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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Damals heute
Eingestellt am 03. 08. 2011 22:14


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sarah.w
Hobbydichter
Registriert: Aug 2011

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Damals heute


Erinnerungen. Diese Nacht war perfekt. Ich hatte dich.

Ich lehne die Stirn an deine kalte Wohnungst├╝r. Drau├čen vor dem Flurfenster regnet sich der Himmel leer und Blitze zucken ├╝ber den dunklen Nachbarh├Ąusern. Meine d├╝nnen Schuhe sind nass, das Kleid klebt wie ein aufdringlicher Liebhaber an meinen Oberschenkeln. Es ist ekelhaft. Diese ganze Nacht ist es, der vorhergehende Tag war es. Dein Schl├╝ssel wiegt so schwer in meiner Hand, trotzdem hebe ich sieÔÇŽ

Diese Nacht war perfekt. Ich hatte dich schon vorher beobachtet, dich aufgesogen, dich geliebt. Jede unserer Begegnungen, die dir zuf├Ąllig erschienen, genutzt, um mir dich einzupr├Ągen. Es schien so unwahrscheinlich, dass du mich wahrnimmst. Du, mit deinem perfekten Gesicht. Doch dann hast du es getan.


Ich betrete deine Wohnung. Die Luft ist abgestanden. Ein Foto von uns begr├╝├čt mich. Es h├Ąngt im Korridor, damit jeder sofort wei├č, wem du geh├Ârst, wem ich geh├Âre. Wieso sind wir nie zusammengezogen? Weil du immer zu sehr du warst und ich zu wenig? Du irrst dich. Immer wenn du dich mit deinen Nadeln durchbohrt hast, dann war es, als w├╝rdest du auch mich durchbohren. Doch das war vergessen, sollte vergessen sein. Jetzt ist die Angst wieder da. Ich durchquere den Flur, die nassen Schuhe in der Hand. Ich fl├╝stere deinen Namen und lege Entschuldigung in meinen Tonfall. Entschuldigung f├╝r gestern. Du antwortest nicht. Bist du da?

Dann hast du mich angesprochen, einfach so. Auf dem Geburtstagsfest deines Bruders, in eurem Elternhaus, am Waldrand. Du hast mich in dein Leben gezogen. Mich mitgenommen an deinen Lieblingsort, den alten Dachboden. Wir haben Fotos gemacht. Eins davon, das Sch├Ânste, h├Ąngt im Flur. Wir haben im warmen Stroh gelegen. Auch deine Hand war warm und deine Lippen waren es. In dieser Nacht.

Die T├╝r zum Wohnzimmer fehlte. Ich dachte, es w├╝rde in deinem Flur spuken und so hast du sie wieder eingeh├Ąngt. Als du sie angehoben hast, konnte ich die L├Âcher in deiner Armbeuge sehen und die blauen Flecken, wie dunkle Wolken auf deiner blassen Haut. Du hast mich in die Arme genommen, mich beruhigt. Du w├╝rdest alles in den Griff kriegen f├╝r mich. Mit mir. Du hast meine Emp├Ârung niedergek├Ąmpft, die halbe Nacht lang, damals vor f├╝nf Jahren und deine Augen waren opiatisch tr├╝b. Dein Wohnzimmer ist jetzt dunkel, alles ist grau. Windhexen aus Erinnerungen wehen von links nach rechts. Damals warst du das Ungeheuer, weil du dich zerst├Ârtest. Was war ich gestern? Was habe ich zerst├Ârt?

In dieser Nacht haben wir dar├╝ber gesprochen, einfach ans Meer zu fahren und nie mehr zur├╝ckzukehren. Wenn wir alt und grau sind, w├╝rden wir Hand in Hand in den Ozean gehen und gemeinsam ertrinken. Du machtest diesen Plan, w├Ąhrend die anderen drau├čen feierten und es gab nur uns zwei. Du blicktest mir in die Augen, als wolltest du fragen, ob ich das mit dir tun w├╝rde. Ich liebte alles.

Die ganze Wohnung ist dunkel. Gestern, nachdem wir einander angeschrieen hatten, glaubte ich, dass ich deine Wohnung nie wieder betreten w├╝rde. Es war erniedrigend, ich habe mich gesch├Ąmt. Wie muss es erst f├╝r dich gewesen sein? Ich war nackt, mein blutrotes Kleid lag auf dem Boden unter deinen Schuhen. Es war das Hochzeitsfest meiner Schwester. Ich err├Âte, selbst hier, allein in der Dunkelheit. Ich m├Âchte dir alles erkl├Ąren. Der Andere gab mir das Gef├╝hl, dass er mich nie durchbohren w├╝rde. Du hast mich gefragt, ob ich ihn liebe, ob Gef├╝hle im Spiel sind. Ich habe dir nicht antworten k├Ânnen, die anderen Hochzeitsg├Ąste kamen angelaufen. Du hast die T├╝r zum G├Ąstezimmer abgeschlossen, hast uns drei darin eingeschlossen, mich, dich und ihn. Deine blauen Augen waren voller Zorn und Trauer. Du warst verletzt. Ich habe dich verletzt, nicht deine NadelnÔÇŽ

Ich liebte alles an dir, auch deinen Wahn. Unter uns, im Wohnzimmer, tanzten sie und um Mitternacht gab es ein Feuerwerk. Ich beobachtete seinen Widerschein in deinem Blick, w├Ąhrend du hinaus in die Nacht sahst. Du sagtest, du hasst Feste wie dieses, doch den Grund wolltest du mir nicht nennen. Deine warme Stirn lehnte an meiner und du sagtest, du wollest s├╝chtig nach mir werden. Mich in deinen Venen sp├╝ren. Ich hielt es f├╝r Gerede, doch mein Herz raste. Ich sah in den Nachthimmel und glaubte, mich darin verlieren zu m├╝ssen.

Du hast mich vom G├Ąstebett gezogen, warst zwischen Hass und Trauer. Ich wollte dich tr├Âsten, stattdessen riss ich mich los und bedeckte mich mit dem verschwitzten Laken. Er sa├č, l├Ąngst angezogen, schweigend da. So lange hatte er sich um mich bem├╝ht, war besorgt. Er ist das Gegenteil von dir. Ich fl├╝stere wieder deinen Namen, lauter jetzt. Meine Stimme zittert. Gestern bist du einfach abgehauen. Ich habe dich gehen lassen, mit dunklen Wolken in deinen Augen.

Dann sah ich in deine Augen und glaubte, mich darin verlieren zu k├Ânnen. Ich war f├╝nfundzwanzig. Es schien verlockend, f├╝r den Rest meines Lebens ein Teil von dir zu sein und dann in dir zu ertrinken. Ich malte mit rosa Lippenstift ein Herz.

Du hast f├╝r mich aufgeh├Ârt, nachdem wir die T├╝r wieder eingeh├Ąngt haben. Drei Mal. Beim ersten Mal habe ich mich mit dir hier eingeschlossen. Immer, wenn ich das Schlafzimmer betrete, muss ich daran denken. Wie du geschrieen hast. Ich sa├č drau├čen vor der T├╝r. Zu meiner Sicherheit, hast du gesagt und ich sah Sorge in deinen Augen. Ich sa├č auf meinen H├Ąnden, um die T├╝r nicht zu ├Âffnen und dir zu geben, wonach du verlangst. Du schriest nach mir, aber ich wusste, dass du etwas anderes meintest. Freiheit. Tr├Ąume. Wir haben das ganze Gift durchs Klo gesp├╝lt. Beim zweiten Mal bist du verschwunden, einfach so, f├╝r drei Wochen. Als du wieder kamst, haben deine Augen geleuchtet. Nicht durch den Rausch, sondern vor Stolz. Beim dritten Mal gingst du in eine Klinik. Du warst achtundzwanzig, hattest dich krank gefixt. Unter Tr├Ąnen habe ich dir gesagt, dass es das letzte Mal ist. Du nahmst schweigend meine Hand, in deiner steckte ein Zugang, das Plastik war hellgr├╝n. In deinen Augen lag Entschlossenheit. Es war schwer damals, ich war versunken in B├╝chern ├╝ber deine Sucht. Heroin Nummer eins, zwei, drei, vier. Mutter sagte, ich sei obsessiv, eine Co-Abh├Ąngige, doch ich glaubte ihr nicht. Heute Nacht wei├č ich nicht, was ich glauben soll. Im Schlafzimmer ist es kalt, die Luft ist schneidend. Deine Laken sind zerw├╝hlt. ├ťber dem Bett h├Ąngt ein Foto von uns. Deine blauen Augen sehen mich verliebt an. Ich senke den Blick. Auf dem Boden liegt der Anzug, den du gestern getragen hast. Ich lasse meine nassen Schuhe fallen und knie mich hin. Du hasst Anz├╝ge.

Ich malte mit rosa Lippenstift ein Herz auf die Windschutzscheibe deines klapprigen Wagens, genau in dein Sichtfeld. Du solltest es wissen, jeder sollte es wissen. Wir setzten uns auf die Motorhaube, sa├čen im Sonnenaufgang und erz├Ąhlten einander unsere Leben, w├Ąhrend die anderen in eurem Garten feierten. Wir waren gl├╝cklich.

Ich komme mir schlecht dabei vor, deine Taschen zu durchsuchen und dir zu misstrauen. Du h├Ąttest mir misstrauen sollen. Wie sich herausgestellt hat, bin ich die Untreue, die Verr├Ąterin. Ich will es dir erkl├Ąren. Ich will dir sagen, was f├╝r eine Angst ich hatte, weil du dauernd weg warst in den letzten Wochen und du mir nie sagen konntest, wo. Ich glaubte nicht, dass du eine Andere hast. Ich glaubte, wie Mutter, dass du wieder angefangen hast. In meinem Kopf sah ich dich an Bahnh├Âfen, sah dich in deinem Wagen, dich mit Nadeln durchbohrend, uns. Er ist ein Freund der Familie, Mutter hatte ihm erz├Ąhlt, was wir hinter uns haben. Er versprach mir so viel, rief mich an und fragte, wie es mir ging, immer, wenn ich wieder mal auf dich wartete in der letzten Zeit. Er machte mir Komplimente, wie stark ich sei. Umgarnte mich. Du musstest mich dir einfach nur nehmen, damals. Erinnerst du dich? Ich greife in deine Hosentasche, vorsichtig, um mich nicht zu pieksen, doch ich finde keine Nadel. Ich finde eine Schachtel. ├ľffne sie, erstarre. Der Ring ist perfekt.


Wir waren gl├╝cklich, schienen eine Zukunft zu haben. Die Morgensonne war warm und tauchte alles in ein unwirkliches Licht, vor allem dich, mit deinem Lachen. Wir konnten nicht aufh├Âren, einander Dinge zu erz├Ąhlen. Erinnerungen. Peinlichkeiten. Pl├Ąne. Ich habe dir von Vegas erz├Ąhlt.


Ich stehe auf. Jetzt rufe ich deinen Namen, doch du antwortest nicht. In der Innentasche deiner Anzugjacke waren Flugtickets. Nach Las Vegas. Ich rei├če den Wandschrank auf. Einmal habe ich dich darin gefunden. Paranoid, zitternd, high. Jetzt ist er nur voll Kleidung. Ganz am Rand h├Ąngen Kleiders├Ącke. Ich ├Âffne sie. Ein Anzug und ein rotes Kleid, besser als das von gestern. Du hast es gekauft, hast es f├╝r Vegas gekauft, das wei├č ich. Mir wird schwindelig. Deshalb warst du so oft weg in der letzten Zeit, oder?

Ich habe dir von Vegas erz├Ąhlt und bin rot geworden. Du mochtest die Idee. Aber was mochtest du nicht an diesem Morgen? Eine neue Liebe, ein romantischer Tod am Meer, eine verr├╝ckte Hochzeit in Vegas. Wir haben Luftschl├Âsser gebaut.


Du wolltest meins Wahrheit werden lassen. Ich rufe dich noch mal, die Panik erreicht meine Stimme, bevor sie meinen Kopf erreicht. Willst du es noch, nach gestern? Ich kann nicht glauben, dass ich dich so verletzen konnte. K├╝che oder Bad. Beides gleich weit. Bad. Ich rei├če die T├╝r auf und finde dich. Dein perfektes Gesicht, deine bl├Ąulich marmorierte Haut. Ich st├╝rze zu dir. Die Nadel steckt in deinem Arm, schwarz getrocknetes Blut aus deiner durchbohrten Vene umrahmt sie. Du sitzt vor der Wanne, zusammengekauert, den G├╝rtel deiner Jeans um den blassen Arm geschlungen. Ich kann nichts tun, au├čer deinen Namen schreien. Deine blauen Augen starren leblos. Meine Finger tasten zitternd deinen Puls. Doch du bist kalt und dein Blick sagt, dass das unser Ende ist.

Erinnerungen. Erst, als das Fest vorbei war, liefen wir durchs taunasse Gras ins Haus. Du bliebst vor der T├╝r stehen und sagtest, dass wir jetzt einander geh├Âren und dass es dich umbringen w├╝rde, wenn sich das ├Ąndert. Ich l├Ąchelte und wir k├╝ssten uns. Ich liebte alles an dir. Auch deinen Wahnsinn.

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http://www.write-fever.de

Version vom 03. 08. 2011 22:14

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