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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Abenteuer Paranoia (Angst und Schrecken auf der Obstbaumwiese)
Eingestellt am 30. 10. 2016 22:20


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Sputnik
Nennt-sich-Schriftsteller
Registriert: Oct 2016

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Kaum ein Monat erschien mir je d├╝sterer als der November 2015. Schon seit Beginn des
Vorjahres hing ich ununterbrochen im Internet, wie ein Junkie an der Nadel. Facebook,
Twitter, Youtube, Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten. Morgens ins B├╝ro gekommen,
lesen was in der Welt passiert ist. Abends nach Hause, Computer anschalten. Um vier Uhr in
der Nacht aufgewacht. Erster Gedanke: Was hat die UNO heute wohl entschieden.
Die Welt schien am Rad zu drehen. Schon seit geraumer Zeit sprachen ├ľkonomen von einer
gewaltigen Wirtschaftskrise, die vor uns lag und die alles bisher Dagewesene von den F├╝├čen
auf den Kopf stellen w├╝rde. Im Kreuzzug gegen b├Âse Geister fiel eine Bastion nach der
anderen zu den F├╝├čen von R├╝stungslobby und Hochfinanz. Afghanistan, Irak, Lybien, Syrien,
Ukraine - das Unheil kam immer n├Ąher, w├Ąhrend die Menschen weiterhin zur Arbeit gingen,
Br├Âtchen kauften und sich beim Friseur die Haare schneiden lie├čen. In den Presseregalen der
L├Ąden und Tankstellen hingen bunte Bilder als Blickfang. "Putin ist an allem schuld,
Erdogan, Assad". Comics anstatt langweiliger Fakten. Wahre Profis haben keine Zeit zum
lesen und m├Âchten unterhalten werden. Es lebe die Arbeitsteilung. In einem europ├Ąischen
Land kommen Faschisten an die Macht. Neulinke ├ľkos bemerken das nicht. Sie haben sich
noch nicht von ihrer Begeisterung f├╝r den Arabischen Fr├╝hling erholt. Fachkr├Ąftemangel im
Land der Fachidioten. Mutti Merkel verh├Ąngt Wirtschaftssanktionen gegen Syrien und l├Ąsst
hunderttausende neuer Moslems nach Deutschland einreisen. Ohne Passkontrollen, ohne
Wissen, wer sie sind. Hunderttausende M├Ąnner im wehrf├Ąhigen Alter aus Gebieten, wo
Glaubenskriege toben und radikaler Islamismus den Interessen derjenigen dient, die
andernorts Demokratie und Menschenrechte predigen. Wie Pilze nach dem Regen erscheinen
├╝berall Fl├╝chtlingsheime. Die Einheimischen gehen auf die Stra├če: "Wir sind das Volk"
erklingt es im Osten. "Ihr seit Nazis" lautet die Antwort der unehelichen Kinder des Westens.
"Populismus" wird zu einem politischen Kampfbegriff, "L├╝genpresse" - zum Unwort des
Jahres. In Europa brodelt es. Das Gespenst einer konservativen Revolution treibt sein
Unwesen und Althippies auf die Palme. Terroranschlag in Paris. ├ťber Syrien wird ein
russisches Kampfflugzeug abgeschossen. Die Erwartung eines gro├čen Krieges liegt in der
Luft. Und da stehe ich nun, mit einem Haufen Unzufriedener auf einer Demonstration gegen
Freihandelsabkommen, gegen die NATO, gegen Schweinepriesterei und politische
Prostitution. Ich - deutscher Staatsangeh├Âriger, ethnischer Russe, ein T├╝rke vom Aussehen.
Was sollen mich die ganzen Araber eigentlich jucken. Ich w├╝rde unter ihnen nicht einmal
besonders auffallen.
- Hey Tarzan, frage ich meinen Nachbarn.
- Was geht?
- Allahu akbar! Habe ich das richtig ausgesprochen?
- Brauchst noch ein bisschen ├ťbung, dann passt das.
Auf dem Bildschirm seines Tabletts l├Ąuft gerade ein Video. Ein ganz in schwarz gekleideter
Dschihadist versucht, den Kopf eines Mannes abzuschneiden. Haut und Muskeln sind bereits
zertrennt, nun hackt er auf der Halswirbels├Ąule herum. Ich frage mich, wie viele solcher
Glaubenskrieger mittlerweile bei mir um die Ecke wohnen. Ein Paar Viertel weiter
stadtausw├Ąrts. Oben, bei den Maisfeldern, neben der Vereinsheimpizzeria. In den
Alubaracken mit der Starkstromleitung ├╝ber ihrem Dach.- Alter, ist das denn m├Âglich, dass auch Terroristen unter den ganzen Fl├╝chtlingen sind? frage
ich Tarzan wieder.
- Nein, Moruk. Das darfst du nicht sagen, sonst bist du ein Rechter, Hehe.
- Dann sag du es, Lan. Du darfst das.
- Nat├╝rlich, Mann. Hundert Prozent sind die da. Wer soll denn sonst die ganzen Gelds├Ącke
nach Amerika vertreiben.
Einige Tage sp├Ąter hatte meine Laune schlie├člich ihren Tiefpunkt erreicht. An jenem Freitag
Abend h├Ątte ich wahrscheinlich mit dem Kopf im Scho├č meiner Frau liegen bleiben sollen.
Nach einer stressigen Arbeitswoche f├╝hlte ich mich ausgepresst, wie eine Zitrone. Auf
meinen Knien der Laptop, auf dem Bildschirm wieder Nachrichten, Nachrichten,
Nachrichten. Erneut brandgef├Ąhrliche Situation im Nahen Osten, wieder Demos, wieder
Kriegstreiberei in der neoliberalen "Qualit├Ątspresse". Haltet die Diktatoren auf! Im Namen
der amerikanischen Staatsverschuldung, im Namen der Finanzblasen, haltet die
Schurkenstaaten unbedingt auf. Verdrehte Welt, verkehrte Werte, Nutte wird Nonne genannt,
Nonne Nutte. In den alternativen Medien nichts als Schwarzmalerei und das ewige Geflenne.
Die Welt geht unter! Die Apokalypse kommt. Bald ist alles vorbei. Der Countdown l├Ąuft.
Zehn, neun, acht, sieben.... Zu guterletzt sto├če ich auf einen Artikel ├╝ber die Hellseherin
Baba Wanga "Das Ende Europas in 2016". Genau das hat jetzt noch gefehlt. P├╝nktlich zur
Untergangsstimmung eine ordentliche Portion Mystik. Was? Wie? Weshalb? Schnell eine
Googlesuche. Tats├Ąchlich. Laut der Alten sollte im kommenden Jahr Europa nahezu
menschenleer werden. Krieg, Kathastrophe oder doch Massenauswanderung? Verschiedene
Seiten enthielten unterschiedliche Information. Wieder betrachtete ich das Bild der alten
Frau. Von seiner Aufmachung erinnerte es an eine Ikone. Ein religi├Âses Motiv. Eine blinde
Greisin, die den Tod, das Ende kommen sieht und mit der Hand auf ihn deutet. Das faltige
Gesicht und die zugeklebten Augen. Ein Racheengel, ein Medium oder des Teufels rechte
Hand? So vieles hatte sie schon vorhergesagt. Der Nostradamus unserer Zeit.
An jenem Abend w├Ąre es vermutlich das Vern├╝nftigste gewesen, ins Schwimmbad zu gehen
oder irgendeine d├Ąmliche amerikanische oder franz├Âsische Kom├Âdie zu schauen, eine Runde
zu laufen, zu meditieren oder sonst etwas Entspannendes zu unternehmen. Doch zu diesem
Zeitpunkt, da Wanga mich in ihren Bann gezogen hatte und ich wie hypnotisiert auf den
Bildschirm starrte, hatte ich bereits die dreifache Dosis LSD im Magen. Drei Zettel - war das
zu verkraften? Probieren geht ├╝ber Studieren. Eine Stunde Erwartung war schnell vergangen.
Langsam begann es ├╝berall zu kribbeln. Ein bekanntes Gef├╝hl, ein sch├Ânes, angenehmes,
doch heftiger als sonst, heftiger, viel heftiger. Verdammt nochmal, was war das denn?
Ich sprang auf und ging ein wenig im Raum hin und her.
- Was ist mit dir, h├Ârte ich meine Frau fragen.
- Alles in Ordnung.
Doch nichts war in Ordnung. Diese Energie, diese Elektrizit├Ąt in meinen Adern, wo sollte das
alles denn nun hin. Die W├Ąnde wurden enger.
- Ich muss weg, sagte ich und ging in den Flur.
- Hast du schon wieder Drogen genommen?Ich antwortete nicht. Daf├╝r hatte ich keinen Kopf mehr. Es war unm├Âglich, das in diesem
Zustand mir ihr zu besprechen. Schnell die Schuhe anziehen und raus. Im Treppenhaus
konnte man die Laute aus den anderen Wohnungen h├Âren. Alle auf einmal. Die Bewohner
kamen mir in den Sinn, mitsamt ihren Problemen. Diese Last drohte mich zu erdr├╝cken. Ich
rannte die Treppen hinunter in die frische Luft. Was mich nun packte, war die reinste Panik.
Drau├čen erklang schlie├člich eine Stimme aus einem der Fenster.
- Hey Nachbar. Wohin?
- Ich dreh durch, Tarzan. Ich dreh durch.
- Warte auf mich, bin gleich unten.
Ich ging hin und her. Alles um mich herum verschwamm, die Lichter der Laternen, die
betonierte Stra├če mit den Autos. Ein einziger Gedanke zog in meinem Kopf seine Kreise und
kam immer und immer wieder. Ein einziges Wort: h├Ąngenbleiben, h├Ąngenbleiben,
h├Ąngenbleiben.
- Wie gehts dir, Nachbar? fragte Tarzan. Er war entgegen seiner Gewohnheit, sich wie eine
Schnecke zu bewegen, innerhalb einer einzigen Minute nach drau├čen gesprintet.
- Alter, ich werde verr├╝ckt. Das ist zu stark.
- Wieviele hast genommen?
- Drei.
- Und, gut?
- Verdammt nochmal, siehst du doch.
- Hehe. Ich bin auch noch drauf, Moruk. Hab heute Nachmittag zwei St├╝ck gefressen. Das
wird schon wieder. Mach dir keine Sorgen, Lan.
Ich sagte kein Wort und marschierte los. Tarzan folgte mir.
- Alter, dich hat es ja richtig gut erwischt.
Ich antwortete nicht, versuchte, mich zu konzentrieren. Ein Gedanke folgte auf den n├Ąchsten,
einer schlimmer als der andere. Dass Gedanken materiell sein sollen, hatte ich schon oft
geh├Ârt. Doch diese waren mehr als das. Sie waren sp├╝rbar, ber├╝hrbar, sichtbar wie ├ľlgem├Ąlde
an der Wand.
- Denk an etwas Positives, empfahl mein Nachbar.
An was denn? Eine neue Panikattacke schlug auf mich ein wie eine gigantische Welle und
mir kam es vor, als treibe ich in einen Ozean wo weit und breit kein Land in Sicht ist. Nichts
h├Ątte mich jetzt beruhigen k├Ânnen. Rein gar nichts. Ein h├Âllischer Schrecken zog sich wie
schwarze Wolken ├╝ber meinem Kopf zusammen, wie Gottes Rache f├╝r den Griff zum Baum
der Erkenntnis. Der verbotene Apfel war mir zum Verh├Ąngnis geworden. Das Eingangstor in
die Welt religi├Âser Wahnzust├Ąnde hatte sich ge├Âffnet und ich geriet in die Gewalt vonKr├Ąften, die ich nicht erkl├Ąren, nicht begreifen, nicht nachvollziehen konnte. Mir blieb die
Luft weg, obwohl ich in vollen Z├╝gen atmete. F├╝r wenige Augenblicke war ich wieder in
meiner Kindheit. Ein kleiner Junge, der auf dem Boden liegend, krampfhaft nach Sauerstoff
schnappt in der Erwartung, sogleich das J├╝ngste Gericht zu erblicken. Ihn terrorisiert die
Frage nach dem Beginn der Ewigkeit, nach der Geburt Gottes und danach, was davor
gewesen war. Warum kann er das nicht erfahren? Warum darf er das nicht? Er hat noch viele
Angstzust├Ąnde vor sich, noch unz├Ąhlige ungel├Âste Fragen ehe er die Ohnmacht des eigenen
Verstandes akzeptieren m├╝ssen wird.
- Nachbar, Nachbar. Komm wieder zu dir. Tarzan r├╝ttelte an meinem Jacken├Ąrmel.
Halt, Stop. Es ist nur das LSD, das verdammte Acid, dieses Teufelszeug. Das ist nur
vor├╝bergehend so. Das wird wieder vergehen? Das vergeht doch wieder? Oder?
Wir liefen bergauf und mein Herz begann zu rasen. Ich sp├╝rte es in den Schl├Ąfen donnern und
war mir sicher, dass ich gleich platze. Noch ein bi├čchen und es kracht. Ein Infarkt, ein
Schlaganfall, mein Sch├Ądel wird explodieren. Und wenn er nicht explodiert, dann werde ich
den Verstand verlieren. Heute, hier und jetzt.
Wie sich das wohl anf├╝hlt? Wie kann man sich das ├╝berhaupt vorstellen? Verdammt, warum
habe ich nur so wenig Respekt vor Drogen. Was f├╝r eine kranke Variante. Einfach so ├╝ber
Nacht. Zack, und du bist nicht mehr du selbst. Bist nicht mehr derjenige, der du immer
gewesen zu sein glaubtest.
- Du bist nur auf Horror, Mann. Morgen ist das vorbei. Unterbrach Tarzan meine Spinnereien.
- Wann, Alter? Fragte ich vollen Ernstes.
- Das h├Ąlt schon noch eine Zeit, hehe. Mein Nachbar lachte in seiner gewohnten Manier. Ein
kurzes "Hehe", aber tief aus dem Rachen heraus.
Die Gedanken str├Âmten wie Wellen an mir vorbei und jeder einzelne von ihnen hinterlie├č das
Gef├╝hl von Verlorenheit, eines Schwebens zwischen Realit├Ąt und Nirgendwo. Einem sehr
bunten Nirgendwo zwar. Einem wahren Zirkus mit vielerlei Lichtern, Farben und Kl├Ąngen.
Nur am├╝sieren konnte man sich hier, wie in einem Stephen King Roman. Jeder einzelne
Gedanke kam mit der Intensit├Ąt einer Offenbarung, eines wahren Geistesblitzes, der jedoch
nichts als Unheil verhie├č. Wenige Momente lang lie├č er mich wie ein Stromschlag zappeln
und verschwand dann wieder, als sei er nie dagewesen, gefolgt vom n├Ąchsten, genauso
furchbaren.
Ich kam mir verraten vor. Bis zu jenem Abend war das Acid immer mein Freund gewesen,
mein Sinneserweiterer, mein Einblick in eine parallele Realit├Ąt. Ich werde nie diesen
m├Ąrchenhaften Tag im gold-roten Herbstwald vier Jahre fr├╝her vergessen, als die Welt noch
in Ordnung schien, die Sonne noch w├Ąrmte und ich mir mein allererstes Ticket eingeworfen
hatte. Damals konnte ich nicht aufh├Âren zu lachen. Die Gl├╝cksgef├╝hle sch├Ąumten ├╝ber, alles
bewegte sich, atmete. Gelbe Bl├Ątter fielen von den B├Ąumen und hinterlie├čen lilane,
elektrische Spuren.
- Denk an etwas Sch├Ânes, schlug Tarzan noch einmal vor.
Ich versuchte es. Doch alles, was mir je Freude bereitet hatte, kam jetzt verzerrt, verdreht und
verunstaltet bis zur Unerkennbarkeit. Jeder Gegenstand, den ich betrachtete bekam einen
Leuchtkranz um sich herum, dessen Strahlen wie die Nadeln eines Stachelschweines in alle
Richtungen stachen. Schnell, agressiv, erbarmungslos.Jeder Augenblick wurde zu einem gigantischen Bild, das an mir vorbei in die Ferne zog,
gefolgt vom n├Ąchsten, wie in einem Filmstreifen.
Vergleichbar einem Ertrinkenden im Wasser, sp├╝rte ich keinerlei Halt, nichts Festes, woran
ich mich h├Ątte klammern k├Ânnen. Ich setzte mich auf den Asphaltboden und tastete ihn mit
meinen H├Ąnden ab. Auch Tarzan ging in die Hocke. Dieser d├╝rre, an ein KZ-Opfer
erinnernde Sohn t├╝rkischer Gastarbeiter. Er war jetzt meine einzige Verbindung zur Realit├Ąt.
- Nachbar, Alter, wohin gehen wir ├╝berhaupt? fragte er.
- In den Wald. Zu Mutter Natur.
- In den Wald? Was echt? Doch nicht jetzt.
- Das letzte was ich brauche, sind Menschen. Sagte ich. In der Stadt fahren Bullen herum, ein
Treffen mit denen, das wird eindeutig zu viel.
Der Gedanke an Polizisten l├Âste eine weitere Panikattakcke in mir aus. Was h├Ątte ich denen
in diesem Zustand erz├Ąhlen sollen. Ihre strengen Visagen h├Ątten mir endg├╝ltig den Rest
gegeben. Jetzt, da sich alle b├Âsen Geister dieser Welt gegen mich verschworen hatten. In
meinem Ged├Ąchtnis tauchten die neuesten Zeitugsartikel auf: Die Russen kommen. Sie sind
schon da. ├ťberall. Im Internet sind sie, auf den Stra├čen. Russische Propaganda, KGB
Kampfschulen in deutschen St├Ądten, Russlanddeutsche als Putins Geheimarmee. Anh├Ąnger
eines feindlichen Staates. Der Feind vor der T├╝r. Der Feind im eigenen Haus. Der Feind, das
war aller Logik nach ich. Zum Abschuss freigegeben.
- Moruk, wir k├Ânnen doch nicht im Wald rumh├Ąngen, auf Acid. Bist du verr├╝ckt?
Ich sprang auf. Heiliger Strohsack, warum hat der das jetzt gesagt? War ich etwa wirklich
schon verr├╝ckt geworden. Das Gesicht meines Nachbarn verschob es in alle Richtungen. Eine
Grimasse wechselte die n├Ąchste ab.
- Alter, im Wald ist es gut, sagte ich vollen Ernstes. Mutter Natur liebt uns, die will uns nichts
B├Âses. Menschen sind b├Âse, Mann, sie nicht. Mutter. Mutter war ein guter Gedanke. Doch
dieser war ebenso schnell weg wie er gekommen war. Alles was blieb war die strenge
m├╝tterliche Anweisung, keine Drogen zu nehmen.
- Nachbar, du wei├čt doch. Ich glaube an D├Ąmonen und all son Schei├č, Lan. Amina koyim,
gehen wir nicht in den Wald.
- D├Ąmonen? fragte ich. Komischerweise l├Âste dieses Wort keinerlei Assoziazionen bei mir
hervor. Ich hatte keine Bilder hierzu im Kopf, nicht die geringste Vorstellung zu diesem
Thema. Etwas Schwarzes zog im Himmel an mir vorbei und eine Kr├Âte quakte in meinen
Ohren.
- Ja, Mann. Dschinns, Alter. Mein Vater hat die in der T├╝rkei gesehen. Wie sie ├╝ber Feuer
springen. Habe ich dir doch erz├Ąhlt, Nachbar. Gehen wir nicht in den Wald.
- Gut, gehen wir da nicht hin. Hier gibt es ├╝berhaupt keinen. Das wei├čt du doch. Lebst seit
zwanzig Jahren in diesem Kaff. Hier gibt es nur Meisfelder und der Mais ist schonabgeerntet. Bullen sind schlimmer als Dschinns, bljad'. Die hassen Russen, die hassen
T├╝rken, die lesen Bildzeitung.
In einiger Entfernung erkannte ich ein M├Ądchen auf dem geteerten Feldweg mit einem Hund
spazieren gehen. Doch als sie uns sah, rannte sie los und der K├Âter mit ihr. Wie vom Teufel
gejagt. Mir fiel ein, dass ich in den letzten Wochen, hier am Stadtrand schon ├Âfter ├Ąngstliche
Gesichter getroffen hatte, auch tags├╝ber. Die Einheimischen zuckten zusammen, wenn sie
meine unrasierte, s├╝dl├Ąndisch-asiatische Visage sahen. Dann gr├╝├čten sie mich und erwarteten
mit einem nerv├Âsen Blick eine Antwort. Ein akzentfreies "Servus" oder "Gr├╝├č Gott" schien
sie zu beruhigen. Niemand wusste schlie├člich, wen genau Mutti ins Land gelassen hatte und
wof├╝r. Niemand hatte einen blassen Schimmer, wer jetzt in den Alubaracken hier hauste, in
der Turnhalle am Autobahnzubringer und in der alten Chemiefabrik in Bahnhofsn├Ąhe. Es war
schon stockfinster und hier auf der Obstbaumwiese fand sich weit und breit keine Seele. Ich
musste daran denken, dass innerhalb der letzten Wochen vier meiner Bekannten das Land
verlassen hatten. Die zwei Freaks, von denen ich das LSD hatte, waren mit dem Wohnmobil
nach S├╝dspanien abgehauen. Eine ehemalige Dozentin hatte auf Facebook gepostet, dass sie
ihre berufliche Zukunft lieber in Japan suchen werde. Ein entfernter Verwandter hatte sich
auf Bali abgesetzt. Konnte das Zufall sein? Die ganzen Gehirnamputierten von den Demos
waren ohnehin schon lange dabei, ihre kollektive Umsiedlung nach S├╝damerika zu planen.
Sie redeten ununterbrochen vom Dritten Weltkrieg und von einem B├╝rgerkrieg in
Deutschland, der durch Masseneinwanderung aus islamischen L├Ąndern k├╝nstlich
herbeigef├╝hrt werden soll.
Tarzan meldete sich wieder zu Wort.
- Nachbar, du darfst nicht gegen das Zeug ank├Ąmpfen. Du musst es jetzt genie├čen. Schau dir
diesen Baum an. Die Äste, wie sie sich bewegen.
Ich blickte hinauf. Schwarze Linien schl├Ąngelten sich wie Krakenarme, mit dem wolkigen
dunklen Himmel im Hintergrund. Wieder h├Ârte ich irgendwo eine dicke, fette Kr├Âte quaken.
In mir kam das Bed├╝rfnis auf, den H├╝gel hinaufzugehen, der an ein Keltengrab erinnerte und
von wo aus man die gesamte Umgebung sehen konnte.
Oben angekommen schauten wir in die Ferne. Sahen unsere Stadt, das Industriegebiet, den
endlosen Horizont und schlie├člich den Psychoknast auf dem Berg, direkt im Ortszentrum.
Eine geschlossene psychiatrische Anstalt war die Hauptattraktion hier. Was f├╝r eine
Symbolik. Mein k├╝nftiger Aufenthaltsort, mein neues zuhause. Vorausgesetzt nat├╝rlich, ich
w├╝rde bis dahin noch leben. F├╝r einen Novemberabend war es recht warm und ich musste an
die Erderw├Ąrmung denken. Mit der W├Ąrme wandern auch S├╝dv├Âlker in Richtung Norden, zu
uns, hierher.
- Meinst du wirklich? Fragte mein Nachbar pl├Âtzlich. Mir war gar nicht aufgefallen, das ich
diesen Gedanken ausgesprochen hatte.
Was wusste denn ich schon, was gerade um mich herum passierte. Vielleicht waren ja
inzwischen tats├Ąchlich ├╝berall amerikanisch-islamistische Millizen, die Nazikommunisten
wie mich jagten. Warum sonst hatte man sie alle ins Land gelassen. Der arabische Fr├╝hling -
ein Exportschlager.
- Nachbar, Alter, was wenn ich nie wieder von dieser Schei├če runterkomme? fragte ich.- Ach was. Das wird schon wieder. Morgen scheint wie gewohnt die Sonne, Moruk. Du darfst
nur nicht dagegen ank├Ąmpfen. Entspann dich.
- Aber gibt es denn nicht ein Mittel dagegen? Fragte ich Tarzan schlie├člich.
Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Er hatte sich offensichtlich selbst schon
darauf vorbereitet.
- Benzos.
Ich starrte ihn ungl├Ąubig an.
- Was echt?
- Benzos, bringen dich auf jeden Fall runter. Er nickte selbstsicher und ich musste daran
denken, dass weder meine Mutter, noch meine Frau, noch Gott oder die Morgensonne,
genauer die Vorstellung alles dessen, vermocht hatten, mich zu beruhigen. Aber dieses
"Benzos" lie├č meinen Horrortrip sofort einen Gang runterschalten. Gruselig war es zwar noch
immer, aber der Gedanke daran, dass es etwas gab, was diesem Spuk ein Ende bereiten
k├Ânnte, lie├č mich aufatmen. Dass wir mitten in der Nacht auf einer Obstbaumwiese
herumhingen und Benzodiazepine nicht auf den Ästen wuchsen, spielte dabei die geringste
Rolle. Wenn nicht heute, dann morgen, aber ich w├╝rde wieder normal denken k├Ânnen, so wie
fr├╝her. Doch daf├╝r gewann auf einmal der Verfolgungswahn an Fahrt. Versuch doch einmal,
auf drei Fetzen Acid reale Probleme von irrealen zu unterscheiden. Wo beginnen die einen
und wo enden die anderen? Was macht sie ├╝berhaupt real und was irreal? Surrearlismus pur.
Salvador Dal├ş und seine schmelzende Uhr lassen gr├╝├čen. Aber auch ohne das, war die
Situation nicht wirklich lustig. Wir befanden uns auf den Feldern, einem leeren Territorium,
mitten in der Nacht. Woher sollte ich wissen, dass alles wieder so werden w├╝rde wie fr├╝her.
Wer sagte mir ├╝berhaupt, dass nicht bereits ein B├╝rgerkrieg im Land ausgebrochen war und
dass radikale Islamisten im Auftrag der CIA und der Finanzeliten nicht bereits alles daf├╝r
taten, Chaos in den St├Ądten zu stiften. Die Amerikaner wussten alles ├╝ber jeden. Was du
beruflich machst, deine Lieblingsfarbe, mit wem du ins Bett steigst und selbst das, was du
gestern gegessen hast. Sie konnten beliebig Oppositionelle ausfindig machen und sie mit
Hilfe bewaffneter Asylanten vernichten. Vielleicht waren sie ja schon jetzt hinter s├Ąmtlichen
Andersdenkenden her, ihrer jeweiligen Bedeutung entsprechend mehr oder weniger. Was f├╝r
ein erb├Ąrmlicher Gedanke, dass deine ├ťberlebenschance einzig darin besteht, dass du ein
unbedeutender kleiner Wurm bist, der niemandem gef├Ąhrlich werden kann. War ich das
denn? Machten meine Facebook-Bekanntschaften mit Dissidenten und meine Propaganda
mich zu einer Gefahr? Im n├╝chternem Zustand hatte ich nicht einen Gedanken daran
verloren. Doch von N├╝chternheit war jetzt nicht einmal zu tr├Ąumen. Meine Fresse war bei
Russia Today erschienen. Oft genug war ich auf Demos gewesen. War das alles Grund
genug? Hatte ich mir die Ehre verdient, als gef├Ąrlich zu gelten? Was sollte dann der Virus auf
meinem Laptop? Ja, Mann: Killerkommandos aus Asylanten - das war es. Der Yankee
lokalisiert Freigeister, der Islamist vernichtet sie. So sah der Teufelspakt aus. Daran konnte
kein Zweifel bestehen. Nur so und nicht anders. Warum dann hatten die Bullen ├╝berall die
Anweisung erhalten, Araber und Schwarze nicht anzur├╝hren, egal wie sie sich benahmen.
Warum sonst vertuschten die Medien all jene Geschichten ├╝ber Ausl├Ąnderkriminalit├Ąt, die
unter der Bev├Âlkerung ihre Runde machten.
Kaum hatte ich diesen Gedanken verarbeitet, da sah ich aus der Ferne Fahrradlichter in meine
Richtung kommen. Genau auf uns zu. Vier Lampen in der Finsternis. Wer macht denn schon
eine Radtour kurz vor Mitternacht, kurz vor Wintereinbruch.Es ist soweit, dachte ich mir und tastete in meiner Jackentasche nach dem Klappmesser, das
ich nat├╝rlich wieder einmal zuhause vergessen hatte, w├Ąhrend die Lichter immer n├Ąher
kammen und begannen, uns zu blenden. Was nun? Was tun? Wohin? Womit? Nichts als
Fragen im Angesicht der Gefahr. Als sie schon ganz nah waren, erkannte ich schwarze
M├Ąnner. Afrikaner, das konnte niemand anderer sein. Hoch gewachsen und mager, wie
gerade erst von den Schiffen heruntergestiegen. Verdammt nochmal. Weit und breit niemand
sonst. Im Vorbeifahren waren sie langsamer geworden, immer langsamer und langsamer. In
einem z├Âgerlichen Tempo fuhren sie schlie├člich an uns vorbei und kamen einige Meter weiter
zum Stehen. Die Lichter gingen aus.
Das wars, dachte ich mir, w├Ąhrend meine Augen krampfhaft nach herumliegenden
Gegenst├Ąnden suchten. St├Âcke, Steine, irgendwas. Es sah schlecht aus. Wenigsten ein
Feuerzeug hatte ich in der Hosentasche gefunden. Das w├╝rde meinen Schlag h├Ąrter machen
und die Verletzungsgefahr an der Faust mindern. Nur, was sollte das bringen, gegen vier
M├Ąnner, die zudem mit Sicherheit fitter waren als ich und mein Spargeltarzan von Nachbar.
Wieviel Kilogramm brachte er ├╝berhaupt auf die Wage? Sechzig, f├╝nfundsechzig? Mehr
nicht. Doch gerade hatte ich an ihn gedacht, da erklang sein lauter Schrei.
- Verpisst euch blo├č hier, drecks Asylanten. Geht dahin, wo ihr hergekommen seid. Sick ter
lan.
Was war das denn. Warum sagte er das? Hatte er jetzt v├Âllig den Verstand verloren? Ich war
irritiert.
- Wir d├╝rfen keine Angst zeigen, fl├╝sterte Tarzan mir ├╝berzeugt zu, als h├Ątte er meine
Gedanken gelesen.
Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst. Was w├╝rden wir jetzt verlieren? Die
Geldbeutel, ein Paar Z├Ąhne oder doch mehr als das? Was wusste ich denn jetzt schon.
- Zur├╝ck nach Afrika, Jumble Jumbel, setzte mein Nachbar noch einen drauf.
Wir waren ganz klar in der Unterzahl. Ich habe nie etwas von leeren Drohungen gehalten und
war mir absolut sicher, dass diese t├╝rkische Muckertaktik gleich nach hinten losgehen w├╝rde.
Im Gegenzug erklang irgendein Gemurmel, von dem ich jedoch kein einziges Wort
vernehmen konnte. Die Afrikaner tauschten Information untereinander aus. Irgendwelche
Laute erklangen, die offensichtlich an uns adressiert sein sollten. Ich konnte die Kerle sehen.
Zwar nur die Konturen, aber da waren sie, alle vier. Sie standen da, sie berieten sich, sie
fingen an sich zu bewegen, stiegen auf ihre Fahrr├Ąder, drehten diese um und fuhren
unerwartet weiter. Einfach so. Es war kaum zu fassen. Sie lie├čen uns einsam in der
Dunkelheit stehen. V├Âllig ohne action. Wir konnten aufatmen. Tarzan hatte recht gehabt.
Unglaublich. In dem Bewusstsein, dass die Gefahr noch nicht vorabei war, hielten wir aus
und blickten den Wegfahrenden hinterher, zu allem bereit. Davon ├╝berzeugt, dass sie das
Weite gesucht hatten, drehte ich mich schlie├člich um und wollte gerade weiterlaufen, als
urpl├Âtzlich ein weiteres Fahrrad aus der Dunkelheit direkt auf mich zukam, ganz ohne Licht,
kaum zu erkennen. Der Feldweg war an dieser Stelle von Hecken umgeben. Das Rad war uns
schon so Nahe, dass ich nicht einmal die Zeit hatte, mich zu erschrecken. Eine alte Frau sa├č
darauf, mit einer Kapuze, das ihr Gesicht verdeckte. Ich war wie angewurzelt stehen und wie
erstarrt mit meinem Blick an der Alten kleben geblieben, da ert├Ânte wie ein Donnerschlag:
- Bismillahirahmenirahim.
Verdammt, was war das denn? Aus dem Rachen heraus ein gespenstisches:- Bismillahiramenirahim.
Ich drehte meinen Kopf um hundertachzig Grad um nachvollziehen zu k├Ânnen, woher dieser,
an einen Schlachtruf erinnernde Klang kam. Es war mein Nachbar. Er warf diese Worte der
Oma ins Gesicht, als w├╝rde er einen Hund anschreien. Sie zog an uns vorbei, doch
- Bismillahirahmenirahim.
Was sollte das? Wollte er etwa, dass die arme Alte mit einem Herzanfall umf├Ąllt. Jetzt, da
Gott wei├č was im Land passiert, laufen zwei Idioten auf Acid durch die n├Ąchtliche
Landschaft und rufen zu armen deutschen Rentnerinnen "Bismillahirahmenirahim", "im
Namen Allahs, des Barmherzigen".
- Alter, was machst du? H├Ârte ich mich selbst rufen und schaute meinen Nachbarn an.
- Willst du sie umbringen, bljad'?
Doch Tarzans Gesicht, das sich noch immer in alle Richtungen verbog, war wie erfrohren. Er
sagte kein Wort und starrte nur in die Richtung, aus der die Gro├čmutter gekommen war.
- Nachbar. Was geht? Fragte ich noch einmal hinterher.
- Mann, ich schw├Âr, ich hab die f├╝r einen D├Ąmon gehalten. Leck mich doch am Arsch, was
hat die mich erschreckt. Stotterte er schlie├člich vor sich her.
Ich war viel zu paranoid um mich ├╝ber die Komik der Situation zu am├╝sieren. Die Oma lie├č
mich wieder an Baba Wanga denken. Nichts wie weg hier. Zur├╝ck in die Zivilisation, schei├č
auf die Bullen. Weg von den Feldern und allen Wesen, die sich hier herumtrieben. Wir
marschierten wieder in Richtung unseres Hauses. Am Keltenh├╝gel vorbeilaufend sah ich
darauf die Afrikaner mit ihren R├Ądern sitzen. Wie die Geier blickten sie auf uns herab und
schwiegen.
Sobald wir das Wohnviertel erreicht hatten, meinte mein Nachbar schlie├člich:
- Jetzt bist du wieder n├╝chtern.
Das war nat├╝rlich schwer ├╝bertrieben. Ich war nach wie vor drauf. Nur wusste ich nunmehr,
dass ich nicht durchdrehen w├╝rde. Wirtschaftliches Desaster, Massenauswanderung,
B├╝rgerkrieg, atomare Vernichtung - all das stand nat├╝rlich noch bevor. Auch hatte ich nicht
ausschlie├čen k├Ânnen, einen gewaltigen Schaden von diesem Trip genommen zu haben. Doch
meine Gedanken wurden wieder rationaler, strukturierter, klarer und das gab mir allen Anlass,
zu hoffen.
Wir gingen die leere Stra├če entlang unter den Laternen. Weit und breit nichts und niemand.
Ich f├╝hlte mich wie der einzige ├ťberlebende nach einer nuklearen Katastrophe in einer
verlassenen Stadt, in einer verlassenen Welt. Was f├╝r ein erb├Ąrmliches Ding, diese Angst.
- Angst? Fragte mein Nachbar.- Hast du etwa Angst?
Ich nickte. Um mich herum war noch immer alles verschwommen, eine einzige Wellenflut, in
der ich zu ertrinken drohte. Wenn die Gefahr auch nicht allzu akut erschien. Unerkl├Ąrliche
Kr├Ąfte fl├Â├čten mir ununterbrochen Verfolgungswahn ein. Was gab es denn in diesem Zustandzu besch├Ânigen. Verdammt, ja, ich hatte Angst. Vor mir stand mein Nachbar und kein
M├Ądchen, dessen Herz es zu erobern galt. Vor mir stand mein guter Freund, mein
Kampfgef├Ąhrte, mein Bruder. Genauso ein Mutant wie ich, genauso ein Produkt gescheiterter
Integration, ein Konsument, der keiner sein will, auf der Suche nach Erleuchtung. Als ich
einmal einen Radfahrer mit dem Auto umgehauen hatte, belog er die Bullen ohne auch nur
mit der Wimper zu zucken. Welcher Einheimische w├╝rde so etwas f├╝r dich tun?!
- Angst, Alter. Ja, ich habe Angst.
Unerwartet schlug mir Tarzan auf die Schulter und ich schaute zu ihm. Er hatte einen
k├Ąmpferischen Blick.
- Du kannst keine Angst haben, Mann. H├Ârst du? Du kannst keine Angst haben. Du bist
Russe. Wei├čt du, was das hei├čt?
- Nein, Alter. Was denn? fragte ich.
Tarzan hob seine H├Ąnde in Brusth├Âhe und ballte die F├Ąuste zusammen.
- Terminator, Alter. Das hei├čt Terminator, Moruk. In seinen Augen leuchtete feste
├ťberzeugung. Was er da von sich gab, war sein purer Ernst.
Es war kaum zu fassen. Die Vorstellung davon, Terminator zu sein, erreichte mich mit der
Intensi├Ąt einer intraven├Âsen Injektion. Ein heftiges Gemisch aus Galgenhumor mit einem,
wie aus dem Nichts gekommenen, unbegreiflichen Optimismus. Was f├╝r ein gewaltiger Kick.
Ein Lichtblick mitten in der Nacht, mitten im d├╝stersten Horrorfilm. Ein kindlicher Glaube
an die eigenen Unverwundbarkeit tauchte auf und das ganz ohne Benzos. Ich sp├╝rte
Motivation und Killerinstinkt, f├╝hlte mich wie vor einem Boxkampf. Kein Schritt zur├╝ck.
Gott ist mit den Standhaften. Sollen sich doch alle anderen nach Polen-Bagdad verpissen,
yob tvoju mat. Ich bleibe hier.
Tarzan hampelte w├Ąhrenddessen wie ein Affe vor mir rum und machte b├Âse Mienen. Er
erz├Ąhlte irgend etwas von Ghettos, Schl├Ągereien und Ausl├Ąnderehre. ├ťber Gr├╝nb├╝hl,
Sonnenberg, Plattenwald und Diezenhalde, ├╝ber Ahmet, Sergei, Dschengis, Lirem, Viktor,
Mirsad, Igor und Aslan, Schlagst├Âcke, Messer, Untersuchungshaft und Rapvideos. Doch ich
konnte ihm beim besten Willen nicht zuh├Âren. Seine enthusiastische Rede flog fast
vollst├Ąndig an meiner Aufmerksamkeit vorbei. Wie von selbst bewegten sich meine Augen in
Richtung Himmel. Dieser war noch immer dunkelblau und bew├Âlkt und die Wolken nahmen
die verschiedensten Formen an bis sie sich endlich zu einer erkennbaren Gestalt
zusammengezogen hatten. Ich sah vor mir das faltige Anlitz Baba Wangas, mit den
zugeklebten Augen und dem unruhigen Gesichtsausdruck.

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DocSchneider
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