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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Dann regnet es
Eingestellt am 01. 06. 2009 09:04


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
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Dr. Tony Maloney, ein junger Assistenzprofessor, Historiker an der McGill University Montreal, reist zu einem Seminar nach Berkeley/Kalifornien. Danach macht der unternehmungslustige Wissenschaftler, aus dem unwirtlichen Norden stammend, noch einen kleinen Abstecher in den sonnigen SĂŒden nach Big Sur. Im KĂŒnstlerparadies Carmel-by-the-Sea quartiert er sich im Sea Winds Motel ein. In seinem Zimmer die Nacht durch schlafend, trĂ€umt Tony eine Viktoriana-Sammlung "ins Leben". Als nĂ€mlich Tony, aus dem Schlaf erwacht, ans Zimmerfenster tritt, steht die Sammlung nach Flohmarktmanier auf dem US-amerikanischen Motel-Parkplatz. NatĂŒrlich bleibt in den USA so etwas nicht lange unbemerkt. Der Lokalreporter Fred X. Vaterman, zusammen mit seiner Freundin, der nach US-VerstĂ€ndnis minderjĂ€hrigen Mary Ann, heftet sich an Tonys Fersen. Bald geht Vatermans Meldung um die Welt. Experten reisen an, darunter ein sehr kompetenter aus London vom Victoria and Albert Museum. Als einhellige Meinung der angereisten grĂ¶ĂŸten Experten, allen voran der Generaldirektor der British Imperial Collections, kristallisiert sich heraus - die StĂŒcke unter der subtropischen kalifornischen Sonne lassen sich von den Originalen in Old England nicht unterscheiden. Mehr noch, genaueste Inspektion fördert Exemplare zu Tage, die als verloren gelten mĂŒssen; von denen höchstens lapidare Beschreibungen existieren.

Jedenfalls ist der Roman "Die Große Viktorianische Sammlung" des Iren Brian Moore reine Fantasy. Ein modernes MĂ€rchen also. Der Roman ist die Geschichte einer Geisteskrankeit: Tony muß in Carmel bleiben, muß jeden Morgen als erstes auf den Parkplatz schauen, ob alles ZusammengetrĂ€umte noch dasteht. Tony muß unbedingt bleiben, denn sobald er Carmel verlĂ€ĂŸt, dann regnet es auf seine einzigarte Sammlung!
Desweiteren haben wir einen Liebesroman unter der Leselupe. Tony gewinnt die Liebe der jungen Mary Ann. Zu Romananfang wurde ihm nÀmlich eingeredet, hinter den unerklÀrlichen VorgÀngen stecke eine Frau.
Wie das alles zusammenhĂ€ngt und weitergeht, darf nicht ausgeplaudert werden. Sonst bringen Sie es fertig und lesen, nachdem Sie diese kleine Rezension weggeklickt haben, nicht den wundervollen Roman, der so viele verblĂŒffende Wendungen enthĂ€lt, der so erstaunliche Fakten aus viktorianischer Zeit nennt und diese sogar ein wenig erhellt.

Gut, der Roman, ist wie gesagt, Erste Spitzenklasse, vom Feinsten. Und doch ist er mißlungen; nicht vom LesevergnĂŒgen her mißlungen, sondern tiefenpsychologisch gesehen.

Diese Besprechung hier kann nur jemand geschrieben haben, der fĂŒr verrĂŒckt erklĂ€rt werden muß - verrĂŒckt, so Ă€hnlich wie Tony im Laufe des Romans langsam nĂ€rrisch wird. Aber die BegrĂŒndung fĂŒr die obige "Roman-Verurteilung" folgt sogleich. Brian Moore macht dem Leser weis, Mary Ann habe etwas mit dem ganzen merkwĂŒrdigen Geschehen auf dem Parkplatz zu tun. Der Autor arbeitet dieses Faktum so plastisch heraus, daß der Leser annehmen muß, Tony hat nicht nur alten Plunder aus dem 19. Jahrhundert herbeigezaubert, sondern auch noch ein blutjunges sexy girl aus jener Victorian era. Und dann fliegt Mary Ann am Romanschluß einfach mit dem Airplane (die Amerikaner sagen Plane) davon und lĂ€ĂŸt Tony, Vaterman und den Leser im Stich. Der Leser hatte einen Knalleffekt oder sogar so etwas wie ein Happyend erwartet. Jedoch alles, was mit dieser jungen Frau zusammenhĂ€ngt, erklĂ€rt sich gegen Buchende auf natĂŒrliche Weise. Die Flucht-Ursache sind die beiden MĂ€nner. Mary Anns Flucht hat ĂŒberhaupt nichts mit der Sammlung zu tun.
Die nĂ€chste Quelle tieferer Leser-Unzufriedenheit: Wie kam die Sammlung wirklich auf den Parkplatz? Diese im Leserhirn ĂŒber die LektĂŒre hinweg bohrende Frage wird nicht beantwortet. Der Leser klappt das Buch zu und muß sich mit einem Faktum zufriedengeben: Der Roman ist wirklich ein richtiges MĂ€rchen. Tony konnte zaubern.

Brian Moore wurde am 25. August 1921 in Belfast geboren und starb am 10. Januar 1999 in Malibu/Kalifornien.

Die deutschsprachige Ausgabe
Quelle:
Brian Moore: Die Große Viktorianische Sammlung. Roman.
Aus dem Englischen von Helga und Alexander Schmitz.
283 Seiten. Diogenes, ZĂŒrich 1990, ISBN 3-257-21931-8

Das Original
erschien am 16. Oktober 1975 unter dem englischen Titel
The Great Victorian Collection.

Hedwig 6/2009

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Hedwig

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