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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Bild
Eingestellt am 30. 01. 2001 21:29


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paradise_lost
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Zugegeben, als es begann, war ich zuerst aufs ├äu├čerste beunruhigt, was auch sonst, oder wie h├Ątten Sie an meiner Stelle reagiert ? Na also, es kommt schlie├člich auch nicht alle Tage vor, da├č einem so etwas passiert, mir jedenfalls war etwas vergleichbares zuvor noch nie untergekommen, auch hatte ich nie von etwas ├Ąhnlichem geh├Ârt, ein Novum so zusagen, was mein pers├Ânliches Erfahrungsspektrum betrifft. Schrieb ich es anfangs meiner sicher sehr ausgepr├Ągten Phantasie zu, so bemerkte ich doch ziemlich rasch, da├č es keine alkoholgetr├Ąnkten Traumgebilde, oder einem wilden Drogenexze├č entsprungene Wahnvorstellungen waren, die mich heimsuchten. Nein, ich mu├č sogar gestehen, da├č ich ├╝ber kaum nennenswerte Erfahrungen mit Drogen verf├╝ge, woher auch, schlie├člich entstamme ich, etwas salopp formuliert, einer gem├Ąchlichen Oase der Beschaulichkeit dicht an der Kreisgrenze. Ich sehe meine Herkunft mittlerweile v├Âllig emotionslos, verstehen sie mich bitte nicht falsch, keineswegs beabsichtige ich meiner Heimat damit eins auszuwischen, weshalb auch, wie gesagt, ich sehe aus der Distanz die Dinge n├╝chtern, ohne Groll. Aber ich schweife ab. Als das Bild erstmals auf der Wand meines Schlafzimmers erschien, glaubte ich wie bereits gesagt, da├č mein Verstand einen Balanceakt direkt am Abgrund vollf├╝hrte, ja, zwischendurch war ich versucht zu glauben, da├č ich mich in freiem Fall auf einer sehr langen Reise in den Wahnsinn befand, einem Ort von dem es keine R├╝ckkehr geben w├╝rde. Zun├Ąchst war ich nat├╝rlich ver├Ąngstigt, so da├č die Schutzmechanismen meiner Psyche zu greifen begannen, wie die kleinen R├Ądchen einer Uhr. Also zog ich die Bettdecke ├╝ber mein Gesicht, in der tr├╝gerischen Gewi├čheit, es k├Ânne sich letztendlich nur um ein Trugbild handeln. Oh wie naiv ich damals gewesen sein mu├č, da├č ich die Zeichen nicht sofort deuten konnte, aber wie gesagt, auch auf die Gefahr hin, da├č ich mich wiederhole, es war mein aller erstes Erlebnis dieser Art. Nat├╝rlich gebe ich unumwunden zu, ein Freund von Mystery Serien zu sein, auch wenn ich Akte X f├╝r reine Zeitverschwendung halte und Poltergeist als Serie einfach langweilig ist, daf├╝r bin ich jedoch ein gl├╝hender Verehrer von Buffy und Pretender, meine absolute Lieblingsserie ist allerdings Emergency Room, was in der Tat, eine etwas morbide angehauchte Kombination ergibt. Dennoch dachte ich, es w├Ąre nicht unbedingt erforderlich einen Psychotherapeuten aufzusuchen, geschweige denn war ich der Ansicht, es w├Ąre von N├Âten, mich einweisen zu lassen. Zumindest nicht zu Beginn.

Bestimmt k├Ânnen sie sich vorstellen, wie ich bis in die Haarspitzen angespannt da lag, als ich es endlich wagte, unter der Bettdecke hervorzuschauen. Vorsichtig zog ich die Decke nach unten, Zentimeter um Zentimeter. Einer inneren Stimme folgend, hielt ich das linke Auge geschlossen, so als k├Ânnte ich den Schrecken halbieren, in dem ich ihm nur meine halbe Aufmerksamkeit schenkte. Was f├╝r ein folgenschwerer Irrtum dies war, sollte mir erst sehr viel sp├Ąter bewu├čt werden. Ich starrte also auf das Bild, welches sich auf der gegen├╝berliegenden bl├╝tenwei├čen Wand befand. Oh wie ich mich in diesem Moment des ersten Schreckens verfluchte, den Schrank auf die andere Seite des Zimmers gestellt zu haben, zum damaligen Zeitpunkt hatte ich die aberwitzige Vorstellung ein Bild an dieser Wand w├╝rde dem Zimmer eine ganz spezielle Note verleihen, es zu etwas au├čergew├Âhnlichen machen, so wie es mir mit den anderen Zimmern der Wohnung auch gelungen war. Nachdem ich mehrer Monate lang auf der Suche nach dem passenden Bild gewesen war, hatte ich irgendwann schulterzuckend akzeptiert, da├č das Auffinden dieses ganz besonderen Bildes wohl einer ausgedehnteren Suche bedurfte als ich vermutet hatte. Das regelm├Ą├čige, samst├Ągliche Aufsuchen eines der 3 M├Âbelh├Ąuser meiner Heimatstadt in der Hoffnung, genau an diesem Samstag auf MEIN Bild zu sto├čen gen├╝gte offenbar nicht. Es hatte nie auf mich gewartet, nicht an den verregneten, verkaufsoffenen Donnerstagen, auch nicht w├Ąhrend meiner Ferien. Selbst als ich die Suche auf die M├Âbelh├Ąuser und Galerien der nahe gelegenen Kreisstadt ausdehnte wurde ich nicht f├╝ndig, sondern mu├čte jedesmal resigniert die Heimreise antreten. Ich erlebte die ern├╝chternde Heimkehr in ein Schlafzimmer, das mich von mal zu mal vorwurfsvoller Empfing, nein, NAT├ťRLICH sprach es nicht zu mir, Zimmer sprechen nicht, Bl├Âdsinn, oder hat ihre Abstellkammer sie schon mal abends mit den Worten, * na hattest Du einen anstrengenden Tag heute, begr├╝├čt ? * Dennoch meinte ich den unausgesprochenen, im Raum stehenden Vorwurf in Gro├čbuchstaben an die wei├če Wand projiziert lesen zu k├Ânnen *So, wieder nichts f├╝r Dich dabei gewesen, was, ich habÔÇÖs ja gleich gewu├čt. Du wirst nie ein Bild f├╝r mich finden, DU nicht. * Ich ha├čte diese wei├če Wand.

War das Bild zu Beginn eine d├╝nne, farblose Silhouette, deren schwache, kaum sichtbare Kontur mit Bleistift gezeichnet schien, so hatte sich seine Erscheinungsform bei der zweiten, nun ein├Ąugigen Betrachtung deutlich ver├Ąndert. Ich glaubte, an den Kanten etwas rot zu erkennen, das in ein verh├Ąltnism├Ą├čig dunkles Blau ├╝berging, welches mich seltsamerweise an die Gesichtsfarbe der Schl├╝mpfe erinnerte, obwohl ich mit denen eigentlich noch nie sonderlich viel anfangen konnte. Gargamel geh├Ârte da schon eher meine Sympathie, bedurfte der ewige Verlierer doch am Ehesten meines Zuspruchs. Oh wie ich diese miese Bande kleiner, auch noch falsch singender, st├Ąndig gut gelaunter Zwerge verabscheue, die sowieso nur alle auf Schlumpfinchen scharf waren, aber egal, jedenfalls war es ein ziemlich dunkles Blau. Auch die Au├čenkonturen waren jetzt deutlicher zu erkennen, nicht mehr so transparent wie wenige Minuten zuvor, sondern klar umrissen, auch schien das gesamte Bild sich jetzt in seiner Form ver├Ąndert zu haben, so als bef├Ąnde es sich in einem Zustand des Werdens, so als w├╝rde es ..... ich wei├č wie sich das f├╝r sie anh├Âren mag, aber es entspricht genau dem, was ich damals empfunden habe .... es war so, als w├╝rde das unheimliche Bild an der gegen├╝berliegenden Wand meines Schlafzimmers geboren. Ich verstehe ihre Verwunderung vollkommen. Auch mich ├╝berkam damals eine G├Ąnsehaut, als sich mir der Vergleich mit der wundersamen, neunmonatigen Entwicklung menschlichen Lebens vor meinem einen, ge├Âffneten Auge erschlo├č. Neuerlich zweifelte ich an meinem Verstand, und bitte glauben sie mir, wenn ich ihnen versichere, die parallelen zu einer Schwangerschaft waren frappierend und be├Ąngstigen zugleich. Zwischendurch glaubte ich tats├Ąchlich ich h├Ątte meinen Blick direkt auf das Ultraschallbild des pulsierenden Herzens eines Embryos gerichtet, ein Herz das gleichm├Ą├čig und rhythmisch auf der gegen├╝berliegenden Schlafzimmerwand schlug, mir war als k├Ânnte ich die durchsichtigen Gliedma├čen eindeutig erkennen, fast schien es, als w├Ąre da ich eigent├╝mliches L├Ącheln. Bitte sagen sie jetzt nichts, nein wirklich, ich kann mir genau vorstellen, was in ihrem Kopf vorgehen mag, entweder sie empfinden Mitleid f├╝r einen vermeintlich verwirrten Geist oder sie werden von Abscheu geplagt, auf Grund meiner, aus ihrer Sicht, kranken Gedankenspiele. Auch wenn es sie nicht beruhigen wird, ich war im Vollbesitz meiner geistigen F├Ąhigkeiten, wie mir auch sp├Ąter von den ├ärzten attestiert wurde, und das nicht nur einmal, sondern zuerst im ├Ârtlichen Klinikum, dann auch sp├Ąter bei der Langzeittherapie. Wie bereits erw├Ąhnt, ich kann sie sehr gut verstehen, mehr noch, mir an ihrer Stelle w├╝rde es nicht anders ergehen, eine durchaus nachvollziehbare, logische Reaktion ihrerseits. Wahrscheinlich w├╝rde ich das Papier auf dem diese Geschichte gedruckt steht einfach zerkn├╝llen und in den Papierkorb werfen, wahrscheinlich. Falls sie sich meine Geschichte im Internet, oder zumindest in digitaler Form zu Gem├╝te f├╝hren, im multimedialen Zeitalter wird dies sogar aller Wahrscheinlichkeit nach die Mehrzahl von Ihnen tun, w├╝rde ich einfach die Applikation schlie├čen und an einen makabren Scherz glauben, doch leider, leider habe ich ihnen eines voraus...... ICH habe dieses Bild an meiner Schlafzimmerwand gesehen, SIE bis jetzt nicht, NOCH nicht.

St├╝ndlich ver├Ąnderte sich das Bild an meiner Wand von nun an, es befand sich im Fluss, ergo├č sich quasi ├╝ber die Wand um sich sofort wieder zur├╝ckzuziehen. Mich erinnerte es an eines dieser Bilderr├Ątsel wie sie in Quizsendungen so beliebt geworden sind, obwohl dies eigentlich eine v├Âllig unzureichende Beschreibung f├╝r das ist, was sich tats├Ąchlich an meiner Wand abspielte, aber wie soll man in Worte fassen was mit Worten nicht zu beschreiben ist, eigentlich jeder Beschreibung spottet ? Dann, am n├Ąchsten Tag, als ich wieder erwarten etwas fr├╝her von der Arbeit nach Hause kam, schlo├č ich die T├╝r ger├Ąuschlos hinter mir, dann warf ich meine Tasche achtlos in die Ecke, verga├č zum ersten Mal in meinem Leben, die Schuhe auszuziehen, verga├č meine Regenjacke abzulegen, mehr noch, ich verga├č alles was ansonsten zu meinem Ritual geh├Ârt hatte. Ich bitte sie inst├Ąndig nun keinen falschen Eindruck von mir zu gewinnen. FALSCH, h├Âren Sie, h├Âren Sie, FALSCH, v├Âllig falsch und fatal w├Ąre es, wenn sie meine Rituale als den Ursprung soziopathischen Verhaltens einsch├Ątzen w├╝rden, rein wissenschaftlich w├Ąre eine solche Einsch├Ątzung nicht Aufrecht zu halten, sie w├Ąre, im Gegenteil, h├Âchst fragw├╝rdig und k├Ąme einer Vorverurteilung gleich. Rituale sind und waren stets Bestandteil des b├╝rgerlichen Lebens, S├Ąule einer funktionierenden Gesellschaft, eine Bastion gegen die Anarchie, RITUALE sind etwas wundervolles, wenn man das in ihnen erkennt was sie wirklich sind, RITUALE. Habe ich schon erw├Ąhnt, da├č ich ├╝beraus gro├čen Wert auf Sauberkeit in meiner Wohnung lege? Ich hasse nichts mehr, als wenn sich Besuch erdreistet, mit Stra├čenschuhen mein Wohnzimmer zu betreten. Nun, nicht oft, aber von Zeit zu Zeit war es daher erforderlich, uneinsichtigen Zeitgenossen eine Lektion zu erteilen, ihnen anschaulich am eigenen Leib zu demonstrieren, wie sich mein Parkettboden unter dieser offensichtlichen Mi├čhandlung f├╝hlen mu├čte. NEIN, KEINESWEGS habe ich ihnen Gewalt angetan, fallen sie mir nur ja nicht auf diese b├Âswilligen Anschuldigung herein, glauben sie nicht alles was man ihnen zutr├Ągt, ein paar Z├╝chtigungen, ja, ich gestehe, aber keinerlei Gewalt. Verstehen sie, ich verabscheue Gewalt aufs ├Ąu├čerste, sie werden keine pazifistischere Gesinnung als die Meine finden. Jede dieser Anschuldigungen war v├Âllig aus der Luft gegriffen, drei waren es glaube ich insgesamt, oder ? Alles L├╝gen, fern der Wirklichkeit, kein Wort davon war wahr, ich habe sie nur so behandelt wie sie es verdient hatten, schlie├člich hatten sie meinen Boden mit F├╝├čen getreten, hatten ihn mit ihren vollst├Ąndig verdreckten italienischen Designerschuhen maltr├Ątiert, widerlich, sind sie nicht auch der Meinung da├č man solchen Vandalen Manieren beibringen mu├č, nun, nichts anderes habe ich letztendlich getan. Unschuldig, ich bin unschuldig, sagen sie selbst, w├Ąren ansonsten die Klagen gegen mich auf so eindrucksvolle Weise abgeschmettert worden ? Ich l├Ąchle, genie├če meinen Triumph in vollen Z├╝gen, ich koste ihn aus, ja, DAS RECHT ISTAUF MEINER SEITE, NICHTAUF IHRER, da haben wir es doch. Ich m├Âchte betonen, da├č die Klagen nicht einfach fallengelassen wurden, oder man mich aus Mangel an Beweisen freisprechen MUSSTE, nein, nein und nochmals nein, ganz im Gegenteil, es war mein Sieg auf der ganzen Linie, den ich vor Gericht errang, der Sieg der Vernunft ├╝ber die Hinterlist und die Heimt├╝cke. Selbst die Opfer konnten vor Gericht nicht anders, als sich der plausiblen Beweisf├╝hrung meines Anwalts zu beugen und klein beizugeben. Nichts au├čergew├Âhnliches war schlie├člich geschehen, zumindest nichts, was eine Gesetzesverletzung bedeutet h├Ątte. Sogar Marian gab sp├Ąter zu Protokoll, sein Sturz vom Balkon seiner Wohnung w├Ąre einer Unachtsamkeit seinerseits zuzuschreiben, keinesfalls h├Ątte ich etwas damit zu tun gehabt.
ICH HABE IHN NICHT GESTO├čEN, NICHT GESTO├čEN, NICHT GESTO├čEN.

Warum ich an diesem Tag in Marian┬┤s Wohnung war ? Nun, das hat mich die Richterin auch gefragt, tja ich mu├č gestehen, DAS war das einzige Mal, da├č ich vor Gericht die Unwahrheit gesagt habe. Wie h├Ątte ich der Vorsitzenden erkl├Ąren sollen, da├č ich Marian doch unbedingt von seiner Aussage gegen mich abbringen mu├čte, um jeden Preis ? So habe ich ihm nur einen kleinen Vorgeschmack auf das gegeben, was ihn erwartet h├Ątte, w├Ąre er tats├Ąchlich so unvorsichtig gewesen, gegen mich vor Gericht aufzutreten. Marian ist nicht dumm,oh nein, dumm ist Marian nicht, ich selbst w├╝rde ihn sogar eher als ausgesprochen intelligent bezeichnen, und so war es nicht verwunderlich, da├č er nach Abw├Ągung aller Vor und Nachteile zu dem Ergebnis kam, da├č es f├╝r ihn und seine Familie wohl am Besten w├Ąre, seine Klage zur├╝ckzunehmen, und zu diesem Ergebnis kam er ganz alleine, wie gesagt, Marian ist nicht dumm. Wir sind immer noch Freunde w├╝rde ich sagen, ich von meiner Seite hege zumindest keinerlei Groll gegen ihn, auch wenn er sich seit dem sehr rar gemacht hat. Um ehrlich zu sein, er hat sich seitdem nicht wieder bei mir gemeldet, vielleicht sollte ich ihn wirklich einmal wieder anrufen, ihm sagen, da├č ich ihn nicht vergessen habe, da├č ich an ihn denke, ja das sollte ich wirklich tun, vielleicht schon morgen.

Als ich also mein Schlafzimmer betrat, in der irrationalen Hoffnung das Bild h├Ątte sich im Lauf des Tages verfl├╝chtigt, so wie Terpentin ein ├ľlgem├Ąlde langsam aber sicher zersetzt und aufl├Âst, so sah ich mich rasch eines Besseren belehrt. Wieder erstarrte ich, denn das Bild hatte sich nun grundlegend ver├Ąndert. Nicht nur, da├č sich die Farben zu einem dunklen, schmutzigen Rot vermischt hatten, das mich entfernt an geronnenes Blut erinnerte, nein, das Bild an sich hatte sich ver├Ąndert. Minutenlang stand ich wie gebannt vor dem verf├╝hrerischen Gesicht, das mich mit gro├čen blutunterlaufenen Augen und kaltem Blick von meiner Schlafzimmerwand herunter anstarrte. Als ich mich aus meinem hypnose├Ąhnlichen Zustand l├Âste, verlie├č ich eilends das Schlafzimmer. Ich schlug die T├╝r mit einem so lauten Knall hinter mit zu, da├č zwei Fensterscheiben unter der Druckwelle barsten, dann mit unmenschlicher Willensanstrengung gelang es mir das Verlangen zu unterdr├╝cken, einfach das Weite zu suchen. Statt dessen zwang ich mich, tief durchzuatmen, ich atmete gleichm├Ą├čig, EIN AUS, EIN AUS, EIN AUS, EIN AUS. Nach wenigen Minuten hatte sich mein Puls wieder einigerma├čen beruhigt und ich begann ├╝ber die Bedeutung des so pl├Âtzlich in meinem Schlafzimmer aufgetauchten Bildes nachzudenken. Die Erkenntnis traf mich wie ein Fausthieb, es mu├čte sich in der Tat um eine g├Âttliche Botschaft handeln. Gibt es f├╝r eine derartige Erscheinung eine andere rationale Erkl├Ąrung ? Wenn dem so war, und davon bin ich absolut ├╝berzeugt, so war ich also ein Auserw├Ąhlter. Gott hatte mich, trotz all meiner kleiner und gro├čer Unzul├Ąnglichkeiten zu seinem Werkzeug auserkoren, vielleicht sogar gerade deshalb. Ich sollte seine Botschaft verk├╝nden, meine Aufgabe lag darin, sein Wort unters Volk zu bringen. In einer Zeit des Zweifels, einer Zeit der Dunkelheit w├╝rde seine G├╝te Licht bedeuten, ausgel├Âst durch mich, der ich seinen g├Âttlichen Willen offenbarte. Das einzige was mich zum damaligen Zeitpunkt etwas beunruhigte, war das viele Blut, denn da├č es sich auf dem Bild um Blut handelte war mir mittlerweile unumst├Â├člich klar geworden.

Nun, die Tage verflogen und das Bild wurde immer vollkommener. Ich ging nicht mehr zur Arbeit, alles andere hatte f├╝r mich an Bedeutung verloren. Ich war sein J├╝nger, so kam ich mir damals zumindest vor, ICH BIN SEIN J├ťNGER, ICH TRAGE DAS ZEICHEN, ICH BIN DER ZORN UND DIE RACHE, nein nein, es geht mir gut, danke der Nachfrage, wo war ich, bitte verzeihen sie mir, ich habe etwas den Faden verloren. Ich war ein J├╝nger, der ungeduldig auf das Wort des Herrn wartete, das sich mir in Gestalt des Bildes an meiner Schlafzimmerwand immer deutlicher offenbarte. War einige Tage zuvor klar und deutlich der Kopf einer jungen Frau erschienen, so war nun auch ein gro├čes K├╝chenmesser auf dem Bild zu erkennen, das sich am Ende eines langen Schnittes am Hals der Frau befand, so als h├Ątte man ihr gerade eben die Kehle durchgeschnitten. Blut tropfte aus dem klaffenden Schnitt und fast schien es, als w├╝rde sich das dunkle Na├č in dickfl├╝ssigen Tropfen in Richtung des Bildrandes ausbreiteten, alles war im Flu├č. Sollte ich diese grausige Tat ver├╝ben ? War es das, was mein Sch├Âpfer von mir verlangte ? W├╝rde ich durch das Blutvergie├čen seinen Willen verk├╝nden ? Ich w├╝nschte innigst er w├╝rde zu mir sprechen, mir endlich sein Wort direkt verk├╝nden, von Angesicht zu Angesicht. Aber nichts dergleichen geschah, also konzentrierte ich mich weiter auf das Bild, wild entschlossen seiner Botschaft jenes Geh├Âr zu verschaffen, das sie verdiente. Dann kam der Tag, an dem ich das Messer kaufte.


Ich mu├č meine Gedanken ordnen, ich mu├č meine Gedanken ordnen, ich mu├č ... Schlu├č, weiter jetzt, wo war ich stehen geblieben, ach ja, das Bild. Nat├╝rlich stellte sich mir recht schnell die Frage, aus welchem Grund das Bild ausgerechnet bei mir aufgetaucht war, h├Ątte es nicht auch bei einer x-beliebigen anderen Person sein Unwesen treiben k├Ânnen ? Gute Frage, aber ich habe leider keine passende Antwort darauf, und in aller Offenheit, mittlerweile bin ich auch gar nicht mehr an einer Antwort interessiert, denn wem w├╝rde sie schon nutzen, mir ? Wohl kaum. ER HAT MICH AUSERW├äHLT, das sind die FAKTEN, die FAKTEN.

Nun, seit ich hier bin, hat sich eine ganze Menge f├╝r mich ver├Ąndert, ich esse regelm├Ą├čig, schlafe viel und f├╝r gew├Âhnlich habe ich wenigstens ein bis zwei mal am Tag Sport. Sie sehen, ich lebe ├╝beraus gesund, einzig die vielen Medikamente die man mir intraven├Âs zuf├╝hrt um mich Ruhigzustellen, sind mir ein Dorn im Auge, denn wer will schon gern Tag und Nacht mit Valium und Tramal angereichert in einem quasi D├Ąmmerzustand verbringen, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, sie vielleicht ? Ich frage sie, w├╝rde ihnen das Gefallen ? Warum tun sie mir das an, Warum nur ? Ich habe nichts unrechtes getan, ICH HABE F├ťR IHN DAS BLUT VERGOSSEN, WEIN WIRD ZU SEINEM BLUT, BROT ZU SEINEM LEIB, ER IST DIE ZUKUNFT. Dennoch gibt es keine Zukunft f├╝r mich, nicht gestern und nicht heute, aber vielleicht morgen ? Es liegt in ihrem Ermessen. Oh ja, ich wei├č, SIE HABEN ETWAS DAGEGEN, SIE HABEN ETWAS DAGEGEN.....ICH WERDE SIE T├ľTEN.....WENN ICH EINEN VON IHNEN IN DIE FINGER KRIEGE, WERDE ICH IHM DIE EINGEWEIDE MIT BLO├čEN H├äNDEN HERAUSREI├čEN UND IHNEN IHRE EIGENEN GED├äRME INS MAUL STOPFEN........

Also, denken sie jetzt bitte nicht schlecht von mir, verurteilen sie mich nicht, f├╝r etwas das nichts weiter war als eine verbale Entgleisung, ein vielleicht etwas zu heftig artikulierter Gef├╝hlsausbruch, dessen gewaltt├Ątige Erscheinungsweise aber auf keinen Fall mir zuzuschreiben ist, ich bin nur ein Opfer. H├Âren sie, sehen sie, ICH bin ein OPFER. Niemals w├╝rde ich ohne fremdes Zutun solche Gedanken hegen, niemals w├╝rde ich solche Dinge ├╝berhaupt nur in Erw├Ągung ziehen, niemals w├╝rde ich gegen irgend jemanden die Hand erheben, auch wenn er mich noch so peinigt, mich meiner W├╝rde beraubt und mir den letzten Funken Selbstachtung auf heimt├╝ckische Art und Weise entwendet. Niemals. Das wissen diese verfluchten ├ärzte genau, dennoch sind ihre Berichte ├╝ber mich, voll ├╝bler Verleumdungen, getr├Ąnkt von hinterh├Ąltigem, feigem Denunziantentum, gespickt mit heimt├╝ckischen Anschuldigungen, dieses Pack will mich zu Grunde richten, ABER NICHT MIT MIR, H├ľRT IHR MICH ? VERDAMMT, VERDAMMT, VERDAMMT. K├ľNNT IHR MICH H├ľREN , JA ? ICH SCHNEID EUCH DIE EIER AB .... GANZ LANGSAM ... UND DANN WERD ICH SIE DEN HUNDEN ZUM FRA├č VORWERFEN....

Ich bin ganz ruhig, sehen sie keineswegs bin ich ├╝ber die Ma├čen erregt oder verliere die Fassung, sie t├Ąuschen sich, ganz im Gegenteil, noch nie war ich bei so klarem Verstand wie in diesem Augenblick. H├Ątte ich die Grenze zum Wahnsinn tats├Ąchlich ├╝berschritten, wie meine ├ärzte versuchen Sie glauben zu machen, w├Ąre ich dann ├╝berhaupt noch in der Lage, meine Gedanken so scharfsinnig zu formulieren wie ich es gerade eben tue du getan habe ? Ich vermeide es ausdr├╝cklich auf diese rhetorische Frage zu antworten, statt dessen mache ich ihnen den folgenden, g├╝tlichen Vorschlag. Bilden sie sich ihr Urteil ├╝ber mich doch einfach selbst, und ich bin mir sicher, nein, ich wei├č es einfach, sie werden sich meiner Meinung anschlie├čen, sie m├╝ssen sich meiner Meinung anschlie├čen, denn sie ist die einzig vern├╝nftige, die einzig wahrhaftige, DIE EINZIGE MEINUNG DIE VOR MIR BESTAND HAT. WIE STEHT SCHON IN DER BIBEL GESCHRIEBEN, DU SOLLST DEINEM HERRN UND MEISTER NICHT WIEDERSPRECHEN, NIEMALS ....

Also es ist soweit, ich frage Sie, zu welchem Ergebnis sind sie gekommen, verehrte Geschworenen, darf ich sie so nennen, ja ? Oh ich bin gespannt, gespannt wie ein kleines Kind vor dem ersten Weihnachtsfest, wenn es voll freudiger Erwartung der Klingel lauscht, die es hereinruft in die Gute Stube. Ich bin gespannt, halt, nein, bin ich nicht. Ich hoffe auf ihre Intelligenz, ihre Umsicht, ihren Weitblick. Sie die sie sicherlich in der Lage sind die Dinge beim Namen zu nennen und die gro├čen Zusammenh├Ąnge zu erkennen, sie werden sich doch nicht etwa dem voreingenommenen Urteil neurotischer Psychoklempner anschlie├čen, die selbst dringenst in Behandlung geh├Âren. Sie k├Ânnen nur zu einem Urteil gekommen sein, nicht schuldig. Ich appelliere an ihr Gewissen, k├Ânnen sie es mit sich, sich und ihrem Sch├Âpfer vereinbaren, ein solch vernichtendes Urteil ├╝ber mich zu f├Ąllen, mein Leben f├╝r immer zu ruinieren, ein Leben das dem Wohl der Menschheit gewidmet ist, dessen einziger Sinn die Offenbarung ist, die Offenbarung seines Willens, und die Entlarvung menschlicher Unzul├Ąnglichkeiten, wie schwach ist doch das Fleisch, wie leicht manipulierbar ihr Urteilsverm├Âgen. Sie sprechen das Urteil ├╝ber einen Unschuldigen, seien sie sich dessen versichert, ICH BIN UNSCHULDIG, werden sie mit IHRER Schuld leben k├Ânnen, einer Schuld die niemals ges├╝hnt werden wird ? Denn er wird sich voller Zorn von der Menschheit abwenden und er wird sie bestrafen. Werden sie in der Lage sein nachts zu schlafen, k├Ânnen sie die dunklen Tr├Ąume vertreiben, die Nacht f├╝r Nacht wiederkehren werden, Tr├Ąume aus Blut, voller verzweifelter Schreie, meiner Schreie, die sie verfolgen werden, bis in alle Ewigkeit, jede Nacht werde ich ihn um ihren Tod bitten. Es wird der Tag kommen, an dem er mir zur Flucht verhilft, und dann beten sie, beten sie um seine Gnade, die er ihnen schenken wollte, die sie so fahrl├Ąssig abgewiesen haben. Beten sie, denn dann werde ich sie suchen, ich werde sie ausfindig machen und dann werde ich die Rache sein, ich bin das SCHWERT, und ich werde ihr Blut vergie├čen, Tropfen f├╝r Tropfen, und die Erde wird von einem roten Schleier ├╝berzogen sein, und nun, wie lautet ihr Urteil ?

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flammarion
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aua, aua!

aber ich werde meine landschaften weiterhin auf meiner schlafzimmerwand erscheinen lassen...
__________________
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paradise_lost
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Oh weh,Oh weh

Sag bitte nicht Du hast so eine wiederliche Karibikinsel mit Palmen, Kokosn├╝ssen und wei├čem Sand auf Deiner Wand, oder etwa doch ?

Schon mal bei den starken M├Ąnnchen mit den wei├čen J├Ąckchen anruft *He, Jungs ... Nachschub im Anmarsch*

Gru├č

Peter

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