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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
DRAMA: Omas Verwirrungen
Eingestellt am 14. 05. 2002 17:01


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Ann-Kathrin Deininger
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Omas Verwirrungen


Akt 1

Szene 1

Ein kleiner Raum in einem Altersheim in Belfast.
(Oma, Patrick Shaw)

Oma: (Sie singt leise vor sich hin) m... where, over the rainbow … There’s a country (Sie stockt) There’s a country … country … country … Oh (lauter) There’s a land where … (Sie ist pl√∂tzlich still) … (murmelnd) Ich wei√ü nicht … ich wei√ü den Text nicht, ich wei√ü den Text nicht mehr …
(Sie geht durch den Raum und setzt sich schlie√ülich bedr√ľckt auf das Bett. Es klopft an der T√ľr.)

Patrick: Hallo Oma!

Oma: (Sie sieht ihn an, lächelnd) Oh, komm rein, komm rein, mein Junge!

Patrick: (Er tritt ein und schlie√üt die T√ľr) Hey, ich hab dir was eingeschmuggelt. (Er zieht etwas aus seiner Tasche und legt es auf den Tisch)

Oma: Gummibärchen! Die liebe ich. Aber nur die aus Deutschland, weißt du, die sind mir am liebsten.

Patrick: Ja, das wei√ü ich doch, Oma, ich wei√ü doch genau, dass du die am liebsten hast. Und, sieh genau hin, sie sind aus Deutschland: „Haribo“!

Oma: Oh ja, die, die haben so einen netten Spruch, wei√üt du, ein richtig netter Spruch, den mag ich, ich liebe ihn. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Oh, komm schon, lies ihn mir vor, er steht direkt da, auf dem T√ľtchen!

Patrick: (Er liest den Spruch von der „Haribo“ – T√ľte; wobei er m√ľhevoll versucht die deutschen W√∂rter richtig zu sprechen) Haribo macht Kinder froh, und Erwachsne ebenso.

Oma: Ja, das ist es. Oh, noch mal, noch mal!

Patrick: (Er liest noch einmal, wobei er mit dem Kopf im Rhythmus der Wörter nickt)

Oma: Ich liebe das. Ich liebe das einfach. (Sie nimmt die T√ľte Gummib√§rchen)

Patrick: Nun, Oma, ich bin hergekommen, weil ich dir was erzählen wollte ...

Oma: (Sie hört auf Gummibärchen zu essen und starrt ihren Sohn an, mit vollem Mund und weit aufgerissenen Augen) Ein Geheimnis?

Patrick: (Er lacht) Du bist ziemlich neugierig, f√ľr eine alte Dame, oder nicht?

Oma: Bin ich das, mein Junge? Ich vergesse doch sowieso alles, weißt du nicht mehr?

Patrick: Tut mir Leid. Ich wollte dich nicht an deine Krankheit erinnern. Aber, ja, in gewisser Weise ist es ein Geheimnis.

Oma: (Sie hört auf zu kauen, und lauscht aufmerksam)

Patrick: (Er beugt sich zu seiner Mutter hin√ľber) Keiner wei√ü das, bisher. Du bist die Erste.

Oma: Oh, ich verstehe, ich verstehe. (Sie nickt heftig) Nun komm schon, erzähl es der alten Oma, mein Junge, und wenn es ein Geheimnis ist, du weißt schon, ich hab es eh in ein paar Minuten vergessen.

Patrick: (Sehr viel leiser, aber immer noch begeistert) Ich habe vor, Irland zu verlassen, Oma. Ich gehe nach Australien.

Oma: Australien!

Patrick: Psst. (Wie ein Verschwörer) Willst du mitkommen?

Oma: Oh, nein, nein; was ist mit der Familie? Wissen sie Bescheid?

Patrick: Nein! Ich sagte doch, du bist die erste, oder? Ich werde es ihnen sagen, wenn die Zeit reif ist. Wir werden da gl√ľcklich sein. Mary wird australische Kinder √ľber das Radio unterrichten, Joe wird in Sydney oder Canberra oder sonst wo studieren, und Eileen, also, es gibt jede Menge Schafe und Koalas und K√§ngurus. Ich hab Landwirtschaft studiert, wei√üt du noch? Das ist mein Traum, eine Schaffarm in Australien!
Oh, guck dir das an.(Er zieht einige Fotos aus seiner Tasche)

Oma: Was ist das? Eine etwas veraltete Schaffarm, oder?

Patrick: Es ist romantisch.

Oma: Ist ziemlich einsam, mitten im Busch!

Patrick: Es ist nur ruhig. Keine Straßen, keine Autos.

Oma: Da ist niemand!

Patrick: Ja, nur ich, meine geliebte Familie und ein paar hundert Schafe.

Oma: Da ist gar nichts!

Patrick: Wundervolle Landschaft, Kängurus, und Land, mein Land, Oma, mein Land!

Oma: Ich kann dir das nicht ausreden?

Patrick: Keine Chance.

Oma: Dann kaufst du also dieses St√ľckchen W√ľste? Wann f√§hrst du ab?

Patrick: Von wegen W√ľste. Sehr guter Boden. Und, √§hm, ich hab’s schon gekauft.

Oma: Oh mein Junge! Also, wann fährst du?

Patrick: Warum ist das so wichtig?

Oma: (ein wenig zu schnell, um √ľberzeugend zu wirken) Nicht wichtig. Wirklich! Ich bin nur eine neugierige alte Dame, wei√üt du?

Patrick: Ich kenne dich. Und ich traue dir nicht. Du heckst irgendwas aus!

Oma: Nein, ich hecke gar nichts aus, mein Sohn. Du bist gekommen um mir das zu sagen, und nun gehst du mir mit so einer lächerlichen Entdeckung auf den Geist!

Patrick: Ich wollte dir nichts unterstellen. Tut mir Leid. (Er guckt auf die Uhr) Tja, Oma, ich muss jetzt gehen.

Oma: Ja, nat√ľrlich, Junge. Die Familie wartet. Sch√∂nen Tag noch!

Patrick: Ja danke. Wir sehen uns!

(Patrick geht ab)



Szene 2

Der gleiche Raum
(Oma, Eileen Shaw)

(Oma steht am ge√∂ffneten Fenster mit ihrem R√ľcken zur T√ľr, sie guckt in den Garten hinaus. In der N√§he von drei gro√üen B√§umen steht eine Bank, auf der jemand sitzt. Oma winkt, er winkt zur√ľck.)

Oma: (leise f√ľr sich) Sie haben keine Ahnung! (Sie kichert) Sie ahnen nicht mal was. (Sie kichert wieder) Oh, sie werden √ľberrascht sein ...

(Es klopft an der T√ľr. Oma schlie√üt schnell das Fenster und zieht, als h√§tte sie etwas zu verbergen, den Vorhang zur H√§lfte davor.)

Oma: (Jetzt auf dem Bett sitzend, mit ihrem Strickzeug in der Hand) Komm rein!

Eileen: (tritt in den Raum, schlie√üt die T√ľr) Hallo, Oma. Ich hoffe, ich st√∂re nicht?

Oma: Nein, Schatz, nein. Was sollte das den geben? Eine Oma, durch ihr Enkelkind gestört? Nein. Komm schon, Schatz, setzt dich doch.

Eileen: (Lässt sich in Omas großen Sessel plumpsen) Strickst du ein paar Wollsocken?

Oma: Nein, es soll mal ein Pullover werden.

Eileen: Das ist ne seltsame Farbe f√ľr einen Pullover, oder? (Sie deutete auf das St√ľck Stoff in der Hand ihrer Oma)

Oma: Ja, äh ... (Sie wirft ihr Strickzeug auf den Tisch) Und, was machst du in der Schule?

Eileen: Oh ... Schule! Mag ich nicht.

Oma: Nein? Wo ist das Problem? Hast du keine Freunde?

Eileen: Klar hab ich Freunde! Das ist nicht das Problem. Fast alle meine Freunde sind katholisch, das ist es.

Oma: Und es sind mehr Protestanten an eurer Schule, oder? Und sie kämpfen gegen die katholischen!

Eileen: Nein, Oma. Wir kämpfen doch nicht! Aber die Jungs ...

Oma: Alle Jungs oder ein spezieller?

Eileen: Oma! Ich bin nicht verknallt in irgendeinen Jungen!

Oma: Aber du magst ihn, oder nicht?

Eileen: Nein. Er ist protestantisch. Seine Eltern wollen nicht, dass ich ihm zu nahe komme.

Oma: Du solltest hingehen und mit ihnen reden.

Eileen: Nein! Ich will keinen von denen sehen! Meine Freunde werden mich auslachen! Ich mag nicht, wenn sie √ľber mich lachen. Ich will weit wegziehen, damit ich keinen von ihnen mehr sehen muss.

(Die zwei schweigen eine Weile und denken eine lange Zeit)

Oma: Sei doch nicht traurig. Willst du ein Geheimnis hören?

Eileen: (wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel) Was denn?

Oma: (Bedeutet dem M√§dchen n√§her zu kommen, fl√ľstert) Dein Vater will ein paar hundert Schafe kaufen!

Eileen: (wispert ebenfalls) Schafe? Wieso denn Schafe?

Oma: Er hat ein gro√ües St√ľck Land, wei√üt du?

Eileen: Gut f√ľr Schafe? Und andere Tiere?

Oma: (nickend) Ganz viele andere Tiere, sogar ein paar seltsame Tiere!

Eileen: Meinst du, ich krieg ein paar kleine Katzen?

Oma: Du könntest auch kleine Hunde haben.

Eileen: (begeistert) Kleine Hunde!

Oma: Psst, nicht so laut!

Eileen: (fl√ľstert wieder) Ist es weit weg?

Oma: Nein, nein, ich hab schon genug gesagt!

Eileen: (Lauter, die Oma zum weitersprechen animierend) Oma!

Oma: Ich denke, du wirst eine andere Schule besuchen m√ľssen.

Eileen: Das ist kein R√ľckschlag. Diese Schule ist schrecklich!

Oma: Wirklich? Mit Geistern und Skeletten?

Eileen: Oma! Geister erschrecken doch keinen mehr.

Oma: So, was ist denn dann furchteinflößend?

Eileen: Schule jedenfalls nicht. Es ist entsetzlich. Wenn du wissen willst, was wirklich schauderhaft ist, musst du „Akte X“ im Fernsehen gucken!

Oma: Na klar! Akte X! (Sie schaut auf die gro√üe Uhr an der Wand) Nun, es ist Zeit f√ľrs Abendessen. Ich glaub nicht, dass du Spa√ü daran hast alten Leuten beim essen zuzusehen. Hab ich recht?

Eileen: Allerdings. Tsch√ľ√ü, Oma, ich werde jetzt gehen.

Oma: Komm bald mal wieder, Schatz!

Eileen: Oh, schon versprochen! Tsch√ľ√ü!

(Eileen geht ab)




Szene 3

Der Raum ist noch immer derselbe
(Oma, Mary Shaw)

(Oma sitzt in ihrem Sessel und spielt gedankenverloren mit dem Ehering ihres verstorbenen Mannes. Es klopft.)

Oma: Komm rein, komm rein!

Mary: Hallo Oma! Wie gehts dir?

Oma: Gut, Mädchen, gut!

Mary: (Sie nimmt auf dem Klappstuhl Platz) Sind alle hier nett zu dir?

Oma: Ja, die Pflegerinnen sind sehr nett und verständnisvoll, und hier gibt es viele nette alte Herren, die mich zum Kartenspielen oder zum Schach einladen. (Sie macht eine Pause) Und was macht die Schule?

Mary: (Sie schlägt die Hände vors Gesicht) Oh, ich habe nie geahnt, dass kleine Kinder so einen Lärm machen können! Na ja, es sind bald Ferien, und die Kinder freuen sich schon darauf. Es ist nahezu unmöglich ihnen irgendetwas beizubringen! Und ich kriege sie nicht dazu, sich an das zu erinnern, was ich ihnen letzte Woche beibringen wollte. Aber, weißt du, ich trage eben weiter Eulen nach Athen.

Oma: Du solltest ein bisschen ausspannen!

Mary: Da hab ich gar keine Zeit f√ľr!

Oma: Wei√ü ich doch. Man hat erst genug Zeit zum ausspannen wenn man in einen Altersheim wohnt. Aber dann, das sag ich dir, ist es zu sp√§t! Ich f√ľr meinen Teil habe genug ausgespannt. Es m√ľsste mal wieder was passieren in meinem Leben!

Mary: Ja, Oma. Darum wollte ich mit dir sprechen.

Oma: Ich weiß nicht was du meinst.

Mary: Was hast du Eileen erz√§hlt? Sie kam verwirrt nach Hause, erz√§hlte etwas √ľber wegziehen, weil Patrick ein St√ľck Land hat. Stimmt das?

Oma: Das weiß ich aus erster Hand.

Mary: Was hat er dir denn erz√§hlt? Ein St√ľck Land? Oh, er wird das gemeint haben, was ihm sein Onkel hinterlassen hat! Aber, das ist mitten in der irischen Republik!

Oma: Irland ist doch nicht √ľbel. Fast alle unsere Vorfahren stammen von dort. Das ist ein sch√∂nes Land, wundersch√∂ne Landschaften! Man kann dort gut einen Hof aufbauen.

Mary: Nein, nein, nicht Patrick! Er war mal in der IRA, weißt du? Oh ... das muss so was wie ein Zeugenschutzprogramm sein. Wir bekommen einen neue Identität, wie in diesen Filmen, deshalb konnte er uns das nicht sagen. Das muss es sein! Armer Patrick! Dabei hatte er so große Träume! Australien und seine Schafe ...

Oma: Ja, das ist wirklich schade.

Mary: Oh, ich wird ihm sagen, dass wir dich auf keinen Fall hier allein lassen. Du kommst mit uns. Wir werden nach einer Wohnung suchen in der Gegend, wo wir wohnen werden. Dann können wir immer nach dir sehen.

Oma: Aber, Mary, Patrick sagte das gar nicht so...

Mary: (unterbricht sie) Nat√ľrlich nicht! Er konnte das keinem von uns erz√§hlen.

Oma: (Pl√∂tzlich in Gedanken; ihr Blick schweift in die Ferne; ihre Finger spielen mit dem Ehering) Wir haben gro√üe Tr√§ume. Wir wollen nach Deutschland, dann spazieren wir √ľber den Kurf√ľrstendamm...

Mary: (Ihre Augen weiten sich) Ich glaub, ich muss gehen. Ich muss morgen eine Mathe Arbeit schreiben. Tsch√ľ√ü! (Sie springt von dem Stuhl und rennt fast zu T√ľr.)

Oma: (verst√§ndnislos) Tsch√ľ√ü, Mary!

(Mary geht ab)
Szene 4

Der Raum hat noch nicht gewechselt.
(Oma, Joe Shaw)


Oma sitzt in ihrem Sessel und liest William Shakespeares “Romeo und Julia“. Pl√∂tzlich h√∂rt sie ein Ger√§usch von ihrem Fenster her. Sie steht auf und √∂ffnet das Fenster. Eine Stimme t√∂nt von der kleinen Terrasse unter ihrem Fenster herauf.)


Stimme: Ich habe eine √§u√üerst rare Vision gehabt. Ich hatte einen Traum – es geht √ľber Menschenwitz zu sagen, was es f√ľr ein Traum war. ... Mir war, als w√§r ich, und mir war, als h√§tte ich ...

Oma: Oh, das ist Shakespeare. Aber nicht aus „Romeo und Julia“ Was ist es dann? (Sie denkt eine Minute dar√ľber nach) Oh, es ist „Ein Sommernachtstraum“ !

Stimme: Mir war, als hätte ich dich um deine Hand gefragt.

Oma: Also das ist nicht mehr Shakespeare! N√§rrischer alter Mann! (Sie sch√ľttelt den Kopf)

(Es klopft. Joe tritt ein)

Joe: Hallo, Oma!

Oma: (Sie dreht sich sehr schnell um und versucht dabei, das Fenster zu schlie√üen, aber es bleibt trotz allem einen spaltweit offen. Sie versteckt die H√§nde hinter ihrem R√ľcken) Sch√∂n, dich zu sehen, Joe!

Joe: Was hast du gerade gemacht, Oma?

Oma: Oh, gar nichts, Joe, gar nichts. Ich hab nur rausgeguckt. Die Bäume sind so schön.

Joe: Oma, da sind gar keine Bäume auf der Terrasse da unten.

Oma: (gedankenverloren) Stimmt, Joe, stimmt schon.

Joe: (Er blickt ein wenig Skeptisch) Hör mir mal zu, Oma. Da gibt es etwas, was ich gerne mit dir besprechen möchte.

Oma: (froh, dass Joe nicht weiter nach dem fragt, was auf der Terrasse ist) Schieß los!

Joe: Es ist das, was Papa zu dir gesagt hat.

Oma: So, was hat er mir den gesagt?

Joe: Dass wir wegziehen. Ich dachte, er hätte dir gesagt, dass er nach Deutschland ziehen möchte.

Oma: Das hat er nie gesagt!

Joe: Aber Mama hat mir erzählt, dass Papa nach Europa ziehen will.

Oma: Wir sind doch in Europa, Joe! Was willst du denn noch?

Joe: Aber, Oma, mein Studium hier geht nicht so gut. Ich will woanders hin!

Oma: (meint nicht wirklich Joe, redet mehr zu sich selbst) Oh, darum hat er von Deutschland gesprochen.

Joe: Also hat Papa doch davon gesprochen, nach Deutschland zu ziehen?

Oma: Nein! Patrick will nicht nach Deutschland ziehen. Warum glaubst du, das Patrick nach Deutschland will?

Joe: Aber das hast du doch gesagt!

Oma: Ich? Ich hab nie so was behauptet. Das war nicht mein Fehler!

Joe: Aber was hat er denn jetzt eigentlich genau gesagt?

Oma: (laut denkend) Jeder hier spricht √ľbers wegziehen...

Joe: Was hat er gesagt?

Oma: (vervollst√§ndigt ihren Satz) Ich bin ganz gl√ľcklich hier.

Joe: (entt√§uscht) Das wollte ich wissen. (Er geht zur T√ľr ohne ein weiteres Wort.)

(Joe geht ab)

Oma: Aber ich k√∂nnte auch √ľberall sonst gl√ľcklich sein, wenn dieser nette alte Herr dabei ist ...




Szene 5

Der langweilige Raum ist noch immer so langweilig wie zuvor.
(Oma, netter alter Herr)
später: (Patrick Shaw, Mary, Eileen, Joe)


(Oma und der nette alte Herr sitzen zusammen auf dem Bett und halten ihre H√§nde. Zusammen lesen sie Shakespeare. Oma liest einige Verse aus „Romeo und Julia“, dann liest der nette alte Herr eine Passage aus „Ein Sommernachtstraum“. Omas Finger spielen mit einem neuen Ring neben dem Ehering ihres verstorbenen Mannes.)

Netter alter Herr: Entschuldige, dass ich dich unterbreche. Ich finde, wir sollten es ihnen sagen.

Oma: Wir brauchen da nicht hinzugehen. Bei den ganzen Verwirrungen in letzter Zeit glaube ich, dass sie von selber herkommen werden. Es gibt da einiges klarzustellen. (Sie zwinkert ihm zu.)

Netter alter Herr: Sie werden etwas √ľberrascht sein, oder?

Oma: (antwortet nicht, sie kichert nur)

(Sie lachen zusammen. Es klopft an der T√ľr.)

Oma: Komm rein!

(Die ganze Familie st√ľrmt in den Raum. Sie diskutieren heftig untereinander. Sie streiten.)

Oma: (lächelnd) Einen schönen Nachmittag, euch allen!

Joe: Ich werde nicht hier bleiben, Papa, verstehst du das? Ich will mein Studium irgendwo anders fortsetzen, vielleicht in America oder in Australien. Aber nicht hier in Belfast!

Mary: Ich habe immer gedacht, du w√§rst gl√ľcklich in Belfast!

Eileen: Papa, ist das wahr mit den Schafen und den kleinen Hunden?

Mary: Nein, das ist nicht wahr, Eileen. Papi muss mit uns weggehen, weil es da ein paar böse Leute gibt, die ihm wehtun wollen.

Patrick: Sag mir, bitte, wovon du da redest! Wir sind doch nicht in Gefahr!

Mary: Ich finde es sehr lobenswert, dass du das nicht den Kindern erzählen wolltest. Aber mich hättest du wirklich informieren können!

Joe: Mama, ich glaube nicht, dass ich noch ein Kind bin. Und ich will nicht hierbleiben.

Eileen: Ich hätte gerne ein paar Hunde!

Mary: Was ist das √ľberhaupt f√ľr ein Plan, nach Deutschland zu ziehen? Keiner von uns spricht deutsch!

Patrick: Ich habe nie davon gesprochen nach Deutschland zu gehen!

Joe: Da hast du es! Er hat nie daran gedacht wegzuziehen. Er will sein ganzes Leben in dieser kleinen Wohnung verbringen!

Eileen: Aber in der Wohnung ist doch gar kein Platz f√ľr hundert Schafe und kleine Hunde.

Mary: Hundert Schafe? Die können wir uns doch gar nicht leisten.

Patrick: Ich habe nie gesagt, dass ich hier bleiben möchte. Ich sagte wir gehen ...

Eileen: Zu dem Hof, den dein Onkel dir geschenkt hat?

Mary: Nein, nein! Ich gehe nicht in die irische Republik. Das ist zu gefährlich. Denk doch mal an die IRA.

Oma: Wenn ich etwas sagen d√ľrfte, ich m√∂chte diesen netten alten Herrn heiraten.

Mary: Psst, Oma. Kannst du denn nicht sehen, dass wir mitten in einer wichtigen Diskussion stecken?

Eileen: In Australien gibt es ganz viele Schafe!

Mary: Wir haben nicht einmal ein einziges Schaf!

Joe: Was machen wir eigentlich mit Oma, falls wir wegziehen?

Patrick: Wir fahren nicht ab ohne eine L√∂sung daf√ľr.

Joe: Dann wei√ü ich das. Wir fahren gar nicht. Aber ich gehe. Ich gehe nach Australien zur ber√ľhmten Universit√§t in Canberra.

Mary: Wir können doch die Familie nicht aufteilen, Joe. Wir können Oma doch nicht hier allein lassen.

Patrick: Dann lass uns doch √ľber eine L√∂sung nachdenken. Oma, was denkst du?

Eileen: Sie haben mir aber Schafe versprochen!

Joe: Niemand hier ist interessiert an deinen Schafen und Hunden!

Mary: Es k√∂nnte Spa√ü machen, Sch√ľler √ľber das Radio zu unterrichten. In Australien machen die das.

Patrick: Oma, was macht eigentlich dieser alte Herr hier?

Oma: Ich werde diesen netten alten Herrn nächsten Freitag heiraten!

Mary: Wir m√ľssen eine L√∂sung finden. Ich finde es zu gef√§hrlich, hier zu bleiben oder nach Irland zu ziehen.

Eileen: Aber die Schafe ...

Joe: Ich werde mich im nächsten Semester in Canberra einschreiben.

Patrick: Ich verstehe das alles nicht ... (Er merkt, was seine Mutter gesagt hat) Was sagtest du gerade?

(Die Stille im Raum ist in den nächsten Minuten beinahe erschreckend.)

Netter alter Herr: Sie sagte, dass ich sie heiraten werde, am nächsten Freitag.

Mary: Stimmt das?

Oma: Ja, das ist wahr. Ich werde ein zweites Mal heiraten. Und, um Mal zu euren Problemen zu kommen, ich denke, das war mein Fehler, ihr wisst ja, ich bin eine alte Frau, die immer alles vergisst. Ich war so aufgeregt, dass ich noch einmal heirate, dass ich vergessen habe, was Patrick mir gesagt hat. Er sagte, dass er nach Australien ziehen wollte. Ich habe da wohl etwas durcheinander gebracht. Er hat auch schon ein Haus und ein St√ľck Land da. Es ist mitten im Busch, aber es ist n√§her an Canberra als Belfast. Er m√∂chte gerne ein Schafz√ľchter werden, ihr wisst doch, mein Sohn hat mal Landwirtschaft studiert. Es wird Platz geben f√ľr Hunde und Katzen, und es gibt dort eine andere Art von Schule. Und die L√∂sung f√ľr die Oma: Wenn ihr das erlaubt, dann m√∂chten ich und der alte Herr hier gerne mit dieser verr√ľckten Familie gehen. Aber unsere Flitterwochen fahren wir nach Berlin, als erstes. Ich denke, wir werden alle zusammen noch gl√ľcklich in Australien.

(Eine Sekunde später lachen alle. Es beraucht ein paar Minuten, bis wieder jemand sprechen kann.)

Patrick: So, als erstes: Herzlichen Gl√ľckwunsch zu deiner bevorstehenden Hochzeit. Ich hoffe, wir sind eingeladen. Und ja, Oma, das ist die L√∂sung, die wir w√§hlen sollten. Alle zusammen nach Australien zu gehen.

(Und so haben sie es auch gemacht.)






__________________
Ein Raum ohne B√ľcher ist wie ein K√∂rper ohne Seele.

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