihn weder Sabine noch Jojo sonderlich zu beachten.

ÔÇ×Hallo? Erde an Kirsten? Alles okay bei dir? Keine Lust uns reinzulassen, du treulose Tomate du?ÔÇť

In Sabines Stimme schlich sich ein alarmierter Unterton, w├Ąhrend sie sich an Jojo wandte. ÔÇ×Wieso bleibt die einfach stehen? Und wie sieht sie ├╝berhaupt aus? War sie grade auch schon so wei├č, Jojo? Die sieht ja aus, als ob sie ein Gespenst gesehen hat.ÔÇť

Davon, dass ihre Freunde gleich darauf am Eingangstor r├╝ttelten und ihren Namen riefen, bekam Kirsten zun├Ąchst nichts mit. Der Fremde hatte sich bewegt und f├╝r einige qu├Ąlende Sekunden blieb ihr die Luft weg, denn er starrte sie an. Sein Gesicht sah schrecklich aus. Vertraut und doch unendlich fremd. Und dann die Augen. Der Vorwurf darin verst├Ąrkte ihr Zittern. Und mit ihm st├╝rzte ein Wirrwarr an Bildern auf sie ein. Sie kamen ihr bekannt vor und waren doch seltsam diffus. Fragmente eines nicht endend wollenden Albtraumes. Eine Endlosschleife an Szenen, die sie seit Monaten am Durchschlafen hinderten und f├╝r h├Ąmmernde Kopfschmerzen und permanente ├ťbelkeit sorgten. Sein Blick erinnerte sie aber auch daran, dass sie sich dringend um Ralph k├╝mmern musste. Vielleicht sollte sie ihn erst mal schonend darauf vorbereiten, dass auch er Besuch bekommen w├╝rde. Wie eine alte Frau ging Kirsten kurz in die Knie, um den Schl├╝ssel wieder aufzuheben. Dann sch├╝ttelte sie ihre Benommenheit etwas ab und l├Ąchelte Sabine und Jojo strahlend an.

ÔÇ×Aber was macht Ihr denn hier?ÔÇť

Bei den mit d├╝nner Stimme vorgetragenen Worten und dem seltsam verzerrten schmalen Gesicht runzelte Sabine die Stirn.

ÔÇ×Euch Besuchen? Du hast vorgestern am Telefon geheult. Erinnerst du dich? Und gemeint, dass Euch nie jemand besuchen kommt. Und weil mir sofort klar wurde, dass du da absolut recht hast und ich seit Eurem Umzug nicht mehr hier war, habe ich beschlossen herzufahren. Und damit Ralph auch was davon hat, habe ich Jojo gebeten mitzukommen. Wie du siehst, konnte er nicht widerstehen. Offensichtlich findet ihr ja den Weg nach Bayern nicht mehr, meine S├╝├če. Und nebenbei bemerkt, du siehst ziemlich fertig aus. In Anbetracht der Tatsache, dass du am Telefon stereotyp den Spruch ÔÇÜmir geht, es gutÔÇś wiederholst, bin ich absolut froh, dass wir da sind.ÔÇť

ÔÇ×Ich habe nicht geweint.ÔÇť

ÔÇ×Doch hast Du, wie ein kleines Kind, aber das ist doch nebens├Ąchlich. Was ist jetzt? Willst Du uns nicht reinlassen?ÔÇť

ÔÇ×Habe ich nicht. Ich weine nie und das wei├čt Du auch.ÔÇť Fast st├Ârrisch klammerte Kirsten sich daran, sich gegen diesen Vorwurf zu weigern. Eine unangenehme, kleine Pause entstand, weil sie die Worte in scharfem Ton hervorgesto├čen hatte.

ÔÇ×Okay, dann war es vermutlich eine atmosph├Ąrische St├Ârung. Aber jetzt sind wir da und dieses Tor ist zu. W├Ąrst Du so freundlich es aufzuschlie├čen?ÔÇť

Schwei├č sammelte sich auf Sabines Stirn und ihre H├Ąnde wurden so feucht, dass sie fahrig an ihrer dreckstarrenden Hose abwischte.

ÔÇ×Ja, klar, nat├╝rlich. Ich muss allerdings erst den Schl├╝ssel holen, ja? Ich ÔÇŽ und fragen, ob es Ralph recht ist. Es dauert nicht lange. Ich bin gleich wieder da.ÔÇť

Jetzt klang Kirstens Stimme wie von einem ertappten kleinen M├Ądchen. Und erneut entstellte die Grimasse, die wohl ein L├Ącheln darstellen sollte, das schmale Gesicht. Die eckigen, wie aufgezogen wirkenden, Bewegungen ihrer Freundin beruhigten Sabine und Jojo auch nicht gerade. Von dem Zustand, in dem sie sich ganz offensichtlich befand, einmal ganz abgesehen. Entschlossen r├╝ttelte Sabine erneut am Tor, als sie sah, dass ihre Kirsten sich umdrehte, als w├Ąren sie Luft, und zum Haus zur├╝ckging.

ÔÇ×S├╝├če, Du hast den Schl├╝sselbund doch in der Hand. Ich sehe doch von hier, dass der eine gro├če Schl├╝ssel perfekt in das Schloss hier passen muss. Wieso musst du denn erst Ralph fragen? Kirsten! Bleib stehen. Glaubst Du, ich habe aus purem Jux und Dollerei 900 Kilometer weit Jojos Fahrstil ertragen? Mach das Tor auf und lass den Quatsch.ÔÇť

Fassungslos sah sie zu, wie Kirsten ihre Schritte beschleunigte und zu rennen begann, statt ihrer Aufforderung nachzukommen. Jojos alarmierte Stimme erklang neben ihr.

ÔÇ×Also ich wei├č nicht, wie Du das siehst, aber ich klettere jetzt ├╝ber dieses Tor. Denn offensichtlich will deine Freundin uns hier nicht reinlassen. Ich muss mal, ich habe Durst und ich habe seit Monaten nichts von Ralph geh├Ârt. Abgesehen davon finde ich ihr Verhalten mehr als sonderbar.ÔÇť

07. Oktober 2009

Mit gleichm├Ą├čigen Bewegungen reinigte Kirsten den Spaten, w├Ąhrend sie durch die ge├Âffneten Fenster Sabine und Jojo beobachtete, die zusammen mit Ralph im Wohnzimmer sa├čen. Ziemlich friedlich, wenn man bedachte, dass die beiden M├Ąnner Sabine eigentlich nicht wirklich leiden konnten ÔÇô oder umgekehrt. Jetzt sa├čen sie eng beieinander auf dem gro├čen Sofa und sahen sich ÔÇ×Schlaflos in SeattleÔÇť an. Vor ihnen stand eine gro├če Sch├╝ssel Popcorn, die aber bislang unangetastet war, und ein paar Gl├Ąser.

Achselzuckend wandte Sabine ihren Blick dem gro├čen Fischteich zu und betrachtete stirnrunzelnd die Fahrspur, die Jojos Auto auf dem aufgeweichten Rasen hinterlassen hatte. Aber sie konnte Ralphs Fernsehsessel ja schlecht zum Teich tragen. In ihren Fiat passte er nicht rein und bei Ralphs Wagen war der Sprit leer. Und anz├╝nden war auch kein wirklich guter Gedanke. Der Rauch w├Ąre bestimmt ins Haus gezogen. Doch das Ding war so versifft, dass Sabine tats├Ąchlich w├╝rgen musste, sobald sie ihn sah.

In Kirstens Schl├Ąfen begann es zu h├Ąmmern, als sie sich an Sabines panisches Gehabe erinnerte und an Jojos fassungsloses Gesicht, die das Wohnzimmer kurz nach ihr betraten. Kirsten nagte an ihrer Unterlippe, bis sie zu bluten begann.

Es war ihr nat├╝rlich nicht mehr gelungen, Ralph vorher ein wenig vorzeigbarer zu machen. Wie auch, dazu war der Besuch zu ├╝berfallartig erfolgt. Ihr linkes Augenlid zuckte und ihr Atem wurde keuchend, als sie sich, wie durch einen Nebel daran erinnerte, was gestern nach ihrer R├╝ckkehr ins Haus passiert war. An ihre Ratlosigkeit, wie sie sich f├╝nf oder sechs mal hilflos im Kreis gedreht hatte und nicht wusste, was sie tun sollte. Ihre Panik, als sie ÔÇŽ mit zitternden Fingern strich Kirsten ├╝ber ihr zuckendes Augenlid und atmete tief durch.

Genau genommen war es fantastisch, dass Sabine und Jojo nicht postwendend ins Auto gestiegen waren, nachdem sie die beiden am Tor einfach stehen lie├č. Sie h├Ątte zwar nie damit gerechnet, dass sie einfach ├╝ber das gro├če Tor stiegen, aber eigentlich war es ganz gut, dass sie da waren. Ralph und sie konnten wirklich ein wenig Gesellschaft gebrauchen. Sie waren in letzter Zeit viel zu isoliert und es war nicht gut, immer allein zu sein. Au├čerdem hatte sie viel zu wenig auf ihn und vor allem auch sich selbst geachtet.

Das merkte sie, als sie Ralph noch eben gut zudecken wollte, bevor ÔÇŽ sie das Tor ├Âffnete. Sie freute sich wirklich ├╝ber Sabines Besuch. Und da war sie sich eigentlich sicher, dass Sabine alles verstehen w├╝rde. Sie hatte sie immer alles verstanden. Immer. Nur war wegen des ├╝berfallartigen Besuchs schrecklich aufgeregt und so war doch tats├Ąchlich Ralphs schlimmer Arm wieder einmal zu Boden gefallen, als sie an ihm herumzerrte. Das passierte genau in dem Moment, als Jojo ins Wohnzimmer st├╝rmte. Er starrte sie v├Âllig entsetzt an, als sie gleich darauf mit dem Unterarm in der Hand da stand. Sabine, die hinter ihm hereinst├╝rzte, begann sofort zu w├╝rgen, weil ihr Blick auf Ralphs Sessel fiel.

Den Bruchteil einer Sekunde sah Kirsten Ralph so, wie er seit Monaten war, seit dem schrecklich hei├čen Fr├╝hling 2008. Mumifiziert. Seltsam verrenkt in sich zusammengesunken. Ziemlich zerfleddert, weil sie ihn einmal zum L├╝ften in den Garten gebracht hatte und Dohlen und Kr├Ąhen an ihm herumgepickt hatten. Ganz fleckig, weil sie einmal vergessen hatte, ihn rechtzeitig aus dem Regen zu holen, als er ein weiteres Mal zum L├╝ften auf der Terrasse stand. Noch dazu in einem v├Âllig versifften Sessel sitzend. Das Ding sah aber auch schlimm aus. Und Ralph ÔÇô na ja. Etwas betr├╝bt starrte sie auf seine Gestalt. Er hatte zwischenzeitlich eindeutig einen irreparablen Haltungsschaden.

Die Kopfschmerzen wurden einen Moment so schlimm, dass sie in die Knie ging. Vor allem als sie Ralphs bleiches, schwei├č├╝berstr├Âmtes Gesicht vor ihrem inneren Auge sah. Seine zusammengebissenen Z├Ąhne. Meg Ryans Synchronstimme holte sie kurz in die Realit├Ąt zur├╝ck, bevor sie erneut die Erinnerung an eine Szene ├╝berfiel. Ralph, der sie verlassen wollte und genug von ihrem l├Ąndlichen Idyll hatte. Das Bild und seine w├╝tende und zugleich ohnm├Ąchtige Stimme wurden abgel├Âst durch eines, indem er entschlossen mit seiner Tasche in der Hand die Zufahrt entlangschritt.

Das Ger├Ąusch, als er ├╝ber die Motorhaube flog und sein Kopf auf das Wagendach prallte, w├╝rde sie nie vergessen. Dabei wollte sie ihm doch nur nachfahren. W├Ąre dieser Nebel nicht ÔÇŽ nein, sie wollte nicht daran denken, wie er nach dem Unfall in ihren Armen lag, direkt vor der Zufahrt zum Anwesen und immer wieder sagte, dass ihm so schrecklich kalt w├Ąre. Nicht daran, wie sein Herz zu schlagen aufgeh├Ârt hatte. Nicht daran, wie beschwerlich es gewesen war, ihn erst in den Wagen und sp├Ąter aus dem Wagen ins Haus zu schleppen. Wann war das gewesen? Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Er hatte gar nicht schlimm verletzt ausgesehen. Die Beine und Arme und sein Kopf waren vielleicht etwas komisch verdreht, ja. Und da war diese kleine Schramme an seiner Stirn. Aber er hatte nicht einmal richtig geblutet. Der Sturz vom Fernsehsessel vor ein paar Wochen hatte ihm weit mehr geschadet. Da war sein schlimmer Arm zum ersten Mal am Boden gelandet und sie hatte einen Moment nicht gewusst, was sie damit anfangen sollte.

Bei Sabine und Jojo war das anders gewesen. In dem Moment, in dem sie zu schreien begannen, war alles entschieden. Sie w├╝rde das Wohnzimmer renovieren m├╝ssen. Einfach weil ihre Freunde v├Âllig hysterisch reagierten. Sahen sie denn nicht dass es Ralph und ihr gut ging? Jojo fiel w├╝rgend auf die Knie, als sie mit dem Unterarm in der Hand auf Sabine zuging und ihr alles erkl├Ąren wollte. Und Sabine wich vor ihr zur├╝ck, als ob sie ÔÇŽ Die T├Ąfelung konnte sie zwar gut abwischen ÔÇô aber die dunkle Tapete dar├╝ber musste eindeutig ersetzt werden.

Vielleicht sollte sie alles in einem lichten sonnengelb streichen. Ralph hatte bestimmt nichts dagegen, dass sie die Schweinerei, die der Spaten, mit dem sie eine Zeit lang besonders eklige Maden in den Garten zu verfrachten pflegte, angerichtet hatte. Bei Jojo hatte sie noch ganz reflexartig zugeschlagen. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass sie damit hinter ihn getreten war. Er war zu dem Zeitpunkt viel zu entsetzt von Ralphs Zustand gewesen und hatte wirres Zeug gebrabbelt. Und Sabine ÔÇŽ Ein wenig wehm├╝tig blickte Kirsten auf ihre Freundin, w├Ąhrend sie den wieder sauberen Spaten abstellte und das Wohnzimmer durch eines der gro├čen Fenster betrat. Bei Sabine wollte sie eigentlich nur, dass sie mit Schreien aufh├Ârte. Die Stille nach dem dritten Schlag war himmlisch.

Der Abspann flimmerte ├╝ber den Bildschirm. Kirsten lief eilig hin, um den Film wieder zu starten. Momentan waren die drei sich untereinander einig. Sie straften sie seit zwei Tagen mit absolutem Schweigen. Das war nicht besonders fair.

Einen Moment h├Ârte sie Sabines fr├Âhliches Lachen in ihrem Kopf. Wie sie das vermisst hatte. Obwohl - es wirkte etwas befremdlich, weil es viel zu geisterhaft f├╝r den weit aufgerissenen Mund wirkte. Aber das war ihr anfangs bei Ralph auch so gegangen. Von Ralph her wusste sie, dass es etwa zwei bis drei Tage dauerte, bis sich die Starre wieder v├Âllig l├Âste und sie ihr den Mund zubinden konnte. Auf Dauer w├╝rde es keinen Spa├č machen, auf Sabines Plomben zu starren.

Vor Entt├Ąuschung ├╝ber das unfaire Verhalten der drei, musste sie sich kurz abwenden. Sie starrte in den Garten, verfolgte mit den Augen die Fahrspur, die Jojos Auto auf dem aufgeweichten Rasen auf dem Weg zum Fischteich hinterlassen hatte. Sie wiesen wie Leuchtmarkierungen auf das wenige Zentimeter aus dem Wasser ragende Heck des Wagens. Es sah nicht besonders sch├Ân aus und da musste sie sich ernsthaft etwas einfallen lassen, weil in zwei oder drei Tagen Holz f├╝r den Winter geliefert wurde.

Dann lenkte Kirsten ihren Blick auf die Zufahrt. Der fremde Mann vor dem Tor war nicht mehr alleine. Zwei Gestalten hatten sich zu ihm gesellt und starrten vorwurfsvoll in Richtung Haus. Sie stachen glasklar aus dem Nebel heraus, der wie ├╝blich um das Tor waberte. Und Kirsten wusste, dass sie ebenfalls daran hindern w├╝rden, das Anwesen zu verlassen.

Aber genau genommen hatte sie das ja auch gar nicht vor. Sie hatte hier viel zu viel zu tun. Jetzt, wo Besuch da war.
Was sie aus ihrer Betrachtung riss. Es war unh├Âflich herumzuwerkeln, solange jemand da war.

Sie wandte sich dem Sofa zu, wobei ihr die Blume in Sabines Hand auffiel. Offenbar konnte ihre beste Freundin ihr nicht allzu lange b├Âse sein. Anscheinend hatte sie ihr doch tats├Ąchlich eine Blume aus einem der K├Ąsten auf der Terrasse f├╝r sie. Irgendwie s├╝├č.

Sich f├╝r die Aster bedankend, die sie aus Sabines starrer Hand nahm, setzte Kirsten sich zu den Dreien Sie steckte die Blume in Ralphs Wasserglas und streckte ihm kurz die Zunge heraus, bevor sie nach der Sch├╝ssel mit Popcorn griff. Es war wirklich sch├Ân, dass ihre Freunde zu Besuch da waren. Sie schob sich und dann Jojo ein St├╝ck Popcorn in den Mund und lachte, als es aus seinem wieder heraus purzelte. Kirsten kuschelte sich an Ralph so gut es ging und hielt automatisch seinen schlimmen Arm fest. Da sein K├Ârper sofort nach links wegkippte, konnte sie nur die Luft und nicht ihn k├╝ssen, was sie etwas verstimmte. Er war manchmal so schrecklich kalt und st├Ârrisch.

Ihr Lachen verschwand, als ihre Kopfschmerzen sich erneut verst├Ąrkten, w├Ąhrend sie beobachtete, wie eine Fliege sich auf Sabines Unterlippe niederlie├č. Kirsten erinnerte sich mit gerunzelter Stirn an den Gestank im Atelier, den sie auch heute noch, obwohl Ralph seit Monaten nicht mehr dort gewesen war, wahrzunehmen glaubte. Vielleicht war es besser, wenn sie Jojo und Sabine schnellstm├Âglich ins Atelier schaffte und dort auch sofort mit Heizen begann. Immerhin hatte die extreme Hitze Ralph ja nach seinem kleinen Sturz auch gut getan. Das bedeutete, dass sie dringend mehr Holz und vielleicht auch mehr Kohlen bestellen musste.

Sabinel├Ąchelte ihren Freund ein wenig schmerzlich an, bevor sie sich auf den Film konzentrierte. So sch├Ân der Besuch von Jojo und Sabine auch war - an dem Spruch, dass Besuch nach drei Tagen zu stinken begann, war wirklich etwas dran.

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