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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Dämonenglauben
Eingestellt am 01. 09. 2006 01:54


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Bereits anno 1832 verkaufte sich der Maler Nolten schwer. Auch heute noch macht uns Eduard Mörike den Einstieg in seinen romantischen Künstlerroman nicht leicht. Wenn er über den jungen talentierten Maler Theobald Nolten erzählt, wollen wir kaum glauben, daß diese komplizierten Sätze wirklich der Verfasser der drei wunderwunderschönen Gedichte

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte...
(628)

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel,
Die Wolke wird mein Flügel...
(666)

Rosenzeit! wie schnell vorbei,
Schnell vorbei,
Bist du doch gegangen!...
(690)

hingeschrieben haben soll. Wir denken eher an einen knorrigen Lateiner als an unseren geliebten Poeten. Da wir einmal mit Nörgeln begonnen haben, am Schluß unserer anfänglichen Mäkelstunde noch etwas. Über Malerei wird in dem Werk gar nicht gesprochen. Auch der Mörike-Biograph Hans Egon Holthusen tutet in unser Horn, wenn er statuiert, der Maler Nolten sei kein Künsterroman.
Richtig! Und auch wieder falsch.
Sei es, wie es ist. Wenn wir uns durchgebissen haben, müssen wir eingestehen, Mörike hat ein großartiges Werk geschaffen. Es geht nämlich in dem Roman allein darum, welche seelischen Vorgänge in den Protagonisten, als da sind der Maler Nolten selber, seine Frau(en) Agnes, Gräfin Constanze und die Zigeunerin Elisabeth, und vielleicht noch Freund Larkens, ablaufen. Zwar schreibt Mörike, Agnes und Elisabeth seien wahnsinnig, aber es geht dem Autor nicht um Nervenkrankheiten. Eines stimmt schon, lebensmüde und ein wenig verrückt sind sie alle.
Lassen wir das oben genannte fast alles beiseite und beschäftigen wir uns mit unserm heutigen Thema: dem Glauben an Geister.
Ehe wir mit den Dämonen beginnen, möchten wir ausdrücklich darauf hinweisen – die drei Gedichte oben hat Mörike in seinen Roman eingelegt. Wenn Sie es nicht glauben, in runden Klammern stehen die Seitenzahlen in der Quelle.

Fangen wir nun endlich an. Bekanntlich kehrt sich die Romantik vom Rationalismus, der im
18. Jahrhundert ganz schön um sich griff, ab. Und sie wendet sich der Mystik zu, so wie sie im Mittelalter blühte. Im Maler Nolten tritt keine einzige Figur auf, die abstreitet, daß es Geister gibt. Wenn es um die Materialisierung der Dämonen geht, wird freilich nur auf Zeugenaussagen – und zwar von mehr oder weniger einfältigen Nebenfiguren - zurückgegriffen. Doch es wird völlig im Ernst behauptet, die Seelen von Maler Nolten und Elisabeth waberten als Rauchsäulen um den Pfeiler in jener alten Kapelle - auf dem Gelände des Landgutes des Präsidenten - vor deren Pforte Theobald Nolten gegen Romanende hin entseelt aufgefunden wird. Es ist so beschrieben, als ob das mit den Geistern wirklich so gewesen wäre.
Allerdings müßten wir noch die Zweitfassung des Romans, die sich Mörike 1859 abgerungen hat, genau daraufhin durchsehen. Hat sich der Dichter später doch noch ironisch von seinem romantischen Original anno 1830 distanziert? Aber darum geht es nicht. Es geht hier darum: Mit der Maler-Nolten-Ausgabe von 1832 liegt uns ein erstaunliches Werk vor. Der sensible Leser bekommt mitunter richtig Angst vor den zwischen den Zeilen lauernden Dämonen. Da ist zum Beispiel das Erscheinen des Geistes der Zigeunerin Elisabeth, vor dem sich Agnes so fürchtet, daß sie darüber im Verlaufe der Handlung völlig durchdreht. Oder da ist es Maler Nolten, der sich angeblich vor dem Geist Elisabeths zu Tode erschreckt.
Weil wir nun heute einmal ausgesprochen nichtrationale Prosa besprechen, sei eine weitere Besonderheit, die wir außerhalb der romantischen Literatur wohl vergeblich suchen werden, genannt. Das sind die Ahnungen. Theobald Nolten ahnt, daß er bei seinem Ausflug zur Burgruine Rehstock jene Elisabeth, die er jahrelang nicht gesehen hat, treffen wird. Er trifft sie wirklich. Noltens bester Freund Larkens, der am Intrigenspiel Spaß hat, schreibt aus der entfernten Residenzstadt, wo er mit Nolten bei Hofe weilt, Briefe an Noltens Braut Agnes - ohne Wissen Noltens übrigens – und gibt sich in den Papieren als der Bräutigam aus. Als später Nolten reuevoll zu seiner Braut nach Neuburg zurückkehrt, ist es dem Leser immer so, als ahnt die Braut, Bräutigam und Briefschreiber seien zwei Personen.
Genug der Nichtrationalitäten – Dämonen und Ahnung sind nur zwei augenfällige Punkte in Mörikes bemerkenswertem Roman. Wollen wir den Geist ganz kurz und treffend beschwören, von dem wir andauernd reden, sollten wir nun Hermann Hesse zitieren. Der große schwäbische Mörike-Verehrer schrieb 1911 von der Schicksalsschwüle, die über der Lektüre dauerhaft präsent ist. Von dem Hesse-Wort ausgehend, können wir dem Besonderen im Maler Nolten auf die Schliche kommen: Große Literatur hat mit Rationalismus wenig zu tun. Geschrieben wird darin von den Dingen, die unter unserer „Oberfläche“ brodeln, Sachen, die sich schlecht oder gar nicht in Worte fassen lassen. Sehr wenige nur brachten genau das fertig. Einer von ihnen heißt Eduard Mörike.

Der Lyriker Eduard Mörike wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg geboren und starb am 4. Juni 1875 in Stuttgart.

Eduard Mörike: Sämtliche Werke in vier Bänden. Zweiter Band
Maler Nolten
Roman (1832)

ISBN 3-446-13464-6
München, Wien 1981

Hedwig Storch 9/2006
__________________
Hedwig

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memo
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Ein guter Text. Kurzweilig zu lesen und gleichzeitig macht er mich neugierig auf den Maler Nolte. Ich mag ja komplizierte Sätze und Mystik eigentlich auch.
Und besonderns interessieren mich Dinge die unter der Oberfläche verborgen sind. Also danke, für diese gelungene Buchbeschreibung.
Liebe Grüße
memo

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