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Leselupe.de > Erotische Geschichten
DRACHEN
Eingestellt am 24. 08. 2001 16:25


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W├╝lder van Tast
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 5
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Drachen


Sie betritt die Dusche durch die Verbindungst├╝r von den Umkleidekabinen, und bleibt stehen wie vom Donner ger├╝hrt. Au├čer ihr ist nur noch eine einzige weitere Person im ger├Ąumigen Damenduschraum anwesend; eine Frau, selbstverst├Ąndlich.
Nicht ganz so selbstverst├Ąndlich ist allerdings, da├č diese andere Frau gerade damit besch├Ąftigt ist, ihren Intimbereich mit einem knallroten Na├črasierer zu enthaaren. Ihre Dusche ist aus, aber sie ist am ganzen K├Ârper na├č. Um die Schultern hat sie ein kleines, ebenfalls rotes Handtuch, das dort wie angeklebt zu haften scheint. Ihren linken Fu├č hat sie auf einen von diesen breiten Plastikhockern gestellt, die auch au├čerhalb der Duschen ├╝berall in der Saunalandschaft herumstehen.

"D a f ├╝ r haben die also so viele von den Dingern", vermerkt ein anderer Bereich ihres Bewu├čtseins, der stets zum Spott bereite; "damit sich 40 Frauen gleichzeitig den Bart stutzen k├Ânnen."
Bevor sie ihre Betrachtungen fortf├╝hren kann, oder die erstaunte Bremsung im T├╝rrahmen zur auff├Ąlligen Totall├Ąhmung gerinnt, wird sie durch die luxuri├Âs langsam hinter ihr zuschwingende Milchglast├╝r sanft, aber bestimmt am Hintern ber├╝hrt und ganz in den Duschraum geschoben, zur Wiederaufnahme ihrer Bewegung animiert.
W├Ąhrend sie an der Frau mit dem Rasierer vorbei zu einem der anderen Duschk├Âpfe geht, fragt sie sich, ob es auch in der Herrendusche ein paar dieser Plastikschemel gibt. Kann ja sein, da├č sich auch bestimmte Kerle gern noch mal schnell den Sack schaben, bevor sie ihn der restlichen Welt vorf├╝hren. Die Vorstellung einer Reihe M├Ąnner vor dem Spiegel, die geziert ihre Schw├Ąnze anheben, um an die haarigen Hoden darunter zu kommen, l├Ą├čt sie beinah laut losprusten. Gilette G3, f├╝r das Be-heste im Mahahann. Alles klar.
Sie wahrt eine vollkommen teilnahmslose Miene und legt ihren flauschigen wei├čen Bademantel ab (den sie vor Jahren aus einem Hotel in Paris hat mitgehen lassen - immer noch ein herrlich kriminelles Gef├╝hl), h├Ąngt ihn an einen der freien Haken an der einzigen Wand ohne Duschen. Anschlie├čend deponiert ihre Saunatasche und ihr Handtuch am Aufh├Ąnger daneben, nimmt ihr 2-in-1-Body-and-Hair-Shampoo aus der Tasche und tritt unter die Dusche, ihre Dusche.
Ein Druck auf den Knopf l├Ą├čt das Wasser herabschie├čen; VIEL zu kalt, verflucht, warum hat sie das Mistding nicht von der Seite angemacht und gewartet, welche Temperatur kommt. Souver├Ąn - sprich ohne zu quietschen oder zur├╝ckzuspringen - dreht sie den W├Ąrmeregler in die richtige Richtung; Rot, aber dalli jetzt. Das Wasser kommt der Aufforderung nach, und sie entspannt sich wieder, die beiden alarmiert aufgeflammten Schmerzpunkte an den Spitzen ihrer Br├╝ste verblassen, sinken mit dem Rest der Hautoberfl├Ąche zur├╝ck in schweigsame Neutralit├Ąt. W├Ąrme. Besser. Sie dreht sich um, R├╝cken zur Wand, Gesicht in den Raum; hat f├╝r einen kurzen Moment vergessen, da├č sie nicht allein ist.

Die einzelnen Duschen sind nicht, wie vielfach ├╝blich, kabinenweise unterteilt; weder durch die allgemein verbreiteten Halbw├Ąnde aus undurchsichtigem Glas, noch durch irgendwelche anderen Trennelemente. Man pflegt hier offenbar lieber sportlichen Gemeinschaftsgeist als Diskretion.
Deshalb kann sie ungehindert sehen, da├č die Frau auf der gegen├╝berliegenden Seite des Raumes inzwischen ihr anderes Bein auf den Plastikschemel gestellt hat, ihr vollst├Ąndig zugewandt, keine 5 Meter Distanz, Luftlinie. Mit dem Rasierer widmet sie sich gerade dem Bereich des inneren Oberschenkels direkt an der Leiste, unmittelbar ├╝ber jener einen Sehne, die, je nach Beinstellung und Anspannung, mehr oder weniger deutlich zum Vorschein kommt. Wenn man sie sieht, weist sie wie ein Zeiger auf den sensibelsten Teil des weiblichen K├Ârpers.
Jetzt, in diesem Fall, tritt sie hervor wie ein Drahtseil, da die Frau das Bein ausstellt, um diese bestimmten Quadratzentimeter Haut gut erreichen zu k├Ânnen; das Knie ist keine Handbreit von den Kacheln der Wand entfernt, ihr Rumpf daf├╝r um so weiter, wie es der Beobachterin auf der anderen Seite des Raumes scheint. Die Sehne und das Deckenlicht schaffen gemeinsam eine Unterstreichung, gemacht aus Reflektion und Schatten; eine Markierung, die kein Wegsehen erlaubt, den Blick anzieht und festh├Ąlt wie ein Magnet.

W├Ąhrend ihr Blick dort verweilt, sieht und doch nicht sieht, wie feines Haar von empfindlicher Haut getrennt wird, meldet sich eine andere Stimme in ihrem Innern zu Wort.
"Hat die kein verdammtes Badezimmer zu Hause, oder warum muss die das ausgerechnet h i e r machen?!", fragt diese Instanz ihres Bewu├čtseins, und im selben Zuge wundert sich eine weitere Abteilung, wor├╝ber sie eigentlich so unvermittelt ver├Ąrgert ist. Pl├Âtzliche Aufwallung von Ordnungssinn? Geh├Ârigkeitsgef├╝hl? Hygienische Gr├╝nde sind es nicht, das ist ihr klar; was immer vom K├Ârper der anderen Frau hinabgesp├╝lt wird, verschwindet sofort anstandslos durch die f├╝nf parallelen Schlitze zwischen Frau Figaros linker Badeschlappe und den Hinterbeinen des Plastikschemels. Ist es die aufgezwungene Intimit├Ąt? I s t das ├╝berhaupt intim? Mal abgesehen davon, da├č der Vorgang die Bezeichnung "Intimrasur" tr├Ągt ÔÇô ist das unter Frauen nicht irgendwie ... eine allt├Ągliche, banale Operation? Nicht der Rede wert, wie Z├Ąhneputzen? M├Ąnner zieren sich ja auch nicht, wenn sie sich Seite an Seite die Stoppeln von Hals und Kinn kratzen.
Hals und Kinn.
Nicht Schwanz und Eier.
Da liegt der Unterschied.
Andererseits; wenn Madame meint, sie m├╝sse das hier erledigen, kann sie sich kaum anstellen, wenn jemand reinkommt. Es muss der Frau egal sein, ob man sie bei der Rasur sieht. "Dann muss es m i r auch nicht unangenehm sein, d a ├č ich sie dabei sehe", entscheidet sie abschlie├čend und bemerkt, da├č sie nun schon seit einiger Zeit unter dem fallenden Wasser steht, ohne sich zu waschen.

Sie greift nach links, nach ihrem Rundum-Shampoo, flippt die Kappe zur├╝ck, pre├čt einen transparent leuchtenden Klecks der quietschgr├╝nen Substanz in ihre Handfl├Ąche, stellt das Beh├Ąltnis mit der anderen Hand wieder weg, reibt dann die Handfl├Ąchen kurz gegeneinander und beginnt mit routinierter Distanz, sich einzuseifen. Sch├Ân der Reihe nach, wie es sich geh├Ârt, Achselh├Âhlen, Brust, Bauch, Bauchnabel innen nicht vergessen, Scham und Schritt, dezent, aber ordentlich; Poritze und Poloch zum Schlu├č. F├╝├če und Haare macht sie immer als letztes nach dem Saunen, bevor sie geht. Sie sp├╝lt die H├Ąnde ab, l├Ą├čt den ├╝brigen Seifenschaum aber am noch K├Ârper. Einwirkzeit, f├╝r den Duft.
Sie verschr├Ąnkt ihre Finger locker hinter dem R├╝cken, schlie├čt die Augen, genie├čt das Gef├╝hl des hei├čen Wassers, das zwischen ihre Schulterbl├Ątter prasselt. Schaukelt kaum wahrnehmbar hin und her, um die Vertikalachse; wie kleine M├Ądchen das manchmal tun, wenn sie nicht wissen, was sie machen sollen, oder aufs Klo m├╝ssen, oder tanzen wollen und nicht d├╝rfen. Sie ist ganz Temperatur, Shampoogeruch, und Wasserfall.

Nach einer kleinen Weile ├Âffnet sie die Augen, halb, bestenfalls, l├Ą├čt das Bild der Frau mit dem Rasierer wieder hinein.
Die ist inzwischen, bei unver├Ąnderter Beinhaltung, dabei, ihren Venush├╝gel von der sp├Ąrlichen Behaarung zu befreien, die dort bis zu diesem Moment zu sehen war ÔÇô offensichtlich seit der letzten Begegnung mit der Klinge.
Ihr f├Ąllt auf, da├č sie bis jetzt keinen Blick auf das Gesicht der Frau mit dem Rasierer werfen konnte; sie wei├č noch nicht mal, ob diese ├╝berhaupt schon mal hochgeschaut hat von ihrer Besch├Ąftigung, seit sie selbst vor (wie vielen?) Minuten den Duschraum betreten hat. Klar kann sie deren Augenbrauenlinie unter dem eher kurzen, schwarzen Haarschopf sehen; die Nase, die Lippenkontur, aber eben alles aus der merkw├╝rdigen Perspektive, die sich einem bietet, wenn das Gegen├╝ber den Blick auf den eigenen Unterleib gerichtet hat. Theoretisch k├Ânnte die Frau kein Kinn haben, und sie h├Ątte es bis jetzt nicht bemerkt. Na ja, vielleicht unbewu├čt, beim Reinkommen.
Je mehr sie dar├╝ber nachdenkt, desto seltsamer findet sie es, da├č sie indessen ein genaues Bild vom Schambereich der Frau hat, von Ihren H├╝ftknochen, den langen Muskeln ihrer Beine, vom schmalen Muskelband an ihrem Bauch, das sich aufgrund der speziellen T├Ątigkeit leicht vorw├Âlbt, abhebt; kein Waschbrett, sondern ein breites Band, exakt begrenzt, wie eine Verbindungslinie von den Kanten der etwas helleren Hautpartie ihres zunehmend nackter werdenden Venush├╝gels rechts und links hinauf zu den kleinen Titten. "Sehen ein bi├čchen aus wie Zuckerh├╝te", stellt sie fest. Die br├Ąunlichen Spitzen wirken, als h├Ątte man sie in eine Wanne mit warmer Terrakottafarbe getaucht.
"Meine sind gr├Â├čer", denkt sie zufrieden und schilt sich im selben Moment f├╝r diesen Anflug d├Ąmlicher Stutenbissigkeit. Sie ha├čt das Klischee der unausgesprochenen Konkurrenz unter den Weibchen der Gattung Mensch, wei├č, da├č es ├╝blerweise eine reale Grundlage hat, und verabscheut es darum um so heftiger. Als wenn diese plumpen, niemals erwachsen werdenden Schwachk├Âpfe es wert w├Ąren, da├č man sich ihretwegen stillschweigend befehdet.
"Alles, was man von denen zu erwarten hat", ermahnt sie sich gereizt, ihren Blick in die gekachelte Leere der Decke richtend, "sind stinkende Socken am Bett, leere Bierflachen vor dem verdammten Fernseher und lautes Schnarchen, wenn man sie tats├Ąchlich mal brauchen sollte." Und einen dicken Bauch, wenn man r i c h t i g Pech hat. Die Bude voll mit kleinen, kreischenden Kackern. Wie ihre ehemals beste Freundin. Abgehakt. Nicht mehr kompatibel. Man telefoniert jetzt alle paar Monate mal; mehr ist nicht drin. Die lieben Kleinen.
Sie sch├╝ttelt den Kopf, um diesen unerfreulichen Gedankengang wieder loszuwerden, verl├Ą├čt mit den Augen die Decke. Statt dessen schaut sie wieder die Frau mit dem Rasierer an, bewundert die langgestreckten Stromlinienformen ihres K├Ârperbaus; nicht ohne einen Anflug von Neid. Sie selbst hat die Figur der klassischen mitteleurop├Ąischen Geb├Ąrkuh, wie sie findet; ganz ├Ąhnlich wie ihre bereits auf der Strecke gebliebene Freundin vor der Katastrophe. Die komplette Ausstattung, inklusive gro├čz├╝gigem Becken, alles gut gepolstert - eine regelrechte F├Âtenlimousine, zum Teufel. "Aber unbenutzt", f├╝gt sie gedanklich voller Grimm hinzu. Sanduhr de Luxe, also. Kurvig. Noch. Mitte drei├čig wahrscheinlich ├╝ppig. Deswegen f├Ąrbt sie sich auch die Haare Tizianrot. Wenn schon Renaissance, dann richtig. Pa├čt auch besser zu ihrem hellen Hautton; besser als ihr Original-M├Ąuseblond. Das hat sie schon vor Jahren abgeschafft.
Die Haut der Frau mit dem Rasierer ist dunkler, bemerkt sie, irgendwo zwischen Oliv und Safran; selbst die blassere Stelle, wo sie von einem eindeutig knappen Bikinih├Âschen bedeckt worden sein muss. Geistesabwesend beginnt sie ihre eigenen Br├╝ste, die kleinen Falten darunter, von den Seifenschaumresten zu befreien, f├Ąhrt fort mit den Achselh├Âhlen, als ihr mit einem Mal der Atem stockt.

Die Frau gegen├╝ber hat ihre Hand flach auf ihren glatten, haarlosen Schamh├╝gel gelegt, die Finger so fest dagegen gepre├čt, da├č sie sich durchbiegen. Die Haut, das helle Fleisch zieht sie hoch, zur├╝ck, Richtung Bauchnabel, ihr Standbein knickt sie im Knie leicht ein, ihr Becken kippt sie noch weiter nach hinten, so da├č ihr Schritt nach vorn kommt.
Sie kann die Vulva der Frau sehen. Alles. Das volle Programm. Kann sehen, wie sie den Rasierer sanft, hinten, am Ende der Schamlippen auf die Haut setzt, um auch zwischen den Beinen die letzten Reste Flaum zu beseitigen.

Was sie aber wirklich umhaut, ist der Stein.
Der rubinrote Fleck fest gewordenen Lichts, der an einem kleinen, goldenen Ring von jener allerempfindlichsten Stelle am Geschlecht der Frau baumelt - pl├Âtzlich entbl├Â├čt durch die gesch├Ąftsm├Ą├čige Ver├Ąnderung der Lage der gr├Â├čeren Hautfalten, zuvor verborgen in deren warmer, geschlossener Schlucht.
"Die hat da einen Ring durch", wiederholt sich wie endlos der selbe Satz im Kopf der Zuschauerin, die den Blick nicht von der Stelle wenden kann, unterhalb des Punktes, wo die Fingerspitzen der rasierenden Frau gleichzeitig Druck und Zug aus├╝ben; wo jenes kleine H├Ąutchen endet, da├č die Klitoris normalerweise vor den groben Zugriff allt├Ąglicher Situationen bewahrt, um die h├Âchste Sensibilit├Ąt bei besonderen Anl├Ąssen zu gew├Ąhrleisten. Dieses H├Ąutchen ist nun zur├╝ckgezogen, die bla├črosa Perle sichtbar, durchsto├čen von einem perfekten Kreis glei├čenden Goldes. Der l├Ąngliche Tropfen aus rotem Mineral daran schreit still durch den Raum wie ein Signalfeuer.

Fassungslos steht sie unter dem Wasserstrahl, vollst├Ąndig erstarrt, unf├Ąhig sich zu bewegen, unf├Ąhig, die Augen von dem ungeheuerlichen Schmuckst├╝ck zu l├Âsen, oder sie einfach zu schlie├čen. Sie merkt, da├č trotz Wasserdampf und sonstiger Feuchtigkeit ihr Hals, ihre Kehle schlagartig staubtrocken ist; ihre Zunge f├╝hlt sich an wie ein gro├čer, gestrandeter und lange verendeter Fisch; ausgedorrt, mumifiziert. Tot. Ihr Gaumen ein sinnloses Dach dar├╝ber. Die Zeit ist au├čer Kraft. Zumindest f├╝r sie.

Die Frau mit dem Rasierer bemerkt zun├Ąchst nichts von dem Stillstand, den sie f├╝r den anderen Menschen im Raum verursacht hat. Nach einem letzten, ge├╝bten Strich mit dem elegant geschwungenen Enthaarungsger├Ąt nimmt sie es fort vom zarten Gewebe ihres Schritts, normalisiert ihre Haltung, ohne noch den Kopf zu heben, und legt die andere Hand in einer selbstverst├Ąndlichen, kontrollierenden Geste zwischen ihre Beine; pr├╝ft, ob wom├Âglich irgendwelche widerborstigen Stoppeln stehengeblieben sind.
Ob ihr dabei auff├Ąllt, da├č jegliche Bewegung auf der gegen├╝berliegenden Seite aufgeh├Ârt hat, oder ob ihre T├Ątigkeit endlich nicht mehr ihre volle Aufmerksamkeit erfordert - endlich schaut sie auf, hebt das Gesicht; ├╝berrascht ihre Beobachterin mit hell leuchtenden Juwelen anderer Farbe.

"Gr├╝n", registriert diese, immer noch gebannt, mit einem Teil ihres Bewu├čtseins, der meilenweit von ihr entfernt zu sein scheint. Nicht viele Menschen haben solche Augen, mit so hohem Gelbanteil. Wie Limonen. Bilder toben ihr durch den Kopf; eine S├Ąngerin, die sie erst k├╝rzlich auf MTV gesehen hat; nettes Video, h├╝bsches M├Ądchen; aus Brasilien ÔÇô oder warÔÇÖs Portugal? Der Schnitt der Augen ist leicht schr├Ąg. Mandelaugen. Asiatisch? Eher nicht; dennoch einwandfrei exotisch. Wie der Rest. Selten. Ein Mund wie eine aufgeplatzte Kirsche. Sie kennt Frauen, die f├╝r solche Lippen t├Âten w├╝rden. Oder einen Chirurgen aufsuchen.
"Du starrst", denkt sie abwesend, ohne etwas dagegen tun zu k├Ânnen. Und die Frau mit dem Rasierer starrt zur├╝ck, hat sich ihrerseits seit Beginn des Blickkontakts nicht mehr ger├╝hrt, tut gar nichts, h├Ąlt blo├č inne, ihre Hand immer noch zwischen ihren Beinen, bewegungslos; grillt ihr Gegen├╝ber einfach nur mit der limonengr├╝nen Glut ihrer Augen. Nicht feindselig. Nicht pikiert. Oder gar peinlich ber├╝hrt. Nur ... zur├╝ck; sie starrt einfach zur├╝ck. Und bewegt sich nicht.

Schlie├člich bewegt sie sich doch.
Zieht mit einer unendlich langsam scheinenden Langsamkeit die Hand zwischen den Schenkeln hervor. Zeitlupe. Der Ring mit der Rubintr├Ąne wird von den vorbeistreifenden Fingerkuppen kurz angehoben, f├Ąllt dann sacht zur├╝ck gegen die weiche W├Âlbung der inneren Schamlippen, die wie eine kompakte kleine Walze zwischen den gro├čen zusammengedr├Ąngt sind. Ein schmales, leicht violettes Kissen; eigens daf├╝r gemacht, das darauf gebettete Kuriosum wirkungsvoll in Szene zu setzen, wie es scheint.

J├Ąh bemerkt die Betrachterin dieser Szene, da├č die gr├╝nen Augen nach wie vor auf sie gerichtet sind.
Wohin ihr eigener Blick f├Ąllt.
Da├č die andere es sieht, mit nach wie vor unergr├╝ndlichem Gesichtsausdruck. Ihr wird bewu├čt, da├č ihr Mund halb offen steht, wie bei einer Beschr├Ąnkten, die die Bewegung der Wolken zu begreifen sucht. Ihre Arme sind immer noch in der Haltung der Achselh├Âhlenreinigung erstarrt. Auf ihrem R├╝cken, zwischen den Schulterbl├Ąttern, schmerzt dumpf die Stelle, auf die seit Minuten unverwandt der hei├če Wasserstrahl eindrischt. Zwischen ihren Beinen, wo das abrinnende Wasser nicht hingelangt, macht sich der verbliebene Seifenschaum mit leichtem Juckreiz bemerkbar.
"Gott, ich muss vollkommen g e i s t e s k r a n k aussehen", denkt sie, und diese besch├Ąmende Einsicht befreit sie aus ihrer Erstarrung. Sie wendet sich ab, zur Wand, bemerkt in der Drehung, aus dem Augenwinkel, da├č die Frau mit dem Rasierer jetzt nicht mehr die Frau mit dem Rasierer ist, denn den hat sie inzwischen weggelegt. Auf eines dieser kleinen Seifenb├Ârdchen, wo auch ihr l├Ącherlich kleiner Kulturbeutel gegen die Kacheln gelehnt steht. Vielmehr ist sie jetzt die Frau mit dem Lotion-Fl├Ąschchen, wie die Zuschauerin mit dem letzten Rest Blickfeld feststellt, bevor sie sich vollends herumgedreht hat.
Bevor ihr das hei├če Wasser auf den Busen prasselt. Bei├čend im Kontrast. Ihre Vorderseite ist komplett ausgek├╝hlt und die pl├Âtzliche Hitze hat eine geradezu gewaltt├Ątige Qualit├Ąt. Sie schnappt erschrocken nach Luft, ihre Arme schie├čen hoch, sch├╝tzen die Haut, die sich verbr├╝ht anf├╝hlt ohne es zu sein. Sie rettet sich in die Gesten der Gesichtsreinigung, prustet in den Wasserstrahl, H├Ąnde vor dem Gesicht, Unterarme sch├╝tzend ├╝ber dem Dekoltee, Augen geschlossen.
Duft dringt durch den Duschstrahl an ihre N├╝stern.
Bergamotte. Jene Frucht, die dem ÔÇÖEarl GreyÔÇÖ-Tee seinen Geschmack verleiht. Und noch irgend etwas anderes. Ein holzige Note. Sie kennt diesen Geruch, diese Kombination von Aromen. Das ist Basic Homme. Pour peaux sensitives. Halbtransparente Flasche, roter Deckel. Klaus hat das benutzt. Klaus hatte empfindliche Haut, konnte sich nicht rasieren, ohne sofort Pickel und Entz├╝ndungen zu kriegen. Bis er diese Pampe entdeckte.
Klaus.
L├Ącherlicher Name.
L├Ącherliche Beziehung.
Klaus konnte auch keinen Konflikt durchstehen, ohne gleich Pickel davon zu kriegen. Sie prustet erneut, diesmal aus einer Mischung aus Abscheu, Belustigung und Erleichterung. Klaus ist Geschichte; und der Geruch von Basic Homme h├Ątte es eigentlich auch sein sollen. Sie wei├č, da├č dieses Zeug aussieht wie Sperma; fl├╝ssiger zwar, aber die Farbe ist identisch; milchig wei├č mit einem minimalen Hauch von Gelb. Sie konnte nie verstehen, da├č ein Mann ÔÇô oder jemand der zumindest vorgab, einer zu sein ÔÇô sich etwas ins Gesicht reiben konnte, das wie Wichse aussieht. Und mindestens genau so schlimm klebt. Oh, das wei├č sie noch, von etlichen Abschiedsk├╝ssen, nachdem er sich rasiert hatte. Hat das sekundenbruchteillange Haften an Haut, die schmeckt wie Zitronenmarmelade, so pr├Ąsent in ihrem Kopf, als w├Ąre es erst vor wenigen Stunden geschehen.
Sie ist ├╝beraus irritiert von diesem unerw├╝nschten Aufflackern eines saudummen Kapitels ihrer Vergangenheit, entscheidet, da├č sie ohnehin schon lange genug unter der Dusche rumgehangen hat, und beschlie├čt zu gehen. Sie will sich umdrehen, doch dann denkt sie an die Gr├╝n├Ąugige in ihrem R├╝cken und daran, wo der Duft in Wahrheit herkommt; nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart hinter ihr.
Der Entschlu├č zu gehen verpufft. Sie ist sich nicht einmal mehr sicher, ob Umdrehen jetzt eine gute Idee w├Ąre; der Gedanke an einen neuerlichen Blickkontakt erf├╝llt sie mit Unbehagen. Allerdings kann sie wohl kaum f├╝r den Rest ihres Lebens mit dem Gesicht zur Wand stehen bleiben und besch├Ąftigt tun. Ihre Fingerspitzen sehen jetzt schon aus wie kleine Gehirne. Irgendwann wird ihre Haut abfallen. Vielleicht wird sie sich sogar in G├Ąnze aufl├Âsen, von Kopf bis Fu├č, Muskeln, Bindegewebe, Knochen; bis nichts mehr von ihr ├╝brig ist. Und einfach durch den Abflu├č verschwinden. Fleischbr├╝he. Fl├╝ssige Kuh. Alles schon dagewesen.

Ihre ├ťberlegungen werden unterbrochen durch den charakteristischen Klang der Verschlu├čkappe, die auf das Fl├Ąschchen zur├╝ckgeschraubt wird; ein bi├čchen leises Geklapper, dann das Schlie├čen eines Rei├čverschlusses. Die gr├╝ne Frau (jetzt r i e c h t sie auch noch gr├╝n) hat ihre Verrichtungen zu Ende gebracht; nichts anderes k├Ânnen die Ger├Ąusche hinter ihr bedeuten.
Sie f├╝hlt Erleichterung, als sie Badeschlappen auf dem Kachelboden h├Ârt; gem├Ąchliche Bewegungen, einige Schritte. Pause. Was macht die da? Geht sie jetzt oder geht sie nicht? Ist sie schon fort? Dann h├Ątte man doch die T├╝r h├Âren m├╝ssen, oder?
Die Ungewi├čheit ist nun doch st├Ąrker als die Beklommenheit. Langsam wendet sie sich um, und mit der Drehung kehrt der Ursprung all der verwirrenden Sinneseindr├╝cke zur├╝ck in ihr Gesichtsfeld. Bei den Garderobenhaken, fast an der T├╝r, ihr halb zugewandt, ohne sie anzublicken; gerade legt sie ein graues Frotteetuch nonchalant ├╝ber den linken Arm, in dessen Hand sie das kleine Beutelchen mit den Utensilien h├Ąlt. Einen Bademantel hat sie anscheinend nicht. Die Hautoberfl├Ąche der Frau ist nicht mehr feucht, scheint das Licht zu schlucken, wie Samt, und dabei selbst zu entscheiden, wo sie angedeutete, seidenmatte Lichtreflexe zur├╝ckwirft. Au├čer dem Bereich, den der Rasierer bereist hat.
Der gl├Ąnzt.
Nackt.
Na├č.
Eingerieben mit dem Zeug, da├č erwiesenerma├čen vor Entz├╝ndungen und ├Ąhnlich unliebsamen Begleiterscheinungen geschorener Haut bewahrt. Klaus-gepr├╝ft. Babysicher. Und obwohl sie nichts von dem Vorgang gesehen oder geh├Ârt hat, springt das Bild pl├Âtzlich vor ihr inneres Auge. Hand mit schl├╝pfriger Substanz auf k├Âstlich empfindsamer, glatter Haut. Nur hat der Film in ihrem Innern nichts vom gesch├Ąftsm├Ą├čigen Auftragen eines After Shaves.
Rubbel, rubbel, rubbel.
Hitze schie├čt ihr ins Gesicht, in die Brust, in den Unterleib. Ebenso erschrocken wie emp├Ârt schiebt sie die unbotm├Ą├čige Phantasiehand beiseite, zwingt den Fokus zur├╝ck auf das Hier und Jetzt, sieht die Frau kurz von hinten, als sie sich zum Gehen wendet, dann seitlich durch die T├╝r entschwinden. Und erst jetzt begreift sie, da├č die Besitzerin der frisch lackierten M├Âse keineswegs ein kleines Handtuch flach ausgebreitet um den Hals liegen hatte.
Das war eine T├Ątowierung. Eine gro├če T├Ątowierung. Von Schulter zu Schulter, und die Wirbels├Ąule hinab. Bunt. Leuchtend. Haupts├Ąchlich Rott├Âne, die ganze Skala, ├╝ber flammendes Orange bis zu sonnigem Gelb, mit einigen Tupfern Wei├č; die Form allerdings hat sich nicht erschlossen. Sie versucht das Gesehene vor ihrem inneren Auge zu rekonstruieren, kommt aber zu keinem Ergebnis. Geistesabwesend stellt sie - endlich - das Wasser ab, langt nach ihrem Handtuch, nimmt es mit beiden H├Ąnden, dr├╝ckt ihr Gesicht in den tr├Âstlich weichen Stoff. Ihr eigenes Handtuch, ihr eigener Geruch; vertrautes Waschmittel, Nestw├Ąrme, Sicherheit, Gewi├čheit.

In der sch├╝tzenden Dunkelheit dieses Moments stellt sie sich die Frage, was z u m H e n k e r mit ihr los ist. Normalerweise f├╝hlt sie sich durch den Anblick weiblicher Anatomie in keiner Weise angeregt, weder zum Gaffen, noch zu sonst irgend etwas. Sie steht nicht auf Frauen - dessen war sie sich immer sicher. M├Âsen sind ihr egal, rasiert oder unrasiert; in letzter Zeit hat sie sich nicht mal f├╝r ihre eigene allzu sehr interessiert.
Lohnt einfach nicht, lautet die d├╝stere Bilanz.
Macht mehr Ärger als sonst irgendwas.
Die M├Âglichkeit, da├č ihre totale Enthaltsamkeit der vergangenen, langen Monate vielleicht ihren Tribut zu fordern beginnt, will ihr nicht gefallen. Entzugserscheinungen deuten auf Abh├Ąngigkeit hin, und Abh├Ąngigkeiten sind ihr verha├čt.
Sie entl├Ą├čt ihr Gesicht aus dem Handtuch, f├Ąhrt fort mit dem Hals, tupft nur (wird eh gleich alles wieder na├č, in der Sauna); weiter, unter den Armen, die Seiten. Ihre Gedanken kehren zum Schmuck der Frau zur├╝ck.
Die Anbringung muss ungeheuer weh getan haben, denkt sie; oder, so fragt sie sich, geschieht ein solcher Eingriff unter Bet├Ąubung? Haben Piercer die erforderliche medizinische Ausbildung f├╝r An├Ąsthesie? Die Vorstellung einer Bet├Ąubungsspritze in die Klitoris erscheint ihr h├Âchst unwahrscheinlich, Oberfl├Ąchenan├Ąsthetikum sinnlos. Sie selbst hat kein Piercing, nur eine kleine T├Ątowierung, und das war schon schlimm genug. Den kleinen, schwarzen Drachen, der sich um ihren linken Kn├Âchel windet, hat sie sich aus einer Laune heraus stechen lassen, erinnert sie sich; irgendwann kurz nachdem sie die ber├╝hmt gewordene Herb Ritts-Fotografie der damals bekanntesten (einzigen?) Supermodels gesehen hatte, unbekleidet, eng zusammengekuschelt. Eine von denen hatte ein Band aus Rosen um den Kn├Âchel t├Ątowiert gehabt. Das fand sie sexy. Die Rosen einfach zu kopieren, h├Ątte sie jedoch platt gefunden; also entschied sie sich f├╝r ein anderes Motiv, in selber Weise angebracht. Et voila; Inspiration statt Imitation.
Sie muss grinsen ├╝ber die geistigen Winkelz├╝ge, die sie als kaum 20-j├Ąhrige f├╝r relevant gehalten hat, trocknet sich weiter ab, jetzt im Schritt. Der Druck des dicken Handtuchs zwischen den Beinen ist ihr ├╝berdeutlich bewu├čt, aber sie geht dar├╝ber hinweg, macht einfach weiter mit den Oberschenkeln, ignoriert den Wunsch nach Aufmerksamkeit, den ihr Unterleib nachdr├╝cklich aussendet. Sie muss eindeutig hier raus, aus diesem Raum, der zum Platzen voll ist mit Ereignissen, Bildern und Wasserdampf.

Sie h├Ąngt das Handtuch kurz zur├╝ck, um sich in ihren Bademantel zu h├╝llen, nimmt es dann wieder auf, schnappt sich ihre Tasche, wirft den Riemen ├╝ber die Schulter. Setzt sich in Bewegung, zur T├╝r und hindurch, hinaus aus der Dusche, in den kleinen Vorraum mit den Waschbecken und dem gro├čen Spiegel; im Vorbeigehen pr├╝ft sie - mit einem kurzen Seitenblick und einem gewohnheitsm├Ą├čigen Griff ihrer freien Hand - den Halt ihres Haarknotens. Zufriedenstellend. Dann ist sie aus dem Eingangsbereich heraus, auf der anderen Seite des Schleusenapparates zwischen Drau├čen und Drinnen, der die Bekleideten von den Unbekleideten trennt, die Erholungsbed├╝rftigen von den Erholenden.
Sie steht auf Los, dem ersten Quadrat des gro├čen Selbstverw├Âhnungs-Spielfelds, und fragt sich, was sie tun soll. Direkt in die Sauna? Oder erst was trinken? Vielleicht einen kleinen Salat zu sich nehmen?!
"Nein", denkt sie sich, "jetzt wird erst mal geschwitzt." Ihr ist nach Hinlegen, nach Eind├Âsen, Wegd├Ąmmern, Vergessen, Abstand. Sie geht zielstrebig auf die entsprechende T├╝r zu, entledigt sich davor ihres Bademantels und der Tasche, und tritt dann, nur mit ihrem Handtuch ├╝ber dem Arm, durch die Pforte, in das warme, goldene Halbdunkel der holzverkleideten Kabine.

So gut wie leer.
Oben links liegt jemand flach b├Ąuchlings hingestreckt, den sie kaum registriert; halb im Schatten einer der S├Ąulen. Direkt gegen├╝ber dem Eingang hingegen sitzt ein Mann auf mittlerer H├Âhe, schwei├čna├č, mit hochrotem Kopf, vielleicht Ende vierzig. "Indiskutabel", denkt sie automatisch, w├Ąhrend sie sich nach rechts wendet, zum verbliebenen freien Drittel des Sitzb├Ąnkehufeisens, "wie die meisten Exemplare seiner Spezies." Mit dem ersten Blick hat sie die Attribute der Unw├Ąhlbarkeit verzeichnet: Sch├╝tteres Haar, aber Koteletten; Goldkettchen um den Hals; kr├Ąftige Schultern, Ober- und Unterarme, disqualifiziert durch eine schon h├Ąngende Brust ├╝ber inakzeptabel ausufernder Leibesmitte. Storchenbeine; zu lang und zu d├╝nn. Grotesk. Auch seinen schrumpeligen Schwanz und den enormen, vor der Sitzkante herabh├Ąngenden Hodensack hat sie nicht ├╝bersehen. "Wahrscheinlich hat er auch noch einen Arsch wie ein Spatenblatt", denkt sie, als sie sich mit einem unverbindlichen, h├Âflich gr├╝├čenden Halbl├Ącheln in seine Richtung auf ihr Handtuch setzt, mittlere Etage. Aus der sitzenden Position heraus gl├Ąttet sie ihre Unterlage, und l├Ą├čt sich dann elegant auf die Seite sinken, F├╝├če in Richtung zu dem Kerl, Gesicht in den Raum. Sie bettet den Kopf auf ihren Arm.

Es knarzt auf der anderen Seite, und die Person im Halbschatten ver├Ąndert ihre Lage, oben, auf der h├Âchsten Etage, wendet sich von der Bauch- in die Seitlage, so da├č der R├╝cken in den Raum weist, das Licht der einzigen tr├╝ben Lampe mit einem Mal voll reflektierend, den Blick an sich rei├čend.
Rot.
Die Saunaliege verwandelt sich in den Aufzug des Schreckens, sackt j├Ąhlings ins Leere, st├╝rzt ab, einer bodenlosen Tiefe entgegen. S i e ist hier. Hier drin. Mit ihr.
Der kunstvoll gestaltete Drache erstreckt sich in majest├Ątischer Pracht ├╝ber den R├╝cken der Frau aus der Dusche, seinen K├Ârper in mehreren, komplexen Windungen ├╝bereinandergelegt. Jetzt endlich enth├╝llt er seine Gestalt, gibt sich zu erkennen ÔÇô der um ein vielfaches gr├Â├čere Artgenosse des kleinen Fabeltiers, das sich um ihren eigenen Kn├Âchel schmiegt. Wie eine doppelte Acht, deren Bahnen leicht gegeneinander verschoben sind, liegt die k├Ânigliche Kreatur auf der Frau; die ├Ąu├čersten B├Âgen verlaufen ├╝ber und um die Schultern. Seinen Kopf hat der Drache zwischen ihre Schulterbl├Ątter gebettet, auf seinen eigenen, verschlungenen Leib. Mit gesenktem Sch├Ądel starrt er zur├╝ck, aus t├Ątowierten gr├╝nen Augen, unverwandt, niemals blinzelnd. Z├Ąhne entbl├Â├čt, Zunge sichtbar.
Die Botschaft ist klar. Wer sich in b├Âser Absicht hinterr├╝cks n├Ąhert, ger├Ąt unweigerlich in die F├Ąnge dieses m├Ąchtigen W├Ąchters, wird von seinen Klauen ÔÇô f├╝nf, z├Ąhlt sie verwundert ÔÇô gepackt, zur eingehenden Untersuchung festgehalten und bei eventuellem Widerstand oder erwiesener Schuld kurzerhand in handliche St├╝cke zerlegt. Unter dem ge├Âffneten, b├Ąrtigen Kiefer des Drachens schwingt sich in einer letzten Kurve sein langer Schwanz hinab, zum Stei├č der Frau, wo der Tanga seine bleiche Signatur hinterlassen hat, endet kurz oberhalb davon in einer dreieckigen Spitze, die auf die rehhafte Blesse deutet und dar├╝ber hinaus, in die Tiefe des Schattens zwischen ihren Pobacken.
Durch die schwei├čfeuchte Haut scheinen die Farben noch an Leuchtkraft zu gewinnen, her├╝berzustrahlen, wie Kirchenfenster an einem Sonnentag, aus dem Innern einer Kathedrale gesehen. Der Drache schwitzt mit der Frau, sieht um die Augen herum aus, als w├╝rde er weinen. Salzige Tr├Ąnen, sie kann das Salz schmecken. Schluckt schwer.
Dabei f├Ąllt ihr auf, da├č er au├čerdem sabbert, der l├╝sterne Lindwurm. Sie sieht seinen Speichel zwischen den schneewei├čen Rei├čz├Ąhnen hervortreten, hinabflie├čen ├╝ber die Lefzen, sein Kinn, den K├Ârper der Frau mit Spuren ├╝berziehend. Sie ist schon von oben bis unten voll davon; glitzert, gekleidet in Tausende und Abertausende winzigster Tropfen. Ein weiteres Kunstwerk, eine weibliche R├╝ckansicht, in m├╝hsamer Kleinarbeit zusammengef├╝gt aus kleinsten Bauelementen, die im goldenen Licht der Sauna still vor sich hin funkeln wie Honigperlen, nein, Bernstein; Baumblut, aus dem Inneren hervorgetreten und zu Halbedelsteinen erstarrt.

Der vergessene Mann erhebt sich mit dem Ger├Ąusch belasteten Holzes, steigt von seiner Sitzstufe herab, hat genug, zweifellos, unschwer an der Farbe von Kopf und Hals zu erkennen ÔÇô eine h├Ą├čliche Karikatur von Rot, fast schon Krampfaderfarben. Flecken ├Ąhnlicher T├Ânung ├╝berall auf Brust und Armen. Er atmet h├Ârbar. "Herzinfarkt innerhalb der n├Ąchsten 18 Monate", sch├Ątzt der professionelle Teil ihrer Pers├Ânlichkeit bei diesem Anblick, per Selbstausl├Âser, w├Ąhrend der so Verurteilte vorbeiwatschelt, zur T├╝r. "Bleib hier!" heult ein anderer, ├Ąlterer Teil ihres Bewu├čtseins gleichzeitig durch ihr Inneres; jener, der sich, seit sie denken kann, auf den Schutz durch ├Ąltere Menschen, ├Ąltere m ├Ą n n l i c h e Menschen, verlassen hat.
Doch ihr j├Ąmmerlicher Alliierter, Sankt Georg f├╝r Arme, der nicht einmal etwas von seiner Rolle als Ordnungsh├╝ter ahnt, verschwindet mit einem gebrummten "WiedersehÔÇÖn" nach drau├čen. Die T├╝r schlie├čt sich mit dem saftigen Schmatzen der w├Ąrmed├Ąmmenden Gummilippen.
Sie ist allein mit dem Drachen.

Das Untier sieht sie an; h├Âhnisch, herausfordernd. Seine Besitzerin ruht nach wie vor mit dem Gesicht zur Wand, atmet gleichm├Ą├čig und entspannt. Der Drache atmet synchron, lauernd, sprungbereit, f├╝nf mal f├╝nf messerscharfe Krallen, mit denen er sich am K├Ârper seiner Herrin festh├Ąlt. Noch. Ohne Frage kann er sich wie eine zuschlagende Peitsche abrollen, in einem Wirbel von Rot quer durch den Raum schie├čen, innerhalb eines Wimperschlags bei ihr sein. Sie f├╝r ihre Impertinenz strafen, die unversch├Ąmte Verfolgung seiner Meisterin. ("Nicht schuldig, Euer Ehren! Ich kann das erkl├Ąren!" ÔÇô "Wir danken f├╝r das Pl├Ądoyer der Verteidigung. Schreiten wir nun zur Vollstreckung des Urteils.") Ein schneller, blutiger Alptraum aus rasenden, rei├čenden Tatzen und Z├Ąhnen.
Hunde soll man auch nicht anstarren, sonst greifen sie an.
Ihr eigener kleiner Drache hat seinen Kopf zwischen ihrem Fu├čgelenk und den Planken versteckt, das wei├č sie ohne hinzuschauen. Gottverdammter, erb├Ąrmlicher Feigling.
Was jetzt?
Aufstehen und gehen?
"Kommt nicht in Frage", denkt sie st├Ârrisch. NOCH neurotischer als im Falle des Starrkrampfs in der verfluchten Dusche will sie sich heute auf GAR keinen Fall pr├Ąsentieren. Sie ist cool, erwachsen, erfolgreich; hat schon ganz andere Sachen durchgestanden. Das hier ist gar nichts. Reiner Zufall, da├č sie sofort wieder in einem Raum gelandet sind. Zusammen. Allein miteinander.
Beide nackt.
Mit hei├čer Haut.
Schwei├čna├č.
Sie leckt sich die Lippen, ohne es zu bemerken.
Andererseits ..; der Drache hat sie gesehen, aber seine Herrin nicht.
Die w e i ├č gar nicht, da├č die glotzende Schwachsinnige aus der Dusche mit ihr hier drin ist, denkt sie, und die Entscheidung f├Ąllt im selben Augenblick. Sie richtet sich auf, katzengleich, nichts knirscht, nichts knarzt, auch nicht, als sie den Fu├č auf die Stufe unter ihr setzt, aufsteht, und mit einem weiteren Schritt auf Zehenspitzen bei der T├╝r ist. Das Handtuch folgt ihr mit einem Fl├╝stern. Fast v├Âllig ger├Ąuschlos. Sie ├Âffnet die T├╝r, erleidet beim ├╝berlauten Schmatzen der Dichtung beinah einen Ohnmachtsanfall ÔÇô zumindest f├╝hlt es sich so an ÔÇô und huscht, immer noch elektrisiert, hinaus. Schlie├čt die T├╝r mit einem weiteren unanst├Ąndigen Ger├Ąusch hinter sich.
Entkommen.

Sie atmet einmal tief ein und wieder aus.
Die vergleichsweise k├╝hle Luft im langgestreckten Aufenthaltsbereich l├Ą├čt sie erst richtig sp├╝ren, wie enorm aufgeheizt sie ist. Ihr Gesicht, ihr ganzer K├Ârper gl├╝ht wie angefachte Kohle. Linderung lockt gegen├╝ber, im ummauerten Doppelrund von Brause und Eisbecken; zwei perfekte Zylinder, die sich ber├╝hren, ├╝berschneiden am gemeinsamen Zugang. Im einen, versenkt, mit Stufen und chromblitzendem Handlauf, das Tauchbassin mit dem klirrend kalten Wasser, im anderen, leicht erh├Âht, vier Duschen, zum Absp├╝len der allgemein erw├╝nschten Resultate eines Saunaaufenthaltes.
Ohne nach Handtuch oder Bademantel zu greifen, legt sie die wenigen Schritte zur├╝ck, tritt unter eine der Brausen, und l├Ą├čt das Wasser ├╝ber sich rauschen, kurz nur, lauwarm. Dann zum Eisbecken, den Viertelkreis der Stufen hinab, in die polare Folter. Sie hat das Gef├╝hl, da├č sie zischt, als sie in die t├╝rkisfarbene K├Ąlte eintaucht, in die Knie geht, sich ganz untergehen l├Ą├čt. Millionen von Nadeln. Wie hellblaues Neonlicht schie├čt die K├╝hlung von allen Seiten gleichzeitig in sie hinein, brutal schnell. ├äu├čerste Qual und ersehnte Erl├Âsung in einem. Kaum zu ertragen.
Herrlich.
Als sie wieder auftaucht, um Luft zu holen, sieht sie die Drachenfrau von der Saunat├╝r direkt auf sich zu kommen ÔÇô nein, nicht auf sich, auf die Duschen. Logisch. Best├╝rzt l├Ą├čt sie sich zur├╝ck in das eisige Wasser sinken, bis an die Oberlippe, durch die Nase atmend.

Es ist eine mystische Erscheinung, die da ruhigen Schrittes naht. Die lebendig gewordene Statue einer G├Âttin, glatt und gl├Ąnzend, unendlich kostbar. Und sie dampft. Schleier hauchfeinen Nebels steigen von der feuchten Haut auf, um nur wenige Zentimeter dar├╝ber zu verwehen. Der Duschkreis wird zum Tempelrund, als die Vision mit achtloser Anmut eintritt, ohne die im Becken Kauernde auch nur mit dem Blick zu streifen, und ihr den R├╝cken zuwendet. Die Halogenleuchten in der Decke des Rondells lassen den Dunst ├╝ber den Schuppen des Drachen f├╝r einen kurzen Moment aufleuchten wie Rauchschwaden ├╝ber einem schwelenden Brand. Dann setzen die herabst├╝rzenden Wasserstrahlen dem Trugbild ein Ende.
Unter der Kaskade hervor lacht das rote Mistvieh mit seinem offenem Maul her├╝ber zum Tauchbassin, augenscheinlich am├╝siert dar├╝ber, wie erb├Ąrmlich dessen Insassin mittlerweile friert.

Ihre Z├Ąhne klappern, schlagen hinter zusammengepre├čten Lippen schmerzhaft aufeinander, ihre Nackenmuskeln rucken nerv├Âs an ihrem Sch├Ądel, aber sie erhebt sich nicht. Kann nur zusehen, wie die hochgewachsene Gestalt allen Schwei├č durch klares Wasser ersetzt, sich nun mit geschlossenen Augen unter dem Strahl dreht, jede Ansicht ihrer schlanken Statur zeigt; effektvoll beleuchtet wie in einem Schaufenster. Das ist kein verzaubertes Standbild, sondern echtes, warmes Leben. Beine ohne Ende. Der K├Ârper einer L├Ąuferin.
J├Ągerin.
R├Ąuberin.
Beute gestellt am Wasserloch.
Aus dem Fundus ihrer Erinnerung ert├Ânt unversehens Steppenger├Ąusch; das Rascheln hohen Grases ("Nur der Wind, Madam, kein Grund zur Aufregung"), l├Ąrmende Grillen, V├Âgel in den entfernten Wipfeln der vereinzelt stehenden B├Ąume. Sie wird nie vergessen, wie pl├Âtzlich absolute Stille herrschte. Bevor die L├Âwin aus der Deckung hervorbrach. Die angepflockte Ziege niedermachte. Die Safari war auch eine von KlausÔÇÖ grandiosen Ideen gewesen; zur H├Âlle mit ihm.
Ihre G├Ąnsehaut stammt l├Ąngst nicht mehr von der Wassertemperatur allein. Schimmernd, getarnt als ganz und gar nackte Frau, dreht sich das geschmeidige Gesch├Âpf herum und kommt die vier oder f├╝nf Schritte her├╝ber, zum Eisbecken, zu ihr, die die Augen schnell niederschl├Ągt. Bleibt stehen. Schaut hinab. Auf sie. Das wei├č sie ohne zur├╝ckzusehen. Sie wagt nicht, den Blick zu erwidern; riecht nasses Holz, einen entfernten Hauch von Bergamotte - immer noch - und etwas neues, zuvor Unbemerktes. Muskat?
Sie ist sicher, da├č jeder, wirklich jeder im ganzen Geb├Ąude das dumpfe Klopfen in ihrem Unterleib h├Âren kann; immerhin leitet Wasser Schall um ein vielfaches besser als Luft, und die W├Ąnde tragen das verr├Ąterische Pochen bestimmt weiter, in den Boden, zu den Fu├čsohlen aller Menschen, ins Bewu├čtsein der Welt.
Pock. Pock. Pock. Pock. Pock. Es f├╝llt sie aus, von den Zehen bis in die Fingerspitzen, bis in ihre erstaunlicherweise brennenden Ohren. Ein Zeitmesser, gnadenloser als jede Uhr. Sie schaut nun doch auf, um das mitleidige Kopfsch├╝tteln entgegenzunehmen, das ihre selbstauferlegte Tortur und die zweifellos eindeutig ersichtlichen Ursachen einem normalen Menschen entlocken m├╝ssen.

Blankes, leuchtendes Gr├╝n, verst├Ąrkt durch den Widerschein der Scheinwerfer von unten. Sonst nichts. Kein Erkennen. Kein Tadel. Steht einfach da, eine Hand auf das hohe Gel├Ąnder an den Stufen gelegt, die andere locker auf der H├╝fte. Wartet. Will auch ins Eisbassin. Nicht genug Platz f├╝r zwei.

Jetzt k a n n sie nicht mehr hierbleiben, die H├Âflichkeit verbietet es; sie muss ihr arktisches Gef├Ąngnis jetzt verlassen.
Gef├Ąngnis?
Bl├Âdsinn.
Sie nimmt ihre ganze Kraft zusammen, um ihren starren Muskeln Aktion abzuringen. Mit, wie sie meint, deutlich h├Ârbarem Knirschen richtet sie sich aus ihrer halben Hocke auf, f├╝hlt sich wie splitterndes Glas; feinste Bruchst├╝cke scheinen an ihr herabzurieseln. "Leichter Rigor", analysiert ihr Berufshirn ohne echtes Interesse. Unterk├╝hlung. Wahrscheinlich haben ihre Lippen die Farbe von Fahrradschl├Ąuchen. "H├╝bsch", denkt sie bitter, nach dem Handlauf greifend, "harmoniert toll mit meinen grauen Augen."
Jede der Stufen stellt eine ├Ąu├čerste Willensanstrengung dar, nicht nur wegen der k├Ąltebedingten Versteinerung, die sie Schritt f├╝r Schritt zu ├╝berwinden hat, sondern auch, weil sie dem Magnetfeld immer n├Ąher kommt, gegen dessen Wirkung sie ebenfalls mit aller Gewalt ank├Ąmpfen muss. Sie kann die Gravitation f├╝hlen, die auf ihre Leibesmitte wirkt, so, als h├Ątte die geduldig wartende Nackte sie in Wahrheit bei den Schamhaaren gepackt und w├╝rde sie langsam aber kraftvoll zu sich heranziehen. Das Pochen konzentriert sich in ihrer Kehle, legt ein enger werdendes Band um ihren Hals, pulsierend.




Jetzt trennen sie nur noch Zentimeter.
Sie sp├╝rt jedes Fleckchen ihrer K├Ârperoberfl├Ąche; klingelnd, als w├Ąren Milliarden mikroskopisch kleiner Gl├Âckchen daran befestigt. Halb rechnet sie damit, da├č das wundersch├Âne Raubtier sie jetzt, JETZT, anf├Ąllt, ihr die Z├Ąhne in den Hals schl├Ągt, sie mit der Macht ihres Anpralls zu Boden wirft, gierig nach ihrem Fleisch, ihre Kehle aufrei├čt, hungrig, St├╝cke mit wildem Schlagen des Kopfes aus ihr herauszerrt, schlingt, das Blut ihres Opfers in Str├Âmen ├╝ber die weite Fl├Ąche vor dem Doppelkreis vergie├čend. Auch den Moment danach sieht sie vor sich; die belohnte J├Ągerin seitlich hingegossen, l├Ąssig auf einen Ellbogen gest├╝tzt, Kinn, Hals und Br├╝ste gl├Ąnzend rot verschmiert, mit halbgeschlossenen Augen, satt und faul, zufrieden schnurrend. Das Traumbild verleiht der siegreichen Angreiferin einen langen, am Ende gestreiften Schwanz, der hinter ihr mit langsamen Schl├Ągen auf die Kacheln tappt. Sie selbst: davor; hingestreckt, im flachen See ihres versch├╝tteten Lebens. Unendlich still, eine einzige offene Wunde; das Mahl. Beendet.
Obwohl, so kalt wie ihr ist, w├Ąr┬┤ sie wohl bestenfalls ein Happen Tiefk├╝hlkost, denkt sie, als sie sich an der ganz und gar nicht blutr├╝nstig aussehenden Frau mit dem Drachen vorbeischieben will. Beide Br├╝ste ber├╝hren dabei, kurz hintereinander, mit ihren knallhart gefrorenen Spitzen den rechten Oberarm der Frau, der sich hei├č wie ein Herd anf├╝hlt. Zwei dicht aufeinanderfolgende Schl├Ąge eines gewaltigen Gongs, die sie durch und durch ersch├╝ttern. "┬┤Tschuldigung", murmelt sie sofort, zutiefst erschrocken, passiert die Gefahrenzone und flieht, das W├Ąrmeversprechen der Duschen ignorierend.

Hat die Frau sich eine Winzigkeit zu ihr geneigt, um diesen Kontakt herbeizuf├╝hren? Hat sie selbst den Brustkorb herausgeschoben, damit es geschieht? Hastig tippelt sie auf Beinen aus Gelatine hin├╝ber zum Kleiderst├Ąnder bei der Saunat├╝r, f├╝hlt bei jedem ihrer kleinen Schritte das Wippen ihrer prall ├╝berspannten Br├╝ste mit den immer noch singenden Nippeln; und ihren kleinen Frauenbauch, denn der gibt sich erdenkliche M├╝he, solidarisch mit den beiden Gro├čen mitzuhoppeln. Beim Griff nach ihrem Handtuch bemerkt sie den anerkennend an ihr haftenden Blick eines jungen, fitne├čgest├Ąhlten Kerls, der breitbeinig zur├╝ckgelehnt in einem der zahlreichen St├╝hle fl├Ązt und seinen dicken Pimmel zur Schau stellt.
Arschloch.
Schnell h├Ąngt sie ihr Handtuch zur├╝ck, greift sich ihren Bademantel und zieht in ├╝ber. Zurrt ihn mit resoluter Geste zu. Zack. Ende der Show, du Wichser. Er quittiert ihre Handlung mit einem frechen Grinsen und l├╝mmelt sich noch l├╝mmeliger in seinen Stuhl, zeigt ihr um so penetranter seine feiste Gurke, die aus dem blankgeschabten Unterbauch heraush├Ąngt wie ein milde gelangweilter Wurm. Vorhaut zur├╝ckgeschoben (oder ist der etwa beschnitten?). GibtÔÇÖs doch gar nicht. Was bildet der sich ein? Gottes Geschenk an die Frauen, oder was?
Sie setzt ihre beste Schnepfenmiene auf und rauscht an dem unversch├Ąmten Protz vorbei, in Richtung Gastronomiebereich, denn sie braucht jetzt unbedingt etwas zu trinken. Was hei├čes. Ein Schub schnatternder Restk├Ąlte durchf├Ąhrt sie beim Gedanken an das Eisbecken, sch├╝ttelt sie, gefolgt von einer Welle fl├╝ssigen Feuers, als sie an das Ereignis beim Verlassen des Bassins denkt.
Sie versucht sich abzulenken, indem sie sich auf die Frage konzentriert, warum blo├č in letzter Zeit der Trend zum haarlosen Geschlechtsorgan so massiv um sich gegriffen hat. Ganz oder ann├Ąhernd nackte M├Âsen ├╝berall. Und, Gott sei uns gn├Ądig, Schw├Ąnze auch. Wie bei dem eingebildeten Penner da hinten. Die Invasion der Kinderpimmel und M├Ądchenmuschis ├╝berrollt die Saunen der Nation. Nat├╝rlich auch die Schlafzimmer, nur muss man das nicht mit ansehen.
Sie setzt sich an einen der freien Tische der Restaurantzone. Sankt Georg von Orden des Herzinfarkts ist auch da, sitzt an der Bar und reitet eine weitere Attacke gegen das Zentrum seines Kreislaufs. Kippe in der Hand, Bier vor sich auf dem Tresen. Hirnloser, selbstm├Ârderischer Vollidiot. F├╝r einen Moment versp├╝rt sie den Impuls, ihn am Kragen seines fadenscheinigen, beige und grau gestreiften Bademantels zu packen, zu sch├╝tteln und anzuschreien: "Haaal-looo! Aufwachen! F├╝nf vor Zw├Â-h├Âlf!!!" Nat├╝rlich unternimmt sie aber nichts dergleichen, bestellt vielmehr einen hei├čen Kakao (Schokolade beruhigt die Nerven, Zucker gibt Energie), lenkt dann den Blick auf die Tischplatte - fort von dem unseligen Delinquenten, der dort in aller Seelenruhe seinen Untergang vorantreibt ÔÇô und nimmt ihren letzten Gedanken wieder auf.

Sie hat es in ihrem Leben nur einmal mit einem Typen getrieben, der untenrum rasiert war. Ein eigentlich ganz ansehnlicher Kardiologe, den sie wegen seiner blondierten Haare und seinem ebenso blondierten B├Ąrtchen zun├Ąchst f├╝r schwul gehalten hatte. Irgendwann haben sie dann in der Notaufnahme gefickt; sie wei├č nicht mal mehr genau, warum. Mit Zuneigung hatte das jedenfalls nicht das Geringste zu tun. Wahrscheinlich war sie einfach Klausgesch├Ądigt, einsam und best├Ątigungsbed├╝rftig. Coitus clausis causae. Aus vielen Gr├╝nden eine bl├Âde Idee.
Erstens war die Rasur war nicht mehr taufrisch gewesen; wie ein verdammter Ritt auf einer Feile, sie kann sich nur zu gut daran erinnern, wie wundgescheuert sie hinterher noch tagelang war. Au├čerdem hatte der Schwachkopf anschlie├čend nichts besseres zu tun, als vor dem ganzen beschissenen Kollegium damit zu prahlen, da├č er sie flachgelegt hatte.
Widerw├Ąrtiger kleiner Aufschneider.
Dabei hatte SIE IHN vernascht, nicht umgekehrt. Geguckt wie ein Auto hat er, als sie ihn nach ein bi├čchen Geknutsche kurzerhand auf die Untersuchungsliege geschmissen hat, mit zweieinhalb r├╝den Handgriffen seinen Dicken aus der Hose und in den Mund, bis das dumme Ding endlich hart genug war, mit der anderen Hand ihren Slip unter dem Rock weggefummelt; und dann auf ihn mit Gebr├╝ll. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auch schon wieder ┬┤ne ganze Weile her.
Sie l├Ąchelt vor sich hin. Wenigstens war er so schockiert, da├č er nicht s o f o r t abgespritzt hat. Trotzdem musste sie sich zum Schlu├č selbst fertigmachen, weil er dann doch schon weich und nutzlos in ihr rumlabberte. Nein, S├╝├čer, ist schon okay, bin ja ein gro├čes M├Ądchen; gib mir ┬┤ne Minute. Von wegen okay. Verlierer, einer wie der andere. Gott, war ihm das peinlich, da├č eine Braut auf ihm hockte und sich einen rieb ÔÇô den Job vom Herrn Doktor zu Ende brachte. Was ihn aber keineswegs daran hinderte, hinterher gro├č rumzut├Ânen. Die Unantastbare, ho ho ho; kannst mir auf die Schulter klopfen, Kollege.
Dummer Fehler. Rache ist Blutwurst. Mit einem randvollen Zuckerstreuer aus der Cafeteria hat sie seinem teuren Flitzer einen Besuch abgestattet. Komplette Tankf├╝llung. Spritztouren bis auf weiteres abgeblasen. Beweise? Keine. OP-Handschuhe, sicher ist sicher; Tatwaffe im M├╝llcontainer entsorgt. Vom Fenster des Gemeinschaftsraums konnte sie mit ansehen, wie der waidwunde Liebling am n├Ąchsten Tag aus der Tiefgarage geschleppt wurde. HatÔÇÖs nicht mal mehr aus eigener Kraft vor die T├╝r geschafft, der arme Kleine. Ein erhebendes Trauerspiel.
Keiner der m├Ąnnlichen Kollegen hat je wieder ├╝ber sie gesprochen, nicht mal in ihre N├Ąhe haben sie sich mehr getraut; au├čer am Operationstisch, nat├╝rlich. Gezwungenerma├čen.
Overkill. Sie seufzt.

Der Kakao kommt, sie nimmt den L├Âffel, r├╝hrt, schaut in den Strudel. Noch zu hei├č zum Trinken. Viel Milch, wenig Kakao. Es gibt nur ein Kakaopulver, das einen leichten Violettstich hat; das von Milka. Es gibt nur eine M├Âse mit einem zartvioletten Mittelstreifen; die von der Drachenfrau. Ein Schauer f├Ąhrt ihr den R├╝cken hinab.
Strom kribbelt zwischen ihren Beinen.
Lieber Himmel, mutiert sie jetzt zur Lesbe?!
Vollkommen inakzeptabel, der Gedanke. Lesben sind h├Ą├člich, die meisten wenigstens, oder doch zumindest die, die sie als solche erkennen kann. St├Ąmmige Weiber mit schwer h├Ąngenden Eutern, die sich den Kopf scheren, kleine Brillen tragen und beifallheischend einherstolzieren, trotz statistisch dokumentierter Neigung zu katastrophaler Kleidung.
Stillos; geradezu gruselig.
Es muss doch auch andere geben, oder nicht?! Sie scannt im Geiste die attraktiveren weiblichen Mitarbeiter ihrer Abteilung, der Reihe nach. Ob da wohl eine bei ist, die auf Muschis steht? Absolut keine Ahnung; doesnÔÇÖt compute.
Sie schl├╝rft nun doch einen vorsichtigen Schluck von dem Kakao. Die k├Âstlich s├╝├če W├Ąrme rollt ihr die Kehle hinab, markiert ihren Weg nach unten deutlich wahrnehmbar hinter dem Brustbein, ein breiter Balken wohliger Empfindung, der sich mit Eintritt in den Magen in eine kleine kugelf├Ârmige Thermalexplosion verwandelt; Gl├╝ckseligkeit in fl├╝ssiger Form. Gut. Sie friert inzwischen nicht mehr, und allm├Ąhlich macht sich auch ihr Kreislauf wieder sch├╝chtern an die Arbeit.

Sie kehrt gedanklich zu dem kahlschw├Ąnzigen Kardiologen zur├╝ck; gepiercte Brustwarzen hatte der auch schon, aber ein besserer Lover war er deswegen noch lange nicht. Sie konnte es damals nicht ├╝ber sich bringen, die so geschm├╝ckten Nippel zu ber├╝hren, nicht mal fl├╝chtig. Schauderhaft.
"Was bringt die Leute blo├č dazu, sich die empfindlichsten K├Ârperteile durchstechen zu lassen?" fragt sie sich; "oder sich den Unterleib blank zu rasieren?" Die analytische Abteilung antwortet umgehend: "Wahrscheinlich dasselbe, was Leute dazu bringt, sich Drachen ums Fu├čgelenk t├Ątowieren zu lassen." Sie verzieht den Mund. Ertappt.
Klar. Der Wunsch, dem eigenen, beschissenen Leben wenigstens ein kleines bi├čchen Originalit├Ąt hinzuzuf├╝gen, aus eigener Kraft einen Stempel aufzudr├╝cken, sei er auch noch so minimal. Kontrolle ├╝ber die eigenen Lebensumst├Ąnde dokumentieren, und wennÔÇÖs blo├č darum geht, ein kleines bi├čchen geiler zu sein - oder zu wirken - als der Graub├╝rger nebenan. Selektionsvorteile schaffen. Darwin. Ich bin toller als die anderen.
Schade eigentlich.
Die Differenzierung geht enorm in die Hose, wenn pl├Âtzlich alle mit den gleichen Unterscheidungsmerkmalen durch die Gegend laufen. Legionen von Vorzimmertippsen und Friseusen mit gepiercten Bauchnabeln, giggelnde Teenies mit gepiercten Bauchnabeln; vielleicht hat sogar der alte, ranzige Pf├Ârtner in der Klinik seinen faltigen Bauchnabel mittlerweile piercen lassen. Oder seine laffen, welken Brustwarzen. Sie sch├╝ttelt sich innerlich. Eine T├Ątowierung hat inzwischen sowieso jeder. Na ja, jeder unter 35 vielleicht.
Aber einen Ring durch die Klitoris?!
Auch noch mit einem H├Ąngerchen dran?!
Vor ihrem inneren Auge wiederholt sich der Moment in der Dusche, in dem der blutrote Stein zur├╝ck gegen die kleinen Schamlippen der Drachenfrau sank. Sie schl├╝rft geistesabwesend an ihrem Kakao. Sowas ist wohl selbst im Reich der allgemein Gepiercten immer noch eine Seltenheit.
Unvorstellbar.
Sie ├╝berlegt, ob so ein Ding nur zur Zierde dient, oder tats├Ąchlich auch irgendeine Wirkung hat; einen Effekt, der die Qual der Anbringung lohnt. Die mit Sicherheit h├Âllische Zeit des Abheilens. Sie versucht sich auszumalen, wie es wohl sein mag, ein derartiges Schmuckst├╝ck an sich zu haben; aber der Gedanke, jemand k├Ânnte daran ziehen, oder wom├Âglich daran h├Ąngenbleiben, verdirbt ihr diesen experimentellen Vorsto├č sofort.
Aua.
Ein Klecks Kakao h├╝pft auf den Tisch, Folge ihres unwillk├╝rlichen Zusammenzuckens. Leicht irritiert setzt sie die Tasse ab, wischt die kleine Lache beil├Ąufig mit dem Finger auf, leckt ihn ab. Der Tisch steuert eine entfernte Spur Holzaroma bei.
Nur zu gern w├╝├čte sie, ob die so geschm├╝ckte Frau diesen Horror auf sich genommen hat, um sich, wie all die anderen Selbstdarsteller, den Anschein des Besonderen zu geben - vielleicht dabei etwas extremer in der Wahl der Mittel. Oder ob sie zu der auserlesenen Schar von Menschen z├Ąhlt, die tats├Ąchlich etwas besonderes s i n d. Womit mag sie wohl ihren Lebensunterhalt verdienen; wie verbringt eine solche Person den Alltag?
Das erste, was ihr in den Sinn kommt, ist der Beruf eines Callgirls. Ist sie eine exquisite Nutte? Das w├Ąre ein weiterer Stereotyp; platt, aber immerhin m├Âglich.
Oder das Vorzeigeliebchen von irgendeinem reichen Sack?
Nein. Falsche Ausstrahlung.
Vielleicht eine Showt├Ąnzerin? Herumhopsen mit einer Rubintr├Ąne am Kitzler? Unwahrscheinlich. Oder? Sie ├╝berlegt kurz, wie fest ein enges H├Âschen den Schmuck wohl halten w├╝rde. Ungewi├č.
Musikerin wom├Âglich; Rocks├Ąngerin oder so was.
Eine andere Art K├╝nstlerin?
Malerin, Bildhauerin, Schriftstellerin?
Sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, da├č die Protagonistin ihrer Betrachtungen Zeit mit profanen Dingen zubringt. B├╝roangestellte, Verk├Ąuferin, sonstige Bedienstete? Auf gar keinen Fall. Unm├Âglich.
Sinnend r├╝hrt sie in ihrer Tasse, schaut in die braunlila W├Ąrme, nimmt einen weiteren Schluck. Hebt den Blick.

Da sitzt sie.
Nur zwei Tische entfernt, genau gegen├╝ber. Den Kopf hat sie dem dreisten J├╝ngling zugewandt, der so stolz auf seinen bl├Âden Schwanz ist. Er hat sich in gro├čspuriger Positur neben dem Tisch aufgebaut, ein knappes Handtuch um die H├╝ften - Bekleidung ist im Gastronomiebereich Pflicht, Pech gehabt - und ist anscheinend dabei, der Frau ein Gespr├Ąch aufzun├Âtigen. Ganz offenbar wei├č er nicht, da├č sich unter ihrem ├╝bergro├čen, grauen Bademantel (sie hat also doch einen) ein Monstrum verbirgt, zusammengerollt, bereit zum Zuschlagen. Ein f├╝nff├╝├čiger, vielzahniger Idiotenp├╝rierer.
├ťber den Rand ihrer Tasse hinweg beobachtet sie, wie der respektlose Schn├Âsel sich noch tiefer in Gefahr begibt. Besitzergreifend st├╝tzt er sich mit einer Hand auf den Tisch, mit der anderen auf die Lehne des Stuhls der Frau, seinen Unterarm ahnungslos direkt vor dem Schlund der roten Bestie. Er beugt sich vor, um dem Objekt seiner Begierde verschw├Ârerisch etwas zuzuraunen. In dieser Haltung ereilt ihn sein Schicksal.
Der Drache bleibt zwar entt├Ąuschenderweise in seinem Versteck, aber nur, weil dessen Herrin etwas viel grausameres f├╝r den penetranten Popanz in petto hat.
Zuerst beben nur die Lippen, die Winkel ihres grandiosen Mundes zucken einmal, zweimal; dann sch├╝ttelt es sie und silberhelles Gel├Ąchter perlt aus ihr heraus, ├╝bersch├╝ttet den l├Ąstigen Kerl, seine Pose und sein offenbar v├Âllig absurdes Ansinnen mit totaler Vernichtung. Effektiver als ein Flammenwerfer. Das Opfer dieser verheerenden Attacke ben├Âtigt anderthalb Schrecksekunden, um zu begreifen, was ihm widerf├Ąhrt; als die Erkenntnis endlich d├Ąmmert, richtet sich der gedem├╝tigte Galan mit hochrotem Kopf auf und stakst ohne ein weiteres Wort davon.

Das Lachen verebbt, nun, da der Gegenstand des Ansto├čes das Weite gesucht hat. Doch ein leuchtendes L├Ącheln bleibt ├╝brig, scheint durch den Saal wie einfallendes Sonnenlicht; trifft die schutzlose Beobachterin, die nur zwei Tische weiter Halt an dem Gef├Ą├č in ihren H├Ąnden sucht. Zwecklos. Eindeutige Unterschreitung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes bei ge├Âffneter Blende. Volle Strahlendosis.
Das warÔÇÖs. Sie ist verloren und sie wei├č es. Heilungschancen unter 1 Prozent. Sie hat das Gef├╝hl aus Wachs zu bestehen, und langsam vom Stuhl herunterzulaufen. Der Blick der glitzergr├╝nen Augen, den sie auf sich ruhen sieht, macht es nicht besser. Die Tasse in ihrer Hand beginnt zu zittern und nur mit M├╝he setzt sie sie ohne allzuviel Geklapper auf den Tisch.
Ihr Herz macht einen Satz, als sie die Frau mit dem Drachen in einer flie├čenden Bewegung aufstehen sieht. Sie kommt wahrhaftig zu ihr an den Tisch. Und spricht sie an.
Alarmstufe Rot.
"Alles in Ordnung mit Ihnen?", h├Ârt sie sie fragen, durch das gewaltige Rauschen in ihren Ohren, "Sie sehen aus, als h├Ątten Sie den Tod gesehen."
- Nein, nicht den Tod. Aber das kann ich dir nicht sagen. -
"Ja. Nein." antwortet sie lahm. "Danke", f├Ąllt ihr noch ein. Na toll. Beeindruckend. Die Drachenfrau hat eine eigent├╝mliche Aussprache, registriert ein anderer Teil ihres Bewu├čtseins. Nicht von hier.
Sie sp├╝rt, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legt. Besorgt. So ist die Geste wohl gemeint; der Effekt ist jedoch ein v├Âllig anderer. Elektrizit├Ąt flie├čt in sie hinein, als ob sie an einen Generator angeschlossen w├Ąre. Brummmmmmmmm.
"Bestimmt?" erkundigt sich die Energiequelle noch einmal. "Sie sind ganz sch├Ân bla├č."
Das muss aufh├Âren. Alles. Vor allem der K├Ârperkontakt. "Ich sollte wohl besser gehen", entgegnet sie tonlos, steht auf, schiebt dabei den Stuhl mit einem Quietschen zur├╝ck. "Nochmals vielen Dank. Sie sind sehr aufmerksam" schafft sie noch zu sagen; dann l├Ąchelt die Drachenfrau erneut, schickt sie damit um Haaresbreite zu Boden.
Oh Gott, blo├č weg hier.
Sie macht einen Schritt, der die Ber├╝hrung beendet; wei├č nicht, wohin sie sich wenden soll. "Zahlen", denkt sie und macht den n├Ąchsten Schritt Richtung Tresen; weiter, auf den wartenden Kellner zu. Der Boden unter ihr benimmt sich wie ein Schiffsdeck bei sanftem Seegang.
Im Vorbeigehen nennt sie dem undeutlichen Menschen neben der Kasse die Nummer ihres Spindschl├╝ssels, als Unterpfand f├╝r die Zeche; ihr Blick sucht derweil nach einem Weg aus dem Wirkungsbereich der gr├╝nen Radiation, die sie immer noch in ihrem R├╝cken f├╝hlen kann.
Unmittelbar an die Restaurantzone grenzt ein Bereich mit Ruheliegen; die n├Ąchste T├╝r in Reichweite tr├Ągt die Aufschrift "Dampfbad". Sie tappt darauf zu, f├╝hlt sich wie unter dem Einflu├č schwerer Medikamente; alles ist langsam, fern und irgendwie unscharf. Paradoxerweise scheint dieser Zustand sich mit jedem der wenigen Meter gleicherma├čen zu verschlimmern und zu verbessern. Um so dankerf├╝llter erreicht sie den Eingang des Dampfbades, streift ihren Bademantel von den Schultern, l├Ą├čt ihn einfach zu Boden fallen; ├Âffnet die T├╝r und geht hinein.

Gn├Ądiges Dunkel umf├Ąngt sie.
Das Innere des tiefblau gekachelten Dampfbades wird nur sp├Ąrlich durch Hunderte winziger Glasfaserpunkte erhellt, die ├╝ber die Decke verstreut sind wie Sterne - ein k├╝nstliches Firmament, das im Minutentakt sachte die Farbe wechselt. Im Moment ist es hellblau. Fr├╝her hat sie diese Form der Beleuchtung als billige Effekthascherei empfunden; jetzt allerdings spendet der falsche Nachthimmel sonderbaren Trost. Ungeachtet der stickigen Schw├╝le hat sie einen Moment lang das Gef├╝hl, endlich wieder frei atmen zu k├Ânnen.
Sie durchquert das erste der vier kleeblattf├Ârmig angeordneten Abteile, vorbei am Mittelpunkt des Dampfbades mit der gedrungenen Nachahmung eines Minaretts, in welchem der gr├Â├čte der Verdampfer leise k├Âchelnd seinen Dienst verrichtet. Im hinteren Rund, so weit wie m├Âglich fort vom isolierenden Schott der Milchglast├╝r, l├Ą├čt sie sich auf die breite Sitzfl├Ąche in einer der torbogenartigen Nischen sinken und l├Âst ihr Haargummi, denn sie macht den straffen Zug f├╝r ihre pl├Âtzlichen Kopfschmerzen verantwortlich.
Sie ist ganz allein.
Sie f├╝hlt sich klein, dumm und l├Ącherlich.
Scham brennt in ihrer Kehle. Ihre Sicht verschwimmt; bei├čende Tr├Ąnen treten ihr in die Augen. Sie schluchzt, einmal; ein kurzes, krachendes Ger├Ąusch. "Du d├Ąmliche Kuh", zischt sie in die Stille, w├Ąhrend sich ihre Gesichtsz├╝ge zu einer Grimasse des Elends verzerren. Sie hat keine Erkl├Ąrung f├╝r die Empfindung schrecklichen Verlustes, die hohl durch ihren Bauch heult wie Sturm durch eine menschenverlassene Ein├Âde. Als w├Ąre eine liebgewonnene Person gestorben. All die hilfreichen Kommentatoren in ihrem Kopf sind verstummt. Sie zieht die Beine an, umschlingt ihre Schienbeine mit den Unterarmen, pre├čt ihre Stirn gegen die Knie. Ein fester Ball aus Kummer, der von ger├Ąuschlosem Weinen bebt.


Dann h├Ârt sie die T├╝r.
Ihr Kopf f├Ąhrt hoch; sie lauscht durch das schwache Fauchen der Dampfaggregate. Hat sie sich get├Ąuscht?

Eine Stimme fragt, vorsichtig: "Hallo?"

Sie erkennt die Stimme, verf├Ąllt automatisch in das Programm der notd├╝rftigen Schnellrestauration; tausendmal in irgendwelchen Hinterzimmern, Garderoben, Toiletten praktiziert. Tr├Ąnen entfernen, Spuren verwischen. Routine. Hier ├╝berfl├╝ssig, f├Ąllt ihr ein. Sowieso alles na├č. Sie h├Ârt auf. L├Ą├čt die Augenblicke, die ihr noch bleiben, unt├Ątig verstreichen. Wartet, in den Tr├╝mmern ihrer letzten Reste Selbstbeherrschung. H├Ârt ihren eigenen Pulsschlag; laut. Sonst nichts.

Die Besitzerin der Stimme verursacht kleine Turbulenzen im allgegenw├Ąrtigen Dampf, als sie lautlos in das enge Rund des letzten Abteils tritt; die Besitzerin des Drachens, die Besitzerin des Steins, die Besitzerin der unglaublichsten Limonenaugen, die die Welt je gesehen hat. Sogar hier im schummerigen Halblicht scheinen sie noch zu leuchten, die wolkenverhangene Pseudonacht zu durchdringen wie Suchscheinwerfer, um sie unfehlbar in ihrer Ecke zu finden.
"Hallo", sagt sie z├Âgernd, als sie die zusammengekauerte Gestalt entdeckt hat, keine Frage diesmal. Langsam macht sie die letzten beiden Schritte zu ihr hin. "Entschuldigen Sie, da├č ich Ihnen nachkomme, aber ..." Sie streicht die Spitze einer entwischten Haarstr├Ąhne vom Mundwinkel zur├╝ck hinters Ohr. Sucht nach Worten. Weist dann vage mit dem Daumen ├╝ber ihre Schulter: "Sie wirkten da drau├čen grade wirklich ziemlich ... angeschlagen." Sie l├Ąchelt. "HabÔÇÖ gedacht, Sie kippen vielleicht um hier drin, oder so was."

"Mir gehtÔÇÖs gut", schafft die Angesprochene hervorzubringen. Kaum mehr als ein Fl├╝stern. Ihre Stimme hat sich davongemacht, will mit der ganzen Angelegenheit offenbar nichts zu schaffen haben. Sie wei├č, da├č sie l├╝gt. Wahrscheinlich wei├č es jeder. Jeder hier drin.
Sie will, da├č es vorbei ist; will gestehen, was sie eben erst erkannt hat. Sich der Gnade der Drachenfrau ausliefern, damit es endlich ├╝berstanden ist, zum Guten oder zum Schlechten.
Ihr sagen, da├č sie ihr den Verstand raubt.
Den Atem nimmt.
Ihr Herz zum Schwirren bringt.
Wie noch nie jemand zuvor.
Nie.
Der heulende Orkan in ihrem Leib kehrt zur├╝ck.

"Das sieht aber gar nicht so aus", sagt die Drachenfrau. Sie tritt noch n├Ąher, streckt die Hand aus und legt sie an die Wange der vor ihr Sitzenden, als w├Ąre es die selbstverst├Ąndlichste Sache der Welt. Streicht mit der Daumenkuppe sanft unter ihrem Auge entlang.

Kann sie etwa Tr├Ąnen von anderer Feuchtigkeit unterscheiden?
In dieser lichtlosen Waschk├╝che?
Kunstst├╝ck; sicher hat sie rote Augen. Oder geschwollene. Oder gleich beides. Anstandshalber m├╝├čte sie jetzt so eigentlich so etwas sagen wie "Was erlauben Sie sich?!" Aber sie tutÔÇÖs nicht. Sie k├Ânnte gar nichts sagen, selbst wenn sie wollte. Sie hat genug damit zu tun, ihre Lippen am Zittern zu hindern. Und sich nicht in die Hand an ihrer Wange zu schmiegen wie eine liebeshungrige Hinterhofkatze. Nicht ohnm├Ąchtig zu werden von der Ber├╝hrung, der N├Ąhe.

Die Drachenfrau l├Ą├čt ihre Hand wo sie ist, Daumen unter dem Auge, Fingerspitzen vor dem Ohr, und grinst verschw├Ârerisch. "Irgendein Kerl?"

Diese vollkommen abwegige Hypothese entlockt der Befragten ein Schnauben, halb angewidert, halb am├╝siert, da sie sich der Ironie dieser Fehldiagnose selbst in Anbetracht der mi├člichen Lage nicht entziehen kann.

Offenbar h├Ąlt die Drachenfrau dieses Ger├Ąusch f├╝r ein Indiz f├╝r das Bevorstehen weiterer Tr├Ąnen, denn sie legt nun auch die andere Hand an das Gesicht der Sitzenden, in gleicher Weise. Federleicht. Schwindelerregend. Beugt sich eine Winzigkeit hinab. Grinst nicht mehr.
"Was ist denn blo├č los? Willst du es mir nicht sagen?"

Du.
Der Generator springt wieder an. Brummt, als wenn er eine ganze Stadt zu versorgen h├Ątte. Sie kann kaum h├Âren bei dem L├Ąrm.
"Ich wei├č nicht", bringt sie schwach hervor; ha├čt sich f├╝r ihre Feigheit. "Was mit mir los ist", setzt sie hinzu.

Diese Aussage quittiert die Drachenfrau mit einem langen, wortlosen Blick; so lang, da├č die Zeit selbst zum Erliegen gekommen zu sein scheint.
"Ich glaube, ich schon", bricht sie schlie├člich das Schweigen, und neigt sich nun weiter nach vorn, langsam, immer weiter, auf die Sitzende zu, deren Gesicht sie in H├Ąnden h├Ąlt; l├Ą├čt ihr alle Zeit der Welt, auszuweichen oder zu protestieren, oder sonstwas zu unternehmen.
"Ich wei├č es l├Ąngst", f├Ąhrt sie fort, die Worte kaum noch hauchend, als ihre Gesichter nur noch Zentimeter trennen.
Zwei.
Einer.
Die Drachenfrau l├Ą├čt eine letzte Sekunde vergehen. Eine letzte Konzession.
Als ihr immer noch kein Widerstand geboten wird, senkt sie ihre Lippen auf den ungl├Ąubig halb offenstehenden Mund zwischen ihren Daumenballen. Sanft und anhaltend. Ohne Druck. Ohne Forderung.
Reine, elektrisierende Ber├╝hrung.


Sie kann nicht glauben, was ihr geschieht.
Und obwohl sie die delikate Empfindung der Lippen auf den ihren ebensowenig leugnen kann wie die H├Ąnde auf ihren Wangen, obwohl sie den warmen Atem aus der Nase der anderen auf ihrer Oberlippe sp├╝rt, weigert sich ihr Verstand zu akzeptieren, da├č sie gerade gek├╝├čt wird.
Ihr K├Ârper allerdings reagiert auf dieses Ereignis auch ohne die Mitwirkung des Verstandes; jede einzelne Nervenfaser scheint sich entschlossen zu haben, gemeinsam mit ihren jeweiligen Nachbarn ein spontanes Konzert aufzuf├╝hren, ein so schnelles und unb├Ąndiges St├╝ck, da├č der Komponist ohne Zweifel komplett irrsinnig gewesen sein muss. Wie eine Droge tobt die rote Musik durch die eigens daf├╝r gemachten Leitungen, von den Lippen geradewegs zum Herzen, das aufschreckt und losprescht wie ein Wildpferd, eins mit dem gnadenlosen, h├Ąmmernden Takt, der es jagt. Nein, kein Einzelg├Ąnger; eine ganze verdammte Herde ist in ihrem Inneren durchgegangen und hetzt nun wie von Sinnen kreuz und quer durch die Dunkelheit, als h├Ątten die Tiere das Feuer gerochen, das irgendwo zwischen ihren Knien und ihrem Bauchnabel ausgebrochen ist.

Auch die Drachenfrau muss den Brand bemerkt haben. Vielleicht hat sie auch die Musik geh├Ârt, und h├Ąlt inne, um zu lauschen. Jedenfalls l├Ą├čt sie den Kontakt ihrer M├╝nder enden, und schaut ihr Gegen├╝ber aus n├Ąchster N├Ąhe an. Den d├╝nnen, silbrig gl├Ąnzenden Speichelfaden, der sich zwischen ihrer beider Unterlippen ├╝ber den kurzen Abgrund spannt, scheint sie entweder nicht zu bemerken, oder f├╝r unwichtig zu halten. Ihre Augen bewegen sich keinen Millimeter. Sie blinzelt nicht einmal. Erst nach einer weiteren kleinen Ewigkeit verr├Ąt ihr Blick, da├č sich ein L├Ącheln um ihren Mund bildet.

Doch das sieht die Angel├Ąchelte nicht.
Gr├╝n f├╝llt ihr ganzes Gesichtsfeld. Gl├╝hendes, grenzenloses Gr├╝n, unterteilt in endlos viele Kreisabschnitte, faserig, wie das irisierende Gefieder eines seltenen Tropenvogels. So dicht stehen die beiden Kreise vor ihr, das sie zu einem einzigen zu verschmelzen scheinen; in der Mitte ein rundes Areal absoluter, undurchdringlicher Schw├Ąrze. Ein bodenloser Abgrund, geschaffen, um sie zu verschlucken und nie wieder freizugeben.
Oder die rettende Insel in einer uferlosen, smaragdenen See.
Das einzige gr├╝ne Meer, das sie kennt, ist die ├äg├Ąis.
Traumhaft sch├Ân.
Sie schluckt, um dem Klo├č in ihrem Hals loszuwerden.
Die Musik in ihrem Innern schwingt sich zu einem freudigen Furioso auf.
Sie denkt die drei Worte und beschlie├čt, zu springen.
Ihre H├Ąnde, die bis zu diesem Moment nutzlos auf ihren Knien gelegen haben, fliegen empor, ergreifen Besitz vom Kopf der Drachenfrau, so wie man einen Ball f├Ąngt - die Handballen auf beiden Seiten der zierlichen Kinnlade und die weit gespreizten Finger ├╝ber die Ohren hinweg bis auf den Hinterkopf. In der selben Bewegung erhebt sie sich aus der Sitzhaltung und trifft, noch bevor sie sich ganz aufgerichtet hat, mit ihrem Mund so heftig auf den der anderen, da├č sie einen deutlichen Knall zu h├Âren glaubt.
Der Geschmack von regennassem Eisen ├╝berflutet ihren Gaumen, dringt in ihre Nase; Blut, ohne Frage, aber das ist ihr einerlei. Der Ansturm hat sie beide nicht nur in die aufrechte Haltung katapultiert, sondern ├╝ber den Punkt des Gleichgewichts hinaus, so da├č sie nun r├╝ckw├Ąrts beziehungsweise vorw├Ąrts die wenigen Schritte durch den winzigen Raum stolpern, bis die Waden der Drachenfrau hart gegen die senkrechte Fl├Ąche prallen, die den unteren Teil der identischen Sitznische gegen├╝ber bilden; der Schwung l├Ą├čt sie mit dem Hintern auf den Sitz fallen. Es klatscht, als h├Ątte jemand eine reife Melone auf die Kacheln geschleudert und so zum Platzen gebracht.
Nicht einen Moment denkt sie daran, loszulassen, geschweige denn, mit dem K├╝ssen aufzuh├Âren. Vom Gewicht des K├Ârpers an dem Sch├Ądel, den sie umfa├čt h├Ąlt, hinabgezogen in eine vorn├╝bergebeugte Position, verkrallt und streckt sie ihre Finger wieder und wieder im Haar unter ihren H├Ąnden, kann sich nicht sattw├╝hlen an den kurzen, schwarzen Str├Ąhnen, die sich anf├╝hlen wie Rabenfedern. Nicht einmal in ihren k├╝hnsten Tr├Ąumen h├Ątte sie sich einen solchen Kuss je ausmalen k├Ânnen; sie hat keine Ahnung, wer von ihnen zuerst den Mund aufgemacht hat, oder wie ihre Zungen in einen derartigen Ringkampf verwickelt werden konnten.
Wie eine Lokomotive schnauft sie, um der hei├čen, dampfgeschw├Ąngerten Luft wenigstens ein Mindestma├č an Sauerstoff abzutrotzen; angestrengte, laute Atemz├╝ge, die dennoch nur ein l├Ącherliches Ma├č des kostbaren Gases durch ihre Nase in die Lunge zu transportieren verm├Âgen.
Sie sieht schon farbige Punkte vor ihren Augen tanzen, als sie f├╝hlt, wie die H├Ąnde der Drachenfrau sich flach auf ihren Bauch legen. Den immer noch darin umhergaloppierenden Pferden wachsen urpl├Âtzlich Fl├╝gel; ganze Geschwader von ihnen erheben sich wie auf ein geheimes Zeichen in die Weiten unter ihrem Herzen, w├Ąhrend die Fingerkuppen ├╝ber ihre Haut fahren, ├╝ber die Rippen hinweg zum unteren Brustansatz. Dann legen sich H├Ąnde wie kleine K├Ârbe um die Seiten ihrer Br├╝ste, doch nur f├╝r einen Moment; die Finger suchen und finden ihre Brustwarzen, fassen die ohnehin schmerzhaft geschwollenen Spitzen und dr├╝cken zu. Fest.
Eine Ladung Starkstrom peitscht ohne Vorwarnung durch ihren K├Ârper. Sie muss den gefangengehaltenen Kopf loslassen und sich blitzartig mit beiden Handfl├Ąchen an der Wand vor ihr abst├╝tzen, um nicht mit dem Scheitel dagegen zu knallen. Auch den so sorgsam geh├╝teten Mund muss sie freigeben, um vernehmlich nach Luft zu schnappen, beziehungsweise nach einer gr├Â├čeren Portion Dampf.
"Gott", keucht sie, und nach einem weiteren tiefen Atemholen noch ein mal "Oh Gott". Sie l├Ą├čt die Stirn gegen die Kacheln sinken, versucht durch den weit ge├Âffneten Mund mehr vom Vers├Ąumten nachzuholen. Die Kacheln f├╝hlen sich ├╝berraschend k├╝hl an. Alles andere nicht. Die H├Ąnde der Drachenfrau ahnt sie entfernt auf ihren H├╝ften.

"Irgendwas ... musste ich ... machen", l├Ą├čt sich eine Stimme unter ihr vernehmen; schwach, doch eindeutig gut gelaunt. "Sonst ... w├Ąr' ich erstickt."

Gerne w├╝rde sie irgend etwas Geistreiches erwidern; aber die Luft in ihrer Brust reicht kaum f├╝r eine Silbe. So begn├╝gt sie sich mit einem blo├čen Laut als Reaktion, irgendwo zwischen A und O, zwischen billigender Kenntnisnahme und mildem Einspruch gegen die Wahl der Methode. Sie ist froh, da├č ihr Gesicht verborgen ist, an der Wand, au├čerhalb des Sichtbereichs der Drachenfrau. Ihr Mund ist immer noch offen, und sie kann durch ihre halbgeschlossenen Augen sehen, wie ihr Atem das kleine Fleckchen tau├╝berzogener Kacheln unmittelbar vor ihr in Form eines gestreckten Ovals mattiert.
Ihre Gedanken wollen sich gerade in dieser einladend neblige Fl├Ąche verlieren, als sie realisiert, w a s sich momentan im Blickfeld der Drachenfrau befinden muss. Sie h├Ąlt ihr die Titten ja direkt vor die Nase, l├Ą├čt sie ihr geradezu ins Gesicht baumeln; wie reifes Obst! Die Erkenntnis, da├č sie aussehen muss, als w├╝rde sie sich anbieten, einer erneuter Ber├╝hrung d a r b i e t e n, erf├╝llt sie mit einer hitzigen Mischung aus peinlich ber├╝hrtem Schrecken und diebischer Freude ├╝ber diesen gl├╝cklichen Zufall - denn das war es doch, oder? -, unterstrichen von einem sehns├╝chtigen Ziehen in den Br├╝sten.
"Ja", sagt das Ziehen, "zeig sie ihr. Gib sie ihr", und das Feuer im Erdgescho├č ├Ąu├čert seine Zustimmung, indem es mit neuer Heftigkeit durch die angrenzenden Gebiete wallt; der Schreck ein Raub der Flammen, ein W├Âlkchen Asche, das durch ihre Glieder davongeweht wird. Sie l├Ą├čt ihren R├╝cken durchsinken, St├╝ck f├╝r St├╝ck, vom Katzenbuckel bis zur H├Ąngebr├╝cke, bis sie endlich fremde Haut ber├╝hrt.
Die Stirn?
Eine Wange?
"Bitte", denkt sie jammervoll, beinah flehentlich, und bewegt ihre Schultern - wie sie hofft, unauff├Ąllig - um die seidige Empfindung zu verst├Ąrken, so gut es eben geht, ohne ernsthaft aufdringlich zu werden. Immerhin m├Âglich, da├č die andere nur den einen Kuss stehlen wollte und von der heftigen Erwiderung ebensosehr ├╝berrascht wurde wie sie selbst.

Doch pl├Âtzlich ist sie da; keine zahme Ann├Ąherung, keine vorsichtige Steigerung; mit einer schnellen Bewegung des Kopfes hat die Drachenfrau die Gabe angenommen. Die ganze breite Fl├Ąche ihrer Zunge zieht in einem langen Strich die Rundung weichen Fleisches hinauf, hei├č und rauh, bis zu einem der steif hervorstehenden Mittelpunkte, dann hin├╝ber, durch das Tal, zu seinem Zwilling, der ebenfalls in ihre Richtung zeigt, wie ein kurzer, dicker Finger.
Sie l├Ą├čt ihn ihre Z├Ąhne sp├╝ren; nicht zu fest, aber auch nicht gerade sanft, zieht ihn zwischen den nicht ganz geschlossenen Zahnreihen in die Mundh├Âhle, saugt, l├Ą├čt ihn durch die enge, hartkantige Passage hinein- und hinausgleiten. Die Ger├Ąusche, die sie damit irgendwo ├╝ber sich hervorruft, entlocken ihrer Kehle ein zufriedenes, tiefes Echo. Sie setzt dies einige weitere Momente lang fort, dann gibt sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit wieder frei und f├Ąhrt mit den Lippen den Weg zur├╝ck, den sie gekommen ist; pre├čt ihr Gesicht in den Film aus Schwei├č, Kondenswasser und ihrem eigenen Speichel, reibt es zwischen den Br├╝sten hin und her, unverst├Ąndliche S├Ątze murmelnd und K├╝sse verteilend.
Die H├Ąnde, die sie auf den H├╝ften der ├╝ber ihr Stehenden gelagert hatte, haben sich mit ausgebreiteten Fingern in die nachgiebigen H├Ąlften des Hinterteils darunter gegraben, kneten, teilen und pressen zusammen, Mal um Mal, versetzen die Muskulatur bis hinab zu den Schenkeln in langsame, kreisende Bewegung. Gro├če Kreise. Weite Kreise. N├Ąher und n├Ąher zieht sie dabei das Becken in ihren H├Ąnden zu sich heran; in winzigen, ruckweisen Zentimeterschrittchen leisten die F├╝├če der Besitzerin dem Zug Folge.
Als es nicht mehr weitergeht, knurrt sie "Komm her", mit einer Stimme, die aus dem Boden unter ihr zu kommen scheint. Es klingt ungeduldig, beinah etwas gereizt.

Zun├Ąchst versteht sie nicht, was die Drachenfrau von ihr will. Eigentlich versteht sie im Moment ├╝berhaupt g a r nichts; wei├č kaum, wo sie ist. Pegasus und seine vielen Freunde ├╝ben sich seit einigen Minuten in Akrobatik, geben Sturzfl├╝ge, Steilkurven und Salti in Formation zum Besten. Eine Achterbahnfahrt ist ein lauer Scherz gegen das, was diese verdammten Kunstflieger da in ihr, mit ihr treiben. Ihr ist schwindlig, wie von erstklassigem Dope, nur ohne die M├╝digkeit. Sie kann nichts anderes tun, als mit geschlossenen Augen gegen die Kacheln zu ├Ąchzen.
Nur ganz allm├Ąhlich dringt die Forderung zu ihr durch; die zwei knappen Worte, und der immer dr├Ąngender werdende Griff auf beiden Seiten ihres Hinterns. Herkommen?
Wie in Gottes Namen soll sie denn noch n├Ąher kommen? L├Ąngst steht sie mit den F├╝├čen rechts und links neben denen der Drachenfrau, rittlings ├╝ber deren Beinen; ihre Zehen sto├čen gegen die Vorderwand des Sitzes. Mit Kopf und Unterarmen ist sie schon ein ganzes St├╝ck die r├╝ckw├Ąrtige Wand hinaufgerutscht, um ├╝berhaupt so dicht heran zu gelangen.

Als h├Ątte sie die stumme Frage vernommen, sagt die Drachenfrau zwischen zwei K├╝ssen, mit den Lippen auf ihrer Haut: "Steig rauf." Zur Verdeutlichung nimmt sie die Linke neben sich und l├Ą├čt die Handfl├Ąche zweimal kurz aber vernehmlich auf das freie St├╝ckchen Sitz zwischen ihrem Po und der Wand patschen. Sie bringt die Hand zur├╝ck und f├Ąhrt fort damit, zu massieren und zu ziehen. "Ich will ..." Aber sie spricht nicht aus, was sie will.

Das ist auch nicht n├Âtig.
Die Auforderung war klar genug, und auch, was sie bedeutet; es gibt nur einen einzigen Zweck, dem diese Anweisung dienen kann. Mit dem Begreifen, dem artikulierten Gedanken, kommen auch die Zweifel zur├╝ck.
Was in drei Teufels Namen tut sie hier eigentlich?
"Was Gutes", raunt eine Stimme aus dem dunkelroten Nebel, der sich tr├Ąge wie eine neugeborene Galaxis irgendwo in ihrer K├Ârpermitte um die eigene Achse dreht; "das Beste seit langem."
"Du machst mit einer t├Ątowierten Lesbe rum", antwortet sofort eine andere, kalt und schneidend vor Geringsch├Ątzung, direkt hinter ihrer Stirn. "An einem ├Âffentlichen Ort. Mit einer t├Ątowierten u n d gepiercten u n d rasierten, vollkommen fremden Lesbe."
Lesbe. Bl├Âdes Wort. Abf├Ąllig. Gemein.
"Lass mich zufrieden", weist sie die zweite Stimme zurecht, und merkt erst, da├č sie laut gesprochen hat, als der barsche Satz heraus ist.


"Was?"
Die Drachenfrau h├Ąlt abrupt inne.
"Was hast du gesagt?"


"Ich ... ich hab ...", setzt sie an, sucht hektisch nach einem Ausweg, nach Worten, ohne ihre Haltung zu ver├Ąndern, dankbarer denn je, da├č die andere ihr Gesicht nicht sehen kann. Sie hustet ein bi├čchen, um sich Zeit zu verschaffen. "... so was noch nie gemacht", beendet sie den Satz leise.
Und, kaum noch h├Ârbar, mehr f├╝r sich selbst, fl├╝stert sie "Ich hab Angst."
Vor dir. Vor mir. Vor uns beiden.

Aber die Drachenfrau hat sie geh├Ârt.
"Lass sie los", entgegnet sie einfach, fast liebevoll, und nimmt ihre Z├Ąrtlichkeiten wieder auf; "Ich geb' dir etwas Besseres daf├╝r." Sie l├Ą├čt die Linke ├╝ber die H├╝fte der Stehenden gleiten, auf die Vorderseite des Schenkels, l├Ą├čt die Fingern├Ągel dann innen daran heruntersinken, bis zur Kniekehle. Dort dreht sie die Handfl├Ąche nach au├čen, Daumen nach unten, und dr├╝ckt sachte das Knie nach au├čen.

Sie wehrt sich nicht dagegen, da├č die Drachenfrau ihren rechten Fu├č auf diese Weise zun├Ąchst auf die Zehenspitzen, dann ganz vom Boden hebt, verlagert ihr Gewicht ganz automatisch auf das linke Bein; gestattet der Hand, ihren Oberschenkel vollst├Ąndig in die Waagerechte zu leiten. Den gr├Â├čten Teil der Strecke bringt sie das Bein selbst empor; vorsichtig, denn es gibt eine Menge Gr├╝nde, die sie das Gleichgewicht kosten k├Ânnten. Dann setzt sie den Fu├č auf die Stelle der Sitzfl├Ąche, welche die Drachenfrau vor Augenblicken akustisch markiert hat.
Die ├ľffnung, die mit diesem Bewegungsablauf einhergeht, nimmt sie mit besonderer Deutlichkeit wahr; als w├╝rde sie auf einer B├╝hne, im Lichtkegel eines einsamen Scheinwerfers erfolgen. Als w├╝rde die Sonne durch eine nach Jahren ge├Âffnete T├╝r in ein lange verlassenes Haus scheinen, einen stillen Schauplatz nostalgischer Erinnerungen mit pl├Âtzlichem, verschwenderischem Glanz ├╝berfluten.
Helligkeit und g├╝tige W├Ąrme.
Inmitten von Dunkelheit und lastender Schw├╝le.
Erstaunlich.
Die frisch entstandene Distanz zwischen den Innenseiten ihrer Schenkel scheint erwartungsvoll zu summen.
Den zweiten Fu├č kann sie nicht mit der selben, schwebenden Langsamkeit hinauf auf die andere Seite der Sitzfl├Ąche bewegen. Sie muss die H├Ąnde und Unterarme von der Wand vor sich nehmen und statt dessen die Handfl├Ąchen gegen die Seitenw├Ąnde der Nische stemmen. Der Rest geht wie von selbst; auf einmal ist sie oben und wundert sich, da├č sie es tats├Ąchlich getan hat.
Die Nische ist zu niedrig, als da├č sie aufrecht auf dem Sitz darin stehen k├Ânnte - eine derartige Benutzung hatte der Architekt wohl auch kaum im Sinn. Ihr K├Ârper ist ein X, an dem alle Linien geknickt sind, eingespannt in den kleinen Kachelbogen. Einen Wimpernschlag lang kommt sie sich furchtbar albern vor; aber das vergeht sofort, als sie die Stimme der Drachenfrau h├Ârt, deren Atem in den feinen H├Ąrchen ihres Scho├čes sp├╝rt.
"Jaa", h├Ârt sie sie sagen. Dann, leiser: "Perfekt."

Und dann sagt die Drachenfrau nichts mehr, denn ihr Mund ist voll.


Nur die krampfhaft gegen die Seitenw├Ąnde gepre├čten H├Ąnde verhindern, da├č sie sogleich wieder aus der Nische herausst├╝rzt; ihre Beine sind mit einem Mal nutzlose, fremde Dinger aus Gelee. F├╝r einen schrecklichen Moment glaubt sie, mit ihrem ganzen K├Ârpergewicht auf dem s├╝├čen Sattel zu lasten, den die Drachenfrau ihr bereitet, und ihr wom├Âglich damit das Genick zu brechen.
Doch die Sorge ist unbegr├╝ndet; sie muss ihre runden 70 Kilo nicht ganz alleine halten. Zum einen f├╝hlt sie den Druck eines Handballens gegen ihren Stei├č, der ein Zur├╝ckweichen ihres Beckens augenscheinlich unter allen Umst├Ąnden zu vermeiden trachtet; zum anderen sind auf nicht n├Ąher gekl├Ąrte Weise mindestens zwei Finger in sie hineingeglitten. Es ging so leicht, da├č sie es nicht gemerkt hat - bis sie angefangen haben, sich zu bewegen. Weniger im Sinne des dummen alten Rein-Raus-Spiels, sondern eher, als wollten sie einem Geh├Ârlosen den Vorgang des Laufens verdeutlichen. Alles andere als f├Ârderlich f├╝r die Zuverl├Ąssigkeit der Muskeln, aber abgesehen davon eine absolute Attraktion. Vor allem im Zusammenwirken mit dem, was die Drachenfrau n i c h t mit den H├Ąnden tut.
Sie muss sich fest auf die Unterlippe bei├čen, um all den lauten Ger├Ąuschen in ihrer Kehle den Weg in die Freiheit zu versperren. Ihr Kopf sinkt in den Nacken; ihre Nasenspitze ist keine Handbreit vom Scheitelpunkt des Bogens entfernt. War das Atmen in normaler Aufenthaltsh├Âhe schon eine echte Herausforderung, so erweist es sich hier - und durch die Nase allein - als so gut wie unm├Âglich. So nah an der Decke ist der Dampf noch viel dichter; die allgemein eher heimelige W├Ąrme des Dampfbades wird hier zu sengender Hitze.
"Sauerstoffmangel", verzeichnet ihr Gehirn in Klartext, w├Ąhrend ihre Stimmb├Ąnder verhaltene, sinnlose Folgen von Konsonanten produzieren, "als sexuelles Stimulanz enorm wirksam. Daher oft k├╝nstlich herbeigef├╝hrt." Kurz sieht sie den ungl├╝cklichen Schwachkopf in der Notaufnahme vor sich, der die vom RTW-Team aufgeschnittene Plastikt├╝te noch um den Hals h├Ąngen hatte.
Notaufnahme.
Der Kardiologe kommt ihr wieder in den Sinn.
Die Liege.
Die Gefahr, erwischt zu werden.
Die Erregung, etwas Verbotenes zu tun.
Eindeutig ein Muster.
Vorhersehbar. Programmiert.
Na und?
Genau genommen ist es ihr sogar lieber, da├č sie damals die Situation gefickt hat, und nicht die Person. Andernfalls h├Ątte sie im Nachhinein doch ernsthaft an ihrer Menschenkenntnis zweifeln m├╝ssen.
Das hier ist was anderes.
Oder etwa nicht?!
Jedenfalls nicht weniger riskant.
Die Vorstellung, da├č sie jemand so sehen k├Ânnte, macht sie fast wahnsinnig. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, spannt alles von den Waden bis zur Beckenbodenmuskulatur an; ihre Knie ber├╝hren nun ebenfalls die Seitenw├Ąnde der Nische. S├Ąmtliche Empfindungen verst├Ąrken sich sofort um ein Vielfaches; ihre Beine zittern heftig, hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Befolgung ihrer Befehle und der Neigung, den Dienst zu versagen.
Sie wei├č, da├č sie in ihrer Pose aussehen muss wie eins von den geklonten Kunstweibern in Klaus' j├Ąmmerlichen Pornoheftchen, aber das macht es nur noch besser.
Klaus hatte blo├č Papier.
Sie hat die reale Fassung.
Und vor allem: ohne Klaus. Kein Klaus weit und breit. Ein kleiner Stich des Bedauerns. Niemand au├čer ihr und der Drachenfrau. Sie erw├Ągt, ob sie nicht einfach drauf pfeifen soll, einigerma├čen leise sein zu wollen. Vielleicht sollte sie statt dessen lieber die Z├╝gel schie├čen lassen und anfangen, laut rumzust├Âhnen. Grund genug h├Ątte sie. Und wom├Âglich k├Ânnte sie so t a t s ├Ą c h l i c h jemanden herbeilocken, der zuschaut. Die Idee perlt wie Sekt durch ihren Leib; erfrischend, k├╝hl und einwandfrei berauschend.
Sie leckt sich die Lippen, die vom Draufbei├čen schmerzen, und registriert im selben Moment das i-T├╝pfelchen auf dem Porno-Witz. Sie ist eine verdammte Parodie. H├Ątte sie genug Luft in den Lungen, w├╝rde sie lauthals loslachen. Ersatzweise gluckst sie ein wenig vor sich hin, und zeigt der Decke die Z├Ąhne in einem gro├čen, gl├╝cklichen Grinsen.
Doch das kann sich nicht lange halten. Was die Drachenfrau da mit ihr anstellt, ist alles viel zu gut, um dauerhafte Belustigung aufkommen zu lassen. Ihr Unterkiefer sackt langsam herunter, der Mund erschlafft, steht einfach nur noch offen. Die farbigen Punkte kommen zur├╝ck, tanzen fr├Âhlich um sie herum, durch sie hindurch, scheinen ├╝berall zu sein und sich rasend schnell zu vermehren. Ihr Unterk├Ârper f├╝hlt sich an, als w├╝rde ein Strom aus Magma hindurchflie├čen. Sie reitet auf einem Streifen lebendiger, kochender Fl├╝ssigkeit. Wie ...
Drachenspeichel.
Um Himmels willen.
Die mit panischer Dringlichkeit ├╝ber sie hereinbrechende Erkenntnis wirkt auf ihre Sinne wie ein Gu├č Eiswasser. Den gewaltigen Besch├╝tzer der fremden Frau hatte sie v├Âllig vergessen. Wie kann man nur so gottverdammt d├Ąmlich sein?! Sie ist den beiden auf den Leim gegangen, ist frohen Mutes in die Falle spaziert, wie die d├╝mmste Fliege ins Spinnennetz. Ein ebenso simples wie effektives Konzept; die Gr├╝n├Ąugige lockt das Futter an, und ihr reizendes Scho├čtier holt es sich, wenn keiner hinschaut.
Der Drache muss die ganze Zeit nur auf seine Gelegenheit gewartet haben, vor ihren Blicken verborgen, um dann vom R├╝cken seiner Herrin heraufzugleiten; lautlos, als sie l├Ąngst abgelenkt war, eingelullt von deren Zauberk├╝nsten.
Nun ist sie die Beute der roten Bestie; ihr Becken windet sich hilflos im unbarmherzigen Zugriff des m├Ąchtigen Mauls, vor und zur├╝ck, hin und her, aber es gibt kein Entkommen. Es ist seine Zunge, die sie in sich sp├╝rt, die zwiegespaltene, schl├Ąngelnde Zunge des verruchten Reptils, die sich in sie hineinbohrt, um ihr das Herz, nein, die Seele selbst herauszurei├čen.
Das also geschieht mit denen, die seiner Meisterin zu nahe kommen. Sie f├╝hlt die Krallen des Untiers ├╝ber ihr Hinterteil fahren, ├╝ber ihren unteren R├╝cken und die R├╝ckseite ihres rechten Beins, sp├╝rt die Kratzer und Striemen, die sie dort hinterlassen, w├Ąhrend das es versucht, ihrer Zappelei Herr zu werden.
Ein langer klagender Laut entf├Ąhrt ihr, sofort begr├╝├čt durch eine befriedigte, mindestens ebensolange Entgegnung des Monsters. Sie kann die Vibration seiner Stimme in jeder Faser ihres Fleisches f├╝hlen. Doch der Drache begn├╝gt sich nicht damit, sie hingebungsvoll zwischen seinen Kiefern zu zerreiben und dabei gen├╝├člich zu grollen. Er schwingt sich mit seinem Festmahl empor, tr├Ągt sie durch die substanzlose Decke in ein Firmament ohne Sonne. Einen Raketenstart kann sie sich nicht brutaler vorstellen. Sie will anhalten, bremsen, irgendwie Einflu├č auf die furchterregende Wucht nehmen, die auf ihren K├Ârper wirkt; aber dazu ist es l├Ąngst zu sp├Ąt.
Einem weit entfernten Teil ihres Bewu├čtseins ist klar, da├č der Drache sie nur in diese H├Âhe tr├Ągt, um sie von dort zur Erde st├╝rzen zu lassen. Sie w├╝nscht, sie k├Ânnte ihm diese spezielle Schurkerei noch irgendwie vergelten, bevor er sie losl├Ą├čt. Nur bleibt ihr leider keine Zeit f├╝r Rachepl├Ąne.
Das Echo der Beschleunigung ist ihr hinterhergeeilt, erreicht sie am h├Âchsten Punkt des rabiaten Aufstiegs wie ein portionsweise eintreffendes Erdbeben; kleine Wellen, die sich in Sekundenschnelle zu rohen, unterscheidbaren Sch├╝ben auswachsen, als w├╝rde ihr Leib sich ausdehnen wollen. Einmal, zweimal, dreimal scheint ihr Inneres sich w├╝tend gegen die unertr├Ągliche Enge ihrer Haut zu werfen, jedesmal st├Ąrker als zuvor, bis die H├╝lle ihrer Existenz endlich nachgibt. Ihr letzter Gedanke kreist um die Hoffnung, da├č die Explosion dem heimt├╝ckischen Mistvieh seinen schuppigen Kopf in St├╝cke rei├čen m├Âge; dann rast jedes Molek├╝l ihres K├Ârpers in eine andere Richtung davon.
Sie verschwindet.



Nichts mehr.
Nur dahinjagende rote Wolken, die sich wie blutige Blumen im Zeitraffer ├Âffnen, verwelken, neu erbl├╝hen.
Bewegte, burgunderfarbene Stille.
F├╝r immer, wie es scheint.



Als sie wieder zu sich kommt, ist der Drache fort.
Offenbar hat er sie sicher wieder ins Dampfbad zur├╝ckgebracht.
Aber wie zum Teufel hat er es fertiggebracht, durch die Decke zu fliegen? Und das gleich zweimal; auch noch mit ihr im Maul?! Sie hat nicht das Gef├╝hl, da├č sie gr├Â├čere Blessuren davongetragen hat, schafft es aber auch nicht, den Kopf zu heben, um nachzuschauen. Schon gar nicht so weit, um festzustellen, ob die Decke jetzt ein Loch hat.
Doch auch wenn sie ihrem roten Reisebegleiter hinsichtlich seiner Absichten und Motive Unrecht getan haben sollte; eine Vorliebe f├╝r seltsame Sachen hat der Kollege ohne Zweifel. Es muss ihn betr├Ąchtliche M├╝he gekostet haben, sie in dieser Positur auf dem Sitz in der Nische abzusetzen. Vielleicht ist sie aber auch einfach von selbst herabgerutscht, gezogen vom ungeheuren Gewicht der mittlerweile abgek├╝hlten Lava in ihrem Unterleib; eine immer noch gl├╝hende Masse, wenngleich bei weitem nicht mehr so fl├╝ssig wie ... wann?! Vor Minuten? Stunden?
Fl├╝ssig oder nicht - es handelt sich einwandfrei um Gestein, jedenfalls dem Gewicht nach. Sie hat nicht gewu├čt, da├č ein Teil von ihr sich jemals so schwer anf├╝hlen k├Ânnte. Schwer, schwer, schwer. Die Aussicht, sich je wieder zu bewegen, erscheint ihr so realistisch wie das Bevorstehen einer Landung der Marsmenschen auf dem Rasen vor dem Reichstag.
Je mehr sie dar├╝ber nachdenkt, desto sicherer ist sie, da├č der Drache nichts mit ihrer gegenw├Ąrtigen Haltung zu tun haben kann; sie hockt auf dem Scho├č der Drachenfrau, die F├╝├če nach wie vor rechts und links neben deren H├╝ften, die Knie hoch und gegen die eigenen Schultern gedr├╝ckt. Die H├Ąnde liegen immer noch an den schmalen Seitenw├Ąnden des Bogens, kaum tiefer als zuvor, so da├č ihre Arme emporgereckt sind wie Fl├╝gel. Ihre Br├╝ste sind, zwischen ihren aufgestellten Schenkeln hindurch, gegen die kleinen festen H├╝gel der anderen gepre├čt, deren harte Kn├Âpfe in das weiche Gewebe ihrer eigenen, bes├Ąnftigen H├Âfe dr├╝cken.
Ihre Lippen ruhen auf der Halsbeuge der Drachenfrau.
Der Geschmack ist unglaublich.
Sie will nie mehr hier weg.
Ein tiefer Seufzer findet den Weg unter ihren Schulterbl├Ąttern hervor.
Es ist lange her, da├č sie sich derma├čen ... zuHause gef├╝hlt hat. Diffus nimmt sie den ├╝ber ihren R├╝cken gelegten Unterarm wahr; vermutlich das einzige - au├čer den eigenen, matten Fingern - was sie am Hinten├╝berkippen und Abst├╝rzen aus ihrer gegenw├Ąrtigen P├Ąckchenposition hindert. Von ferne dr├Ąngelt sich nach und nach ein weiterer, prominenterer Eindruck in ihr umnebeltes Bewu├čtsein; irgend etwas ruckelt unter ihrem Schenkel, flattert gegen die zarte Haut zwischen Scham und Hinterbacke, als h├Ątte sie mit dem Ges├Ą├č versehentlich einen kleinen Vogel eingeklemmt, der nun verzweifelt zu entfliehen versucht.
Es dauert eine Weile, bis sie kapiert, was das ist.
Der Handr├╝cken der Drachenfrau.
Jetzt bemerkt sie auch die Ger├Ąusche. Kleine, hohe T├Âne, fast wie kl├Ągliches Miauen, nur viel schneller. Beinah so schnell wie die Hand, die unter ihr dahinackert wie der Kolben einer winzigen Dampfmaschine.
"Nein", murmelt sie und versucht, sich aus ihrer Hocke zu erheben, "La├č ... mich ... das ..." Sie bringt den Satz nicht zuende, muss vielmehr ihre ganze Konzentration auf das waghalsige Unternehmen verwenden, ihre gegenw├Ąrtige Position zu ver├Ąndern. Nicht nur die K├Ârpermitte, auch der Rest scheint aus erstarrter Lava zu bestehen. Steinern. Vor allem die Gelenke.
Alles andere als elegant schafft sie es, einen ihrer F├╝├če von der Sitzbank zur├╝ck auf den Boden zu bef├Ârdern, doch die weit gespreizten Beine der Drachenfrau erschweren ein problemloses Absitzen nichtsdestotrotz. Also l├Ą├čt sie sich einfach zwischen deren Schenkeln hinunterrutschen, benutzt ihre H├Ąnde als Bremsen und F├╝hrung gleichzeitig, von den glitschigen Schultern der anderen an deren Oberarmen hinab, bis sie schlie├člich auf dem Allerwertesten landet. Der zweite Fu├č folgt gewisserma├čen von alleine, ebenfalls nicht gerade grazi├Âs, mit einem schmerzhaften Aufschlagen der Ferse. Das interessiert sie jedoch ebensowenig wie die stilistischen M├Ąngel ihres Abstiegs; kaum unten angekommen, zieht sie die Beine zu sich heran und rollt ├╝ber die linke H├╝fte auf die Knie, was sie geradewegs ans Ziel bringt. Sie muss sich nur noch vorbeugen, schon kann sie die rasende Rechte der Drachenfrau fassen und sanft, aber bestimmt vom Ort des Geschehens entfernen. Mit der anderen Hand muss sie die Linke abfangen, die im selben Augenblick herbeifliegt, um den Platz der in Gefangenschaft geratenen einzunehmen.

Das findet keine Zustimmung.
Beider H├Ąnde beraubt, f├Ąngt die Drachenfrau an zu wimmern und in ihrer Verzweiflung auf den Fu├čballen zu wippen, so da├č ihre Knie im selben Rhythmus auf- und nieder pumpen wie zuvor ihre Hand.
"Mach das nicht", beschwert sie sich schwach. "Das ist Qu├Ąlerei." Sie gibt ein weiteres Miauen von sich. "Ich war ... fast ... soweit."

Doch die Verursacherin dieses Dilemmas kann dem Protest keine allzu gro├če Beachtung widmen. Sie steht selbst vor einem Problem. Ihre H├Ąnde sind genau so wirksam aus dem Verkehr gezogen wie die der Drachenfrau; und angesichts der einzig offenstehenden Alternative droht ihre Courage, sie zu verlassen. So hatte sie sich das eigentlich nicht gedacht.
Oder?
Hatte sie von vorneherein vorgehabt, es der Drachenfrau nachzutun?
Ist sie d a z u bereit?!
Das ungeduldig wackelnde Becken vor ihr gibt ihr nicht gerade die Ruhe, die man f├╝r sorgsame Selbstpr├╝fung ben├Âtigt. In ihren F├Ąusten drehen sich die Handgelenke ihrer Gefangenen hin und her; versuchen, sich zu befreien.
Nein; tun sie nicht.
Sie merkt, da├č sie nicht einmal genug Kraft in ihren Griff gelegt hat, um eine Dreij├Ąhrige ruhigzuhalten; selbst mit einem unentschlossenen Ruck k├Ânnte die Drachenfrau ihre H├Ąnde freibekommen. Offenbar findet die Dame Gefallen daran, sich breitbeinig vor ihr herumzur├Ąkeln und sich hilflos zu geben; ein wenig in ihrer eigenen Geilheit zu sieden und so zu tun, als k├Ânne sie nichts daran ├Ąndern. Unwillk├╝rlich muss sie grinsen; unschl├╝ssig, ob sie das dreist oder aufregend finden soll.
Beides.
Ohne da├č ihr die Entscheidung bewu├čt geworden w├Ąre, neigt sie sich vor, langsam, der glatten Haut entgegen. Je n├Ąher sie kommt, desto deutlicher tritt das immer noch vorhandene Aroma der Bergamotte zur├╝ck in ihre Wahrnehmung; dazu eine entfernte Ahnung des Geruchs gef├Ąllter B├Ąume.
Und, vor allem, Muskat.
Sie wei├č jetzt, woher diese Note kommt.
Aus dem Inneren des geschwollenen, ├╝berbordenden Kelches vor ihrer Nase. Bl├╝te, Blume, Nektar - diese und weitere Assoziationen schie├čen ihr durch den Kopf; Klischees, von denen nicht eins dem Bild gerecht wird, das sie vor sich sieht. Selbst die glitzernde Verbindung von Ring und Stein scheint an keinen anderen Ort zu geh├Âren als genau hier her. Mehr als angemessen, solche Sch├Ânheit mit kostbarem Geschmeide zu schm├╝cken.
Als sie so nah heran ist, da├č das Objekt ihrer Bewunderung nach unten aus ihrem Blickfeld zu entschwinden beginnt, muss sie einen Anflug von so etwas ├Ąhnlichem wie Andacht abwehren. Sie schlie├čt die Augen und ihre Lippen ber├╝hren die duftige Nacktheit, ├╝berschreiben im Bruchteil einer Sekunde die historische Information in ihrem Innern. Nie wieder wird sie an Klaus' frisch rasierte, bleiche Babybacke denken, wenn sie Limonen riecht.
Nie wieder.
Sie wird an das hier denken.
Ihr Mund ├Âffnet sich wie von selbst, als wolle sie herzhaft in eine appetitliche Frucht bei├čen; und so senkt sie ihn ganz hinab, erntet ein kurzes, abgehacktes "O'!" von irgendwo ├╝ber ihr.
Frucht. Ja. Weich. Saftig.
Wie ein gro├čer Schluck Gl├╝hwein brandet der facettenreiche Geschmack in sie hinein, ├╝berschwemmt ihre unvorbereiteten Sinne mit einer Woge samtschwerer Trunkenheit. Sie umschlie├čt noch mehr, so viel sie nur kann, von dem hitzeverstr├Âmenden Fleisch und sp├╝rt den Schmuck gegen die Mitte ihrer Zunge dr├╝cken. Das Ding f├╝hlt sich darauf bizarr viel gr├Â├čer an; konsequent ist es im Weg, l├Ą├čt sich nicht auf die Seite schieben, sondern kehrt beharrlich immer wieder ins Zentrum ihrer ungeschickten Mundbewegungen zur├╝ck.
L├Ąstig. Wie der Kern im Pfirsich. Aber den kann man wenigstens ausspucken.
Ratlos nimmt sie den Kopf ein wenig zur├╝ck, und schon will der Stein herausgleiten. Reflexartig h├Ąlt sie das Ende mit den Lippen fest, als k├Ânnte das gute St├╝ck sonst zu Boden fallen und in tausend Splitter zerschellen - und erschrickt im selben Augenblick bis ins Mark ├╝ber ihr Versehen.
Das war nicht gerade sanft.
Gott sei dank ist alles na├č und glitschig, sonst h├Ątte sie das bl├Âde Teil wom├Âglich wirklich abge... Brrrrrrrr. Besser nicht dr├╝ber nachdenken.

Der Drachenfrau scheint die ruppige Z├Ąsur allerdings nicht viel ausgemacht zu haben. Ganz im Gegenteil.
Ihr Atem ist schneller geworden; sie zieht ihn nun zischend, zwischen den zusammengebissenen Z├Ąhnen hindurch, ein und st├Â├čt ihn in harten, stimmhaften St├Â├čen wieder aus. Was zun├Ąchst nach m├╝hsam unterdr├╝cktem Schmerz klang, entpuppt sich als immer fieberhafter vorgetragene Litanei der Bef├╝rwortung. Ein Gedicht ├╝ber das Wollen, ein hypnotischer Ringreim aus zwei nicht k├╝rzer zu fassenden Ursilben, gerichtet an die vor ihr Kniende.

"Das gef├Ąllt ihr?" wundert sich diese derweil; "ich zieh' an dem Ding und sie findet das toll?!"
Vorsichtig greift sie die Inspiration auf, lutscht behutsam an der Rubintr├Ąne, ├╝bt sacht ein weiteres Mal Zug aus. Das Resultat ist eindeutig. Ein Aufb├Ąumen des Oberk├Ârpers, begleitet von einem langgezogenen offenen Vokal.
Na sch├Ân.
Sie macht den St├Ârfaktor zum Verb├╝ndeten, legt ihn sich mit der Zungenspitze zurecht und beginnt, gleichm├Ą├čig daran zu saugen und wieder nachzulassen; tut einfach so, als h├Ątte sie einen Liliputanerschwanz im Mund. Oder als w├Ąre sie wieder ein S├Ąugling an der Mutterbrust.
"Bew├Ąhrtes bew├Ąhrt sich eben immer wieder", denkt sie, als sie das Grundprinzip f├╝r sich entdeckt hat. Und w├Ąhrend sie mit zunehmender Selbstsicherheit an dem Schmuckst├╝ck herumnuckelt, erkennt sie eine h├Âchst bemerkenswerte Eigenschaft daran. Der Stein f├╝hrt die an seiner Unterseite entlangflitzende Zunge absolut zuverl├Ąssig bei jedem Zug gegen die Spitze der Klitoris; die empfindlichste Stelle der empfindlichsten Stelle.
So funktioniert das also.
Der letzte Rest ihres verwitterten Befremdens verwandelt sich in Respekt. Das raffinierte Spielzeug zeigt ihr selbstt├Ątig die wenigen noch notwendigen Korrekturen im Bewegungsablauf, offenbart unmi├čverst├Ąndlich die optimale Bahn und das perfekte Metrum, wenn sie ihm seinen Willen l├Ą├čt. Wie ein Weberschiffchen saust es auf seiner nicht mal zentimeterlangen Strecke entlang, vor und zur├╝ck; inzwischen fast ganz von allein. Genau doppelt so schnell wie das immer gepeinigter klingende Atmen ├╝ber ihr.
Kaum vorstellbar, da├č niemand diesen L├Ąrm bemerkt.
Schon vor einer Weile sind ihre H├Ąnde, mit den Handgelenken der Drachenfrau in einem seltsamen Doppelkreuz verschlungen, auf deren Unterbauch gesunken; doch nun kann sie die wilder und wilder werdenden Ausschl├Ąge des Beckens vor ihr nicht l├Ąnger ohne M├╝he abfedern. Sie muss loslassen, um die H├╝ften der anderen zu packen und das unkontrollierte Zucken auf ein einigerma├čen ungef├Ąhrliches Ma├č einzud├Ąmmen, w├Ąhrend sie weitermacht.
Unwillk├╝rlich folgen ihre Augen den H├Ąnden der Drachenfrau, die, kaum freigegeben, hinauf huschen und die eigenen Br├╝ste umfassen. Sie kann sehen, wie sich die Finger um die Spitzen schlie├čen und sofort derma├čen fest zukneifen, da├č sich die Sehnen auf Handr├╝cken und Unterarmen abzeichnen.
Die Atemger├Ąusche enden unvermittelt.

Im selben Moment hebt es die Drachenfrau von der Bank, als h├Ątten ihre Fingerkuppen in Wahrheit die Ausl├Âser einer geschickt darunter versteckten Bombe bet├Ątigt. Ihr ganzer Leib w├Âlbt sich der Decke entgegen, spannt sich in einer formvollendeten Br├╝cke, dr├╝ckt die zwischen ihren Schenkeln Kniende einfach hinten├╝ber.

Die ist viel zu ├╝berrascht, um erschrocken zu sein; verbl├╝fft registriert sie im R├╝ckw├Ąrtssinken eine Empfindung, als w├╝rde ihr jemand ein T├Ą├čchen Espresso nach dem anderen ├╝ber Kinn und Kehle gie├čen. Schwall auf Schwall hei├čer, w├╝rzig duftender Fl├╝ssigkeit, die am Hals hinab zwischen ihre Br├╝ste rinnt. Sie hat davon geh├Ârt, aber niemals an die Existenz weiblicher Ejakulation geglaubt; es selbst mitzuerleben nimmt ihre Sinne so sehr in Anspruch, da├č sie den langen Weg zum Boden in G├Ąnze vers├Ąumt.
Erst als sie die Fliesen im R├╝cken f├╝hlt, f├Ąllt ihr auf, da├č beinah jeder Muskel ihres K├Ârpers protestiert; vor allem Bauch, Beine und F├╝├če melden ├╝berm├Ą├čige Beanspruchung.
Kein Wunder.
Ihre eigenen Fersen bohren sich in ihren Hintern, zus├Ątzlich belastet durch das Gewicht der Drachenfrau, die ihrerseits r├╝cklings auf ihr liegt, mit dem Po auf ihrer Leibesmitte. Und mit dem Kopf in die andere Richtung; das erkennt sieht sie an dem fremden Knie direkt vor ihrer Nase, welches ebenfalls bis zum Anschlag gebeugt ist.
Sie m├╝ssen zusammengeklappt sein wie das sprichw├Ârtliche Kartenhaus, nur wesentlich langsamer; andernfalls w├Ąre das Ganze kaum ohne Verletzung abgegangen - so, wie sie ├╝bereinandergepurzelt sind.
Ein j├Ąher Schauder der Sorge durchf├Ąhrt sie.
Vielleicht h a t sich die andere ja was getan, als ihre Beine nachgegeben haben!? Den Kopf an der Sitzkante angeschlagen, oder etwas ├Ąhnlich schreckliches?!
"He." Sie legt eine Hand auf das Knie vor ihrem Gesicht, und versucht gleichzeitig ein Bein freizubekommen. "Alles okay bei dir?"

Schweigen.

Die Medizinerin in ihr gewinnt endg├╝ltig die Oberhand.
Ohne R├╝cksicht auf den stechenden Schmerz im Knie stemmt sie ihre rechte H├╝fte gerade weit genug in die H├Âhe, um den zugeh├Ârigen Fu├č darunter hervorzuziehen, stemmt ihn auf den Boden und hebelt sich damit vorsichtig auf die Seite. In der gleichen Bewegung l├Ą├čt sie die Drachenfrau behutsam von sich hinabrutschen.
In Nullkommanichts ist sie auf allen Vieren, umrundet mit knackenden Gliedern den K├Ârper der anderen, bis sie beim Kopf anlangt.

Die Augen sind geschlossen, der Mund leicht ge├Âffnet.

Meine G├╝te.
Beinahe h├Ątte sie vergessen, wie sch├Ân das Gesicht der Drachenfrau ist.
"He", sagt sie noch einmal. "Geht's dir gut?!" Sie ber├╝hrt die Wange der Liegenden mit den Fingerspitzen.

Die Lider flattern, ├Âffnen sich.
Ihre Augen haben jetzt nicht mehr die Farbe von Limonen; sie wirken dunkler, tiefer. Mehr denn je wie die ├äg├Ąische See.
Ein L├Ącheln.
"Und wie."

"Sch├Ân", antwortet die Kniende erleichtert, weil ihr nichts passenderes einf├Ąllt. Ihr ist jetzt nicht nach den langen S├Ątzen, die sie sagen k├Ânnte.
"Sch├Ân", wiederholt sie statt dessen, und meint, was sie sieht und was sie f├╝hlt.

Eine Pause entsteht, in der sie sich blo├č ansehen.
Es ist k├╝hl hier unten auf der Erde.
Angenehm.

"Sag' mir, wie du hei├čt", fordert die Drachenfrau ihr Gegen├╝ber schlie├člich auf. Sie rollt sich ganz auf die Seite und st├╝tzt ihr Kinn in die Handfl├Ąche.

"Julia." Erst nach einer weiteren kleinen Unterbrechung fragt sie zur├╝ck: "Und du?"

"Ria." Die Drachenfrau grinst und setzt sich gem├Ąchlich auf. "Maria, eigentlich. Aber den Namen kriegt fast jedes M├Ądchen, wo ich herkomme."

"Woher kommst du denn?" fragt Julia, w├Ąhrend die andere sich mit einer Hand auf dem Sitz abst├╝tzt, um sich zu erheben.

"Was glaubst du denn woher?" kommt die Gegenfrage.

Julia sieht zu der schlanken Gestalt auf und beschlie├čt, die Wahrheit zu sagen. "Aus dem Paradies", fl├╝stert sie ernsthaft und kommt sich kein bi├čchen bl├Âd dabei vor.

Ria lacht. Ihr unvergleichliches Gl├Âckchenlachen. "Nicht schlecht", gibt sie zur├╝ck, "gar nicht mal so weit daneben." Dann streckt sie die Rechte nach unten aus und sagt: "Ich wei├č nicht, wie's dir geht - aber ich muss jetzt hier raus."

Julia ergreift die Hand und zieht sich auf die F├╝├če. Rias Griff ist ├╝berraschend fest. Keine von beiden l├Ą├čt los, als sie voreinander stehen.
Sehr nah.
Sie schauen sich in die Augen, bis Julia blinzeln muss.
"Ich dachte, wir gehen."
"Ja. Nat├╝rlich", entgegnet Ria und dr├╝ckt ihr einen sanften Kuss auf den Mund. "Ich hab' nur ├╝berlegt, wie ich mich am besten bedanke."
"Was? Wof├╝r?" fragt Julia, aufrichtig verwirrt.
"Du bist sehr s├╝├č; wei├čt du das eigentlich?!" Ria k├╝├čt sie noch einmal, und sagt dann, als sei es ihr gerade erst aufgefallen: "Mm. Und du schmeckst nach mir." Sie feixt, als die andere die Augen niederschl├Ągt und so rot wird, da├č man es sogar hier drin nicht ├╝bersehen kann.
"Sehr, sehr s├╝├č," wiederholt sie nachdr├╝cklich und wendet sich mit Julia an der Hand Richtung Ausgang.

Im Schlendern, auf dem Weg zur T├╝r erkundigt sie sich beil├Ąufig: "Was ist mit deiner Lippe?"
"Wieso, was ..." Julia langt hinauf, ertastet die Schwellung, pr├╝ft die aufgeschlagene Stelle mit der Zunge. ├ärgert sich insgeheim, da├č sie keinen vern├╝nftigen Satz zustande zu bringen scheint.
"Oh. Muss ich mir wohl draufgebissen haben."
"Hat bestimmt geblutet", bemerkt Ria, ohne her├╝berzusehen. Die eigentliche Frage l├Ą├čt sie unausgesprochen zwischen ihnen einher schweben.
Julia verflucht sich innerlich. Das h├Ątte ihr auch einfallen m├╝ssen, eher noch als Ria. Blanker Leichtsinn in diesen beschissenen Zeiten; f├╝r sie obendrein ein unentschuldbarer professioneller Lapsus. Du kannst jedesmal an jemanden geraten, der es hat und nichts davon wei├č.
So passiert es meistens.
Sie seufzt. Die Gegenfrage muss sie nicht mehr stellen. "Mach dir keine Sorgen. Ich bin ├ärztin; wir testen uns regelm├Ą├čig, schon aus beruflichen Gr├╝nden. Alles O.B." Mi├čmutig registriert sie ihre gedankenlose Verwendung der Abk├╝rzung. "Ohne Befund", reicht sie die Erkl├Ąrung nach. "Negativ. Gibt nichts saferes als ein gutes Jahr Langeweile." Dann stutzt sie und schaut auf die T├╝r, die sie mittlerweile erreicht haben. "Will der rein oder raus?"

Durch das Milchglas zeichnet sich breit und dunkel die Silhouette eines Mannes ab, der direkt davor steht. Mit dem R├╝cken zu ihnen.

"Weder noch, glaub ich", meint Ria. "Das'n Bademeister." Sie zeigt auf die T├╝r. "Shorts und Shirt." Mit einer leichten Verbeugung greift sie nach dem Knauf und zieht. Der Bademeister dreht sich um, wobei er gleichzeitig den Weg mit einem gem├╝tlichen Schritt beiseite freigibt.

"Ah", sagt er, und die zahlreichen Falten seiner sonnenbankgegerbten Z├╝ge verraten keinerlei Gef├╝hlsregung. "Fertig?"
"Womit?" Ria stellt die R├╝ckfrage im Hinausgehen, ihre Miene ein Spiegel vollkommener Unschuld. Sie ├╝berragt den untersetzten, ├Ąlteren Mann um mindestens einen halben Kopf.
"Was wei├č denn ich, was ihr da drin getrieben habt", erwidert der Bademeister, nicht minder stoisch als Ria, und entfernt dabei ein gro├čes Pappschild von einem der Garderobenhaken neben der T├╝r; "Wartungsarbeiten" steht darauf, in Blockbuchstaben. "Ich wei├č nur, da├č ich's f├╝r besser gehalten hab', niemand mehr hier rein zu lassen, bis ihr zwei H├╝bschen wieder drau├čen seid." Sein Tonfall klingt nun doch ein wenig strenger. "Wie bin ich da wohl drauf gekommen?" Ohne seinen forschenden Blick abzuwenden, setzt er das Schild mit der Schrift zur Wand aufrecht ab und verschr├Ąnkt anschlie├čend die Arme. "Hat sich angeh├Ârt, als h├Ątt' da jemand ein paar junge Hunde eingesperrt."
"Oh, DAS!" l├Ąchelt Ria, schenkt ihm einen bezaubernden Wimpernaufschlag und h├╝llt sich in ihren grauen Bademantel, den sie zwischenzeitlich von einem der anderen Aufh├Ąnger genommen hat. "Meine Freundin hat sich den Zeh gesto├čen", erkl├Ąrt sie, w├Ąhrend Julia gleichzeitig ├╝ber ihre Schulter einwirft: "Ich bin hingefallen."
"Na klar", brummt der Bademeister unbeeindruckt, "und gleich so oft."
Julia b├╝ckt sich derweil nach ihrem eigenen Bademantel, der als H├Ąufchen Frottee neben der T├╝r auf dem Boden liegt, wo sie ihn fallengelassen hat. In der Bewegung f├╝hlt sie die Striemen von Rias Fingern├Ągeln auf der R├╝ckseite ihrer Schenkel, auf ihrem Hintern und im Kreuz aufflammen wie Leuchtschrift. Als sie sich wieder aufrichtet, ist das Gesicht des Bademeisters noch einige Nuancen dunkler als zuvor, seine F├Ąuste hat er in die H├╝ften gestemmt. Er neigt sich den beiden Frauen zu.
"Damit eins klar ist", raunt er eindr├╝cklich, "noch mal stell' ich mich nicht hier hin und halt' euch die Leute vom Leib." Ein Zeigefinger steigt in Brusth├Âhe, deutet auf sie. "Balgt euch in Zukunft gef├Ąlligst daheim. Wenn ich euch hier je wieder bei so was erwische, gibt's Hausverbot."
Er richtet sich wieder auf. "Verstanden?"

Ria nickt. Einmal, langsam. In der Geste liegt kein Eingest├Ąndnis von Schuld, keine Zerknirschung, kein Versprechen.
Ein huldvolles Zeichen der Anerkennung.
Kleopatra w├╝rdigt die Dienste ihrer Palastwache.
Was f├╝r Nerven.

Der Bademeister grunzt blo├č, sch├╝ttelt kurz den Kopf und geht an ihnen vorbei davon, l├Ą├čt sie einfach stehen.

Julia h├Ąlt ihren Bademantel immer noch in der Hand.
Er kommt ihr vor wie ein Relikt aus einem anderen, fernen Leben, eine abgeworfene Puppe. Der Vergleich l├Ą├čt sie an das nach wie vor gl├╝hende Flechtwerk unmi├čverst├Ąndlicher Spuren auf der Haut ihrer K├Ârperr├╝ckseite denken. Wie Passend. Sie stellt sie sich bunt vor; die strahlenden Farben eines frisch geschl├╝pften Schmetterlings. Rot, Rosa, Blau. Am liebsten w├╝rde sie, nackt wie sie ist, durch die Anlage spazieren, aller Welt die Gunstbeweise der Dracheng├Âttin pr├Ąsentieren, unter die Nase reiben. Mich hat sie genommen, seht ihr?! Mich! Sich im Neid der Unber├╝hrten aalen wie eine Katze in der Sonne.
Warum auch nicht?
Sie h├Ąngt sich das Kleidungsst├╝ck ├╝ber die Armbeuge.
"Also", fragt sie, "was jetzt?"

"Sitzen oder liegen", antwortet Ria und wendet sich ihr zu. Sie wirkt nicht im mindesten ersch├Âpft. "Wollen wir was trinken oder uns lieber einen Moment hinlegen?"
"R├╝ckenlage w├Ąr' jetzt grade recht", entscheidet Julia und setzt sich in Bewegung. Zwar hat sie einen H├Âllendurst, aber die Aussicht, sich auf einer der Ruheliegen auszustrecken, erscheint ihr noch um ein Vielfaches attraktiver als ein Getr├Ąnk. Sie ist v├Âllig erledigt. Langsam geht sie hin├╝ber zur Ruhezone, l├Ą├čt dabei betont die H├╝ften schwingen. Ria folgt ihr auf dem Fu├če, das wei├č sie. Sie kann ihren Blick auf dem Hintern sp├╝ren.
Ja. Schau mich an.
Schaut mich alle an.
Sie kostet den kurzen Weg aus, als w├Ąre sie ein Model auf dem Laufsteg. Beinah ist sie entt├Ąuscht, als sie bei zwei freien, nebeneinanderstehenden Liegen ankommen. Die wenigen Anwesenden schlafen oder lesen; kaum jemand sieht auf.

Sie setzen sich und lassen sich dann simultan niedersinken.
"Aaah", seufzt Ria und schl├Ągt die F├╝├če ├╝bereinander, "hervorragende Idee."
Julia deckt sich mit dem Bademantel zu und kuschelt sich in eine bequeme Seitenlage, sieht fasziniert wie eh und je die Frau auf der anderen Liege an.
Die bemerkt den Blick und dreht sich ebenfalls auf die Seite, erwidert Julias Blick. "Was", fragt sie dann.
"Nichts."
"Sag."
"Wir haben gar nicht geduscht", weicht Julia aus.
"Na und?" Ria grinst und bringt ihren Kopf etwas n├Ąher. "So kann ich dich immer noch riechen", fl├╝stert sie, schlie├čt die Augen und zieht betont die Luft durch die Nase ein. "Du bist ├╝berall auf meinem Gesicht."
"Und du bist unm├Âglich." Julias Wangen erbl├╝hen erneut und lassen ihre Gr├╝bchen sehen.
"Eben hat's dir noch gefallen."
"Das tut es immer noch." Weil sie diesen letzten Satz nicht im Raum stehen lassen will, setzt sie hinzu: "Wenn man nach der Sauna oder dem Dampfbad nicht duscht, wird einem kalt."
"Ist dir kalt?"
"Noch nicht. Aber sp├Ąter vielleicht."
"Dann muss ich dich eben warmhalten."
Ger├Ąuschvoll ruckelt Ria ihre Liege durch schubweise Bewegungen ihres K├Ârpers an Julias Lagerstatt heran; die Zunge hat sie dabei in den Mundwinkel geklemmt.
Ein Mann mit grauem Schn├Ąuzer l├Ą├čt seine S├╝ddeutsche sinken und schickt einen mi├čbilligenden Blick ├╝ber den Rand seiner Lesebrille zu ihnen.
Ria ignoriert ihn einfach. "Dreh dich um", sagt sie und Julia tut es.
Sie f├╝hlt Ria die letzten Zentimeter an ihren R├╝cken heranrobben. Ihr Hinterteil schmiegt sich nun in Rias Scho├č, die H├╝fte ruht auf dem harten Holzrahmen der Liege; aber das macht nichts. In den Kniekehlen f├╝hlt sie Rias Knie. Ein Arm legt sich ├╝ber ihre Schulter, und warmer Atem streichelt ihren Nacken.

Julia genie├čt das wohlige Gef├╝hl eine kleine Weile und sagt dann zu der freien Fl├Ąche vor sich: "Kann ich dich was fragen?"
"Sicher", l├Ą├čt sich Rias ged├Ąmpfte Stimme hinter ihr vernehmen. Sie hat das Gesicht in Julias Haaren vergraben.
"Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?"
"Welche? Ich hab viele." Wie zur Unterstreichung haucht sie einen Kuss auf die Wirbels├Ąule der anderen.
Julia erschauert. "Die mit dem Ring ... da unten."
Sie h├Ârt ein leises Lachen.
"Da hat mich Michiko drauf gebracht. Japanerin. Cellistin; wie ich. Wir haben im selben Orchester gespielt." Sie beginnt, Julias Hinterkopf zu kraulen, w├Ąhrend sie weitererz├Ąhlt. "Das ist Jahre her, sechs oder sieben. Sie hat mich bei sich wohnen lassen, weil ich kein Geld hatte. Irgendwann bin ich mal ins Badezimmer geplatzt, als sie noch drin war; splitterfasernackt. Ich hab mindestens so bl├Âd geguckt wie du vorhin in der Dusche."
"Ich hab nicht bl├Âd geguckt. Ich hab' nur ... geguckt."
"Jedenfalls hab ich ihr genau die selbe Frage gestellt. Und sie hat gesagt ..." Ria st├╝tzt sich auf einen Ellbogen und bringt ihren Mund ganz nah an Julias Ohr. " ... 'Weil man dann die Musik besser sp├╝rt.'"
"Du nimmst mich auf den Arm."
"Es stimmt. Sie hat f├╝r mich gespielt, ohne einen Faden am Leib, und ich durfte dranfassen. Hat gesummt wie 'ne E-Saite. Eine Woche sp├Ąter hab' ich mir auch einen machen lassen."
Julia sagt nichts.
"Es ist unbeschreiblich. Man spielt ganz anders. Die St├╝cke ... kriegen eine v├Âllig neue Dimension. Du solltest mich mal h├Âren", beendet Ria die Geschichte. "Ich trag dabei immer lange Kleider ..." Sie knabbert kurz an Julias Ohrmuschel. "Und niemals eine Unterhose. Deshalb bin ich so gut." Sie l├Ą├čt die Zungenspitze ├╝ber den Rand des Ohrs wandern.

"La├č das lieber bleiben," wehrt Julia die Zuwendung mit belegter Stimme ab, "sonst setzt uns der Bademeister wirklich noch vor die T├╝r". Ohne sonderliche ├ťberraschung stellt sie fest, wie schl├Ąfrig sie sich anh├Ârt.
"Ach, wieso. Dem hat unsere kleine Vorstellung doch auch gefallen." Ria l├Ą├čt sich wieder auf die Schulter sinken.
"Wie meinst du ..."
"Von wegen, uns die Leute vom Leib halten. Der wollte nur ungest├Ârt zuh├Âren." Ria macht ganz leise den Gesang eines bestimmten Rundkunk-Jingles nach: "Dampfbad Raaadi-ooooo. Hast du seinen St├Ąnder gesehen?"
"Hatte er nicht."
"Hatte er doch."
"Hatt' er nich'."
"Doch, hatte er. Sp├Ątestens als du dich geb├╝ckt hast. ICH hatte jedenfalls einen."
Julias Lider werden immer schwerer. "Du has' doch gar kein' Schwanz."
"Oh", giggelt Ria. "Ach ja."
"...s nich' schlimm," nuschelt Julia und schl├Ąft ein.



Sie wird durch eine behutsame Ber├╝hrung an der Schulter geweckt.
Es ist der Bademeister von vorhin.
Das Licht ist anders. Hinter den Oberlichtern ist es dunkel.
Und Ria ist nicht mehr da, das sp├╝rt sie sofort.
"Tut mir leid", sagt der Bademeister, "aber wir schlie├čen gleich. Sie sollten sich mal langsam umziehen gehen."
"Klar", murmelt Julia zur├╝ck. "Sofort. Danke."
Der Mann wendet sich zum Gehen.
"Ach, Entschuldigung", setzt sie nach, "wissen sie zuf├Ąllig, wo ..." Sie macht eine unbestimmte Handbewegung zu der Liege hinter ihr.
"Schon vor 'ner Weile gegangen, ihre Freundin. Da war's noch hell."
"Ah", entgegnet Julia matt. "Dankesch├Ân."
"Keine Ursache." Und weg ist er.
Alles andere als wach setzt sie sich auf, reibt sich die Augen und schwingt dann die F├╝├če von der Liege. Der Bademantel rutscht von ihr herab. Im Aufstehen nimmt sie ihn wieder an sich und schl├╝pft hinein. Ihre Locken h├Ąngen ihr wirr ins Gesicht. Sie streicht sie mit einer Hand aus der Stirn und sucht mit der anderen abwesend nach ihrem Haargummi.
Wo ist sie hingegangen? Und warum?
"Warum hat du mich nicht geweckt?" fragt sie die Leere, tonlos.
In der linken Tasche ihres Bademantel findet sich ein gleichm├Ą├čig geformtes St├╝ck steifer Pappe; ihr tastender Daumen erfa├čt Rillen, Schrift. Sie wei├č, da├č sie den Bierdeckel nicht selbst dort hineingesteckt hat.
Trotzdem f├╝rchtet sie sich, ihn hervorzuziehen; zu viele Zeilen f├╝r eine Telefonnummer. Und Worte des Abschieds will sie nicht lesen.

Sie l├Ą├čt die Hand in der Tasche und macht sich auf den Weg zu den Umkleiden, h├Ąlt nur an, um mit der Rechten ihr Frottiertuch vom Haken neben der Saunat├╝r zu nehmen; es ist das letzte, das einzige Handtuch weit und breit. Au├čer ihr scheint ├╝berhaupt kein Gast mehr in der Anlage zu sein. Mit zwei abgespreizten Fingern nimmt sie noch den Riemen ihres ebenfalls hier geparkten Saunabeutels auf, bef├Ârdert ihn umst├Ąndlich an dem Frotteekn├Ąuel vorbei auf die Schulter.
Die andere Hand zu benutzen, f├Ąllt ihr nicht ein.
Sie geht weiter.

Als sie bei der T├╝r zum Dusch- und Umkleidebereich ankommt, ├╝berwiegt die Neugier schlie├člich. Die Hand mit dem Bierdeckel kommt hervor.
In der Tat ist die Seite ohne Markenaufdruck ├╝ber und ├╝ber beschrieben, in ├╝berschwenglichen Gro├čbuchstaben. Die urspr├╝ngliche Nachricht war kurz.
MUSSTE LEIDER WEG. TERMIN. RUFST DU MICH AN?
Darunter eine Mobilfunknummer und der Name.
Doch offenbar hatte Ria kein Ende gefunden.
P.S. DU BIST ZUM KLAUEN, WENN DU SCHLÄFST.
P.P.S. GOTTSEIDANK HAST DU MICH NICHT GEWASCHEN.
Winzig klein unter das Ende der letzte Zeile gequetscht steht noch, in Klammern: DEN BIERDECKEL.
W├Ąrme breitet sich in ihr aus.
Beidh├Ąndig dr├╝ckt sie das profane Objekt mit seiner erhebenden Botschaft an die Brust; kann nicht anders als den Blick zur Decke zu richten.
"Nat├╝rlich", wispert sie. "Nat├╝rlich ruf' ich dich an."
Dann durchquert sie die T├╝r.

'Wir schlie├čen gleich', hat der Mann gesagt.
Hat sie wirklich so lange geschlafen?
"Ja." denkt sie. "Viel zu lange."
Sie l├Ąchelt.




----------------------------------
[Entstanden zwischen Karfreitag, dem 13.4.2001 und Freitag, dem 24.8.2001]

Ver├Âffentlichung oder Reproduktion ganz oder in Ausz├╝gen au├čerhalb der von www.leselupe.de angebotenen Dienste nur mit urschriftlicher Genehmigung des Autors.]



__________________
"Ihr seht etwas, und ihr sagt: 'Warum?'
Ich aber tr├Ąume nie Dagewesenes, und sage: 'Warum nicht?'"
[Die Schlange, in G.B.Shaw's "Zur├╝ck zu Methusalem"]

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catsoul
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*seufz*
traumhaft sch├Ân...



cat

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W├╝lder van Tast
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Hallo CatSoul,

freut mich sehr, da├č es dir gefallen hat.
[MIR gef├Ąllt ├╝brigens das Bild in deinem Profil ]
Es gr├╝├čt dich,

van Tast
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"Ihr seht etwas, und ihr sagt: 'Warum?'
Ich aber tr├Ąume nie Dagewesenes, und sage: 'Warum nicht?'"
[Die Schlange, in G.B.Shaw's "Zur├╝ck zu Methusalem"]

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ElsaLaska
Guest
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lieber w├╝lder,

da ich eigentlich erotikstories hasse, dachte ich, es w├Ąre ganz hilfreich f├╝r dich, wenn ich mal anmerke, dass diese hier ├Ąusserst gelungen ist.

mir gefallen die beschreibungen, es gen├╝gt eben manchmal nicht, einfach von "fotze" zu sprechen, und das w├Ąrs gewesen. der vorwurf, gerade diese beschreibungen seien nicht subtil, k├Ânnte zwar passen, aber daf├╝r ist die story relativ verhalten und gen├╝gend subtil, sagen wir besser, intelligent. ich bin mir nicht sicher, ob du ein mann bist?
war jetzt grad zu faul, ins profil zu gucken... ich kann mir aber diese situation in der dusche, jedenfalls was die gedanken ├╝ber andere frauen betrifft, die man dabei hegt, als frau absolut vorstellen, kompliment...

und f├Âtenlimousine ist einfach nur brillant!

beste gr├╝sse
elsa

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W├╝lder van Tast
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Liebe Elsa,

ganz herzlichen Dank f├╝r deine Zeit, deine Stellungnahme und die lobenden Worte darin. Freut mich besonders, da du "eigentlich Erotikstories hasst"

Das allersch├Ânste Kompliment, das du mir machen konntest, ist allerdings [ElsaLaska:]
ich bin mir nicht sicher, ob du ein mann bist?


Das hatte ich gehofft zu erreichen.

Es verbeugt sich geehrt,

van Tast
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Ich aber tr├Ąume nie Dagewesenes, und sage: 'Warum nicht?'"
[Die Schlange, in G.B.Shaw's "Zur├╝ck zu Methusalem"]

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W├╝lder van Tast
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in eigener Sache ...

(re)poste ich hier mal einige Reaktionen aus einigen Newsgroups / dem USENET, wo ich einen Ver├Âffentlichungshinweis re "Drachen" gepostet hatte ... [bei allen identisch: "Betrifft: Erotische Geschichte: "Drachen" - jetzt online"]

---------------------------

Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.etc.schreiben.prosa
Datum:2001-08-25 07:01:42 PST

Hallo van Tast! [wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

*les*
*blinzel*
Wow.
Wow!

Mehr bleibt nicht zu sagen! Fantastisch, fesselnd, "f"├Ąnomenal :-)

Alan

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Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.etc.schreiben.prosa
Datum:2001-08-25 07:58:17 PST

[wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

*g* auch gelesen, auch gefesselt gewesen, aber trotzdem hab ich an zu vielen Stellen schlampige Schreibe bemerkt, als da├č ich Dein Urteil teilen k├Ânnte.

rapha├źla

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Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.etc.schreiben.prosa
Datum:2001-08-25 08:24:21 PST

Hallo Rapha├źla!

[wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

Naja - die Schreibe ist das Eine. Der Aufbau und die gelieferten Bilder (die Assoziationen mit den beiden Drachen beispielsweise) das Andere. Insgesamt fand ich es besser als vieles, was hier sonst produziert wird. Vor allem war es witzig und locker geschrieben.

Alan

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Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.talk.liebesakt
Datum:2001-08-25 07:38:19 PST

Hallo W├╝lder,

[wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen! :-) Sehr angenehm zu lesen, dazu noch realistisch und in einem sehr ausdrucksstarken Stil verfasst.

Tschau. Tino.

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Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.talk.liebesakt
Datum:2001-08-25 08:36:11 PST

[wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

Ja, mir auch.

>> dazu noch realistisch

Das war sie meiner Meinung nach bestimmt nicht. Das Drachen-Tattoo wirkte aufgesetzt um Spannung und L├Ąnge zu erzeugen. Im Ergebnis gut, aber bestimmt nicht realistisch.

> und in einem sehr ausdrucksstarken Stil verfasst.

Auch da bin ich deiner Meinung.

Michael

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Von:[privacy protected]
Newsgroups:de.talk.liebesakt
Datum:2001-08-25 09:39:17 PST

[wiederholung / zitat voriger Nachricht entfernt]

Und noch ein "me too" von mir... vor allem, weil mir nicht gar so viele Geschichten gefallen. Die Laenge ist
ausserdem recht beeindruckend, zumal es ueber die ganze Strecke hinweg nicht langweilig wird. Ein paar kleine
Grammatikfehler waeren noch zu beseitigen bzw. (IMHO) einige von den etwas zu zahlreichen unvollstaendigen Saetzen
komplettiert. Aber fesselnd, das ganze, ich habe Zeit und Raum darueber vergessen :-)

Servus,
Stefan

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Nat├╝rlich freue ich mich nach wie vor auch ├╝ber weitere Meinungen von Lupies :-)

van Tast
__________________
"Ihr seht etwas, und ihr sagt: 'Warum?'
Ich aber tr├Ąume nie Dagewesenes, und sage: 'Warum nicht?'"
[Die Schlange, in G.B.Shaw's "Zur├╝ck zu Methusalem"]

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