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Leselupe.de > Gereimtes
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Eingestellt am 05. 04. 2002 16:20


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nemo
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Registriert: Aug 2001

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Setzt euch mes amis, ich habe von einem traurigen Fall zu berichten. Doch lasst mir erst ein gutes Glas Wein einschenken und mich am Feuer des Kamins w├Ąrmen.
Ich habe eine lange und beschwerliche Reise hinter mir und meine Knochen w├╝nschen sich nichts mehr als ein weiches Bett, doch die Geschichte die ein alter ehrw├╝rdiger Priester mir in der Kutsche auf dem Wege zu ihnen erz├Ąhlt hat, ersch├╝ttert mich zutiefst und ich muss es mir einfach von der Seele reden. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf vor ungef├Ąhr drei├čig Jahren in Paris. Ein junger Maler, Raymond Leblanc, vielleicht haben sie schon von ihm geh├Ârt, gerade zwanzig Jahre alt geworden war, wie es bei jungen K├╝nstlern oft der Fall ist, dem dekadenten Nachtleben unserer sch├Ânen Hauptstadt verfallen. Er trank, liebte und lebte. Eines morgens wachte er auf, mit einem Kopf schwer wie ein Sack Mehl. An das, was ihm die letzte Nacht widerfahren war, konnte er sich kaum entsinnen. Seine Erinnerrungen waren ein Wirbel von Gesang, Gel├Ąchter, weichen Frauenbr├╝sten und Wein. Ganz behutsam stieg er aus seinem Bett. Leblanc bewohnte ein kleines Dachgeschoss-Zimmer in Pigalle; sp├Ąrlich eingerichtet war sie, mit einem Schrank, einem Bett und einer Waschecke. Unter dem einzigen Fenster des Raumes war sein Atelier; es bestand eigentlich nur aus einigen Staffeleien und einem alten Tisch, der unter dem Gewicht des Durcheinander von Farben, Leinw├Ąnden, Pinseln und dreckigen T├╝chern, jeden Augenblick in sich zusammen zu brechen drohte. Es war ein kalter Morgen und der alte Holzofen war mangels Brennmaterial ausgegangen. Leblancs Blick wanderte durch das karge Zimmer und blieb bei einer seiner Staffeleien h├Ąngen; dort stand ein Bild das er bisher noch nie gesehen hatte. Er ging, mit verwunderte Miene und barfuss auf das Bild zu. Der Boden strahlte, von der darunter gelegenen Wohnung, eine angenehme W├Ąrme aus. Leblanc blieb vor dem Bild stehen und musterte es. Es war ganz klar sein Stil, seine Pinself├╝hrung und seine Signatur die am unteren Teil des Bildes zu erkennen war. Er dachte angestrengt nach, konnte sich aber nicht bewusst erinnern dieses ├ľlbild jemals gemalt zu haben. Umso erstaunlicher war es, dass er, der eigentlich Landschaften und Geb├Ąude zeichnete ÔÇô er verdiente sein Brot mit dem Malen von Pariser Wahrzeichen, wie den Champs Elys├ęe, und dem Verkauf der Bilder an Touristen ÔÇô solch ein gelungenes Portr├Ąt hervor gebracht hatte. Es zeigte eine wundersch├Âne Frau mit langen dunklen Haaren, gro├čen fragenden Augen und einem L├Ącheln zart wie die ersten Fr├╝hlingsknospen. Im Hintergrund war ein Rosenbeet zu sehen, in einem satten Rot gehalten. Je l├Ąnger er das Bild betrachtete, desto tiefer versank er in das feenhafte Gesicht. Es geschah nun etwas das sein ganzes Leben ver├Ąndern sollte: er verliebte sich. Er sah es als ein Zeichen Gottes, dieses M├Ądchen ausfindig zu machen und um ihre Hand anzuhalten. Er wusch sich, warf seinen Mantel um und eine lange Suche nahm ihren Anfang. Schwer gezeichnet vom fehlenden Schlaf durchzog er, die darauf folgenden Wochen, die Strassen von Paris. Oft meinte er, die Frau zu entdecken, wurde von einem unglaublichen Wohlgef├╝hl ├╝berw├Ąltigt, nur um Sekunden sp├Ąter in ein tiefes Loch zu fallen als er bemerkte, dass er sich die ├ähnlichkeit nur eingebildet hatte.
Monate vergingen und die Jahreszeiten zogen an Leblanc vorbei, wie ein Schwarm Zugv├Âgel auf dem Weg in den S├╝den. Er a├č kaum noch und verlor rapide an Gewicht. Die Zweifel zerfra├čen ihn von innen heraus und er wurde immer mehr zu einem Schatten seiner Selbst. Die Suche verlief immer noch erfolglos. Das Malen hatte er aufgegeben, denn f├╝r einen K├╝nstler ist das Herz wichtiger als jedes Talent und dort, wo sich einst das seine befand, war nur noch ein schwarzer Klumpen unerf├╝llter Hoffungen. Eines tristen Herbstabends entschied er sich dann, sich das Leben zu nehmen, denn die Suche hatte ihn ausgelaugt und jegliche Lebensfreude war von ihm gewichen. Er betrachtete noch einmal das Bild das er so oft schon zerschmettern wollte, wobei es ihm jedes Mal an der n├Âtigen Konsequenz und dem Mut mangelte. Er drehte es um, befestigte ein Seil an einem der Dachbalken und stellte sich auf einen Stuhl, den er, nachdem er sich die Schlinge um den Hals legte, zur Seite stie├č. Dass er sein Vorhaben ├╝berlebte, verdankte er vor allem dem Alter des Geb├Ąudes. Der morsche Balken ├Ąchzte und brach. Leblanc st├╝rzte zu Boden und ein Teil des Balkens auf seinen Sch├Ądel. Zum Gl├╝ck vernahm seine Nachbarin den L├Ąrm, fand ihn bewusstlos im eigenen Blut liegend und holte Hilfe. Nach diesem Vorfall lernte Leblanc schleppend, wieder zu leben. Das Bild landete unter dem Bett, denn er konnte es nicht ├╝bers Herz bringen es zu verkaufen oder gar zu vernichten. Er bekam einige Auftr├Ąge von einem hochgestellten Stadtbeamten und machte sich allm├Ąhlich einen Namen als Landschaftsmaler. Er verfiel der Arbeit, die ihm half zu vergessen. Er kaufte sich ein Haus au├čerhalb der Stadt, ehelichte Julie Fontaine, die Tochter eines Richters, und einige Monate nach der Hochzeit wurden sie zu einer richtigen Familie als ihr erstes und einziges Kind, Gisele, geboren wurde. Er lernte Julie bei einer Theatervorstellung kennen - eine Truppe aus Marseille spielte ÔÇ×Der eingebildete KrankeÔÇť von Moliere ÔÇô und w├Ąhrend Leblanc sich w├Ąhrend der Pause mit dem Regisseur des St├╝cks unterhielt, fiel ihm eine schwarzhaarige Sch├Ânheit auf, die sch├╝chtern an einem Glas Champagner nippte. Es war zweifelsohne eine gewisse ├ähnlichkeit zu der Frau des Bildes vorhanden. Julie Fontaine hatte langes schwarzes Haar und gro├če nussbraune Augen, ihre Haut hatte einen nat├╝rlich blassen Teint und ihr unsicheres L├Ącheln strahlte solch eine Sanftheit aus, dass es um Raymond geschehen war. Er machte ihr in den n├Ąchsten Wochen, nach jeder Regel der Kunst, den Hof und hielt eines Abends, nach einem ausgiebigen Mahl in einem edlen Pariser Restaurant, um ihre Hand an. Julie weinte und sagte, schluchzend vor Gl├╝ck, zu. Leblanc verbrachte die n├Ąchsten acht Jahre ein gl├╝ckliches Familienleben. Doch eines Tages, als er auf dem Dachboden nach etwas suchend, auf das Bild stie├č, riss die Wunde in seiner Seele erneut auf und er verfiel wieder in einen Zustand der tiefen Trauer. Er stellte das Bild in das eheliche Schlafzimmer und seiner Frau blieb sein pl├Âtzliches, seltsames Verhalten nicht verborgen. Nach etlichen Disputen mir ihrem Mann, wurde ihr allm├Ąhlich klar, dass Raymond sie nur wegen der ├ähnlichkeit zu einer Frau liebte, die er im Alkoholwahn gemalt hatte. Sie verlie├č sie ihn, und zog mit ihrer gemeinsamen Tochter zur├╝ck nach Paris. Als sie von der Kutsche abgeholt wurden blickte ihr Leblanc ihr, aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, nach. Es war das letzte Mal, dass er sie sah. Wie eine Schnecke zog er sich zur├╝ck und verlie├č sein Haus nur noch f├╝r seine t├Ąglichen Spazierg├Ąnge im Garten. Zur Scheidung schickte er seinen Anwalt, der sp├Ąter immer mehr zu seinem einzigen Kontakt zur Au├čenwelt werden sollte. Seine Kunst wurde dunkler und depressiver, eine Tatsache die ihn von den vielen anderen K├╝nstlern der Stadt abhob, die dem Geschmack der Zeit folgend, helle und lebenslustige Bilder malten. Seine Sch├Âpfungen wurden, gerade in vornehmen Kreisen, sehr gefragt. Er lebte wie ein Eremit, eingeschlossen in den Mauern seines Anwesens. Die einzigen Menschen die er sah, waren sein Anwalt und die Bediensteten. Er hatte den Ruf eines verschrobenen und exzentrischen K├╝nstlers. In seinem Garten hatte er Rosen anbauen lassen und oft sa├č er dort, starrte stundenlang auf den roten Blumenteppich. F├╝nfzehn Jahre vergingen, nicht ohne Spuren an Leblanc zu hinterlassen. Er war d├╝rr geworden, wie eine Gerippe und sein Haar hatte die F├Ąrbung von Neuschnee angenommen, und das, obwohl er noch nicht mal f├╝nfzig Jahre alt war. Doch seine innere Unzufriedenheit und die Liebe zu etwas, das er nie fand, zerm├╝rbte ihn. Des Nachts konnten die Angestellten h├Âren wie er sich in seinem Arbeitszimmer, in dem er auf einem alten Divan schlief, angeregt mit jemandem unterhielt. Nat├╝rlich war es die Frau auf dem Bild mit der er sprach und manchmal schrie er sie auch aus vollem Halse an. Kurz vor seinem f├╝nfzigsten Geburtstag wurde Leblanc krank. Die besten ├ärzte der Stadt kamen und nach gr├╝ndlichen Untersuchungen, gaben sie ihm noch knapp sechs Monate zu leben. Doch Leblanc war z├Ąh wie Ziegenleder und es dauerte weitere drei Jahre bis die Erkrankung ihn ans Bett fesselte. Aber keiner kann seinem Schicksal entfliehen und so kam es dann, dass eines Tages ein Priester f├╝r die letzte ├ľlung gerufen wurde; genau der Priester, dem ich auf dem Weg von Paris hierhin begegnete und der mir diese Geschichte erz├Ąhlte. Leblanc war kreidebleich und steif wie ein St├╝ck Kernseife, von der Krankheit gezeichnet und dem Tod schon nahe. Der Geistliche betrachtete kurz das Bildnis einer wundersch├Ânen Frau das ├╝ber dem Bett hing, kniete nieder und fing an zu beten. Die T├╝r des Zimmers wurde ge├Âffnet und eine junge Dame betrat den Raum. Sie stellte sich vor als Gisele Leblanc, Raymond Leblancs Tochter. Sie war von zierlicher Gestalt, trug ein schwarzes seidenes Kleid und bewegte sich sch├╝chtern und grazil. Sie nahm Leblancs Hand in die ihre und eine Tr├Ąne rollte ├╝ber ihr err├Âtetes Gesicht, ein Gesicht, das dem auf dem ├ľlbild, ├╝ber Leblancs Totenbett, glich wie eine Zwillingsschwester. Raymond Leblanc sp├╝rte die sanfte Ber├╝hrung seiner Hand und ├Âffnete ein letztes Mal die Augen. Er verstarb mit einem L├Ącheln auf den Lippen.
So mes amis, vielen Dank, dass ihr, zu so sp├Ąter Stunde noch die Geduld hattet, mir zuzuh├Âren. Ich f├╝hle mich nun erleichtert und m├╝de. Es ist Zeit zu Bett zu gehen, denn morgen erwartet uns ein gesch├Ąftiger Tag. Gute Nacht und danke f├╝r den wohlschmeckenden Wein.
__________________
:nemo

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