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Leselupe.de > Kurzprosa
Darum Schweigen
Eingestellt am 19. 07. 2009 16:57


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PBaum
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2009

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„Darum Schweigen“


 meine Herren, meine Herren, nun beschweren Sie sich ja schon wieder, dass ich Ihrer Gesellschaft nichts zu berichten habe, keine spannende Geschichte aus meinem Leben vorzutragen gedenke! Also gut. Sie werden sicher verstehen, weshalb ich es vorziehe zu schweigen, wenn Sie merken, wie UnspektakulĂ€r dasjenige ist, was ich berichten kann. Setzen Sie sich also auf dieses Polstermöbel, ich werde sofort mit meinen AusfĂŒhrungen beginnen.
Es war einer dieser typischen Ausgehabende, ein Wochenendabend. Vielleicht auch in der Woche, ich weiß es nicht mehr so genau, denn bei einer fortwĂ€hrend unsteten LebensfĂŒhrung kann jeder beliebige Abend zu einem Ausgehabend werden. Nun, im Ort fand eine Art Stadtfest oder Stadtteilfest statt (meine Herrschaften, das lĂ€sst darauf schließen, dass es wohl doch eher ein Wochenendabend gewesen sein muss; Sie mĂŒssen meine schlechte Erinnerungsgabe unbedingt entschuldigen!) Da mir also dieses Ereignis wenigstens ein bisschen Zerstreuung versprach, zog ich es in ErwĂ€gung, dort hinzugehen. Allerdings war der Tag ein wenig trĂŒbe und auch ich selbst kannte schon motiviertere Augenblicke. Ich entschloss mich daher, meine Entscheidung fĂŒr oder wider das Ausgehen auch wirklich erst am Abend endgĂŒltig zu fĂ€llen. Nach einer frĂŒhabendlichen LektĂŒre (Dostojewski), die diesmal ausladend theoretisch ausfiel, wenngleich die philosophischen Aspekte wieder sehr interessant waren, raffte ich mich auf, um den Abend nun doch im Freien zu verbringen. Das besagte Fest fand ein wenig außerhalb statt und ich entschloss mich, einen Teil des Weges zu Fuß zu gehen (ein gutes WegstĂŒck kann durch einen schönen Park bestritten werden) und den zweiten Teil dann mit der Straßenbahn zu fahren. Gedacht, getan! Über meinen Weg wĂŒsste ich nichts Gesondertes zu berichten. Wohl ist es eine Marotte von mir, beim Gehen Musik zu hören und die Leute, die mir begegnen sehr genau zu mustern, mir anhand ihrer Physiognomie Gott weiß welche Gedanken zu machen, aber das ist ja nun nichts weiter Außergewöhnliches. Als ich also - es wird etwa acht Uhr gewesen sein - am Ziel angelangte, da wurde ich zunĂ€chst erst einmal enttĂ€uscht, denn ob Sie‘s glauben oder nicht, ganze fĂŒnf Einheiten unserer geliebten wie gehassten EinheitswĂ€hrung mussten fĂŒr den Zutritt entrichtet werden. FĂŒr ein Stadtfest! Ich meine, andere Leute mĂŒssen dafĂŒr fĂŒnf Stunden arbeiten. Daher dachte ich sogleich fĂŒr mich: Heimfahrt! Wie Sie wissen, war ich ohnedies nicht besonders motiviert gewesen. Da ich aber schon einige Zeit und Kraft in den Weg investiert hatte, entschied ich mich nach kurzem Hadern mit mir selbst, den Eintritt zu entrichten. Das Fest, inmitten eines dörflichen Ensembles alter hĂŒbscher, cremefarbener HĂ€user war schon reichlich gefĂŒllt; Weinbuden mit Tropfen aus der Region, HĂ€ppchenstĂ€nde und allerlei verschiedene Markttischchen mit Kunst und was weiß ich nicht allem, lockten die Massen in Bahnen. Hier und da erklang von kleinen BĂŒhnen lustvoll Musik. Ich hatte schon zwei oder drei Tag zuvor mit einem alten Freund eine recht ordentliche Runde gedreht, nach der ich mir vorĂŒbergehend Abstinenz schwor, aber wegen des hohen Entrees wollte ich mir dann doch ein GlĂ€schen Weingenuss gönnen. So schlenderte ich also mit meinem Glas durch die Massen, blickte in viele leere Gesichter, die gleichsam ihrer Leere durch mich durchsahen. Wenn man sich einige dieser öden, schlaffen Larven einmal genauer anschaut und in Gedanken versucht hinter ihre Existenz zu kommen, dann ist einem wirklich nur danach, in ihrer Mitte ein Weinglas zerschmetternd zu Boden zu werfen und in schallendes, höhnisches GelĂ€chter auszubrechen. Mir jedenfalls war einen kurzen Augenblick entsprechend zumut.
Aber nun gut! Einige Buden am Straßenrand erregten durchaus mein Interesse; an einem „Kosakenstand“ (so die Aufschrift), gönnte ich mir schließlich ein nahrhaftes Borschtsch und gedachte Gogol, Tolstoi, Dostojewski, den ich soeben noch gelesen hatte, und meinetwegen auch Bulgakow. Oh, edle Literaten, wenn ihr mich so sehen könntet, was wĂŒrdet ihr von mir schreiben, versteht ihr euch doch so trefflich auf Charakteristik! Nach meinem nahrhaften Mahl kehrte ich, um mein Weinglas des Pfandes wegen zurĂŒck zu schaffen, zum Hauptplatz der FestivitĂ€t, einem hĂŒbschen kleinen Dorfanger, zurĂŒck. Auf der BĂŒhne, die vorhin noch leer war, spielte nun ein Ensemble mit humoristisch-frohlockender Polka auf. Wirklich nicht schlecht, wie ich gestehen muss; selbst mir alten Stock ging das in die Beine (ich mag ja doch eher Musik zum Hinhören)! Ich platzierte mich ganz in der NĂ€he der BĂŒhne und sah mir die Band genauer an. Der SĂ€nger, zugleich Zerrwanst spielend und einen eigentĂŒmlichen Spaghetti-Bart tragend, die Haare mit Pomade angeklitscht, missfiel mir zunĂ€chst, da er mich an die widerlich schleimigen ConfĂ©renciers der 20er Jahre erinnerte. Dieser Eindruck wĂ€hrte jedoch nur einige Sekunden und kurz darauf gefiel mir seine spritzig-bissige humoreske Art dann doch außerordentlich gut. Soviel zur Physiognomie des ersten Eindrucks! Die Musik und die Kapelle gefielen mir also, der Teufel weiß warum, aber die hatten halt Esprit!
Man verharrt ja selbst beim fesselndsten Konzerte mit seinem Blick nicht nur auf der BĂŒhne, sondern blickt sich auch geflissentlich um; und dabei sah ich sie! Dieses schlanke MĂ€dchen mit dem ausgesprochen feinen, zierlich geschnittenen Gesicht, frechen Haarschnitt und kecken Blick. Ihre Nase erinnerte mich ĂŒbrigens grob an die meinige. Ihre Bewegungen waren flĂŒssig und schwungvoll, hatten den gleichen Esprit wie die Musik selbst und waren irgendwie animierend. Den Spaß, den ihr diese Musik ernstlich bereitete merkte man ihr auch an. Kurzum, sie entzĂŒckte mich sofort umfassend; ihr inneres Befinden schien ohne Trug mit dem, was ich beim ersten Blick erfassen konnte, einherzugehen. Meine Blicke glitten also, wie Sie unschwer erraten können, nun des Öfteren in ihre Richtung und der Zufall wollte es, dass sich die Blicke trafen. Nur eine halbe Sekunde, wahrscheinlich sogar noch kĂŒrzer. Aber mitunter reicht diese unglaublich kurze Zeitspanne schon aus, um bei beiden Beteiligten ein positives Interesse zu erzeugen (einhergehend mit dieser bekannten verspielten Spannung). Und dann treffen sich die Blicke hĂ€ufiger. Ich habe mich, meine Herrschaften, genau versichert, dass sie sich allein meinetwegen des Öfteren umwandte und Blicke in meine Richtung schickte. Sie tĂ€uschte vor, dass sie einen bloßen Blick in die graue Masse werfe, wobei sie sich um 180° drehte und sich dann ganz schnell in die Richtung, in der ich stand, zurĂŒckwandte, spĂŒrbar lĂ€nger verharrte und kurz an meinen Augen festklebte, um sich dann wieder unauffĂ€llig der BĂŒhne zu ergeben. Die bisweilen wirklich Ă€ußerst frivole Musik tat ihr ĂŒbriges und steigerte die Lust und IntensitĂ€t dieser Art der wortlosen Kommunikation, dass ich mir ein kindlich-bengelhaftes Grinsen gen Himmel oder Boden zuweilen nicht verkneifen konnte. Aber leider, leider gehen solche Momente auch einmal vorbei und diese angenehm gespannte Situation drohte mit Konzertende auch seinen Schluss zu finden. Meine Herren, was soll ich sagen? Ich wusste genau, dass dies auch wirklich das Ende meines kleinen GlĂŒcks war, denn wie und unter welchem Vorwand sollte ich sie denn anstĂ€ndig ansprechen (sie war auch in Ă€lterer weiblicher Begleitung: Tante, Mutter, Arbeitskollegin, ehemalige Nachbarin – ich weiß es nicht)? Aber warum? Ich hatte mich doch versichert, dass sie sich wirklich nur meinetwegen umdrehte und mir sehr interessiert in die Äuglein sah! Wie hĂ€tte ich nur auf sie zugehen sollen? Vielleicht hatte ich mir ja doch alles nur eingebildet? Ich gestehe meine SchwĂ€che ein, bezeichnen Sie mich meinetwegen auch als feige, mir ist’s egal, so bin ich eben!
So verschwand sie also in der Menge. Ich stand an der anderen Seite des kleinen Platzes und musste, da in der Mitte Tische und BĂ€nke standen, an die der BĂŒhne gegenĂŒberliegende Stirnseite des Dorfangers, um sie noch einmal zu sehen. Vielleicht hĂ€tte ich sie ja doch angesprochen! Ach nein, meine Herren, das wĂ€re nicht passiert, ich gelobe es Ihnen! Vielleicht hatte ich auch kurzerhand die Hoffnung, dass sie mich anspricht, was weiß ich denn?
NatĂŒrlich hab ich sie nicht mehr gefunden und so verließ ich nach wenigen Minuten des beinahe unbewussten Suchens das Stadtfest um mich ĂŒber die gusseiserne BrĂŒcke zum nĂ€chsten Straßenbahnhaltepunkt zu begeben. Und just, da sah ich sie doch, auf einem Drahtesel sitzend sich von ihrer Begleiterin verabschiedend. NatĂŒrlich auf der anderen Straßenseite der BrĂŒcke, getrennt von GelĂ€ndern und Straße, sodass ich nicht ohne Weiteres hinĂŒber konnte, um sie vielleicht doch irgendwie anzusprechen (Teufel, ich hĂ€tt es ja doch nicht gemacht). Dennoch beschleunigte ich meinen Schritt um sie auf der anderen Seite der BrĂŒcke zu erwischen, denn noch unterhielt sie sich mit ihrer Begleitung













Sie fuhr mir davon, bevor ich die Mitte der BrĂŒcke erreichte. Nur ihr rotes RĂŒcklicht und ihr Kleid betrachtend, rauschte das nĂ€chtliche Fußvolk an mir vorbei bis sie schließlich hinter einer HĂ€userecke verschwand. Ich machte mir meiner Gewohnheit nach wieder Musik an, den Schritt noch immer beschleunigt, und schwor mir, am nĂ€chsten Abend wieder dieses Stadtfest zu besuchen.
Meine Herren, so beende ich nun meine AusfĂŒhrungen. Ich hoffe Sie können nun endlich verstehen, warum ich es vorziehe, vor Ihnen zu schweigen und stattdessen zuzuhören. Ich hĂ€tte wirklich nichts Besseres zu berichten, als dieses.

Dresden, Juli 2009

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Gernot Jennerwein
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hallo PBaum

der protagonist in deinem text ist doch am erzĂ€hlen, also unbedingt alle klammern aus dem text entfernen und die SĂ€tze einfließen lassen, denn sie peppen auf.

sprachlich wirklich sehr gelungen, auch nur sehr wenige flĂŒchtigkeitsfehler.

der inhalt- ich sags dir direkt- ich find in fade, da geschieht eigentlich nichts besonderes.

trotzdem habe ich es gerne gelesen, weil du mit den wörtern umzugehen weißt.

alles in allem - ein gelungenes erstlingwerk!

liebe grĂŒĂŸe
gernot

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PBaum
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2009

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Kommentare: 1
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Hallo Gernot,
danke fĂŒr deine EinschĂ€tzung zu meiner ersten kleinen "SchreibĂŒbung"! Das macht mir Mut, vielleicht mal etwas anzupacken, in dem der narrative Part stĂ€rker ausgeprĂ€gt ist als in dieser eher psychologischen Skizze.

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nachts
???
Registriert: Jun 2007

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Kommentare: 337
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Hallo PBaum

Sprachlich gefĂ€llt mir dein Text, es fließt (vielleicht klingt die eine oder andere Formulierung leicht ĂŒberzogen - z.B Polstermöbel, fĂŒnf Einheiten)
zur Charakterstudie: So wie sich dein Prot darstellt, hĂ€tte er wahrscheinlich nicht darauf verzichtet, die philosophischen Aspekte seiner LektĂŒre etwas genauer zu umreißen.
Ich glaub, es ist ne Gradwanderung (in einer Kurzgeschichte) Handlung nur zu "erzeugen" um einen Charakter darzustellen (außer du nimmst eine manische, außergewöhliche - was immer ... Persönlichkeit)
Es kann, denk ich, passieren, dass die Geschichte/Handlung dann so dahin plÀtschert (das ging mir mit deinem Text ein bisschen so)
Umgekehrt braucht es, glaub ich - auf der Handlungsebene einen fundierten Charakter, damit sein Agieren plausibel erscheint - und alles an deinem Prot war - fĂŒr mich - glaubwĂŒrdig und nachvollziebar. (Jetzt könnte er eigentlich mal was erleben)

Wenn du von den Gedanken zum Text was brauchen kannst, okay - ansonsten muß es dich nicht kĂŒmmern
LG Nachts





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