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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dann ist ja gut...
Eingestellt am 10. 05. 2001 11:49


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Karl Reichert
BlĂŒmchendichter
Registriert: Dec 2000

Werke: 37
Kommentare: 8
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Dann ist ja gut...


Durch das kleine Fenster fiel schon etwas Licht in das Zimmer. Zeit zum Aufstehen, dachte sich Paula und blinzelte. Sie hatte vorzĂŒglich geschlafen, legte sich auf die Seite und zog den nackten Schlafsack ĂŒber ihre kĂŒhlen Schultern.
Das beruhigende Geklapper des alten Wasserkessels und die grazilen Schritte des schwarzgelockten Adonis, der mit dem RĂŒcken zum Herd stand und die RĂŒckenpartie, seines makellosen, gebrĂ€unten Körpers, unfreiwillig zur Schau stellte, hatten sie wohl geweckt. Sie rieb sich versonnen die Augen und sog den sĂŒĂŸlichen Geruch von Geschlechtlichkeit aus der verbrauchten Luft, streckte, dehnte sich, wie eine Katze, und stöhnte kaum hörbar. Ein wohliges Kribbeln durchströmte ihren Körper. Sie hatte seit ein paar Tagen Schmetterlinge im Bauch. Jean-Marie umflatterte und bestĂ€ubte ihre Sinne und gab ihren GefĂŒhlen Sinn und Glanz. GlĂŒck und Freiheit sind siamesische Zwillinge, die man nicht trennen darf. Wer einmal in seinem Leben das GefĂŒhl des GlĂŒcksmoments empfunden hat, weiß um die grelle Sprengkraft, hofft diese Energien, im Sinne von Befreiung, einsetzten zu können. Zum ersten Mal in ihrem Leben fĂŒhlte sie sich unabhĂ€ngig, erwachsen, konnte entscheiden, was zu tun oder zu lassen sei. Niemand sagte ihr, befahl ihr etwas. Sie konnte hier liegen bleiben oder auch nicht, das war ganz allein ihre Entscheidung. Und Paula war sicher, dass sie diesen Entschluss nie bereuen wĂŒrde.
Noch vor wenigen Tagen saß sie in einer Sparkasse und addierte Zahlen. Bis sie die Arroganz ihrer Kollegen erkannte, die Konsequenz zog und fristlos kĂŒndigte. Sie ging einfach zum Schalter löste das Konto auf und verschwand. Lebendig begraben, ohne sie!
Irgendwann lernte sie dann Jean-Marie kennen und war hingerissen von der Vorstellung, selbstĂ€ndig zu arbeiten. Er versuchte sich im freien Unternehmertum. Die Idee war denkbar einfach. Er bezog von einem Typen Waschklammern, Kernseife, Shampoos und FichtennadelnschaumbĂ€der, die er in den umliegenden Dörfern gegen Bares verscherbelte. Der Clou an der Sache war, dass sich Jean-Marie als Student ausgab, der die Produkte, die von Behinderten in diversen WerkstĂ€tten in Deutschland hergestellt wĂŒrden und nur deshalb, auf diese Art verkaufte, weil sie den Behinderten selbst, in Form von neuen RollstĂŒhlen und so, wieder zugute kĂ€men.
Die RealitĂ€t sah ganz anders aus. Der Ausweis einer Behindertenwerkstatt in Sowieso, den er an der TĂŒr den ahnungslosen Hausfrauen vorzeigte, war natĂŒrlich, bis auf das Passbild, gefĂ€lscht. Der feiste Typ, der ihm die normal hergestellte Ware lieferte, hatte kein offizielles Gewerbe, sondern arbeitete schwarz, so schwarz, wie Jean-Maries Teint war. Es ging um die Kohle, und das rastlose GeschĂ€ft war eintrĂ€glich, weil der Herstellungspreis pro Produkt wenige Pfennige betrug, und der Verkaufspreis, von damals 12 DM, nur möglich war, weil der karitative Aspekt eine wesentliche Rolle spielte. Den fetten Reibach teilten sie sich fifty-fifty. Das gefiel ihr, alles war unkompliziert, ja, einfach.
Und Paula erlebte in den Tagen, die sie jetzt hier war, mehr, als in der gesamten Zeit ihrer Ausbildung bei der Sparkasse.
So auch letzte Woche.
Sie waren, wie immer, sehr spĂ€t dran, doch schon nach kurzer Zeit erreichten sie ihr Ziel. Ein idyllisch gelegenes Straßendorf, Ă€ußerst gĂŒnstig fĂŒr den schnellen Verkauf. Jean-Marie ging schnurstracks auf das erste Haus zu, Paula immer hinterher, sie sollte zuerst nur mal mitgehen und sehen, wie der Hase so lĂ€uft. Er öffnete die GartentĂŒr und lief gemĂ€chlich zum Eingang, um zu klingeln, doch es gab keine Klingel. Er klopfte und rĂŒttelte, aber nichts passierte. Doch er war kein heuriger Hase mehr, gab Paula zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte und ging ums Haus herum und prĂŒfte, ob vielleicht ein Fenster offen stĂŒnde, das eindeutige Zeichen auf dem Dorf, dass jemand zu Hause ist. Auch diese Variante schlug fehl. Wer aber jetzt denkt, Jean-Marie hĂ€tte jetzt frustriert aufgegeben, tĂ€uscht sich gewaltig, denn der wahre VerkĂ€ufer gibt nie auf. Also, weiter nach hinten, vielleicht kommt man doch irgendwie rein, wĂ€re ja gelacht. TatsĂ€chlich, die hintere TĂŒr stand sperrangelweit offen. Ohne zu zögern ging er rein. Ein dunkler Flur mit einer steilen Holztreppe nach oben wurde sichtbar. „Ist da jemand?“ Rief Jean-Marie, mit einem freundlichen Singen in der Stimme. „Ist gar niemand da? Wiederholte er und lĂ€chelte zu Paula rĂŒber. - Stille. - „... ist gar niemand, gar niemand da!“ Echote es, kaum hörbar, aus den oberen GemĂ€chern. - „Dann ist ja gut, dass wir nicht vorbeigekommen sind!“ Entfuhr es Paula ganz spontan.




























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