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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Bildnis
Eingestellt am 29. 09. 2004 17:12


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clarat
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2004

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Er war weg. Er war verreist. Mit einer Z├Ąrtlichkeit, die weh tat, betrachtete sie die Fotografie ihres Mannes, die auf der Anrichte stand. Er ist auf eine lange Reise gegangen, dachte sie. Irgendwann w├╝rde sie ihm folgen.
Der Schmerz um ihn verlie├č sie nicht, wo sie auch ging und stand. Er hatte sie zur├╝ck gelassen. Nach ├╝ber vierzig Jahren zur├╝ck gelassen. Sicher, sie war darauf vorbereitet gewesen. Man kann nicht immer, wie man m├Âchte. Als es soweit war, hatte sie die Tochter benachrichtigt, seine Sachen gepackt und den Wagen bestellt. Aber es ist ein gro├čer Unterschied, ob man eine Reise, einen Abschied, vorbereitet und ├╝berall mit anfasst oder ob man alleine zur├╝ck bleibt. Das ist das Schlimmste: alleine zur├╝ck bleiben. Ein letzter Kuss, ein H├Ąndedruck, und dann musste sie sich umdrehen und war alleine. Ganz alleine. Zum ersten Mal seit ├╝ber vierzig Jahren.
Daran musste sie sich nun gew├Âhnen. Manchmal kam ihre Tochter oder eine Nachbarin. Sie sprachen mit ihr und n├Âtigten sie, etwas zu tun, damit sie die Einsamkeit nicht so sp├╝rte. Sie sollte essen, spazieren gehen, schlafen. Sie lie├č sie gew├Ąhren, l├Ąchelte freundlich und sagte immer, sie komme schon zurecht. Sie sollten sich nur keine Umst├Ąnde machen.
Einmal war die Tochter mit ihr einkaufen. Sie sollte ein neues Kleid bekommen. Tats├Ąchlich kaufte sie sich eines. Es war ein wundersch├Ânes Kleid, aus leichtem Baumwollstoff, in fr├Âhlichem T├╝rkis, mit gro├čen wei├čen Bl├╝ten darauf. Die Tochter hatte abgeraten: "Das ist zu jugendlich, Mutter, das tr├Ągst du ja doch nicht." Aber sie hatte es gekauft. Ihm w├╝rde es gefallen.
Und an seinem Geburtstag trug sie es dann. Warum nur wollte die Tochter unbedingt mit ihr zum Friedhof fahren an diesem Tag? Warum sagte das Kind "Vater" zu diesem grauen Stein mit dem Blumenbeet davor?
"Das ist doch nicht Vater!", sagte sie emp├Ârt. "Vater ist verreist, nicht tot!" Zu ihrem Erstaunen las sie Trauer und Resignation in den Augen der Tochter.
Und wieder die leere Wohnung. Das riesige Ehebett, sein Bett. Der Schmerz krampfte ihr die Brust zusammen. Er hatte heute Geburtstag. Er war f├╝r sehr lange Zeit verreist.
Keuchend sank sie in den Sessel, ein Stechen in der Brust. Sie m├╝sste jetzt ihre Herztropfen einnehmen. Das Bildnis auf der Anrichte zeigte ihren Mann, wie er vor ein paar Jahren sommers auf dem Balkon gesessen hatte. Es war eine gl├╝ckliche Zeit gewesen. Man sah es ihm an. Er blinzelte in die Sonne. Oder blinzelte er ihr zu?
Auf einmal wurde ihr warm und leicht zumute. Er l├Ąchelte sie an, und pl├Âtzlich war sie froh. Nun w├╝rde sie ihm folgen.

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Dreimeier
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2004

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Hallo clarat,
ein sch├Âner, stimmungsvoller Text.
Zwei Sachen sind mir aufgefallen:
.............
Seine winkende Hand, als der Wagen davon fuhr, ahnte sie kaum.
............ hei├čt das sie ahnt es also doch, aber nur wenig? Ich finde diesen Satz f├╝r den Text zu kompliziert. (oder ich mach mir das zu kompliziert)

...........
Nun w├╝rde sie ihm folgen.
.............. da fehlt mir auch was. Es ist wohl klar, da├č sie jetzt stirbt, aber wie und woran?

Gerne gelesen
Gru├č
Manfred

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clarat
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2004

Werke: 9
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Hallo Manfred,

danke f├╝r deine Antwort. Sch├Ân, dass dir die Geschichte gef├Ąllt.
Die alte Dame stirbt nat├╝rlich an Herzversagen oder sowas ├Ąhnlichem. Hab ich mir nicht genau ├╝berlegt. Ich bringe noch einen Hinweis auf ein schwaches Herz an, dann wird das deutlicher.
Die winkende Hand ist eine schwierige Stelle. Das sind ja gewisserma├čen zwei Bilder, die sich da ├╝berlagern. Ich denk nochmal dr├╝ber nach, wie ich das besser hinkriege.

Liebe Gr├╝├če
clarat.

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clarat
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2004

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Text leicht ├╝berarbeitet

... ich hab die Anregungen von Dreimeier jetzt eingebaut. Sorry, dass das ein bisschen gedauert hat. Gibts noch mehr Textkritik?
Gr├╝├če von
clarat

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