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Leselupe.de > Anonymus
Dankbar bin ich für ein Wörtchen
Eingestellt am 19. 08. 2011 14:21


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Dankbar bin ich für ein Wörtchen

Dankbar bin ich für ein Wörtchen,
Das seit je mir gibt die Kraft.
Kaum zu glauben, dass zwei Silben
Wirken wie ein Lebenssaft!

Ja, ich nutze jenes Wörtchen
Stumm mit meinem Kopf allein.
Packe all mein Denken, Fühlen
Bei Bedarf ins Wort hinein,

Konzentriere die Gedanken
Stumm auf meinen Widerpart.
Lächle freundlich, denk das Wörtchen.
Seh’, wie er zu Eis erstarrt.

Niemals schießt das kleine Wörtchen
Unbedacht aus meinem Mund!
Bleibt bei mir und wärmt mich, stärkt mich,
Macht mich groß und sehr gesund.

Will ich’s nutzen, muss ich’s denken
Als ein Urteil endgültig.
Schon wird es zur kräft’gen Waffe,
Senkt und bricht den fremden Blick.

Ach, es wirkt das Wörtchen gründlich,
Meine Feinde macht es klein.
Ich werd sicher, größer, wachse:
Dieses Wort hilft mir ins Sein!

Dabei ist es sehr gewöhnlich,
Als ein Schimpfwort gilt’s zumeist,
Das man zählt zu den vulgärsten.
Weil der Körper damit scheißt.


Zur Erklärung ein Text zum Thema „Feindschaft - das oft übergangene Grundthema der Psalmen“, aus der Serie: Das Geheimnis der Psalmen (1)
Evangelische Sonntags-Zeitung. Christliche Wochenzeitung in Hessen-Nassau, 24. Oktober 2004

Sonnenuntergänge, Wälder und Wiesen auf Grußkarten – dazu lyrische Worte aus den Psalmen. Das ist typisch. Doch wer in den biblischen Psalmen wie in einem blühenden Garten spazieren will, wird rasch aus der Idylle gerissen. Gegner lauern, lästern, legen raffinierte Fallen. 94 unterschiedliche Bezeichnungen für „Feinde“ hat man in den Psalmen gefunden. Sie sind ihr beherrschendes Thema.
Davon aber will man in den Kirchen oft nichts wissen, zumal in den Psalmen auch von Rache die Rede ist. Und Gott wird als Kampfgenosse für die eigene Sache reklamiert. Also streicht man kirchlicherseits beflissen in den Psalmen herum: Da wüte doch das krasse Gegenteil eines christlichen Versöhnungswillens. In das Evangelische Gesangbuch ist etwa eine Auswahl von Psalmen eingegangen, nicht dabei sind Psalmen mit großen Zornestönen. Und die eines evangelischen Liederbuchs für würdig erachtet wurden, stehen ohne ihre charakteristischen Wuttiraden da. Begründung?
Keine. In Psalm 139 etwa wird die göttliche Morgenröte ausgebreitet, eine bestimmte, überhaupt nicht morgenrote Passage aber fehlt: Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen! (Psalm 139,19)
Auch in Andachten und bunten Psalmenbüchern wird gern verschwiegen, was für Zündstoff sorgen könnte. Vielleicht, um nicht zu überfordern. Doch wer die Psalmen dann einmal gut reformatorisch in der Bibel liest, erschrickt. Du bereitest mir einen Tisch angesichts der Feinde. (Psalm 23,5) Selbst aus Psalm 23, diesem Inbegriff an Geborgenheit, klingt ein triumphierender Ton den Feinden gegenüber heraus. Die Feinde – das ist der rote Faden des Psalmenbuches, der sich aus ihm nicht lösen lässt. Schließlich ist es, darauf haben neuere Forschungen immer wieder hingewiesen, nicht einfach so dahingeschmiert, sondern glänzend komponiert. Seine feurige Schönheit in ganzer Größe entdeckt nur, wer ihm die Schreckenstöne nicht
stiehlt.
Um Psalmen unzensiert achten zu lernen, ist wichtig zu wissen: Nicht von Gewalttätigen sind sie ersonnen, sondern von Menschen, die Gewalt erfahren haben. In ihnen vibriert tiefer Schmerz. Außerdem: Bei den Rachegelüsten handelt es
sich nicht um historisch ausgeführte Taten, es sind Gebete. Dafür dass ich sie liebe, feinden sie mich an: ich aber bete. (Psalm 109,4) Nicht die Gepeinigten, sondern
Gott soll als Richter fungieren. Er hat das Recht, sich anders zu verhalten als die Geschlagenen es sich in ihrer wütenden Verzweiflung oft wünschen. Gott jedenfalls ist
eine ideale Adresse für Schreie des Zorns. Aggression in sich hineinzufressen, lässt sie dort nur weiterrumoren, bis sie irgendwann erst recht gefährlich nach draußen bricht oder einen selbst zerstört.
Doch geht das denn wirklich: Psalmen ungeschönt, von vorne bis hinten beten?
Nach einem Gottesdienstbesuch beugte sich eine Frau über Teetassen zu mir: „Sie sind doch Theologe, oder?“ Da gebe es Menschen, flüsterte sie, ihr einst sehr vertraut, die ihr schrecklich mitgespielt hätten. Sie habe Angst, ihre Verfolger noch immer nicht abgeschüttelt zu haben. Als ich in ihr Gesicht schaute, hielten alle Worte rund um die Barmherzigkeit, die ich in Gedanken durchprobierte, nicht stand. Es blieb: Sie freuen sich, wenn ich wanke, und rotten sich zusammen; sie rotten sich heimlich zum Schlag wider mich, sie lästern und hören nicht auf. (Psalm 35,15) Da wagte ich, ihr diesen Psalm zum Gebet in ganzer Länge zu empfehlen, darunter auch: Herr, ergreife Schild und Waffen und mache dich auf, mir zu helfen! Zücke Speer und Streitaxt wider meine Verfolger! Sprich zu mir: Ich bin deine Hilfe!“ (Psalm 35,2) Sie bete das nun oft, hörte ich einige Tage später. Kürzlich sah ich sie nach langer Zeit wieder – von weitem. Was Gott, dachte ich, mit ihren Wutrufen wohl angestellt haben mag? Die Schmerzerfahrene jedenfalls ging aufrecht, was aussah wie stiller Jubel: Unbeugbar für immer.


Zur weiteren Erklärung

Wichtig für das Selbstbewusstsein ist ein Handwerkszeug zur Verkleinerung des Antagonisten. Psalmen wie Schimpfworte scheinen nach dem gleichen Prinzip ihre Wirkung zu entfalten. Das ist weder eine Verächtlichmachung des einen wie des anderen, auch keine Gleichsetzung. Die Psalmen sind natürlich weitaus kunstvoller und komplexer als eine gewöhnliche Injurie. Aber, wie gesagt: die Wirkung auf das stärkungsbedürftige Ich scheint ähnlich.

Version vom 19. 08. 2011 14:21
Version vom 29. 08. 2011 10:27

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jon
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quote:
Will ich’s nutzen, muss ich’s denken
Als ein grundsätzlich’ Urteil.
Schon wird es zur kräft’gen Waffe,
Stumm und schnell wie ein Giftpfeil.

Die Strophe stimmt rhythmisch nicht – man muss die Betonungen in Zeilen 2 und 4 extrem unnatürlich verbiegen, damit es hinhaut:
statt 'Urteil Ur'teil
statt 'Giftpfeil Gift'pfeil
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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