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Leselupe.de > Kindergeschichten
Das Auge des Flusses
Eingestellt am 25. 02. 2011 18:38


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Mandelbaum
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In einem fernen, sehr fernen Land lebten einmal ein junger Mann und eine junge Frau, die einander so lieb hatten, dass sie fĂŒr immer zusammenleben wollten. Es war ein alter Brauch, dass alle Liebenden eine PrĂŒfung bestehen mussten, bevor sie Hochzeit halten durften. Diesem Paar wurde auferlegt, hinunter zum Fluss zu gehen, um den FĂ€hrmann und seine Frau abzulösen. Sie waren alt geworden und ihr Tagwerk bereitete ihnen viel MĂŒhe. Nach einem Monat gemeinsamer Arbeit sollten die Jungen alle Aufgaben gut beherrschen. Die PrĂŒfung war auf sieben Monate begrenzt. Wenn die junge Frau und der junge Mann - sie hießen Mara und Leon - nach dieser gemeinsamen Zeit einander noch immer liebten, sollte Hochzeit gefeiert werden.

Nachdem ein Monat vergangen war, beherrschten sie ihre Aufgaben so gut, dass sich der FĂ€hrmann und seine Frau voller Vertrauen zurĂŒckzogen. Mara hielt die kleine HĂŒtte sauber, pflegte den GemĂŒsegarten und sorgte fĂŒr das Wohl ihres Liebsten. Leon ĂŒbernahm das Ziehseil des FĂ€hrmannes und brachte die Reisenden sicher ĂŒber den Fluss. Die beiden Liebenden hatten viel Freude aneinander. Wenn er am Abend heimkehrte, stand sie im Garten und hielt Ausschau nach ihm. Sie umarmten und kĂŒssten einander, als wĂ€ren sie Jahre getrennt gewesen.

Eines Tages brachte Leon einen Gast mit. Mara fĂŒhlte sich in seiner NĂ€he nicht wohl. Er hatte nur ein Auge, mit dem er sie durchdringend anschaute. Als die beiden MĂ€nner nach dem Essen allein waren, fragte der Gast: „Was liebst du an dieser Frau?“
„Ja, hast du nicht gesehen, was fĂŒr wunderschöne Augen sie hat? Mir wird immer ganz wohl ums Herz, wenn sie mich anschaut“, schwĂ€rmte der junge Mann.
„Hast du denn gar nicht bemerkt, dass sie ein blaues und ein braunes Auge hat? Das bringt UnglĂŒck. Solche Frauen haben kein Herz. Sobald ihr verheiratet seid, wirst du keinen guten Tag mehr haben“, warnte der Gast und verabschiedete sich. Seine Worte legten sich wie eine Schlange um Leons Brust und nagten an seinem Herzen. Mara fragte ihn, was geschehen sei, doch er antwortete ihr nicht. Drei Tage lang ertrug sie sein Schweigen. Am vierten Tag aber schrie sie wĂŒtend: „Ich möchte endlich wissen, was ich dir getan habe!“ Er schwieg noch immer.

Am nĂ€chsten Morgen war das Bett neben ihr leer. Sie warf sich ihr Tuch ĂŒber und lief zum Fluss. Die FĂ€hre lag am anderen Ufer. Leon war nirgends zu sehen. Was war geschehen? Hatte er von dem seltsamen Gast eine neue Aufgabe erhalten, ĂŒber die er nicht sprechen durfte?
Sie schöpfte neue Hoffnung, ging in den Garten, pflĂŒckte Erdbeeren und kochte eine köstliche Marmelade. Der sĂŒĂŸe Duft strömte durch das Fenster, breitete sich ĂŒber den Garten aus und zog weiter bis hinunter zum Fluss.
Am Abend setzte sie sich auf die Bank, die ihr Liebster gezimmert hatte und wartete. Ein Mann kletterte den Hang hinab. Als er nĂ€her kam, erkannte sie ihren Vater. Er war unterwegs zur fernen Stadt und musste den Fluss ĂŒberqueren, aber erst half er seiner Tochter, die FĂ€hre zurĂŒckzuholen. Als er weitergezogen war, ĂŒbernahm sie die Aufgabe des FĂ€hrmannes.

In der Nacht wurde Mara unsanft aus dem Schlaf gerissen. Fernes Grollen kĂŒndete von einem nahenden Gewitter. Den ganzen Tag lang hatte sie Reisende ĂŒbergesetzt. Es war ihr am Abend nicht genug Kraft geblieben, die FĂ€hre fest zu verankern. Gefahr drohte! Mara stieg zum Fluss hinab. Das tosende Wasser riss am Seil. Vom anderen Ufer her hörte sie Hilferufe. Geschwind setzte sie die FĂ€hre in Bewegung. Die Strömung war stark. Mit aller Kraft zog sie am Seil. Ihre Arme schmerzten. Endlich wurde der Fluss flacher und sie erreichte das Ufer. Ein Blitz warf sein grelles Licht zwischen die Baumriesen. Ein zartes, fast durchsichtiges MĂ€dchen lag zusammengekrĂŒmmt am Boden. Schwer atmend bat es, zurĂŒck zum Fluss getragen zu werden. Jetzt erst bemerkte Mara dessen Fischschwanz. Der Gewittersturm musste es an das Ufer geworfen haben. Sie brachte die Nixe zum Wasser zurĂŒck. GlĂŒcklich tauchte sie unter. Kurz darauf leuchtete der Fluss golden. Die Nixe schwamm ans Ufer. In ihren HĂ€nden hielt sie eine goldene SchĂŒssel, in deren Mitte ein smaragdgrĂŒner Stein funkelte.
„Ich heiße Undine und bin des Flusses jĂŒngste Tochter. Mein Vater ist sehr froh ĂŒber meine Rettung. Als Dank fĂŒr deine mutige Tat schenkt er dir eines seiner zwölf Augen. Mein Vater ist ĂŒberall zugleich, in den hohen Bergen an der Quelle bis zur MĂŒndung im fernen Meer. Du musst die SchĂŒssel mit Flusswasser fĂŒllen. Ist der Smaragd nass, so nimm ihn heraus und lege ihn in die Sonne. Beginnt er von innen her zu leuchten, werden auf seiner OberflĂ€che Bilder entstehen. Du wirst alles sehen können, was am Ufer des Flusses geschieht."

Leon war flussabwÀrts gezogen. Am Abend legte er sich unter freiem Himmel zum Schlafen nieder. Er dachte an Mara.
An den folgenden Tagen verĂ€nderte sich die Landschaft. Der Fluss wurde breiter, das andere Ufer war kaum noch zu sehen. Auf den Feldern arbeiteten Bauern. Als er am Abend bei ihnen saß, erzĂ€hlten sie ihm von der nahen Stadt: Sie erstrecke sich zu beiden Seiten des Flusses. Eine große FĂ€hre befördere nicht nur Menschen, sondern setze auch Pferdefuhrwerke ĂŒber. Wie kann ein Mann allein eine solche Last auf dem Wasser bewegen? Das wollte er sehen.
Der GrĂ¶ĂŸe der Stadt ĂŒbertraf all seine Erwartungen. Die HĂ€nge waren bebaut. Bis weit hinauf sah er HĂ€user. Auf dem Markt wurden Waren angeboten, die er noch nie gesehen hatte. Das grĂ¶ĂŸte Wunder aber war die FĂ€hre. Drei Fuhrwerke fanden Platz auf ihr.
Leon bat den FĂ€hrmann, bei ihm bleiben zu dĂŒrfen. Er wolle von ihm lernen, ein so großes Boot wie dieses ĂŒberzusetzen. Der FĂ€hrmann lud ihn ein, bei seiner Familie zu wohnen. Als Leon des FĂ€hrmanns Frau begrĂŒĂŸte, war er sehr ĂŒberrascht. Sie hatte auch ein blaues und ein braunes Auge. Nachdem er drei Wochen lang bei ihnen gelebt hatte, wusste er, dass sie eine liebevolle Ehefrau und Mutter war. Leon hörte kein böses Wort von ihr. Der EinĂ€ugige hatte gelogen. DarĂŒber war er sehr glĂŒcklich. Schon bald wĂŒrde er heimkehren zu seiner Liebsten und sie um Verzeihung bitten.

Eben wollte Mara in das Flussauge schauen, um Leon zu suchen, als der EinĂ€ugige vom anderen Ufer rief. Schnell verbarg sie den Smaragd und holte den Mann ĂŒber.
„Na, ist dir dein Liebster davongelaufen? Ich habe ihn in der Stadt Arm in Arm mit einer schönen Frau gesehen", begrĂŒĂŸte er sie höhnisch grinsend. Schweigend nahm sie ihren Lohn entgegen. Sie konnte es gar nicht erwarten, dass er endlich verschwand.
Gleich wird sie Leon sehen können. Sie benetzte den Smaragd mit dem Wasser des Flusses und legte ihn in die Sonne. Als er im Inneren zu leuchten begann, erblickte sie als erstes ihren Vater, der sich mit einem prall gefĂŒllten Rucksack der Anlegestelle nĂ€herte. Auf den nĂ€chsten Bildern sah sie, wie der Fluss immer breiter wurde. Eine große FĂ€hre, schwer mit Fuhrwerken beladen, wurde sichtbar. Am Ruder stand Leon. Eine schöne Frau brachte ihm das Mittagessen. Der Stein fiel Mara aus der Hand. Der EinĂ€ugige hatte also die Wahrheit gesagt.
„Willst du mich gar nicht ĂŒbersetzen, Mara", rief der Vater vom anderen Ufer. Sie erschrak. Als sie sich nach dem Smaragd bĂŒckte, war er verschwunden. Sie setzte die FĂ€hre in Gang und erzĂ€hlte ihrem Vater, was ihr der Edelstein Trauriges offenbart hatte.
„Es ist gut so, ich will Leon nicht mehr sehen", sagte sie.
„Geh hin und finde selbst die Wahrheit heraus. Ich werde inzwischen FĂ€hrmann sein", entschied der Vater.
Mara verließ den Wald und staunte ĂŒber die großen Felder und Wiesen. In der Ferne erkannte sie die Umrisse der Stadt. Am Abend des dritten Tages kam sie zur FĂ€hre.

Leon hatte gerade die letzten Fuhrwerke ĂŒbergesetzt und ging zu des FĂ€hrmanns Haus. Eine junge Frau kam ihm entgegen. Ihr Gang war ihm sehr vertraut. Es musste Mara sein. GlĂŒcklich lief er auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Da wusste sie, dass Leon sie noch immer liebte. Er erzĂ€hlte seiner Liebsten, warum er sie verlassen hatte. Der EinĂ€ugige habe ihn bewusst getĂ€uscht, das wisse er jetzt.
Am nĂ€chsten Morgen begann Leons letzter Arbeitstag. Mara begleitete ihn. Am Nachmittag ĂŒbernahm der FĂ€hrmann das Ruder, weil Leon seiner Liebsten die Stadt zeigen wollte. Er kaufte ihr auf dem Markt ein Tuch, das in allen Farben des Regenbogens leuchtete.
Am Abend verabschiedeten sie sich und wanderten am Fluss entlang nach Hause zurĂŒck. Der Vater war sehr froh, die beiden Arm in Arm auf sich zukommen zu sehen. Zur BegrĂŒĂŸung ĂŒberreichte er Mara den Smaragd und erzĂ€hlte:"Der EinĂ€ugige hat ihn gefunden. Als er einen hohen Finderlohn verlangte, kam plötzlich ein Wind auf und wehte zarte KlĂ€nge vom anderen Ufer herĂŒber. Eine Flussnixe sang zur Harfe. Der Kerl schien alles um sich herum vergessen zu haben, ließ den Stein fallen, warf sich in die Fluten und schwamm auf die Nixe zu. Er geriet in einen Strudel, der ihn in die Tiefe zog."
Mara war erleichtert, als sie das hörte. Gemeinsam schauten sie in das Auge des Flusses, bewunderten die Landschaften und staunten ĂŒber die GrĂ¶ĂŸe des Meeres.
Als die Probezeit von sieben Monaten abgelaufen war, stimmte der DorfĂ€lteste der Hochzeit zu und es wurde ein großes Fest gefeiert.
Der Tischler des Dorfes baute gemeinsam mit Leon eine neue FÀhre und das FÀhrhaus bekam einen Anbau. Im Laufe der nÀchsten Jahre wuchs die Familie. Mara gebar sieben Kinder. Zwei von ihnen hatten ein blaues und ein braunes Auge, ebenso wie ihre liebe Mutter.

__________________
"Poesie tritt oft durch das Fenster der Unwesentlichkeit ein." M.C. Richards

Version vom 25. 02. 2011 18:38
Version vom 27. 02. 2011 10:38
Version vom 27. 02. 2011 11:11
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Version vom 01. 03. 2011 16:17

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

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Mara und der FĂ€hrmann Leon wollen heiraten. Aber ein Fremder setzt Leon den Floh ins Ohr, eine Frau mit zwei verschiedenfarbigen Augen bringe UnglĂŒck. Leon zieht davon in die große Stadt, lernt ein anderes FĂ€hrleutepaar mit einer anderen schönen Frau kennen – und auch deren Augen sind nicht von derselben Farbe. Mara trifft eine Flussnixe, bekommt einen wunderkrĂ€ftigen Stein von ihr, mit dessen Hilfe sie Leon sehen kann, der sich in die andere Frau verliebt zu haben scheint. So wĂ€re aus der Liebesgeschichte dieses Paares fast nichts mehr geworden, hĂ€tte Maras Vater ihr nicht den Rat gegeben, erst zu urteilen, nachdem sie Leon persönlich gefragt hat, was eigentlich Sache ist.


Es gibt ein ĂŒbergreifendes Kriterium, das sich quer durch die ganz unterschiedlichen Genres fĂŒr die ĂŒbergroße Mehrheit aller in der Leselupe veröffentlichten Texte feststellen lĂ€sst. Sie könnten auch vor 200 Jahren spielen. Geschildert wird eine Welt, die fast so aussieht wie damals. Menschen treten auf, die so fĂŒhlen, denken und handeln wie seinerzeit.

Eine Welt, in der die Industrialisierung vielleicht zwar stattgefunden hat, aber, wenigstens im Bereich der Literatur, kaum irgendwo in Erscheinung tritt. Wo es „allerhanden“ (Else Lasker-SchĂŒler) auch nicht so etwas gibt, was sich „Kapitalismus“ nennt. Welcher, falls das gerade nicht so prĂ€sent sein sollte, ja nicht heißt, dass es private Eigentumsrechte gibt. Auch die FĂ€hre von Mara und Leon ist im Privatbesitz und dieser stattet die beiden mit gewissen Rechten aus. Kennzeichen des Kapitalismus ist, dass die weitaus grĂ¶ĂŸte Mehrheit der Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen erzeugt und erbracht werden, die auf dem ZurverfĂŒgungstellen von Kapital beruhen, das an FinanzmĂ€rkten gehandelt wird. Und Personen mit Rechten ausstatten, die mit dem eigentlichen Wertschöpfungsprozess nicht das Geringste zu tun haben – und meist auch keinerlei Ahnung haben davon, wie man solche Produkte herstellt oder Dienstleistungen erbringt. Die Welt von Mara und Leon und all dieser vielen anderen LL-Figuren ist auch eine, wo noch nie jemand was davon gehört hat, dass der genannte Wirtschaftsprozess dabei ist, die SchĂ€tze des Biokosmos und somit auch die Lebensgrundlagen des Menschen, also auch ihre, zu vernichten, aufzuzehren, indem er sie in „Gewinn“ ummĂŒnzt.

Und es ist eine Welt, wo nahezu immer alle Menschen heterosexuell sind, sich jeweils 1 Frau und 1 Mann zu festen, monogamen Paaren zusammenfinden, denen dann Kinder entspringen, die spÀter es exakt ebenso halten werden. Zuvor allerdings werden sie erst noch nach jahrtausendealten gesellschaftlichen Werten sowohl von Mama wie Papa erzogen, denn 30 Prozent der Ehen werden vielleicht in der aktuellen deutschen Lage geschieden, aber nicht in den Texten der LL-Autoren. Bewahre doch!

Schon klar, dass es so in den Genres „Kindergeschichte“ (zumal in so einer, die sich am klassischen MĂ€rchen orientiert) und bei der Lyrik zugeht. Aber meine LL-Leseerfahrungen haben mich mit dem Eindruck versorgt, dass es eben ĂŒberall in diesem Forum so zugeht. Ganz dasselbe nĂ€mlich auch in den vermeintlich „moderneren“ Genres „Krimi“, „Horror“, „Erotik“, „Fantasy“, „Science Fiction“.

Wo in Mandelbaums Geschichte findet sich irgendetwas, was nicht vor 200 Jahren, 1811, hĂ€tte geschrieben worden sein können? Gerade das Motiv der Undine hatte seinerzeit doch ziemlich Konjunktur. Die meiste LL-Lyrik (Mandelbaum schreibt ja auch welche) ist dagegen etwas moderner. NĂ€mlich auf dem Stand von 1911, also bloß 100 Jahre alt.

Jetzt nicht dieser einzelnen Geschichte, rein formal ist sie ja makellos und es muss auch immer noch erlaubt sein, Kindern MĂ€rchen aus der feudalen Welt zu erzĂ€hlen, werfe ich das vor. Sie hat mich bloß wieder an diesen Gesamteindruck gemahnt, den ich von der LL habe. Der aber scheint auf zweiter Ebene dann doch unheimlich viel ĂŒber den Bewusstseinszustand Europas in der ersten HĂ€lfte des 21. Jahrhunderts auszusagen. Man möchte sich mit aller Gewalt so fĂŒhlen, als sei im Wesentlichen alles beim Alten, als sei seit 1811 eigentlich kaum noch was geschehen in und mit der Welt. Womit wir mittlerweile also wieder bei einer Art, Kunst zu betreiben, angelangt wĂ€ren, wie sie unmittelbar nach der Industriellen Revolution schon mal da war. Im Historismus, bei jener ins historisch Pathetische und idyllisch BĂŒrgerliche und BĂ€uerliche verliebten Malerei und Literatur der GrĂŒnderzeit. Die aber kaum noch jemand von uns tatsĂ€chlich bei sich daheim liest oder in Form von BildbĂ€nden stehen hat. Woraus ich schließe, dass auch diese „makellosen“ Texthervorbringungen, wie sie meine LL-KollegInnen mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit mit den beiden obersten Noten belohnen, in weiteren 100 Jahren vergessen sein werden, als hĂ€tten sie niemals existiert.

AnlĂ€sslich des Genres „Kindergeschichte“ wundere ich mich, warum es so „natĂŒrlich“ scheint, dass die in einer Welt zu handeln hĂ€tten, in der nirgendwo Kraftwerke fĂŒr elektrisches Licht stehen und wo niemals das Knattern oder Jaulen eines Verbrennungsmotors zu hören ist. Es scheint ja sehr unwahrscheinlich, dass die Welt, in der die Kinder von heute spĂ€ter mal durchkommen mĂŒssen, die von vor 200 Jahren sein wird. Es dĂŒrfte die Zukunft von in 50 Jahren ab jetzt sein.


Lasse ich meine grundsĂ€tzlichen Vorbehalte gegen diese traditionalistische Art des Schreibens mal beiseite und lasse mich auf den Text ein, wie er „in sich funktioniert“, wie er „einfach“ sein möchte als unterhaltende und unterschwellig didaktische ErzĂ€hlung fĂŒr Kinder, so bemerke ich, dass er – wie ĂŒbrigens auch wieder fast alle LL-Texte quer durch den Garten, höchst bekannte, sehr alte Genremotive „zusammenklittert“, ohne ihnen andererseits etwas eigenes Neues hinzuzufĂŒgen – oder sie auf irgendeine Weise doppelbödig, unernst, kritisch „umzudrehen“. Da gibt’s die PrĂŒfung der jungen Liebenden, gibt’s den fatalen „guten Rat“ eines Außenstehenden, dem sofort willfahren wird, obwohl kein Mensch weiß, ob dieser Typ eigentlich weiß, was er redet, bzw. ob er verdeckte eigene Motive im Schild fĂŒhrt. Dann treten ĂŒbersinnliche MĂ€chte auf in Gestalt der Flussnixe und des Sehersteins. Schließlich der weise Vater, die erste Reise hinaus in die Fremde, die ein neues Bewusstsein herbeifĂŒhrt. Die AufklĂ€rung des MissverstĂ€ndnisses, die Versöhnung, die Bestrafung des schlechten Ratgebers. Alles wie bei den BrĂŒdern Grimm. 1811 – oder so.

Allerdings. Bei den BrĂŒdern Grimm wĂ€ren es einfach ein FĂ€hrmann und dessen Frau gewesen. Warum sind es bei Mandelbaum zwei junge Leute, die diese schwere, einsame Arbeit bloß eine gewisse Frist lang machen mĂŒssen, als PrĂŒfung? Eben doch unser Jahr 2011, die Generation Praktikum?

Dann, charakteristisch fĂŒr die Figur einer Undine ist, dass sie halb Frau, halb Fisch ist. Diese ZwiespĂ€ltigkeit ihres Wesens fĂŒhrt unausweichlich zum Konflikt, sie ist die Außenseiterin, die weder bei den Fischen noch bei den Menschen jemals wirklich daheim ist. Da passiert dann was deswegen in so einer Geschichte. Nicht so bei Mandelbaum. Hier ist die Undine nur dazu da, mittels ihres MĂ€rchencharakters herzuleiten, warum Mara irgendwann einen Kristall hat, mit dem sie Dinge und Personen sehen kann, die 100 Kilometer weit weg sind. Im Grunde ist im Text die Undine ein „blindes Motiv“, also ein Fehler.

HÀtte die Geschichte 2011 gespielt, so hÀtte Mara ihren Leon an der Seite dieser fremden Frau vielleicht beim Einloggen ins Internet erblickt, wo er im Rahmen eine Clips vom Sternchenempfang Heidi Klums in Mainz (oder so) kurz im Hintergrund zu sehen gewesen wÀre. Der Effekt wÀre genau derselbe gewesen.

Auch dies ĂŒbrigens ein Zug des LL-Schreibens: dass die Autoren beharrlich ignorieren, wie unser aller Alltag immer austauschbarer und unwichtiger, wertloser wird, wĂ€hrend unser aller „wahres“ Leben immer praller sich in den Medien und im Internet „ereignet“. (Enteignet ereignet, sozusagen.)


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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

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