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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Daisy Rellik
Eingestellt am 07. 12. 2001 16:25


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The Girl Who...
Routinierter Autor
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Dreiviertel drei ist eine ├Ąu├čerst charmante Tageszeit. Sie enth├Ąlt nicht ein Gramm an Wichtigkeit, und doch zerl├Ąuft sie einem auf der Zunge wie die rhythmusbetonteste und Eindruck erweckendste Zeit aller Zeiten. In der Uhrzeit dreiviertel drei finden wir die perfekte Zeit, sie enth├Ąlt nicht die Poesie des Sonnenaufgangs am Morgen oder der Funkeln der Sternen in der Nacht, weder Geister noch Mahlzeiten sind von ihr abh├Ąngig, sie ist unber├╝hrt von sporadischen Morden und symboltr├Ąchtigen Selbstmorden, sauber zur├╝ckgelassen vom Lauf der Zeit.


Um dreiviertel drei an diesem einen Sommertag fuhr eine junge Frau mit dem Namen Daisy Rellik an einem kleinem Cafe, in dem Tr├Ąume wahr wurden, vorbei und stellte ihren zerbeulten Pick-Up vor dem Apartment ab, in dem sie wohne, keine f├╝nfzig Meter von dem Cafe entfernt, in dem sie noch nie gewesen war. Sie war Mitte drei├čig, zierlich, und hatte rotes langes Haar, dunkelrot. Ihre Lieblingskekse waren Chocolate-chipped Cookies. Als sie sieben Jahre alt war, malte sie Bilder von H├Ąusern ohne Fenster. Sie hatte mal einen Hund, der Johnny Ace hie├č. Sie redete nicht mehr mit ihren Eltern. Ihre Eltern redeten nicht mehr miteinander. Margariten haben wei├če Bl├╝tenbl├Ątter, die anscheinend die Ungewissheit der Liebe in einer Kultur symbolisieren, die sich auf Blumen verl├Ąsst, um Gef├╝hle auszudr├╝cken, ihre Menschen zerpfl├╝cken die kleinen wei├čen Fl├╝gel, um sich der Liebe anderer zu vergewissern. Rellik r├╝ckw├Ąrts buchstabiert ergibt das englische Wort f├╝r M├Ârder. Killer r├╝ckw├Ąrts buchstabiert ergibt jedoch keine Sinn, im Gegensatz zu dem Wort God, dass zu Dog wird.


Daisy parkte also ihren Wagen.


Sie stieg aus und lief um ihn herum zum Kofferraum. Sie erinnerte sich noch gut an den Zustand des Fords, als sie ihn vor vier Jahren gekauft hatte. Die Reifen waren komplett abgenutzt, die Handbremse klemmte fest und der Spiegel auf der Fahrerseite hing herunter wie eine losgel├Âste Rippe. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt. Daisy ├Âffnete den Kofferraum und zog einen gro├čen M├╝llsack heraus. Er war am oberen Ende mit grauem Industrieklebeband zugeschn├╝rt. Der Sack schlug mit einem dumpfen Ger├Ąusch auf der Kante des B├╝rgersteigs auf. Daisy sch├╝ttelte den Kopf. Ihr war, als f├╝llte ein furchtbarer Gestank ihren Mund. Sie schaute auf dem M├╝llsack und dachte daran, ihn einfach dort liegen zu lassen, er war einfach viel zu schwer f├╝r sie.


Aus der Vordert├╝r ihres Apartmentgeb├Ąudes kam Fred, der Mexikaner, dem der gesamte Block geh├Ârte. Es schien, als geh├Ârten alle Gesch├Ąfte in der Nachbarschaft Ausl├Ąndern. Es war diese Art von Gegend; der kleine Supermarkt an der Ecke geh├Ârte einer indischen Familie, die vor ├╝ber drei├čig Jahren nach Amerika gekommen war; einem gutaussehenden griechischen Adonis namens Georgi geh├Ârte die Videothek, in der er den Damen Sonderpreise machte; es gab eine Bar ein paar Stra├čen weiter, die ein australischer Kerl er├Âffnet hatte; er nannte sein Trinkloch "Ned Kelly's", eine ├╝berf├╝llte, kleine, dunkle Kneipe am Abend, in der tags├╝ber die bester Burger der Gegend serviert wurden.


"Hey Miss Rellik, soll ich ihnen mit dem Sack da helfen?"

"Oh Fred, w├╝rden sie? Sie sind ein Engel!"

"Ach was, den Nachbarn hilft man doch immer, oder?"

Fred war ├╝ber sechzig aber hatte die Kraft eines Teenagers. Er hatte einen schwarzen Schnurbart und trug immer einen halblangen Mantel ├╝ber einen kurz├Ąrmeligen Hemd. Heute war das Hemd himmelblau und der Mantel dunkelrot. Er kam zu Daisy her├╝ber und half ihr, den Sack hochzuheben. Er fragte sich, was sie da drin hatte. Als sie damals eingezogen war, hatte er f├╝r sie kleinere Handwerksarbeiten erledigt. Er wunderte sich noch immer ├╝ber den Inhalt des komischen Gep├Ącks und dar├╝ber, wo Daisy wohl in den letzten Tagen gewesen sein mochte. Sie hievten den Sack in den Eingang des Wohnhauses. Daisy wohnte im ersten Stock. Die Treppe war unterteilt, auf der H├Ąlfte lag ein Fenster, dass einen breiten orangefarbenen Lichtstrahl hereinlie├č, in dem man tausend Staubk├Ârner durch die Luft schweben sah. Neben dem Fenster hing ein Kunstdruck von Van Gogh, "Sternennacht".


"Sie waren f├╝r ein paar Tage weg, Miss Rellik?"

"Ja, hatte zu Hause ein paar Dinge zu erledigen und bin auf dem R├╝ckweg durch die Berge gefahren und habe am See ├╝bernachtet."

"Sie waren am See? Waren sie in dem kleinen Hotel?"

"Genau, kennen sie es?"

"Da gibt es die besten Steaks, Miss Rellik!"

"Ich glaube, da haben sie recht Fred, aber sie wissen ja, ich muss an die Ausma├če denken." Sie lachte, deutete mit der Hand auf ihren Po und sah Fred direkt in die Augen.


"Ich wollte sie auch noch fragen, Miss Rellik, es eilt nicht, aber w├Ąre es ihnen m├Âglich, die Miete f├╝r die beiden letzten Monate bald zu bezahlen?" fragte der Mexikaner sichtlich nerv├Âs.


"Nun Fred, ich dachte, wir h├Ątten eine Abmachung?"

"Aber Miss Rellik, ich bin ein alter Mann, der auch Geld braucht."

Sie hielten inne, als sie an Daisys Wohnungst├╝r ankamen und stellten den M├╝llsack ab. Fred stand still da und Daisy schaute ihn an. Ihr fiel auf, dass der unterste Knopf an seinem Hemd fehlte und man seinen Bauchnabel sehen konnte. Auf seiner Stirn sammelte sich Schwei├č und er bem├╝hte sich, w├╝rdevoll auszusehen w├Ąhrend sie ihn so scharf ansah. Zwischen ihnen lag die gleiche Energie wie zwischen einer Tigerin, die durch die Stangen ihres K├Ąfigs starrt, und ihrem Publikum. F├╝r einen Augenblick f├╝hlte sich Daisy genau so, als gefangenes Ausstellungsobjekt, sich der auf sie gerichteten perversen Blicke v├Âllig bewusst. Dann nahm sie den Schl├╝ssel, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn um. Klick. Die Luft um sie herum z├Âgerte f├╝r einen Augenblick, bevor sie in den Flur der Wohnung str├Âmte, wartete wie die Patronen einer Waffe auf dem Moment, abgefeuert zu werden. Dann schwang die Tigerin ihre Krallen.


"Warum kommen sie nicht sp├Ąter noch einmal vorbei? Lassen sie mich auspacken, duschen, ein bisschen Make-up auftragen, und dann kommen sie rauf und wir regeln das mit der Miete. Wollen wir das so machen Fred?" Ihre Stimme klang gut, ihre Augen sahen b├Âse aus. Fred f├╝hlte sich schlecht.


Der besiegte Mexikaner lag verwundet am Boden. Die Tigerin hatte geknurrt, und er f├╝hlte sich schuldig. Er lag zuckend am Boden wie der Stier in einer Arena; das Blut lief an ihm herunter und versickerte im Sand, er konnte h├Âren, wie das Publikum dem Matador applaudierte, der neben ihm Siegerposen einnahm. Junge M├Ądchen in wei├čen Kleidern pressten sich Rosenkr├Ąnze an die Brust, Blumen flogen dem Sieger zu. Der Stier lag vergessen am Boden, die hei├če Sonne versengte sein blutiges Fell, der S├Ąbel steckte noch in seiner Flanke. Er hatte das rote Tuch des Matadors gesehen, war darauf zugest├╝rmt, und auf den Trick hereingefallen. Konnte man es ihm ├╝bel nehmen?


"Soll ich in einer Stunde wiederkommen, Miss Rellik?"

"Das w├Ąre genau richtig. Ich werde was H├╝bsches anziehen."

Der Vermieter trat zur├╝ck und ging die Treppe wieder herunter und Daisy trat in ihre Wohnung, den Sack hinter sich herschleifend. Fred warf einen letzten Blick auf ihn bevor er in die Wohnung und aus seinem Blickwinkel verschwand, die T├╝r wurde zugeschlagen und er h├Ârte das Schnappen des Schlosses. Klick. Dann das Rasseln der T├╝rkette. Dann Stille.
Manchmal f├╝hlte sich Fred, als w├Ąre er Daisys Vater. Half ihr hier und da. Und manchmal f├╝hlte er sich einfach einsam. Er ging in seine eigene Wohnung und ├Âffnete die K├╝hlschrankt├╝r, ohne auf die Katze zu achten. Er zog ein Sechserpack Bier aus dem untersten Fach, das Licht des K├╝hlschranks und die kalte Luft traf seinen Oberk├Ârper. Dann setzte er sich in seinen Sessel, schaltete den Fernseher an und schaute sich das Spiel an. Houston war am gewinnen. Er wunderte sich immer noch. Was war in dem Plastiksack?


Daisy konnte den Sportkommentator aus dem Fernsehen unter ihr h├Âren. Sie hatte den Sack in ihr Wohnzimmer gezogen und schaltete jetzt ihre Stereoanlage an, um nicht mehr von den Stimmen aus Freds Fernseher gest├Ârt werden zu k├Ânnen. Sie wiegte sich sanft im Takt der Musik, z├╝ndete eine Zigarette an und fuhr mit der Hand durch ihre Haare. Sie atmete tief aus und betrachte den M├╝llsack durch den dichten Rauch, der vor ihr aufstieg. Durch das Fenster konnte sie den Verkehr h├Âren, und nebenan v├Âgelte ein P├Ąrchen. Die Stimme des Kommentators drang immer noch ab und zu zu ihr hoch, und ├╝ber ihr probte gerade jemand eine Rede, vermutlich vor dem Spiegel. Sie schaute wieder auf den M├╝llsack and ging dann zu ihm her├╝ber.


W├Ąhrend sie damit anfing, das starke Klebeband abzuwickeln, dachte sie noch einmal genauer ├╝ber die letzte Nacht nach. Sie erinnerte sich an den See, und wie sch├Ân er ausgesehen hatte, wie sich der mit Champagner getr├Ąnkte Abendhimmel in seiner dunklen Tiefe gespiegelt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie den leeren Highway entlang gefahren war. Sie fuhr bei ge├Âffnetem Fenster, um nicht einzuschlafen. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so einsam gef├╝hlt wie in diesem Moment. Etwa dreizehn Meilen vor dem Hotel hatte sie den Anhalter mitgenommen. Die Kiste in ihrem Zimmer hatte hoffnungslos geflimmert ohne ein Bild zu zeigen. Das Essen war beschissen. Als er seinen Daumen ausstreckte hatte sie ihm in die Augen gesehen und war erst mal vorbei gefahren. Etwa drei├čig Meter weiter hielt sie an, und ihr Herz hatte in ihrem ganzen Leben nie so langsam geschlagen wie in dem Moment, den er brauchte um zu begreifen, dass er mitgenommen wurde. Sie hatte den R├╝ckw├Ąrtsgang eingelegt, genau neben ihm angehalten und die Scheibe heruntergekurbelt. Sie hatte ihm wieder in die Augen geschaut und gedacht, dass es jene Augen waren, die den Wagen anhielten und den R├╝ckw├Ąrtsgang einlegten, dann hatte sie gel├Ąchelt und den Fremden gefragt, wohin er wolle.


"Paris, Texas... ganz egal."

"Steig ein, ich nehme dich bis zu dem Hotel am See mit, weiter fahre ich heute nicht."

Er hatte seinen Rucksack hinten auf die Ladefl├Ąche geworfen und sich auf den Sitz neben sie geschwungen. "Hi, ich bin Sam." Er war kein Indianer, und sein Akzent h├Ârte sich Britisch an. Er sa├č da und rieb sich den Staub aus den Augen. Daisy stellte sich vor und erz├Ąhlte ihm von dem Hotel, das etwa zwanzig Minuten von ihnen entfernt lag. Er sagte, er habe Hunger. Sie fragte ihn wieder, wo er hin wollte, und wieder antwortete er Paris, Texas. Sie dachte an Natascha Kinski. Er musste lachen und meine, er w├╝rde herumreisen. Fragte sie, wo sie hin wolle. Sie erz├Ąhlte es ihm. Sie fragte ihn, ob er rauche, und er zog zwei selbstgedrehte Zigaretten aus seiner Jackentasche und bot ihr eine an. Auf der gegen├╝berliegenden Stra├čenseite hatte ein totes Reh gelegen. Er z├╝ndete beide an und reichte ihr eine, beim ersten Zug musste sie husten. Er sprach ├╝ber Essen und Musik und ├╝bers V├Âgeln. Die hohen B├Ąume auf beiden Seiten der Stra├če schauten auf sie herunter. Er lachte viel. Sie sagte kaum etwas, und wenn sie etwas sagte, h├Ârte sie sich nerv├Âs an. Er unterstrich sein Lachen jedes Mal mit einer weiten Handbewegung. Sie sprach, als redete sie mit einem toten Mann. Die ganze Zeit kam ihnen kein einziges Auto entgegen. Dann begann er, mit den Fingerspitzen auf sein Knie zu trommeln, zu einem stillen Beat, den nur er h├Âren konnte. Dabei schaute er in die verdorrte Wildnis. Ein Auto kam ihnen entgegen. Sie sprachen wenig. Sie fragte ihn, ob er auf seinen Reisen viele Leute tr├Ąfe, und er antworte, dass es meisten Leute wie er selbst waren. Dann fing er an zu erz├Ąhlen, und sie h├Ârte auf zuzuh├Âren. Wenn er sie etwas fragte, drehte sie ich das Gesicht zu und l├Ąchelte. Das verwirrte ihn. Er verstummte und blickte wieder auf die Stra├če. Es gab fast kein Licht mehr, nur das der Scheinwerfer und der untergehenden Sonne Lichtjahre entfernt. Wieder ein totes Tier am Stra├čenrand. Er zog an seiner Zigarette und behielt den Rauch lange in seiner Lunge. Seine Augen wurden zu Schlitzen und der Rauch entwich langsam aus seinen leicht ge├Âffneten Lippen. Er fragte sie, ob es in dem Hotel eine Bar gab. Sie antwortete, sie w├Ąre noch niemals zuvor dort gewesen. Gegen sieben Uhr kamen sie an dem Hotel an.


Es gab nur noch ein freies Zimmer. Sie diskutierten erst gar nicht lange. Er stellte sich freundlich und bot an, im Wagen zu schlafen. Sie lehnte das ab und zeigte ihre praktische Seite, indem sie vorschlug, Kopf an Fu├č zu schlafen. Sie sa├čen vor dem alten Fernseher in ihrem Zimmer und versuchten, Empfang zu bekommen. Dann redeten sie f├╝r eine halbe Stunde. Die Sonne ertrank nun im Himmel. Sie meinte, sie h├Ątte Hunger, und er antwortete, er h├Ątte kein Geld bis er wieder in die Stadt k├Ąme, aber dass er es ihr zur├╝ckzahlen w├╝rde. Sie schauten sich an, und ohne weitere Worte zu verlieren wusste sie, dass er ihr das Geld zur├╝ckgeben w├╝rde. Daisy hatte dagesessen und mit Zweifeln auf ihr Steak gestarrt. Er redete die ganze Zeit. ├ťber Musik, Literatur, Reisen, V├Âgeln. ├ťbers V├Âgeln redete er mehr als ├╝ber die anderen Themen zusammen. Daisy konnte nicht verstehen, dass er l├Ąnger davon sprach, wie er es diesem M├Ądchen in Tennessee mit dem Mund gemacht hatte als ├╝ber Led Zeppelin, Rimbaud und einem Jahr in Indien zusammengenommen. Sie erz├Ąhlte ein bisschen von ihren Eltern, aber die meiste Zeit schwiegen sie beide, w├Ąhrend sie a├čen. Danach setzten sie sich in die Bar, und teilten sich ein Bier nach dem anderen, wieder versprach er ihr, das Geld zur├╝ckzuzahlen. Dann spielten sie Pool.


Daisy hatte das ganze Klebeband vom M├╝llsack entfernt. Ihre Zigarette hatte sie auch zu Ende geraucht. Ihre dunkelroten Haare waren ihr wieder in die Augen gefallen und sie strich sie hinter ihre Ohren. Sie h├Ârte, wie Fred unten den Fernseher anbr├╝llte, das P├Ąrchen nebenan war wieder still. Sie zog sich die Bluse aus ihrer Jeans, ├Âffnete den obersten Knopf und blies sich ihren k├╝hlen Atem ins Gesicht. Dann stand sie auf, ging in die K├╝che und w├╝hlte in den Schubladen herum. Sie kam mit einem gro├čen Messer zur├╝ck, sein Griff war aus dunklem Holz. Sie schlitze den schwarzen Sack der L├Ąnge nach auf und achtete genau darauf, den Inhalt nicht zu zerst├Âren. Die im Plastiksack gefangene Luft str├Âmte heraus wie Ratten aus einem ├╝berfluteten Abwasserkanal und zwang Daisy, den Atem anzuhalten, denn der erste Zug, den sie davon eingearbeitet hatte, zerriss ihr die Lunge. Sie drehte sich von dem M├╝llsack weg, dr├╝ckte die Hand gegen ihren Mund und schaute aus dem Fenster auf den blauen Himmel.

Nachdem sie das schwarze Plastik zur Seite geschoben hatte, verlangsamte sich ihr Herzrhythmus in ein dumpfes Schlagen. Sie beugte sich vor und legte ihre Lippen auf Sams trockenen blauen Mund, ihre Zunge schob sich an der K├Ąlte seiner Lippen vorbei und neckte ihn. Seine Augen waren weit ge├Âffnet und besch├Ądigt. Sie erinnerte sich pl├Âtzlich, wie sch├Ân er ausgesehen hatte, als er seine Liebe f├╝r sie ausschrie und sie ihn unter die kalte Oberfl├Ąche des Sees gedr├╝ckt hatte. Die kleinen Blasen, die von ihm hochsprudelten, verlie├čen das Wasser und stie├čen die drei Worte aus, die sie h├Âren wollte. Als sie ihre Lippen von seinem Mund nahm, bemerkte sie, wie ihr Speichel an seiner trockenen Haut zur├╝ckblieb. Sie sch├Ąlte den Rest des Plastiksacks von ihm los, warf ihn achtlos neben das Sofa und beugte sich ├╝ber Sams K├Ârper. Daisy k├╝sste beide seiner ge├Âffneten Augen und war sich sicher, dass seine Seele sie noch immer beobachtet, noch immer liebte, obwohl er sich nicht bewegte.


Dann trat sie von dem sch├Ânen, nackten K├Ârper auf ihrer Couch zur├╝ck und betrachtete seine verschrammten Glieder, die roten W├╝rgemale an seinem Hals. Sie beugte sich wieder vor und lie├č ihre Zunge ├╝ber den unvollkommenen Nacken ihres Liebhabers gleiten. Sie f├╝hlte sich wie ein Akustikgitarre, deren Seiten auf eine dr├Ąngende, fortschreitende Weise geschlagen w├╝rden. Fragte sich, ob er die Hitze ihrer Zungenspitze f├╝hlen konnte, die auf seiner blassen Haut kreiste. Fragte sich, ob er die Vibrationen hunderter galaktischer Explosionen sp├╝ren konnte, wenn ihn ihre Lippen ber├╝hrten.


Daisy stand wieder auf, schaute ein letztes Mal auf den stummen jungen Mann auf ihrer Couch und lief r├╝ber in ihr Schlafzimmer. Sie zog sich hastig die Bluse ├╝ber den Kopf, schl├╝pfte aus ihren ├╝brigen Kleidungsst├╝cken und stand nackt neben ihrem Bett. Sie zitterte unter der leichten Ber├╝hrung der Luft in ihrem Zimmer. An ihrer Wand hing ein signiertes, gerahmtes Poster von Lenny Kravitz. F├╝r einen Augenblick stellte sie sich vor, wie er sie ansah. Sie legte sich aufs Bett, ihre Finger ber├╝hrten ihren K├Ârper. Sie sah Lenny an, wie er sie ansah. Sie erinnerte sich, wie Sam ihr kleines gr├╝nes H├Âschen am See zur Seite geschoben hatte. Sie hatte ihn in sich reingelassen und dann seinen Kopf unter die Wasseroberfl├Ąche gedr├╝ckt. Sie hatte ihre starken H├╝ften gegen seine haarigen Beine gepresst w├Ąhrend ihre H├Ąnde seinen Hals dr├╝ckten. Er hatte seinen letzten Atemzug in sie rein geatmet, und hatte angefangen, Blut zu husten. Es vernebelte sein Gesicht wie bei dem Einschlag einer nuklearen Bombe roten Rauch den Himmel verdunkelt. Sie stie├č hart zu als sich sein R├╝cken w├Âlbte, und er kam in ihr drin, ganz pl├Âtzlich, und schob sich noch weiter in sie rein. Und dort blieb er, bewegungslos, w├Ąhrend sie keuchte. Als sein K├Ârper leblos zusammenfiel, stand sie auf und zog sich an. Sie hatte den Pick-Up ans Ufer des Sees man├Âvriert und brachte ihn damit weg. Dann fuhren sie wieder, alles war so perfekt. Als sie sich geliebt hatten, war die Sonne gerade erst untergegangen, und der Mond hatte erst angefangen emporzusteigen. Weder Sonne noch Mond hatten zugesehen, wie sie ihn am See v├Âgelte, weder Sonne noch Mond konnten das Geschehe bezeugen. Daisy st├Âhne leise auf als sie sich den champagnerdurchtr├Ąnkten Himmel vorstellte, den dunklen tiefen See, den Hauch der lauwarmen Luft an ihrem K├Ârper, ihre Beine verkrampften, ihr K├Ârper wand sich. Are you gonna go my way? Sie schaute Lenny wieder an und sp├╝rte den Schwei├č auf ihrer Haut.


Dann lie├č sie sich ein Bad einlaufen, f├╝gte eine Reihe von Kr├Ąutern und ├ľlen hinzu, hielt den Zeh ins Wasser, um die Temperatur zu ├╝berpr├╝fen. Dann zog sie die Vorh├Ąnge zu, z├╝ndete eine Kerze and und lie├č Sams schlaffen, kalten K├Ârper in das Badewasser gleiten. Sie h├Ârte, wie seine kalte Haut an der Seite der Wanne entlang rutschte, es klang fast wie ein Wal, der unter Wasser nach einem anderen Wal ruft. Sie stellte ihn so auf, das er am Ende der Wanne sa├č und lie├č sich selbst vorsichtig zwischen seinen Beinen nieder, dr├╝ckte ihren R├╝cken gegen seine Brust. Sie bewegte sich leicht und f├╝hlte, wie sein schlaffer K├Ârper gegen ihren R├╝cken fiel. Sie zog seine Arme um sich herum, dr├╝ckte ihm einen Schwamm in die Hand und wusch ihre Brust mit seinen Fingerspitzen. Im Schatten der Kerze sahen sie perfekt aus, und so viel mehr, wie Romeo und Julia. Sie nahm seine freie Hand und begann, sich mit ihr zu streicheln, lie├č seine Finger langsam Achten auf ihre Haut zeichnen. Sie kippte ihren Kopf nach vorne und sp├╝rte, wie seine Lippen auf ihren Nacken fielen, ├Âffnete seinen Mund und f├╝hlte seine trockene Zunge auf ihrer Haut. Sie lehnte sich st├Ąrker gegen ihn, damit seine Leblosigkeit n├Ąher an ihre K├Ârperw├Ąrme kam. Die Kerze flackerte, sie verkaufte das Abbild zweier Liebenden, untergrub ihr Verlangen und kristallisierte sie in einem dunklen Portrait auf der gekachelten Wand des kleinen Badezimmers. Daisy hatte Leuchtsterne unter die Decke des Bads geklebt, die jetzt zwischen den beiden Liebenden funkelten. Pl├Âtzlich fiel ihr das Van Gogh Gem├Ąlde wieder ein, und lie├č sie scharf einatmen. Ihre Schatten ber├╝hrten sich, sein Kopf nickte vor und zur├╝ck, als sie nach seinen Haaren griff. Ihre H├Ąnde packten seine H├Ąnde, versteiften sich unter seinem Griff. Vom Wohnzimmer aus glitt Musik heraus wie die Tr├╝mmer aus einem Schiffswrack.


All I need from you... is all your love... all I need from you... is all your love...


Als das Wasser kalt wurde, stand Daisy auf, kleine Schaumflocken fielen von ihr ab. Sie trat aus der Wanne und ging durch das Wohnzimmer zur├╝ck in ihr Schlafzimmer, stellte die Musik lauter und wiegte ihren Kopf dazu im Takt. Sie f├╝hlte, wie eine Sauberkeit ├╝ber ihren K├Ârper glitt, die auch der Dieb, der Jesus das Kreuz ├╝bergab, auf dem H├╝gel von Golgatha gesp├╝rt haben musste. Sie starrte aus dem Fenster und f├╝hlte die Sonne auf ihrer Haut, wie sie die Wassertropfen, die an ihr herunterglitten, aufw├Ąrmte. Auf einem Regal neben ihrem Bett stand ihre Sammlung an Porzellanpuppen, eine f├╝r jeden Monat, die sie in dem Apartment gewohnt hatte. Sie lehnte sich gegen die Fensterbank und sah wie ein kleiner wei├čer Vogel vom Himmel glitt, mit den Fl├╝geln flatterte, wie dann ausstreckte und neben ihr landete. Er sa├č da und betrachtete sie, sie starrte ihn an. Dann schweifte ihr Blick ├╝ber die Stra├če, durch die B├Ąume hindurch in ein offenes Fenster. An einer Wand hing ein Bild von einem Herzen. Es war aber l├╝ckenhaft, das Herz war in einzelnen Segmenten gemalt und dem Maler war die rote Farbe ausgegangen. Sie lie├č ihren Blick nach oben gleiten, die Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel traten, f├╝hlten sich auf ihrem Gesicht wie Glitter an. Dann wandte sie sich vom Fenster ab und sah auf die Uhr. Es war sp├Ąt, sie musste sich anziehen.


Sie ├Âffnete die Schublade mit ihrer Unterw├Ąsche, nahm ein Paar Str├╝mpfe, zog sie ├╝ber ihre Beine und befestigte sie an ihrem Strumpfhalter, hakte den BH zu und sah in den Spiegel. Ihre langen roten Haare passten zum Dunkelgr├╝n ihrer W├Ąsche, die schwarzen Str├╝mpfe gl├Ąnzten in der Sonne. Sie schaute wieder in die gegen├╝berliegende Wohnung, und jetzt war das Bild komplett, sie sah sich selbst in der Mitte, und l├Ąchelte. Es klopfte. Auf dem Weg zur T├╝r verschloss sie noch schnell das Badezimmer.


"Hallo Miss Rellik, sie sehen sehr sch├Ân aus."

"Danke Fred. Soll ich ihren Mantel nehmen?"

"Ich habe ihnen auch etwas mitgebracht..." Er hielt inne und seine zittrigen H├Ąnde griffen in eine Plastikt├╝te. Das Rascheln der T├╝te machte ihn noch nerv├Âser. Endlich zog er ein kleines P├Ąckchen heraus. "Hier, Miss Rellik... nur eine Kleinigkeit."


"Danke Fred." Sie wickelte das Papier ab und legte es auf den zerschnittenen Plastiksack neben der Couch. Fred verfolgte ihre Bewegung mit den Augen und fragte sich erneut, was sie wohl mitgebracht hatte. Daisy schaute auf die Porzellanpuppe in ihren H├Ąnden. Sie trug ein kastanienbraunes Kleid und schwarze, gl├Ąnzende Schuhe, wei├če Spitze quoll unter dem Rock hervor. Die toten Augen der Puppe starrten sie an, Daisy richtete den Blick schnell auf Fred und nahm seine Hand. Sie gingen zusammen ins Schlafzimmer. Als sie die Puppe zu den anderen ins Regal stellte, erhob sich der wei├če Vogel von der Fensterbank und flog davon.

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He who doesn't forget his first love will never experience his last. --- Majakowskij

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