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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dagon
Eingestellt am 24. 10. 2014 21:11


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Circulo
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Dagon


I'm kidd'n you

Bob Dylan


Tobten feixend zum Ufer hinab

Ciconia


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Lovecraft





Ich bin zum wiederholten Male hier. Es ist nicht das gleiche Zimmer, aber derselbe Raum. Ich wei√ü es, weil ich schon wieder versuche zu schreiben. Die Ger√§usche um mich herum habe ich auf ein Minimum reduziert. Mit keinem Menschen habe ich in den letzten Monaten gesprochen. Ich ertrage es nicht mehr, ertrage es weder nicht zu schreiben noch zu schreiben. Ich kann mit meinem Wagen und Wegen in den Supermarkt fahren, wozu ich jedoch mein Gew√∂lbe verlassen m√ľsste. Und das will ich um keinen Preis. Heute Nacht werde ich mich vernichten. Ich erz√§hle Euch warum.

Ich war mit einer Fraktion angesehener Wissenschaftler in der T√§tigkeit eines Assistenten auf einer Kreuzfahrt, als ich in einem Moment begleitet von einem Gef√ľhl der Sehnsucht und Weite die Taue eines Beibootes l√∂ste und mich wie im Film auf den Ozean hinablie√ü. Meine Taschen waren vollgestopft mit Lustbarkeiten vom Buffet, einige Flaschen Wasser und Whiskey, ger√§uchertes Fleisch aus den Ayla-B√ľchern f√ľhrte ich in einem Plastikbeutel bei mir. Die ganze Zeit √ľber schaute ich nur auf die Oberfl√§che des Meeres, fl√ľchtig, nie den Versuch unternehmend in den Abgrund unter mir zu starren, sa√ü ich die Beine an meine Brust angewinkelt kauernd im Boot, ohne die Ruder zu benutzen. So trieb ich willenlos umher und sehnte ich mich nicht nach dem Schiff zur√ľck. Ich hatte Gl√ľck, dass es niemals st√ľrmte und verzehrte allm√§hlich meine Ration. Noch ehe diese zur Neige ging, bemerkte ich in der Ferne die Umrisse einer Insel, deren Front keine schroffen Felsen zeigte, sondern einladenden Strand. Einen ganzen Tag lang interessierte mich die Insel nicht. Ich sa√ü in meinem Boot und sang verr√ľckte Lieder als w√§re ich Bob Dylan. Dann aber: wie von einem Blitz getroffen, ergriff ich die Ruder und steuerte auf die Insel zu, die mir √ľber Nacht ohnehin n√§her gekommen war.

Ich kam problemlos auf der Insel an wie Don Giovanni bei Donna Elvira. Aus einem inneren Impuls heraus, zerschlug ich das Boot und schichtete das Holz am Strand, den Kompass den ich bei mir f√ľhrte, warf ich ins Wasser. Dann wendete ich mich der Insel zu. Vor mir lag die pure Langeweile. Ich wusste es jetzt schon. Schnell hatte ich ausgemacht, dass es genug Pflanzen und Viech gab, das mich ern√§hren k√∂nnte. In nicht einmal einer halben Stunde hatte ich das andere Ende der Insel erreicht, wo ebenso tr√§ge das Wasser anschappte. Ich warf mich in den Sand, schaute in den Himmel und begann zu onanieren. Anstatt dies zu beenden, erhob ich mich und sagte mir, dass ich etwas beginnen m√ľsse, den Anfang eines Lebenswerkes setzen, welches mein Leben hier auf dieser Insel auszeichnen w√ľrde. Au√üer Geld und einigen Ideen, die ich nach der Kreuzfahrt realisieren wollte, hatte ich nichts bei mir als eine Decke, eine Bunte, zwei Ausgaben der Welt und eine der Zeit. Ich wollte sofort einen Vers in den Sand schreiben. Dazu griff ich nach einem Stock und ging ans Werk.

Ehe ich mich dazu entschlossen hatte, mich selbst√§ndig zu machen, war ich ein mehrfach ausgezeichneter und mit Stipendiaten, in meinem eigen gewordenen Geld erstickender Student, der mit einer kleinen Gruppe genialer Idioten an der Reformierung von Kommunikationsmodellen arbeitete. Wenn man wie ich bereits in fr√ľher Jugend ein tieferes Interesse f√ľr technische Zusammenh√§nge und mathematische Formeln entwickelt, gelangt man bereits in jungen Jahren an einen Ekel gegen die Menschheit, der sich durch solche Schreibereien eines Sartre gar nicht einholen l√§sst. In meiner Schule befanden sich junge Menschen, die sich selbst verletzten, in dem sie sich die Arme mit Messerchen aufritzten, andere, die in ihren Souterrainbarzimmern im Elternhaus so viel soffen, dass ihnen der Magen ausgepumpt werden musste. Ich musste mir das Leid nicht selbst zuf√ľgen, weil es mich √ľberkam. Pl√∂tzlich wie aus heiterem Himmel, irgendwelche Schwingungen in meiner Familie, bei den Nachbarn oder sonst irgendwo in unserem Dorf mussten daf√ľr gesorgt haben, dass ich mich immer wieder erbrechen musste, √ľberall, irgendwann und in Mengen, die mich niedergeschlagen haben. Bald sp√ľrte ich, dass mein Elend am besten zu ertragen sei, m√∂glichst weit ab der menschlichen Zivilisation. Darum beantragte ich mit f√ľnfzehn oder sechszehn Jahren ein Stipendium f√ľr eine kleine Eliteschule im Westen der USA, wurde angenommen und lebte nach einem skurrilen Flug, w√§hrend dem ich m√∂glicherweise Mutter wurde, in einer Art Bunker. Ich f√ľhlte mich wie Sylvia Plath unter einer Glasglocke und h√§tte meinen Kopf auch am liebsten in einen Herd oder so gesteckt um einfach sterben zu k√∂nnen. Aber ich blieb unentschlossen im Westen der Staaten. Da war architektonisch √ľberhaupt alles bunkerartig, viel Sand, viel grau. Man lie√ü mich in Ruhe und ich besch√§ftige mich in der Hauptsache mit Mathematik. Und ich absolvierte ein Praktikum im Finanzamt der Staaten.

Einmal im Jahr, vor dem Beginn des Semesters unternahmen die Forscher eine kurze Kreuzreise auf einem Schiff, das sie selbst konstruiert hatten, und welches jedes Jahr verbessert wurde. Auf einem solchen bin ich gewesen, wie jedes Jahr, als ich mich abseilte. Vielleicht war dieses Beiboot auch genau f√ľr mich so konstruiert worden, dass ich am 05.10.2014 18:26 MEZ mich abseile und ins Ungewisse treibe. Ich kann nur sagen, dass es mir nie besser ging, als allein auf dieser Insel, ohne Menschen und nur der unendlichen Langeweile ausgesetzt.

Als ich am Morgen erwachte hatte ich Lust schwimmen zu gehen. Was blieb mir sonst auch auf dieser acht Quadratmeter gro√üen Insel √ľbrig. Ich kam mir, w√§hrend ich ins Wasser stieg wie ein reicher Million√§r und Nobelpreistr√§ger vor, der sich aus dem √∂ffentliche Leben zur√ľckgezogen hat, das Denken eine Stufe zur√ľckgestellt und jeden Morgen einige Runden in seinem Swimming Pool zur√ľcklegt. Ich allerdings lie√ü mich einfach auf dem Wasser treiben. Die Wellen trugen mich hinaus. Als ich das bemerkte, schwamm ich zur√ľck zum Strand, der sich bereits in einiger Entfernung befunden hatte. Ich legte mich an den Strand, schaute den Fischen dabei zu wie sie umhertrieben und versank in meine eigene Finsternis, in die Ged√§rme meines Inneren, worin sich ein Haufen an glatten Fl√§chen, Funktionierendem und Schei√üe befand, Morast und unendlicher Schleim, der sich solange weiter produzieren w√ľrde, bis ich st√ľrbe und dem restlichen Viech zur gerechten Nahrung zuk√§me, und den ich wieder vergessen w√ľrde, sobald ich die Augen √∂ffnete und aus meinen Tr√§umen in die Wirklichkeit zur√ľckkehrte.

Ich stellte ziemlich schnell fest, dass in regelm√§√üigen Abst√§nden Schiffe an der Insel vorbeifuhren. Da ich jedoch noch einiges an Vorrat hatte, wollte ich das Einsiedlerdasein noch eine Weile auskosten. Jeden Morgen schrieb ich einen Vers in die Ebbe, den die Flut immer wieder mit sich nahm. Ich buddelte meinen Kompass aus dem Sand, um ihn wieder ins Meer zu werfen. Sobald mich die Gedanken an meine eigenen Ged√§rme heimsuchte, begann ich mir Fouriertransformationen vor dem inneren Auge entstehen zu lassen und bald darauf sah ich Automobile, in denen ich sa√ü, und fern sah, w√§hrend mir ein weiblicher Roboter den R√ľcken massierte, wie ein H√∂hlenmensch z√§hlen lernte, um nicht von seiner eigenen Angst heimgesucht zu werden. Z√§hlen stellte ich fest, war √ľberhaupt die beste Methode, um vergessen zu k√∂nnen. Und ich z√§hlte wie ein Taschenrechner ohne Mantel.

Eines Tages muss mich eines der vorbeifahrenden Schiffe gesehen haben, als ich auf einen der B√§ume geklettert war. Eigentlich hatte ich dies gemacht, um von oben hinunterzuspringen. Ich wei√ü nicht, warum ich das getan habe, wahrscheinlich aus Langeweile. F√ľr einen Selbstmord war der Baum viel zu niedrig, und so brach ich mir nur ein Bein, was mir der Seearzt auf der Steal dann auch versicherte. Weil da bin ich aufgenommen worden.

Ich flanierte drei Tage lang auf dem Deck der Steal entlang als w√§re ich Jesus Christus. Seit meiner Zeit auf der Insel, muss meine Nase sensibler geworden sein, denn ich konnte den Geruch der Menschen auf diesem Schiff √ľberhaupt nicht mehr ertragen. Selbst wenn ich einen durch ein Fenster sah oder er hinter der Stahlwand ging, schien sein Geruch zu mir durchzudringen. Je mehr ich mich bewegte, desto besser erging es mir. Die Matrosen deuteten mein st√§ndiges Erbrechen als Seekrankheit. Ich verachtete sie bei mir im Grunde, und vermied es mit ihnen zu sprechen.

Wie sich herausstellen sollte, befand ich mich auf einem Kaufmannsschiff unter der F√ľhrung des Kapit√§ns Dr. Lutger, der auch mal ein mittelm√§√üiger Historiker gewesen ist. Mir blieb wegen meiner √úbelkeit gar nichts anderes √ľbrig als mich die meiste Zeit des Tages in mein kleineres Zimmerchen zur√ľckzuziehen und zu schlafen. Nie versp√ľrte ich eine gr√∂√üere Sehnsucht zu sterben als unter der F√ľhrung Dr. Lutgers auf dieser Steal, dessen Besatzung in einer Sprache mit einander kommunizierte, die ich nicht im Mindesten verstand. Auch die Sitten dieser Mannschaft wollte ich nicht n√§her unter die Lupe nehmen, nachdem ich einmal gesehen hatte, wie sich die ganze Mannschaft an Deck versammelt hatte und um einen Keks herum onaniert hatte. Ich hatte eigentlich einen Termin mit dem Arzt und wollte ihn um etwas zu schreiben bitten. Aus der Ferne hatte er mich gesehen, w√§hrend er seinen Orgasmus hinausz√∂gerte wie ein Pornostar, und mir zu gewunken. Da war ich rasch in mein Zimmer zur√ľck gerannt.

Bald war es mir auch nicht mehr möglich zu schlafen, weil ich nichts mehr träumte. Erst träumte ich nichts mehr und dann konnte ich nicht mehr schlafen. Ich suchte gegen meinen Willen den Schiffsarzt auf. Er grinste, als ich ihn fragte, ob er etwas gegen meine Schlaflosigkeit wisse. Während er immer wieder versuchte nach meinem Genital zu schnappen, erklärte er mir, dass die ganze Mannschaft unter Schlaflosigkeit leide. Immer wenn ich ihm zuzuhören versuchte meine Nase verschließend versuchte er meine Aufmerksamkeit dazu auszunutzen nach meinem Glied zu schnappen und ich musste immer wieder rasch zur Seite springen, sodass aus unserem Gespräch eine Art von Tanz wurde, als sähe man Diskothekenbesucher im Stroboskopenlicht zu. Er teilte mir mit, dass die ganze Mannschaft schreibe, um gegen das Elend vorzugehen. Er händigte mir einige Bögen Papier aus, die ich ihm rasch entriss. Dann verschwand ich wieder in meinem Zimmer. Dann begann ich zu schreiben.

Mit dem Schreiben wurde alles noch viel schlimmer. Irgendwann, ich verlernte Tag und Nacht zu unterscheiden, weil das Licht die ganze Zeit √ľber hell erleuchtet war, riss mich das Ger√§usch von Trommeln und Fanfaren aus einem d√§mmrigen Zustand, in dem ich jetzt meinen Schlaf nachzuholen versuchte. Die Mannschaft veranstaltete einen Umzug, pl√§rrte durch das Schiff und legte an verschiedenen Orten Kr√§nze ab. Bald war das Ger√§usch verschwunden, dann tauchte es wieder auf. Als es still wurde lagen sie alle auf einem Haufen nackt beieinander und stanken undefinierbar und r√∂chelten.

Auf gut Gl√ľck sprang ich ins Wasser. Manches ist einfach ganz und gar unertr√§glich. Wie ich feststellen musste, war es Nacht. Bei meiner Landung brach ich mir erneut ein Bein, und ich musste feststellen, dass sich die Steal gar nicht mehr auf dem Wasser befand. Jedenfalls war es finstere Nacht. Auf einem Steg, √ľber den ich humpelte nach der Suche nach irgendjemand, der mir helfen k√∂nnte, stolperte ich √ľber verstreut herumliegende K√∂rper von schlafenden Menschen, die auf irgendeine Weise am Festzug der Steal teilgenommen haben m√ľssen. In der Ferne leuchtete ein gigantisches Geb√§ude. Ich humpelte √ľber die Stinkenden hinweg auf das Licht zu wie in einer romantischen Geschichte.

Das Haus war ein Stein, gesch√§tzt mehrere hundert Meter hoch, √ľber der T√ľr hing ein Schild, worauf stand ‚ÄěEintritt nur f√ľr Hinkende‚Äú, darunter ein blinzelnder Smiley in neongelber Leuchtfarbe. Das mit dem Hinken traf sich gut. Ich ging durch die T√ľr hindurch, die von niemandem bewacht wurde. Drinnen schien ein grelles Licht und erf√ľllte einen meterhohen Raum, in dessen Mitte ein Brunnen pl√§tscherte, das einzige Ger√§usch und die einzige Bewegung, abgesehen von dem Licht in diesem Entre.

Das ganze Geb√§ude war von einem merkw√ľrdigen Sirren erf√ľllt. Es erinnerte mich an den Ton, den ich in den Tagen auf dem endlosen Ozean vernommen hatte, nachdem ich das Kreuzfahrtschiff verlassen hatte, den ich damals aber f√ľr eine Art von Tinitus gehalten hatte. Hier nun war dasselbe Ger√§usch, als l√§gen sich verschiedene Frequenzen √ľbereinander und f√ľhrten einen kleinen Krieg in der Luft. Ein Arzt war nirgendwo zu sehen, √ľberhaupt auch sonst kein Mensch. Mein Gips war ebenso gebrochen und br√∂selte allm√§hlich ab wie mein Bein, dachte ich. Den haupts√§chlichen Geruch, den ich vernahm war der Geruch von √Ėl, der mir einigerma√üen ertr√§glich vorkam. Niedergeschlagen und mit Schmerzen im Bein setzte ich mich auf eine Bank, und kam mir vor wie ein Mensch am Nordpol, irgendwo auf einem Gletscher des Eismeeres sitzend und sich in der Nase bohrend, weil es da trotz der erhabenen Aussicht noch immer juckte.

In der N√§he befand sich ein Bildschirm, der flimmerte. Ich trat auf denselben zu, nachdem ich eine gesch√§tzte Ewigkeit auf der Bank geschlafen hatte. W√§hrend ich bef√ľrchtete, dass mein Bein mit jeder weiteren Minute unwiederbringlich entstellt verwachsen w√ľrde, dr√ľckte ich einen Knopf an einem Ger√§t und Bilder erschienen auf dem Bildschirm. Ich fand ein paar Controller und nahm einen in die Hand. Wie es sich bald herausstellte, war das Spiel eine mir bis dahin unbekannte Version von GTA. Auf dem Bildschirm war ich selbst zu sehen, wie ich vor einem Bildschirm stand. In der Hand trug ich jedoch keinen Controller sondern eine Motors√§ge. Mit dieser rannte ich beh√§big einige Schritte durch dieses Geb√§ude der Hinkenden. Alles war ganz genau so wie in der Wirklichkeit, auch der Brunnen pl√§tscherte, immer mit ein paar Sekunden Versp√§tung. Ansonsten war alles still und kein Mensch war da au√üer mir, der sich mit einer Kettens√§ge bewaffnet durch einen Supermarkt schleppte. Ich schaute mir ein bisschen den Hausplan an, und t√∂tete zun√§chst die Menschen denen ich am Ausgang der Steal begegnete, die gerade aufzuwachen schienen und die ganze Crew, was mir eine ungeahnte Freude bereitete. Dann als ich tats√§chlich niemanden mehr finden konnte, keine Menschenseele, t√∂tete ich mich einige Male selbst, indem ich wiederholt auf das Hausdach des Geb√§udes hinauflief und mich in die Tiefe st√ľrzte. Als das auch langweilig wurde, legte ich den Controller beiseite und schaute sinnlos umher.
Irgendwann war ich noch einmal zum Schiff gegangen, um nachzusehen, ob da ein Mensch war, sah ich nur Blut. Auf dem Steg, auf der Steal und ich hielt meine Nase in das Blut hinein, weil es nach nichts roch.

Zwischenzeitlich sah ich mich wie selbstverst√§ndlich als Eigent√ľmer des Hauses der Hinkenden, wo ja auch das ganze Haus seinem Namen nach so gut als Zeichen meiner k√∂rperlichen Verfassung herhalten konnte. Und so hinkte ich durch meinen Komplex, allein ohne Freund und Haustier. T√§glich ging ich durch meinen Supermarkt und sondierte. Mit der Zeit lernte ich in den Winkeln und Fugen des Komplexes allerlei Viech sehen. Merkw√ľrdig gestaltete W√ľrmer und glitschige Dinger, kleine Pflanzensporen, die mir immer mehr ans Herz wuchsen. Ich sah sie neben den tausenden von Bl√§ttern die ich sinnloserweise vollschrieb, als meine rechtm√§√üigen Nachkommen an. Nach und nach brannten auch die Gl√ľhbirnen durch, es wurde zunehmend finster. Ich rollte auf Schreibtischsesseln durch die G√§nge, die Haare steil nach oben stehend, wusch mich am Brunnen, dessen Wasser nicht zu enden schien und cremte mich mit Sonnencreme ein. Ich sprach mit den K√§fern und teilte ihnen mit, dass sie sich nicht zu f√ľrchten br√§uchten, weil sie im Gegensatz zu einem wie mir auch ohne Licht, W√§rme und solche Energie √ľberleben k√∂nnten. Aber das schienen sie bereits zu wissen. Manchmal streichelte ich einen Wurm und manchmal a√ü ich einen K√§fer. Ich rannte nackt durch das Geb√§ude und setzte mich in einen Aufzug, kauerte und versuchte zu weinen. Das ging nicht und ich lachte, und freute mich einfach daran zu leben, wenn man das noch so nennen konnte.

Als der Strom ausgefallen war, lag ich einige Tage auf dem R√ľcken und schaute in die Dunkelheit. Vielleicht fehlte mir der Gestank, oder ich wollte Schauen, ob es auf der Steal noch Licht gab. Ich wei√ü nicht mehr genau, aus welchem Grund ich was tat. Es geschah einfach. So stand ich wieder auf dem Schiff und in der Ferne flackerten noch in vereinzelten Stockwerken die Lampen. Ich winkte meinem Eigentum zu und ging in mein Zimmer.

Ich wachte in der folgenden Zeit in verschiedenen Zellen auf, √ľberall war es weich, ich konnte mich nicht bewegen und ein Mann schob mir das Essen durch einen kleinen Schlitz einer massiven Stahlt√ľr. Ich glaube ich schlug in dieser Zeit viele Purzelb√§ume und sang Lieder √ľber meine Kinder, und √ľber eine bessere Zukunft.

Dann sitze ich wieder auf jener Eisscholle im Gebirge, in meinem Zimmer auf der Steal in einer Diskussion mit Dr. Lutger √ľber den Reichsbegriff Kaiser Karls des Gro√üen begriffen, oder ich fahre in einem Cabriolet an einer K√ľste entlang, schmuse mit einem, trinke Champagner und h√∂re Yeezus von Kanye West. Oder ich sitze wie jetzt hier an meinem Schreibtisch, im selben Raum, wenn gleich es auch ein anderes Zimmer ist, und lege diesen Bericht nieder, um dem Leser anzuzeigen, was mich veranlasst hat.

Vielleicht habe ich mir das auch alles nur eingeredet, denke ich. Mein Zimmer ist mein Zimmer und jetzt gleich werde ich Z√§hne putzen gehen und dann mich in mein Bett legen und schlafen. Ich sehe die Spinne, die in der Ecke meines Zimmers sitzt, h√∂re meine Mitbewohner kichern und duschen und √ľber Chemie sprechen, und ich h√∂re den Brunnen rieseln, sp√ľre wie ich innerlich bebe, mein Magen, das ganze Viech darin, der Kaffe, der Stollen von heute Nachmittag, die Drogen die ich konsumiert und es beschleicht mich eine kleine Angst, ich grinse.

Meine Mitbewohner klopfen nicht, es stinkt auch nicht. Ich sitze hier, und morgen habe ich auch nichts vor. Ich sitze hier und warte, und das ich mich selbst umbringen will, war nat√ľrlich auch nur ein Scherz von mir.

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