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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Bild
Eingestellt am 04. 09. 2013 11:49


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DocSchneider
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Nicole machte es sich auf ihrem Sitz bequem und schloss die Augen. Das gleichm├Ą├čige Ruckeln des Zuges schaukelte sie in einen Zustand sanfter Ersch├Âpfung. Ihre Gedanken begannen zu kreisen, um den einen Menschen, der sie seit Wochen besch├Ąftigte. Bald w├╝rde sie ihn sehen, genauer gesagt in achtzig Minuten.

Vor zwei Jahren hatten sie sich einem Internetforum kennen gelernt, das sich um ihrer beider Hobby, die Fotografie, drehte. Im Laufe der Zeit wurden Adressen getauscht, wurde viel gemailt, immer wieder, immer mehr, immer pers├Ânlicher. Schlie├člich bat Martin um ein Foto.

Schei├če!

Nicole schickte ihm eines, welches ihr bei Pixelio besonders gut gefallen hatte: Ein lachendes Gesicht, schmal, blaue Augen, blonde kurze Haare, schlanker Hals und ein angedeutetes Dekollete. So w├╝rde sie selbst aussehen, d├╝rfte sie sich das w├╝nschen. Wie erwartet war Martin entz├╝ckt. Er schw├Ąrmte in den h├Âchsten T├Ânen, lobte das Bild, ihr Aussehen, ihren Charme, den es ausstrahlte. So wie ihre Mails, behauptete er.

Und in der n├Ąchsten Mail erhielt sie eines von ihm. Ein Mann, den jeder als gut aussehend bezeichnen w├╝rde. Dunkle Augen, markantes Kinn, griechische gerade Nase. Sensibler Mund. Garantiert war das Bild auch von Pixelio, dachte Nicole sofort. So gut konnte niemand aussehen. Verdammt, sollte sie ihn fragen? Sollte sie ihm beichten, dass ihr Bild gar nicht echt war?

Sie tat es nicht, ebenso wenig fragte sie ihn nach seinem Konterfei.

Schlie├člich schlug er ein Treffen vor. Mit dem Zug w├Ąre sie in neunzig Minuten bei ihm. Wieso nicht?, dachte sie. Sie hatte schlie├člich nie eine Verabredung. Wenigstens sich die Illusion erhalten, dass sie ein Mal ein Rendezvous h├Ątte. Welches sofort beendet w├Ąre, wenn er sie in der Realit├Ąt erblickte. Wie es bei allen M├Ąnnern war, die sie sahen.

Nicole war h├Ąsslich. Das fand sie selbst und sie hatte nie etwas anderes geh├Ârt. Schon ihre Eltern hatten gejammert, dass sie ungl├╝cklicherweise von ihnen beiden nur das Schlechteste geerbt h├Ątte: Vom Vater die breite Sattelnase, die weit auseinander stehenden Augen und die d├╝nnen, formlosen braunen Haare. Von der Mutter die blasse, unreine Haut, die niemals braun wurde, den kleinen Wuchs und die breiten H├╝ften, auf denen sich schon jetzt, mit Mitte Drei├čig, die Pfunde ansammelten.

Nicole seufzte. Sie ├Âffnete die Augen und suchte aus ihrer Tasche den kleinen Spiegel. Betrachtete sich nachdenklich. Ja, mit ihr konnte man keinen Staat machen. Von wegen, auf die inneren Werte kommt es an. Da konnte sie noch so gut fotografieren und im Netz die Rolle einer kessen Frau spielen, in der Realit├Ąt z├Ąhlte doch zun├Ąchst der erste Eindruck. Und der war negativ. Ihre Haare, die nie nach Frisur aussahen! Ihre Haut, trotz leichten Make-up's immer noch zu hell. Die Augen. Die Speckrollen. Ach, das Leben war eine Baustelle.

Sie malte sich Martins Reaktion aus, wenn er vergeblich nach der h├╝bschen Blondine Ausschau halten, sie nicht entdecken und wenn sie ihn dann ansprechen w├╝rde mit ÔÇ×Hallo Martin, ich bin NicoleÔÇť, seine geweiteten Augen, in denen sich Unverst├Ąndnis und ÔÇô ja, Entsetzen spiegeln w├╝rde. -

Noch vierzig Minuten. Martin war nerv├Âs. Er blickte zum wiederholten Male auf die Bahnhofsuhr, als ob sie dann schneller ginge. Sein Kaffee wurde kalt, er war zu aufgeregt, um daran zu nippen. Er lie├č seine Blicke durch das Bistro schweifen, um sich abzulenken. Heute w├╝rde er endlich Nicole sehen, deren Foto ihn seit Tagen und N├Ąchten verfolgte. So eine h├╝bsche Frau hatte er noch nie gehabt. Ha, wahrscheinlich w├╝rde sie sofort das Weite suchen, wenn sie ihn sah. Oder er war zu feige f├╝r eine reale Gegen├╝berstellung. W├╝rde abziehen, wenn er sie ein Mal in Natur gesehen hatte. Er hasste sich. Seine operierte Hasenscharte verunstaltete sein Gesicht. Auch wenn die Operation angeblich so gut gelungen war. Trotzdem hatte er noch nie eine richtige Freundin sein eigen genannt. Und auch bei Nicole, dieser wortgewandten Frau, war er zu feige gewesen, ihr ein echtes Bild zu senden. Nein, er hatte diesen Adonis bei Pixelio gefunden. Sie hatte es geglaubt. Was w├╝rde sie sagen, wenn sie ihn real s├Ąhe? O Gott, Schei├če, dachte er. -

Der Zug rollte in den Bahnhof ein. Nicole hielt sich mit schwei├čnassen H├Ąnden an einem Haltegriff fest. Ihre Augen glitten ├╝ber den Bahnsteig. Viele Leute. So schnell konnte sie IHN nicht entdecken. Schlie├člich hielt der Zug und Nicole stieg mit wackeligen Beinen aus. Sie holte tief Luft und blickte sich um. Leute begr├╝├čten sich, andere gingen alleine weiter. Sie suchte nach einer gro├čen Gestalt, nach Martin. Wenigstens ein Mal wollte sie ihn sehen.

Martin stand an der Imbissbude des Bahnsteigs und w├╝nschte sich, er w├Ąre unsichtbar. Ein Mal nur wollte er sie sehen, ein Mal ihren realen Anblick genie├čen, sich dann umdrehen und weggehen. Ihr schreiben, dass etwas dazwischen gekommen w├Ąre. Seine Augen flitzten ├╝ber die Menschen. Wo war sie? Oder war sie nicht gefahren? Hatte sie es sich im letzten Moment anders ├╝berlegt? Schlie├člich wurde die Ahnung zur brutalen Gewissheit: Nirgends konnte er eine attraktive Blondine entdecken. Sie war nicht gekommen. Sie hatte vermutet, dass etwas faul war. Das Bild, was sonst. Er wandte sich ab und studierte die Speisekarte der Imbissbude. Etwas essen, sofort! Und dann abhauen.

Der Bahnsteig leerte sich. Ein greller Pfiff ert├Ânte und der Zug setzte seine Fahrt fort. Nicole umklammerte ihre Tasche. Martin war nicht gekommen, um sie abzuholen. Er hatte es sich anders ├╝berlegt. Er hatte etwas geahnt. Das Bild, was sonst! Sie sp├╝rte, wie ihr die Tr├Ąnen kamen. Vielleicht konnte sie irgendwo etwas essen und trinken. Sie musste es, sie war wegen der Aufregung noch immer n├╝chtern. Sie steuerte die Imbissbude an, die sie am Ende des Bahnsteigs sah. Zum Teufel mit den Pfunden, sie w├╝rde sich jetzt eine Currywurst mit Pommes reinziehen. Ein junger Mann stand dort und verzehrte bereits dasselbe. Ohne aufzusehen stocherte er mit der Plastikgabel in der fettig-braunen Sauce herum. ÔÇ×Eine Currywurst und eine Pommes-SchrankeÔÇť, sagte Nicole. Der Koch guckte verwirrt. ÔÇ×Pommes-Schranke?ÔÇť ÔÇ×Na, rot-wei├č ebenÔÇť, half der junge Mann aus. Er l├Ąchelte Nicole kurz an, was seine Hasenscharte besonders gut zur Geltung brachte. Nicole bedankte sich bei ihm mit einem Schulterzucken und kurz darauf schaufelte sie gierig das Essen in sich hinein.

Der junge Mann war fertig und warf seine Pappschachtel in den M├╝ll. ÔÇ×Sch├Ânen Tag nochÔÇť, murmelte er und ging fort. Nicole beachtete ihn nicht. Sie w├╝rde bald wieder zur├╝ckfahren, w├╝rde Martin schreiben, dass etwas dazwischen gekommen w├Ąre. Etwas Wichtiges, ein Todesfall oder so. Ach, war das alles eine Schei├če!

Martin ging durch die Bahnhofshalle und ├╝berlegte, was er Nicole mitteilen sollte, weshalb er nicht erschienen war. Am besten ein pl├Âtzlicher Todesfall, das w├Ąre glaubw├╝rdig. Ach, war das alles eine Schei├če!

__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

Version vom 04. 09. 2013 11:49

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USch
Guest
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Hallo Doc,

ja, ja, diese Netzl├╝gen kommen h├Ąufig vor. Deshalb gibt┬┤s wohl auch so wenig aktuelle Bilder oder gar keine in den Partnerb├Ârsen und Profilen der LL und anderswo. So kann jeder in seinen Illusionen h├Ąngen bleiben. Das hast du ja sehr krass auf den Punkt gebracht.

Zwei kleine ├änderungsvorschl├Ąge.

quote:
Schlie├člich bat er, Martin,Martin um ein Foto.

quote:
Oder er war zu feige, sich zu erkennen zu geben.
3 mal zu! klingt nicht gut. Das w├╝rde ich anders formulieren.

LG USch

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Hagen
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Hallo Doc,

Ja, das kommt davon, wenn man bei Pixelio ein Foto klaut!
Endlich mal eine Geschichte ohne Happy-End, wie das Leben sie schreibt. - Ich liebe das!

K├╝ss die Hand, gn├Ądige Frau!
yours Hagen

P.S. ...und wieder mal bewahrheitet sich meine Lieblingslebensweisheit:

_____
nichts endet wie geplant!

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DocSchneider
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Hallo Hagen, hallo John, vielen Dank f├╝r die positive Beurteilung und die Tatsache, dass Euch vor allem der negative Schluss gefallen hat, er ist nat├╝rlich bewusst so, das Leben ist schlie├člich kein Ponyhof. ;-)
Sp├Ąter dachte ich, eigentlich h├Ątten die beiden im modernen Zeitalter Handys und ihre Nummern ausgetauscht haben m├╝ssen und sie h├Ątten sich dann beim Telefonieren gegenseitig auf dem Bahnsteig entdecken k├Ânnen und...aber das w├Ąre eine andere Geschichte geworden. So ist sie gut wie sie ist.
LG Doc
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