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Leselupe.de > Kindergeschichten
Das Auge des Flusses (gelöscht)
Eingestellt am 25. 02. 2011 18:38


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Mandelbaum
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"Poesie tritt oft durch das Fenster der Unwesentlichkeit ein." M.C. Richards

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Dominik Klama
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Mara und der Fährmann Leon wollen heiraten. Aber ein Fremder setzt Leon den Floh ins Ohr, eine Frau mit zwei verschiedenfarbigen Augen bringe Unglück. Leon zieht davon in die große Stadt, lernt ein anderes Fährleutepaar mit einer anderen schönen Frau kennen – und auch deren Augen sind nicht von derselben Farbe. Mara trifft eine Flussnixe, bekommt einen wunderkräftigen Stein von ihr, mit dessen Hilfe sie Leon sehen kann, der sich in die andere Frau verliebt zu haben scheint. So wäre aus der Liebesgeschichte dieses Paares fast nichts mehr geworden, hätte Maras Vater ihr nicht den Rat gegeben, erst zu urteilen, nachdem sie Leon persönlich gefragt hat, was eigentlich Sache ist.


Es gibt ein übergreifendes Kriterium, das sich quer durch die ganz unterschiedlichen Genres für die übergroße Mehrheit aller in der Leselupe veröffentlichten Texte feststellen lässt. Sie könnten auch vor 200 Jahren spielen. Geschildert wird eine Welt, die fast so aussieht wie damals. Menschen treten auf, die so fühlen, denken und handeln wie seinerzeit.

Eine Welt, in der die Industrialisierung vielleicht zwar stattgefunden hat, aber, wenigstens im Bereich der Literatur, kaum irgendwo in Erscheinung tritt. Wo es „allerhanden“ (Else Lasker-Schüler) auch nicht so etwas gibt, was sich „Kapitalismus“ nennt. Welcher, falls das gerade nicht so präsent sein sollte, ja nicht heißt, dass es private Eigentumsrechte gibt. Auch die Fähre von Mara und Leon ist im Privatbesitz und dieser stattet die beiden mit gewissen Rechten aus. Kennzeichen des Kapitalismus ist, dass die weitaus größte Mehrheit der Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen erzeugt und erbracht werden, die auf dem Zurverfügungstellen von Kapital beruhen, das an Finanzmärkten gehandelt wird. Und Personen mit Rechten ausstatten, die mit dem eigentlichen Wertschöpfungsprozess nicht das Geringste zu tun haben – und meist auch keinerlei Ahnung haben davon, wie man solche Produkte herstellt oder Dienstleistungen erbringt. Die Welt von Mara und Leon und all dieser vielen anderen LL-Figuren ist auch eine, wo noch nie jemand was davon gehört hat, dass der genannte Wirtschaftsprozess dabei ist, die Schätze des Biokosmos und somit auch die Lebensgrundlagen des Menschen, also auch ihre, zu vernichten, aufzuzehren, indem er sie in „Gewinn“ ummünzt.

Und es ist eine Welt, wo nahezu immer alle Menschen heterosexuell sind, sich jeweils 1 Frau und 1 Mann zu festen, monogamen Paaren zusammenfinden, denen dann Kinder entspringen, die später es exakt ebenso halten werden. Zuvor allerdings werden sie erst noch nach jahrtausendealten gesellschaftlichen Werten sowohl von Mama wie Papa erzogen, denn 30 Prozent der Ehen werden vielleicht in der aktuellen deutschen Lage geschieden, aber nicht in den Texten der LL-Autoren. Bewahre doch!

Schon klar, dass es so in den Genres „Kindergeschichte“ (zumal in so einer, die sich am klassischen Märchen orientiert) und bei der Lyrik zugeht. Aber meine LL-Leseerfahrungen haben mich mit dem Eindruck versorgt, dass es eben überall in diesem Forum so zugeht. Ganz dasselbe nämlich auch in den vermeintlich „moderneren“ Genres „Krimi“, „Horror“, „Erotik“, „Fantasy“, „Science Fiction“.

Wo in Mandelbaums Geschichte findet sich irgendetwas, was nicht vor 200 Jahren, 1811, hätte geschrieben worden sein können? Gerade das Motiv der Undine hatte seinerzeit doch ziemlich Konjunktur. Die meiste LL-Lyrik (Mandelbaum schreibt ja auch welche) ist dagegen etwas moderner. Nämlich auf dem Stand von 1911, also bloß 100 Jahre alt.

Jetzt nicht dieser einzelnen Geschichte, rein formal ist sie ja makellos und es muss auch immer noch erlaubt sein, Kindern Märchen aus der feudalen Welt zu erzählen, werfe ich das vor. Sie hat mich bloß wieder an diesen Gesamteindruck gemahnt, den ich von der LL habe. Der aber scheint auf zweiter Ebene dann doch unheimlich viel über den Bewusstseinszustand Europas in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts auszusagen. Man möchte sich mit aller Gewalt so fühlen, als sei im Wesentlichen alles beim Alten, als sei seit 1811 eigentlich kaum noch was geschehen in und mit der Welt. Womit wir mittlerweile also wieder bei einer Art, Kunst zu betreiben, angelangt wären, wie sie unmittelbar nach der Industriellen Revolution schon mal da war. Im Historismus, bei jener ins historisch Pathetische und idyllisch Bürgerliche und Bäuerliche verliebten Malerei und Literatur der Gründerzeit. Die aber kaum noch jemand von uns tatsächlich bei sich daheim liest oder in Form von Bildbänden stehen hat. Woraus ich schließe, dass auch diese „makellosen“ Texthervorbringungen, wie sie meine LL-KollegInnen mit schöner Regelmäßigkeit mit den beiden obersten Noten belohnen, in weiteren 100 Jahren vergessen sein werden, als hätten sie niemals existiert.

Anlässlich des Genres „Kindergeschichte“ wundere ich mich, warum es so „natürlich“ scheint, dass die in einer Welt zu handeln hätten, in der nirgendwo Kraftwerke für elektrisches Licht stehen und wo niemals das Knattern oder Jaulen eines Verbrennungsmotors zu hören ist. Es scheint ja sehr unwahrscheinlich, dass die Welt, in der die Kinder von heute später mal durchkommen müssen, die von vor 200 Jahren sein wird. Es dürfte die Zukunft von in 50 Jahren ab jetzt sein.


Lasse ich meine grundsätzlichen Vorbehalte gegen diese traditionalistische Art des Schreibens mal beiseite und lasse mich auf den Text ein, wie er „in sich funktioniert“, wie er „einfach“ sein möchte als unterhaltende und unterschwellig didaktische Erzählung für Kinder, so bemerke ich, dass er – wie übrigens auch wieder fast alle LL-Texte quer durch den Garten, höchst bekannte, sehr alte Genremotive „zusammenklittert“, ohne ihnen andererseits etwas eigenes Neues hinzuzufügen – oder sie auf irgendeine Weise doppelbödig, unernst, kritisch „umzudrehen“. Da gibt’s die Prüfung der jungen Liebenden, gibt’s den fatalen „guten Rat“ eines Außenstehenden, dem sofort willfahren wird, obwohl kein Mensch weiß, ob dieser Typ eigentlich weiß, was er redet, bzw. ob er verdeckte eigene Motive im Schild führt. Dann treten übersinnliche Mächte auf in Gestalt der Flussnixe und des Sehersteins. Schließlich der weise Vater, die erste Reise hinaus in die Fremde, die ein neues Bewusstsein herbeiführt. Die Aufklärung des Missverständnisses, die Versöhnung, die Bestrafung des schlechten Ratgebers. Alles wie bei den Brüdern Grimm. 1811 – oder so.

Allerdings. Bei den Brüdern Grimm wären es einfach ein Fährmann und dessen Frau gewesen. Warum sind es bei Mandelbaum zwei junge Leute, die diese schwere, einsame Arbeit bloß eine gewisse Frist lang machen müssen, als Prüfung? Eben doch unser Jahr 2011, die Generation Praktikum?

Dann, charakteristisch für die Figur einer Undine ist, dass sie halb Frau, halb Fisch ist. Diese Zwiespältigkeit ihres Wesens führt unausweichlich zum Konflikt, sie ist die Außenseiterin, die weder bei den Fischen noch bei den Menschen jemals wirklich daheim ist. Da passiert dann was deswegen in so einer Geschichte. Nicht so bei Mandelbaum. Hier ist die Undine nur dazu da, mittels ihres Märchencharakters herzuleiten, warum Mara irgendwann einen Kristall hat, mit dem sie Dinge und Personen sehen kann, die 100 Kilometer weit weg sind. Im Grunde ist im Text die Undine ein „blindes Motiv“, also ein Fehler.

Hätte die Geschichte 2011 gespielt, so hätte Mara ihren Leon an der Seite dieser fremden Frau vielleicht beim Einloggen ins Internet erblickt, wo er im Rahmen eine Clips vom Sternchenempfang Heidi Klums in Mainz (oder so) kurz im Hintergrund zu sehen gewesen wäre. Der Effekt wäre genau derselbe gewesen.

Auch dies übrigens ein Zug des LL-Schreibens: dass die Autoren beharrlich ignorieren, wie unser aller Alltag immer austauschbarer und unwichtiger, wertloser wird, während unser aller „wahres“ Leben immer praller sich in den Medien und im Internet „ereignet“. (Enteignet ereignet, sozusagen.)

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