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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Alter abenteuerlicher Ausreden
Eingestellt am 05. 01. 2010 20:23


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Das Selbstbild des Menschen ist Produkt seiner guten Ausreden. Und je älter er wird, desto raffinierter werden seine Argumente, die von eigentlichen Problemen ablenken.
Zugegeben – auch ich habe im Laufe der Jahre meine Taktiken entwickelt. Im übrigen kann sich der ältere Mensch mit kaum etwas glaubwürdiger herausreden als mit der Tatsache, nicht mehr der Allerjüngste zu sein. Gedächtnisverluste, der Mangel an geistiger und körperlicher Schnelligkeit, die zunehmende Unfähigkeit, diverse Eindrücke gleichzeitig wahrzu nehmen und, und, und …
Dennoch schmeichelt es, wenn vor allem jüngere Damen feststellen: „Mensch, du siehst aber noch viel jünger aus. Wirklich!“ Selbst wenn es alle meine gesammelten Altersausreden gefährdet.
Vermutlich liegt es an meinem zwar silbergrauen, aber noch recht vollen Haaren und am Gesicht. Soweit ich das beim höchst subjektiven Blick in den Rasierspiegel beurteilen kann, ist die Haut an jenen Stellen, die mein Vollbart unbedeckt lässt, noch nahezu faltenfrei.
Dabei würde ich manchmal lieber mit einem tief gefurchten Charaktergesicht protzen, das unübersehbar spannende Erlebnisse vermuten lässt, aber auch glaubhaft Zerknirschtheit signalisiert, wenn von mir zu viel Aktivität gefordert wird. Hat doch schon immer gesunde Faulheit zu meiner besonderen Lebensqualität beigetragen.
Mir sieht man sowie frau - dank meiner von städtischer Büroluft ungegerbten Haut – immer noch an, dass ich einst auf einem lahmen, gelegentlich allenfalls störrischen Amtsschimmel saß und nicht auf rassigen Hengsten durch die Prärie ständig neuen Abenteuern entgegen galoppierte.
Dennoch treibt es mich, bevor der Bestatter an mir und meiner Sterbekasse verdient, immer wieder einmal ins für mich nicht mehr ganz ungefährliche Erlebnisreich. Außerdem erwartet meine Frau von mir in meinem relativ hohen Alter noch immer Entdeckermut, um sich mit mir nicht langweilen zu müssen.
Da fallen mir gelegentlich schon einmal weniger gute Ausflüchte ein. Besonders das Schwärmen von guten alten und erlebnisreicheren Zeiten verfängt häufig nicht mehr.
Gut, in meinem sozialarbeiterischen Vorleben gab es einst ziemlich viele spannende Situationen, zum Beispiel als Streetworker am Kölner Hauptbahnhof. Versuchte ich dort doch in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts - allerdings nur mäßig erfolgreich, Strichjungen und -mädchen für das bürgerliche Leben zurückzugewinnen und Jungjunkies Entziehungskuren aufzuschwatzen.
Sogar der Verfassungsschutz beobachtete in Apo-Zeiten unsere damalige WG, die von vier Erwachsenen und meinen beiden noch nicht schulreifen Töchtern bewohnt wurde. Doch wir waren politisch eher harmlos und für die Schlapphüte sehr bald wieder uninteressant.
Später schloss ich mich der außerparlamentarischen Opposition der Alternativen Liste an und machte grüne Kommunalpolitik in einem nordwestlichen Kölner Stadtbezirk.
Danach reichte mein Mut nicht einmal mehr für einen Abenteuerurlaub im tropischen Regenwald. Und männliche Selbstfindung in indianischen Schwitzhütten in der Lüneburger Heide war mir einerseits zu harmlos und andererseits zu männerbewegt.
Was blieb, war nur noch meine Fantasie und eine Schreibmaschine, die später dem Computer wich. Auch jetzt schreibe ich mir noch in zahlreichen (Kurz-)Geschichten mein Leben spannender - unter Beimischung nicht real erlebter Abenteuer, versteht sich. Und in meinen Gedichten suche ich immer wieder das Land der Sehnsucht, das genau zwischen Freiheit und Geborgenheit liegt.
Wird meine Wut auf die allgemeinen gesellschaftlichen Umstände übergroß, muss Satire herhalten. Manchmal reicht es auch noch für einen kurzen Leserbrief im Kölner Stadtanzeiger.
In auffällig vielen Texten kommt – als Held und noch häufiger als Antiheld – jener bärtige Mann vor, der erstaunlicher Weise unaufhörlich mit mir der Altersmilde zutreibt.
Zweimal jährlich buche ich für meine Frau und mich Urlaubsreisen abseits vom Massentourismus. Zumeist in wärmere mediterrane Gefilde, bevorzugt auf griechische Inseln und das italienische Festland. Ist halt gut gegen Rheuma und deutsche Schwermut. Darüber hinaus gebe ich der senilen Bettflucht nicht mehr nach, bleibe länger unter der Bettdecke liegen und mache mich auf abenteuerlichen Innenkurs. Denn neulich las ich in einem Ratgeberbuch für Senioren, wahre Abenteuer erlebe der Mensch ohnehin nur auf Reisen nach innen. Das trug ich selbstverständlich sofort meiner erlebnishungrigen Gemahlin vor.
Was mir alles bei Innenreisen in Tagträumen begegnet, lässt mich zumeist nicht mehr einschlafen, fällt allerdings unter intime Geheimnisse. Und wortkarg, wie ich dank meiner norddeutschen Herkunft sein kann, hasse ich nichts mehr, als alte Schwätzer. Übrigens auch eine meiner besseren Ausreden, wenn meine Frau sich beschwert, ich wäre zu selten bereit, mich mit ihr zu unterhalten.
Nun geht es bei echten Abenteuern bekanntlich vor allem um Mut und um Lebensgefahren.
Was gehört aus rein natürlichen Gründen zum Alter und bleibt als Argument nabezu unschlagbar? Einem Senior wird von Lebensjahr zu Lebensjahr mehr und mehr Todesmut abverlangt. Nähert sich doch der so genannte Sensenmann von Tag zu Tag schneller. Allein schon deswegen ist Alter nichts für Feigllinge. Ist es doch weitaus lebensgefährlicher als alle anderen Lebensphasen zuvor und damit trotz gelegentlicher Langweile Abenteuer genug. Oder?

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 05. 01. 2010 20:23
Version vom 06. 01. 2010 17:56

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jon
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Kicher: Nette Pointe (Schlechte Aussichten fĂĽr mich, ich hasse Abenteuer und Gefahr, geh ihnen aus dem Weg. Was also soll ich tun? Suizid?) eines sympathischen Textleins.

Zwei Tippfehlerchen am Ende:
"Und ich hasse dank meiner norddeutschen Herkunft nichts mehr, als alte Schwätzer."
"ist Alter bekanntlich nichts fĂĽr Feigllinge,"


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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