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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Damals in Paris
Eingestellt am 15. 09. 2012 19:17


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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„Il est joli, n’est-ce pas?“ – “Ist er nicht schön?”, hatte mich der Mann im Park damals gefragt. Meine Freundin Marie und ich können uns auch nach Jahrzehnten immer noch ausschĂŒtten vor Lachen, sobald wir bei einem unserer selten gewordenen Treffen auf „Weißt du noch?“-Themen zu sprechen kommen.

Wie vor vielen Jahren schon einmal, sitze ich heute im Jardin des Tuileries. Dieses Mal bin ich beruflich in Paris. Ein ungewöhnlich milder VorfrĂŒhlingstag hat meinen GeschĂ€ftspartner zu einem schnellen Abschluss der GesprĂ€che verleitet. Er verabschiedet mich am frĂŒhen Nachmittag augenzwinkernd mit der Vermutung, dass ich doch sicher noch ein wenig von Paris sehen wolle. Und ob! Das schenkt mir bis zu meinem RĂŒckflug ausreichend Zeit fĂŒr einen kleinen Bummel.

Mit meinem viel zu dicken Mantel, dem schweren Aktenkoffer und Pumps bin ich nicht besonders gut fĂŒr einen lĂ€ngeren Spaziergang ausgerĂŒstet. Aber das Champagnerwetter und die erfolgreichen Verhandlungen am Vormittag beflĂŒgeln mich. Ich laufe einfach los, nachdem ich mich kurz am Stadtplan orientiert habe. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Rue de Rivoli. Das Haus von damals erkenne ich nicht wieder, ich weiß auch die Hausnummer nicht mehr. Ich mache erst einmal eine kleine Rast auf einer Bank im Park. Erinnerungen an einen Sommer vor vielen Jahren werden wach ...

Marie, damals wie heute meine beste Freundin, war fĂŒr ein Jahr als Au-pair-MĂ€dchen nach Paris gegangen. „Du musst mich unbedingt besuchen kommen“, schrieb sie in jedem ihrer Briefe und schwĂ€rmte ĂŒberschwĂ€nglich von dieser Stadt. Meine Ersparnisse reichten nicht fĂŒr einen Flug, deshalb stieg ich an einem Sommerabend in den Nachtzug nach Paris. Am frĂŒhen Morgen nahm mich Marie am Gare du Nord in Empfang – wir freuten uns wie die Kinder, eine ganze Woche miteinander verbringen zu können.

Maries Gasteltern lebten in der Rue de Rivoli in einem wunderschönen alten GrĂŒnderzeithaus, nicht weit vom Jardin des Tuileries. Maries Zimmer war eine ehemalige Dienstbotenkammer unter dem Dach, die man ĂŒber eine separate Treppe von der Wohnung der Herrschaften aus erreichte. Die sympathische junge Familie hatte mir großzĂŒgig erlaubt, dass auch ich eine Woche dort unterkommen konnte. Allerdings mussten Marie und ich uns ein großes Bett teilen – pas de problĂšme! Die kleine Dachkammer heizte sich bei den sommerlichen Temperaturen unertrĂ€glich auf, doch die Aussicht entschĂ€digte uns: Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte man von hier aus den Eiffelturm sehen. Alles erschien mir jeden Morgen wieder wie ein Traum.

Vormittags paukte Marie Französisch bei der Alliance Française. Ich erkundete in dieser Zeit auf eigene Faust die Stadt und wartete anschliessend im Jardin des Tuileries auf Maries Unterrichtsende. Auf meinem Lieblingsplatz am Ende des Parks saß ich eines Mittags in der Sonne und vertiefte mich gerade in meinen ReisefĂŒhrer. Mit einem freundlichen „Bonjour“ setzte sich irgendwann ein Mann mittleren Alters zu mir, ich hatte ihn gar nicht herankommen sehen. ‚Hoffentlich drĂ€ngt der mir kein GesprĂ€ch auf‘, war mein erster Gedanke, denn meine Französisch-Kenntnisse waren sehr bescheiden. Der harmlos wirkende Mann blieb zunĂ€chst ruhig und raschelte nur hin und wieder mit dem "Figaro", den er auf seinem Schoß ausgebreitet hatte. Nach einigen Minuten flĂŒsterte er etwas vor sich hin. Ich hatte nicht gleich verstanden und fragte mit einem kurzen „Pardon?“ nach. Langsam hob er die Zeitung, deutete darunter und wiederholte freudestrahlend: „Il est joli, n’est-ce pas?“.

Ich begriff sehr langsam, zu groß war der Schock. Ich schluckte, raffte in Windeseile meine Sachen zusammen und flĂŒchtete mit schamrotem Gesicht aus dem Park. Entgegenkommende Passanten schauten mich fragend an. Maries Sprachenschule lag gleich um die Ecke. Ungeduldig lief ich vor dem GebĂ€ude auf und ab, wĂŒtend, empört, entrĂŒstet ... bis Marie endlich auftauchte. „Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist!“ prustete ich ihr entgegen. Und was tat Marie, anstatt sich auch zu entrĂŒsten? Sie lachte, lachte, lachte, mit ihrem herrlich glucksenden Lachen, das wohl minutenlang anhielt, wĂ€hrend ich mit hochrotem Kopf und voller Wut hilflos daneben stand.

Irgendwann beruhigten wir uns beide wieder. Ich war alt genug; ein derartiges Vorkommnis am helllichten Tag im Park konnte mir nichts anhaben. Wir ließen in den folgenden Tagen trotz der Hitze keine SehenswĂŒrdigkeit aus, liefen stundenlang zu Fuß durch die Stadt und konnten ĂŒber den Mann im Park immer wieder lachen. Der Satz „Il est joli, n’est-ce pas?" stand seitdem symbolisch fĂŒr eine gemeinsam erlebte Episode.

****

Versonnen lasse ich meinen Blick ĂŒber die DĂ€cher der Rue de Rivoli schweifen. Ich sehe in der Erinnerung Marie und mich voller Begeisterung aus einem der Dachfenster auf den Eiffelturm schauen. Das ganze Leben lag damals noch vor uns. Schlecht ist es seitdem fĂŒr uns beide nicht gelaufen.

Ob der Mann aus dem Park wohl noch lebt? Auf jeden Fall mĂŒsste er mittlerweile zu alt sein, um noch Unheil anzurichten. Aber wer weiß?

Ich muss Marie unbedingt schreiben. Am Kiosk an der Ecke kaufe ich eine extrem kitschige Karte mit Eiffelturm. „Herzliche GrĂŒĂŸe von einem sonnigen FrĂŒhlingstag in Paris“, schreibe ich auf die RĂŒckseite. Auf die Vorderseite, direkt unter den Eiffelturm, fĂŒge ich in großen Druckbuchstaben hinzu: „Il est joli, n’est-ce pas?“


Version vom 15. 09. 2012 19:17

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petrasmiles
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Liebe Ciconia,

mir hat der Text auch sehr gut gefallen!

Einen Satz finde ich ĂŒberflĂŒssig, weil er den erinnerten Spaß so gnadenlos in die RealitĂ€t zieht:

quote:
In Paris war ich danach jahrzehntelang nicht gewesen. Es hatte sich einfach nicht ergeben.
Ich finde, das steht schon hier:
quote:
Erinnerungen an einen Sommer vor vielen Jahren werden wach ...

und die Reflexion ĂŒber das Polizei-holen Thema klingt so 'politisch korrekt' - da spricht die Erwachsene und nicht die Jugendliche. Ich denke, gerade bei diesem Thema sollte das Wort der Jugendlichen gehören und die hat dazu gesagt, was gesagt werden musste.

Aber das sind ja nur Feinheiten.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Ciconia
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Hallo Petra,

vielen Dank fĂŒr Deine EinschĂ€tzung. Freut mich sehr, dass auch Dir der Text gefallen hat!

Deine EinwÀnde mögen berechtigt sein. Ich wollte damit

quote:
In Paris war ich danach jahrzehntelang nicht gewesen. Es hatte sich einfach nicht ergeben.
einfach ausdrĂŒcken, dass der jetzige Besuch wirklich der erste seit damals war. HĂ€tte ich vielleicht anders formulieren können.

Mit der political correctness ist es so eine Sache - ich hatte befĂŒrchtet, dass der Einwand kommen wĂŒrde "Warum hast Du denn keine Anzeige erstattet?"

Aber wie Du sagtest, das sind Feinheiten. Schön, dass Du Dir die Zeit fĂŒr einen Kommentar genommen hast!

Liebe GrĂŒĂŸe
Ciconia

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Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

Übrigens wollen (gefĂŒhlt) 80 Prozent aller MĂ€nner hören, was sie fĂŒr einen schönen Schwanz haben. Es ist einigermaßen lachhaft, da sie mehr oder weniger alle denselben haben.

(Eigentlich wollte ich ja nach dem Tagebucheintrag vom 12.12.12 schauen. Hab ihn aber nicht gefunden.)

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