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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dachschaden
Eingestellt am 20. 04. 2015 20:18


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ThomasStefan
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Dachschaden


Ich habe dem Kerl sofort misstraut, gleich als ich ihn sah. Bei Ausländern, oder Migranten, wie die sich neuerdings nennen, bekomme ich oft so eine Art Stechen im Leib. Für mich ist das jedes Mal eine deutliche Warnung: Ernst-Egon, gib Acht! Das hat mich schon vor manchem Fehler bewahrt.
Der Mann stand in einer blauen Montur vor unserer Haustür und hatte einen Werkzeugkoffer in der Hand. Sah aus wie ein Russe. Er sagte „Gutten Tack“ und lächelte, wie um Verzeihung bittend, dass er meine Ruhe stören musste. Was wollte der? Ach ja, bestimmt der Dachdecker, fiel es mir wieder ein. Er lächelte immer noch und zeigte dabei seine vielen Goldzähne, einer neben dem anderen. Als hätte er einen Juwelier gefressen. Furchtbarer Anblick!
Neben ihm stand ein Junge und strahlte stolz. Er trug ebenfalls diese Firmenmontur, sie war ihm bestimmt zwei Nummern zu groß. Er hatte sogar einen eigenen, kleinen Koffer. Das Bürschchen war …vielleicht zwölf, dreizehn. Darf man da schon arbeiten? Und dann aufs Dach? Es kam mir seltsam vor. Besser, ich hätte noch einmal in der Firma angerufen. Tja, ich bin oft zu arglos. „Das musst du dir abgewöhnen“, sagt immer meine Frau.
„Sohnn“, sagte der Ältere ein paar Mal, zeigte lachend auf den Kleinen. Aha. Ich habe nichts gegen solche Leute, manches ist bei denen gar nicht so übel. Zuhause essen wir sogar oft Feta, dieses griechische Zeugs, und einmal im Jahr machen wir Urlaub, in Antalya. Alles prima. Aber in diesem Moment zählte etwas anderes: Es ging um unser Heim. Und da gestatte ich mir keine Nachlässigkeiten.
Ich ließ mir ihre Papiere zeigen, dass sie wirklich von der Firma wären. Dennoch kamen sie mir erst gar nicht ins Haus! Ich ging mit den beiden schnurstracks in den Garten, um ihnen die Schäden am Dach zu zeigen. Der Sturm in den letzten Tagen hatte ganz schön gewütet, etliche Ziegel hochgehoben. Einige hatten sich ganz gelöst und waren am Boden zerschellt. Schöne Schweinerei!
„Du machst das schon“, hatte meine Frau mir zugerufen, bevor sie ins Büro fuhr. Tolle Urlaubsbeschäftigung! Erst die depperten Schindeln einsammeln, dann sich um die Reparatur kümmern. Aufs Dach musste natürlich die Firma von früher. Die originale Tonpfanne war zum Glück noch lieferbar.
„Ich schicke Ihnen gleich jemanden, meinen besten Mann,“ hatte mir der Chef der alten Baufirma am Telefon versichert, „und ...er bringt einen Gehilfen mit, so etwas wie seine rechte Hand. Sie werden schon sehen.“
Bei diesen Worten hätte ich misstrauisch werden müssen. Aber, man ist ja harmlos, wie ein Schaf.
Wir gingen ums Haus und ich zeigte ihnen alles genau. Immer wieder musste ich die Augen zusammen kneifen, der grellen Sonne wegen. Doch es half nichts, schlieĂźlich brauchten die klare Anweisungen.
„Da oben, und dort, siehst du? Nicht daneben, das ist nur Vogelkacke. Und da drüber, und ganz oben. Du-alles-ver-stan-den?“
Nicht, dass die einfach was anderes machten als verabredet. Der Vater hielt die Hand schützend übers Gesicht, nickte immer wieder. Und ständig hörte ich dieses „Alles klar, Chef!“. Mehr Deutsch konnte der wohl nicht. Beim Umherlaufen, da fiel es mir erstmals auf, das deutliche Hinken des Mannes. Wen hatte man mir da nur geschickt?
Sie holten ihre Leiter und der Typ winkte mir immer wieder beruhigend zu, lachte dabei. In dem Sinne: Ich möge ins Haus gehen, sie würden allein klar kommen. Als ich drin war, hatte ich sofort das Gefühl, sie wollten mich draußen nicht haben. Warum nur? Natürlich, im Garten lag einiges herum, der Schuppen stand offen. Dafür haben die einen Blick. Aber nicht mit mir!
Geschwind holte ich aus dem Anbau den Rasenmäher, das lange Kabel war in Schlaufen aufgewickelt. Ich legte es mir über die Schulter, fühlte mich wie ein Cowboy mit Lasso. Der Mäher brummte alsbald über dem kurzen Rasen, die Halme hatten nichts zu befürchten. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich die beiden. Beim Hausbau damals, als ich bei Wind und Wetter die Dachdecker kontrollierte, hatte ich gestaunt: Wie geschickt die übers Dach stiegen! Diese beiden hier standen ihnen nicht viel nach, insbesondere der Alte war in seinem Element, auch wenn er sein rechtes Bein immer etwas nachzog. Er arbeitete freihändig, andererseits achtete er darauf, dass der Sohn mit einer Leine ständig eingehakt war. Gerade hatten sie sich über den First hinweg auf die andere Seite begeben, ihr Treiben war nicht mehr zu sehen.
„Kein Problem“, dachte ich mir und schob den Mäher einfach weiter, denn die Rasenfläche umschloss nahezu das gesamte Haus. Alles war gut zu übersehen. Sie konnten mir nicht entkommen.
Als ich sie auf der Rückseite wieder sah, lachte mich der Junge fröhlich an, winkte mir sogar zu. „Roman,“ zischte ihn sein Vater an, winkte ungeduldig nach einem Werkzeug. Ich mähte stur weiter, überlegte, in welchen geometrischen Figuren ich den Rasen abfahren wollte, aber immer so, dass ich die beiden im Auge behalten konnte. Zwischen den Büschen musste ich ganz genau auf das Kabel achten. Dadurch war ich abgelenkt, und als ich endlich wieder aufsah, ...waren die beiden weg!
Sofort verstärkte sich mein ungutes Gefühl und so schnell ich konnte schob ich nach hinten, aber keine Spur von ihnen. Waren sie etwa ins Haus eingedrungen, unter einem Vorwand wie Toilette? Ich rannte mit dem fauchenden Mäher wieder retour, doch auch auf der Vorderseite waren sie nicht. Das Dach funkelte rot und verlassen. Mit einem Mal hörte ich ein „Hallo, Chef!“. Ich wirbelte herum und sah die beiden unter der geöffneten Klappe ihres VW-Caddy fröhlich winkend auf der Stoßstange sitzen und ein Brot kauen.
Meine heftigen Bewegungen waren für den Rasenmäher endgültig zuviel. Ausgehungert wie er war genehmigte er sich ein Stück Kabel. Es gab einen heftigen Schlag. Ich fiel mitsamt Mäher auf die Seite und das Gerät kam mit einem letzten satten Geräusch zum Stehen. Als ich auf dem Rasen lag, drehte sich in meinem Kopf alles und mir wurde übel – immer dieser Stress mit den Handwerkern!
„Chef! Alles klar?“
Ăśber mir die beiden, mit besorgten Gesichtern. Ich winkte ab, sie halfen mir auf.
„Zuviel Arbeit, Chef,“ meinte mit ernstem Gesicht der Vater, klopfte mir den Rücken ab, während sein Sohn staunend die zerfetzten Kabelenden in den Händen hielt. Ich wankte ins Haus, die Sicherung war durchgeschlagen, sie musste wieder umgelegt werden. Ab jetzt blieb ich drin. Zum Glück war mir eingefallen, dass ich sie auch mit unseren Kameras gut überwachen konnte.
Nach dreieinhalb Stunden klingelte es, Vater und Sohn standen lachend vor der TĂĽr.
„Alles fertig, Chef. Dach wieder schön.“ Ich musste unterschreiben, verglich die Arbeitszeit. Drei Stunden, war okay, die Pause hatten sie nicht berechnet. Ich sah in mein Portemonnaie, alle Scheine waren vertreten. Normalerweise habe ich kein Problem mit Trinkgeld. Aber bei diesen beiden? Der Junge strahlte mich stolz an.
„Er lerrr-nen ...,“ sagte sein Vater, deutete erst auf seinen Sohn und dann auf sich, lachte breit: „... von mirrr.“
Ich nickte ihm zu und meine Entscheidung war gefallen: Ich gab beiden je einen Euro. Früher sind das immerhin vier Mark gewesen! Außerdem kamen sie mir immer noch verdächtig vor. Sie bedankten sich artig. Ich sah ihnen hinterher, der Alte hinkte jetzt stärker. Sein rechtes Hosenbein war hochgerutscht, irgendetwas blitzte hervor, die Sonne reflektierte daran und blendete mich, bevor ich die Tür schloss.
Nach einer Weile bemerkte ich den kleinen Koffer im Flur, der Junge hatte ihn vorhin dort abgestellt und vergessen. Ich nutzte die Gelegenheit, rief in der Firma an und lieĂź mich mit dem Chef verbinden.
„Kein Problem, holen wir nachher ab. Die arbeiten gut, Vater und Sohn, nicht wahr? Die Kunden sind von den beiden immer begeistert.“
„Ja, ja“, beeilte ich mich, „aber der Kleine …scheint mir noch ziemlich jung zu sein.“
„Ich weiß, was Sie meinen, aber das hier ...ist ein Sonderfall“, kam die etwas verlegene Antwort.
„Wieso, was meinen Sie damit?“, hakte ich nach.
„Wissen Sie, der Sergej ist ein feiner Kerl und sein Sohn, der Roman, ist jetzt schon toll. Leider hatte sein Vater vor zwei Jahren diesen furchtbaren Unfall. Dabei verlor er seinen rechten Fuß. Eine richtige Scheiße, kann ich ihnen sagen.“
Mit einem Mal hatte ich wieder das Hinken des Alten vor Augen.
„Er hatte damals einfach nicht aufgepasst, als ich den LKW zurücksetzte. Danach konnte ich ihn nicht mehr beschäftigen. Aber das Dach ist sein Leben. Also habe ich ihm gesagt: Sergej, ich lass dich nicht hängen. Man ist ja Mensch. Jetzt kommt er, hilft gerne aus und führt seinen Sohn schon mal ein. Der kann in zwei Jahren mit der Lehre beginnen, natürlich nur, wenn wir das uns leisten können.“
Es entstand eine unangenehme Pause. Mir fielen das reflektierende Metall im Hosenbein und die Scheine in meinem Portemonnaie ein. Was soll´s, dachte ich mir, sind eh nur Schwarzarbeiter gewesen.
„Wenn es Ihnen recht ist,“ setzte der Firmenchef fort, „komme ich nachher selbst vorbei. Ich denke, dann machen wir das Ganze rund. Für Sie netto, und die Rechnung für mich passend. Alles klar?“
Ich willigte ein und legte zufrieden auf. Ein guter Typ, mit dem konnte man reden. Und auf meine Menschenkenntnis war wieder mal Verlass: Mit den beiden hatte was nicht gestimmt!
Nun aber nach draußen, ich musste ja noch deren Arbeit inspizieren. Verdutzt sah ich den Mäher neben dem Schuppen stehen, das Kabel war ordentlich aufgerollt, lag auf dem Bügel. Als ich näher trat, sah ich zu meiner Überraschung, dass sie die zerrissene Leitung repariert hatten. Die freien Enden waren sauber mit Schuko-Steckern bestückt, die die Unterbrechung sicher verbanden.
Doch nicht so verkehrt, die beiden, so meine erste Reaktion. Aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Na klar, die haben mir das berechnet, die Schlaumeier! Dabei war das für die doch nur …Zeitvertreib! Und überhaupt: Ob das TÜV-gerecht ist? Elektrik ist so eine Sache, und diese beiden trauen sich wohl alles zu. Und was ist, wenn ich demnächst wieder einen Schlag bekomme oder der Mäher gar verreckt? Von diesem Sergej bekomme ich bestimmt keinen neuen.
…Na ja, okay, ist´n armes Schwein, da will ich mal Gnade vor Recht ergehen lassen. Doch meine Frau warnt immer: „Du bist zu weich, Ernst-Egon!“
Jetzt aber los, schoss es mir durch den Kopf, ich wollte mir doch das Dach anschauen.
Denn bei solchen Leuten weiss man ja nie. Haben die überhaupt eine richtige Ausbildung? Und eigentlich war das Kinderarbeit. Mal sehen, der Firmenchef kommt gleich, vielleicht …kann ich den Preis noch drücken.

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