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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Alibi
Eingestellt am 29. 11. 2013 17:34


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Das Alibi

Seit einigen Wochen sp├╝rte sie eine Leere in ihrem Leben, f├╝hlte sich ersch├Âpft und entschlusslos. Ein Gemisch aus
Resignation und Verausgabung.
Vor einem Vierteljahr hatte ihr Sohn das Haus verlassen und sich mit zwei anderen Studenten eine Wohnung gemietet.
Ihre Tochter war vor zwei Jahren ausgezogen und lebte mit ihrem Mann in einer Eigentumswohnung in Kassel. Sie arbeiteten beide, um die Kosten tragen zu k├Ânnen. Sie als Zahnarzthelferin und der Schwiegersohn verdiente sein Geld als Handelsvertreter.
Sein Gebiet reichte bis nach ├ľsterreich und in die Schweiz.
Oft kam er abends nicht nach Hause und ├╝bernachtete in Hotels.
Zwei- oder dreimal im Jahr besuchten sie einander. Die Hoffnung auf ein Enkelkind hatte sie aufgegeben.
Als der Junge noch im Hause war, konnten sie sich unterhalten und sie sah es als ihre Pflicht, ihn zu betreuen. Aber sie hatte es auch gerne getan.
Obwohl die Vierzimmer-Wohnung nach wie vor in Ordnung gehalten werden musste, hatte sie weniger zu tun und manchmal dachte sie daran, wieder zu arbeiten.
Vielleicht im Sozialdienst, wo sie vor dreiundzwanzig Jahren Menschen betreut hatte. Aber man h├Ârte ├╝berall von Entlassungen. Wer w├╝rde sie noch einstellen? Mit zweiundf├╝nfzig Jahren geh├Ârte auch sie zum "alten Eisen"!
Mit ihrem Mann hatte sie noch nicht dar├╝ber gesprochen. Er war in letzter Zeit sehr wortkarg. Ab und zu erz├Ąhlte er von
seinen Kollegen oder ├╝ber seine T├Ątigkeit als Schiffsbauer bei einer Hamburger Werft. Sie machten sich Sorgen um ihre Arbeitspl├Ątze. Sie hatten nur Reparaturarbeiten. Der erhoffte Auftrag f├╝r ein Containerschiff war nach S├╝dkorea gegangen.

Nach dem Abendessen erledigte sie den Abwasch und er las die Zeitung oder machte einen Spaziergang. P├╝nktlich um acht war er aber zur├╝ck, um nicht die Tagesschau zu vers├Ąumen.
Danach einigten sie sich auf ein Programm und gingen zwischen zehn und elf Uhr schlafen.
Jeder lag still in seinem Bett. Manchmal las sie noch ein paar Seiten und hoffte, dass er zu ihr kommen, das Buch zuklappen und das Licht l├Âschen w├╝rde, so, wie sie es bis vor einigen Monaten gewohnt war und genossen hatte.
Aber seine Liebe war offensichtlich abgek├╝hlt. Vielleicht ist das immer so nach vierundzwanzig Ehejahren. Aber vielleicht auch nicht! Diese Ungewissheit besch├Ąftigte und bedr├╝ckte sie. War er einfach nur m├╝de? War es die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes? Oder hatte er jemanden kennen gelernt?
Gab es irgendwo eine Geliebte? Eigentlich hatte er gar keine Gelegenheit. Am Tage ging er seiner Arbeit nach und abends und am Wochenende waren sie zusammen. Bis auf seinen Kegelabend am Donnerstag. Aber den nahm er schon seit ├╝ber zehn Jahren in Anspruch, und sie hatte ihm nie misstraut.
Vielleicht hatte die Gruppe sich vor ein paar Monaten aufgel├Âst und er tat nur so, als w├╝rde er dahin gehen. Ein besseres Alibi g├Ąbe es nicht!
Am Tage verwarf sie diesen Gedanken, konnte sogar dar├╝ber lachen. Aber er hatte sich so festgesetzt, dass sie abends wieder ins Gr├╝beln kam und sich verschiedene Versionen ausmalte. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich nicht auf das Buch konzentrieren konnte, nicht wusste, was sie zuletzt gelesen hatte, weil sie mit ihrer eigenen imagin├Ąren Liebesgeschichte besch├Ąftigt war. Es war h├Âchste Zeit, die Situation zu kl├Ąren! Das erschien ihr aber nicht einfach.
Freiwillig w├╝rde er nichts zugeben. Sie m├╝sste ihn ├╝berrumpeln, eine List anwenden, um ihn auf die Probe stellen zu k├Ânnen.
Eines Nachts schrie sie: "Dass du dich nicht sch├Ąmst!"
"Weshalb?" tat er ahnungslos.
"Du liegst da schnarchend wie ein alter Mann an der ├Ąu├čersten Bettkante und hast das faustdick hinter den Ohren!"
"Ich wei├č wirklich nicht, was du meinst!" antwortete er ruhig.
"Dann will ich dir mal auf die Spr├╝nge helfen! Donnerstagabend hat ein Kegelfreund von dir angerufen. Sie machen sich Sorgen um dich. Du warst seit zwei Monaten nicht mehr dabei!"
Er schwieg. "Hat dir das die Sprache verschlagen? Erz├Ąhl mir mal, warum du Donnerstags erst um Mitternacht nach Haus kommst!"
"Ich kann dir alles erkl├Ąren", sagte er zaghaft, "ich bin..."
"Keine Ausfl├╝chte!" unterbrach sie ihn. "Wer ist die Hure?"
"Nicht wie du denkst!" antwortete er. "Es ist ganz harmlos. Sie hat mir ihr Herz ausgesch├╝ttet. Ihre Ehe ist kaputt. Du musst keine Angst haben. Wir haben uns nur unterhalten."
Sie lachte h├Âhnisch. "Unterhalten sagst du dazu? Bei ihr spielst du den Seelentr├Âster und wie das in mir aussieht, ist dir vollkommen egal!"
"Du hast auch Schuld!" widersprach er sofort. "Jahrelang hast du dich um unsere Kinder gek├╝mmert. Und jetzt wo sie aus dem Haus sind, hast du Langeweile und bist traurig, als w├Ąrst du allein! Ich bin noch da! Das hast du vergessen! Um mich h├Ąttest du dich auch ein bisschen bem├╝hen k├Ânnen!"
Jetzt schwieg sie. "Nat├╝rlich kommt irgendwann der Alltag, wenn man so lange zusammen ist wie wir", nahm er das Gespr├Ąch wieder auf. "Man hat sich nicht mehr so viel zu sagen und die Neugier ist gestorben."
Sie hatte ihre Aggressivit├Ąt zur├╝ckgewonnen. "Du hast was vergessen: Die Liebe ist auch gestorben! Seit zwei Monaten hast du mich nicht mehr in den Arm genommen! Das sind genau die zwei Monate, in denen du auch deine Kegelfreunde im Stich gelassen hast! - Wo warst du? Wer ist diese Frau? Wo hast du sie kennen gelernt?"
Er z├Âgerte einen Augenblick. "Es hatte jemand aus unserer Gruppe Geburtstag und wir machten eine Pause und sind alle an die Theke gegangen. Sie sa├č zuf├Ąllig neben mir und wir sind ins Gespr├Ąch gekommen."
"Was f├╝r ein Zufall!" sagte sie ironisch. "Und wie ging das weiter? Sie wird dir nicht in der Kneipe ihre Lebensgeschichte erz├Ąhlt haben!"
"Sie trank mit uns Sekt, den Richard wegen seines Geburtstages
auch f├╝r sie ausgegeben hatte. Sp├Ąter war sie ebenso angeheitert wie wir und ging mit uns noch zum Kegeln. Beim Abschied dr├╝ckte sie mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand."
"Und du hattest nichts Eiligeres zu tun als anzurufen und dich mit ihr zu verabreden. Daf├╝r war der Donnerstag ja bestens geeignet!"
"Ja, ich war neugierig, wie das in anderen Ehen funktioniert oder in diesem Falle auch nicht. Aber es ist wirklich nichts passiert! Sie brauchte nur jemanden zum Zuh├Âren!"
"Dass ich nicht lache! Und daf├╝r hat sie ausgerechnet dich erkoren! Du bist so dreist, seit acht Wochen heimlich dieses Weibsst├╝ck zu besuchen und versuchst mich zu ├╝berzeugen, dass ihr nur gequatscht habt!" Voller Wut zog sie ihr Bein an, trat kr├Ąftig gegen seine Bettdecke und schrie: "Gib zu, dass du mich betr├╝gst, du alter Bock!"
Der Tritt war so heftig, dass sie auch sein Schienbein traf und er mit einem Aufschrei hellwach im Bett sa├č. Sie war ebenfalls aufgewacht und schwieg besch├Ąmt.
"Was ist passiert?" fragte er besorgt und schl├╝pfte in ihr Bett.
"Es tut mir leid!" antwortete sie. "Kannst du mir verzeihen? Ich habe mich geirrt. Mir war so, als h├Ątten wir Streit."
Er lachte und nahm sie in den Arm. Sie schmiegte sich gl├╝cklich an ihn und sagte leise, unverst├Ąndlich f├╝r ihn,
"Nun bewirkt der Albtraum noch ein sch├Ânes Ende!"

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