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Leselupe.de > Humor und Satire
Das Augenklappendrama.
Eingestellt am 04. 06. 2003 10:02


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pleistoneun
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Der 53-jĂ€hrige Rezeptionist Franz mit Augenklappe wurde von den HotelgĂ€sten gemieden, weil es seine Angewohnheit war, Unterhaltungen stets mit hochgehaltener Augenklappe zu fĂŒhren. Es ist unhöflich, mit Augenklappe zu sprechen, hatte er irgendwann mal in einer Zeitschrift gelesen. Da sein Leben aber von einer buchstĂ€blich einseitigen Betrachtungsweise der Dinge geprĂ€gt war, entging ihm der Rest, die rechte HĂ€lfte des Artikels. Und so lebte er im guten Glauben, stets höflich und korrekt zu handeln, wenn er bei Unterhaltungen seine Augenklappe lĂŒftete. Entsetzt wandten sich die HotelgĂ€ste von dem grauenvollen Blick der dunklen Augenhöhle ab. Franz war diese Reaktionen gewohnt, kannte nichts anderes, sah alles halb so wild. Ja klar, halb so wild, die andere HĂ€lfte blieb ihm zum GlĂŒck ja verborgen.

Eines Tages kam ein italienischer Bus mit neuen GĂ€sten angefahren. Darunter befand sich ein Mann, der ebenfalls eine Augenklappe trug. Zum Gruß, wie es unter AugenklappentrĂ€gern traditionell ĂŒblich ist, öffneten sie gegenseitig ihre Klappen. Und als Franz das bei dem Fremden tat, traute er seinem Auge nicht: in der Augenhöhle des Italieners hingen kleine, vergoldete AnhĂ€nger von der Augenhöhlendecke, sogenannte Augoliten. Winzige MöbelstĂŒcke und Miniaturmenschen machten das Innere der Augenhöhle beinah lebendig. Und es war ihm, als wĂŒrde er an den AugenwĂ€nden links und rechts klitzekleine Bilderchen hĂ€ngen sehen. Der Italiener hatte sich sein Auge schön eingerichtet. Franz war restlos begeistert. Zum ersten Mal wusste er, was mit dem Auspruch gemeint war: "Die Augen sind der Spiegel der Seele". Der Mann musste eine wahrlich gute Seele sein.

Der Italiener sah die Begeisterung des Rezeptionisten und wusste, hier wĂŒrden ihm alle WĂŒnsche von seinem Auge abgelesen werden. Er bat um ein straßenseitiges Zimmer. "Einen Augenbllick", sagte Franz spaßig und ĂŒberreichte mit beiden HĂ€nden und einer kleinen Verneigung den ZimmerschlĂŒssel. Der Italiener nahm seinen Koffer und ging nach oben. Er legte das GepĂ€ck aufs Bett, schob die VorhĂ€nge auf, um zu sehen, ob er von hier aus eine gute Perspektive auf die Straße hĂ€tte. Er war zufrieden und blickte auf die Uhr. Nur noch wenige Minuten...

In der Zwischenzeit bemerkte Franz an der Rezeption, dass der Italiener in der Hektik vergessen hatte, die Aufenthaltsliste zu unterschreiben und suchte aus diesem Grund das Zimmer des Italieners auf. Er klopfte leise und trat freudig mit der Liste in der Hand ein...

Der Schuss fiel um exakt 15:34 Uhr und traf sein Ziel am linken Auge. Das Opfer fiel mit blutendem Auge zu Boden und nur wenige Minuten danach traf der erste Augenklappenarzt ein, der auch schon ein passendes Teil mit dabei hatte. Welch ein Zufall! Der Italiener war in Wirklichkeit AugenklappenverkÀufer und da sein GeschÀft schlecht ging, musste er mit solchen Mitteln seinem Umsatz etwas nachhelfen. Rezeptionist Franz, der alles einÀugig mitangesehen hatte, konnte es nicht fassen. Dieser sympathische Italiener - so ein netter Mensch, nein, das konnte nicht sein. Jemand, der sein Auge so wunderschön einrichtet, kann im Grunde seines Charakters nicht schlecht sein.

Der Italiener reiste noch am selben Tag ab. Bei der SchlĂŒsselrĂŒckgabe standen sie sich wieder gegenĂŒber und Franz traten TrĂ€nen der GerĂŒhrtheit ĂŒber den Abschied in sein Auge. Wortlos packte der Italiener seinen Koffer und ging. Franz wĂŒrde ob des Vorfalles sein Auge fĂŒr den Mann zudrĂŒcken und das tat er auch, so dass eine dicke TrĂ€ne ĂŒber sein Gesicht lief.

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