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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Daheim Unter den Linden
Eingestellt am 01. 03. 2009 09:36


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Heinrich Mann, 1943/44 weitab von Europa im kalifornischen Exil, schimpft in seinen Memoiren "Ein Zeitalter wird besichtigt" Adolf Hitler kurz und lang.
Sie merken schon, in unserer kleinen Besprechung geht es dieses Mal nicht um das wirkungsvolle Schreiben, sondern schlicht um Lebenserinnerungen. So lautet denn auch unsere heutige Frage blo├č: Sollten wir die Texte alter Leute lesen?
Alt sind die Memoirenschreiber immer und Heinrich Mann f├╝gt hinzu: b├Âse obendrein. Zugegeben, die Lekt├╝re ist belastend. Greifen wir nur zwei Exempel aus den Personen, die Heinrich Mann besichtigt, heraus. In runden Klammern steht nach einem kursiv gesetzten Zitat immer die Seite in der Quelle.

Erstens, wie oben genannt, Hitler. Allein die Beinamen, mit denen der Schreckensmann (109) im Text belegt wird, lassen darauf schlie├čen, was der Autor von dem Diktator h├Ąlt. Es seien von den vielen Benennungen nur ganz wenige herausgegriffen. Die Idee dieser Puppe der Schwerindustrie (193) und dieses Herrn aller P├ętains (404) sei, niemand will den Krieg, daher kann ich ihn machen (15). Deutschland g├Ąbe sich dem niedrigen Individuum in die H├Ąnde (15). Die Strategie des F├╝hrers beruhe auf seinen irrationalen Impulsen. Darum k├Ânnten die Manufacturers keine n├╝chternen Pl├Ąne bekommen (193). Hitler habe zuviel Gl├╝ck gehabt. Im Ungl├╝ck dann werde er verachtet vom General, der das rettende Flugzeug besteigt, bis zu dem gemeinen Mann, wenn er nach einem letzten St├╝ck Pferdefleisch auf dem Eis erstarrt - "in grotesken Stellungen", wie gemeldet wird (364). Das Hauptquartier m├╝sse nach Polen zur├╝ckverlegt werden und, wer wei├č, wie bald ist es in Chemnitz (364).

Zweitens wird Kaiser Wilhelm II. besichtigt. Der Kaiser spiele den absoluten Herrscher. Dazu kleide er sich h├Ąufig um, reise immer, wisse alles und rede noch mehr (12). Er achte nur das Geld und verbinde sich mit der Industrie. Wilhelm II. provoziere, zucke zur├╝ck und spiele mit t├Âdlichen Feindschaften (14). 1906 reitet der Kaiser Unter den Linden an Heinrich Mann vor├╝ber in der Haltung eines bequemen Triumphators. Wenn er gegr├╝├čt werde, l├Ąchele er - weniger streng als mit leichtsinniger Nichtachtung (222). Zur Arbeitergesetzgebung habe der Kaiser bemerkt: Die Kompottsch├╝ssel ist voll und zum Ausbruch des Krieges: Das habe ich nicht gewollt (476).

Starker Tobak. Wir m├Âchten die oben gestellte Frage - "Sollten wir die Texte alter Leute lesen?" - gern bejahen und machen einen Spaziergang Unter den Linden dort in Berlin. Wir verlassen meinetwegen die Humboldt-Universit├Ąt, wenden uns nach rechts und flanieren schlie├člich in der Mitte der Prachtstra├če bis hin zum Brandenburger Tor. Immer h├╝bsch in der Mitte schlendern wir erhobenen Hauptes zwischen den Linden und sehen ganz hinten die Viktoria auf der Siegess├Ąule golden schimmern. In dem Moment kommt uns der Kaiser entgegen. Zu Pferde. Und zieht jenes Gesicht! K├Âstlich, wie Wilhelm grimassiert, wenn er gegr├╝├čt wird! Das Bild, der weniger strenge Wilhelm in seinem Leichtsinn hoch auf dem Gaule: Das ist Prosa, die wir lesen m├Âchten, auch weil es ein wenig mehr ist als Schimpf und Schande. Danken wir dem vor 59 Jahren in der Fremde am fernen Pazifik verstorbenen Autor f├╝r dies einzige deutsche Kaiserbild, das vielleicht auch ein ganz klein wenig uns alle - gleichsam als Bilderrahmen gruppiert - enthalten k├Ânnte.

Heinrich Mann wurde am 27. M├Ąrz 1871 in L├╝beck geboren und starb am 12. M├Ąrz 1950 in Santa Monica (USA, Kalifornien).

Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt. Memoiren
Stockholm 1946

Quelle in Band 24:
Heinrich Mann: Gesammelte Werke. 732 Seiten.
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1982

Neuere Ausgabe: S. Fischer, 592 Seiten, ISBN 3-596-25929-0

Hedwig Storch 3/2009

__________________
Hedwig

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