Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92228
Momentan online:
334 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Das Blut unter der Haut
Eingestellt am 01. 01. 2007 00:05


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

Werke: 56
Kommentare: 61
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hedwig Storch eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Gleich am Anfang des 20. Jahrhunderts hat Heinrich Mann einen bemerkenswerten K├╝nstlerroman geschrieben: Die G├Âttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy. Der Satz ist leider falsch. Denn die Herzogin von Assy, unser Star, wandelt zwar von einer italienischen Kunstlandschaft in die n├Ąchste, doch der Star ist keine K├╝nstlerin. Das Kunst-Engagement hat bei der Herzogin m├Ązenatischen Charakter. Unsere Heldin ist weiter nichts als eine nonchalante Herrscherin aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in S├╝deuropa. Ja, unbek├╝mmert ist das richtige Beiwort f├╝r diese sch├Âne junge Frau, die im Roman gleichsam ├╝ber Leichen geht, nebenher fast unmerklich altert und auf Seite 739 stirbt.
Was soll an dieser Story bemerkenswert sein? Nun, wer schon einmal Rom, Venedig oder Neapel durchstreifte oder die Umgebungen dieser drei gro├čen St├Ądte erkundete, wer die Kunstwerke, die dort allerorten herumstehen oder auch -h├Ąngen, offenen Mundes bestaunen durfte, der ist in dem dreib├Ąndigen Werk richtig, das Erich M├╝hsam 1907 lobpries: ├ťber diesen drei Romanen weht reine italische Luft. Wie die Herzogin von Assy das Kunstwerk ihres Lebens genie├čt, ...in immer sch├Âner Haltung, das ist unerh├Ârt gro├č. Die Frau, die im ersten Roman "Diana" ein Volk in ihrem Namen revoltieren l├Ąsst, im zweiten "Minerva" eine Welt in Kunst aufbaut, und im dritten "Venus" als Hohepriesterin der Liebe endigt, steht neben ihrem Leben (zitiert aus: Sigrid Anger (Hrsg.): Heinrich Mann. 1871 - 1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. S. 96, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977).
In der Tat, Heinrich Mann hat viel zu bieten. Er schafft in diesem seinen Fr├╝hwerk sogar die Verbindung der oben genannten italienischen Kunst mit dem Geschlechtstrieb.
Heute aber wollen wir, wenn es sich machen l├Ąsst, lediglich ├╝ber Kunst reden. Die Herzogin n├Ąmlich - um den Faden weiter zu spinnen - geh├Ârt zu den Starken in dem Roman, zu den ewigen Gewinnern auf dieser Welt. Obwohl, am Ende ihres ├Ąu├čerst exzessiven Lebens macht sie sich ein paar Gewissensbisse - z.B: H├Ątte ich nur ein Kind, das f├╝r mich weiterlebte!

Es gibt gl├╝cklicherweise im Roman - au├čer den zahllosen (adeligen) Nichtstuern - drei Nebenfiguren, allesamt K├╝nstler, auf die wir uns konzentrieren m├Âchten, wenn wir nunmehr unsere obligate Dichterfrage stellen: Muss Kunst sein?

D├╝mmer kann kaum gefragt werden. Eine Antwort - Ihre Antwort - k├Ânnen Sie bekommen, wenn Sie den W├Ąlzer brav durchlesen.
Wer oder was ist gemeint?
Erstens ist da die Dichterin Bl├á, eine Freundin der Herzogin von Assy. Bl├á schreibt und schreibt, liebt aber haupts├Ąchlich den Advokaten Orfeo Piselli abg├Âttisch. Dieser notorische Gl├╝cksspieler sucht Bl├á schlie├člich nur noch mit der Peitsche auf und ermordet die Dichterin endlich.
Zweitens ist da die kr├Ąftige Bildhauerin Properzia, vormals ein kerniges Bauernm├Ądchen aus der Campagna Romana. Diese liebt den spitzfindigen Schw├Ąchling Maurice de Mort┼ôil so sehr, dass sie sich bis zum Geht-nicht-mehr vor dem fast vollz├Ąhlig versammelten Romanpersonal erniedrigt. Mort┼ôil verhindert ihren Suizid nicht. Obwohl Properzia als die K├╝nstlerin - ber├╝hmt in ganz Europa - hingestellt wird, geh├Ârt sie, wie die Dichterin Bl├á, zu den Schwachen im Roman.
Drittens ist da noch Jakobus von Halm, ungl├╝cklich verheirateter Wiener Maler in Italien und ├╝beraus potenter Beischl├Ąfer der Herzogin. Halm tut das einzig Vern├╝nftige. Er legt den Pinsel beiseite, zieht sich aufs Land zur├╝ck und zeugt - weitab von der liebestrunkenen Herzogin - mit einer sehr unkomplizierten jungen B├Ąuerin einen gesunden Knaben. Allerdings hat Halm, verursacht durch einen unangemeldeten Besuch der Herzogin, einen R├╝ckfall. Er m├Âchte die sterbende Herzogin malen.

Nun stehen wir da mit unseren Kenntnissen und wissen nicht, wie wir die o.g. zentnerschwere Dichterfrage beantworten sollen. Stellen wir notgedrungen drei einfachere Fragen: Erstens - Was ist Kunst? Halm antwortet uns darauf: Das Blut unter der Haut malen k├Ânnen (S.206). Zweitens - Warum besch├Ąftigen wir uns mit Kunst? Antwort: Unser ist die Sehnsucht nach der Sch├Ânheit, nicht ihre Erf├╝llung (S.209). Und letztens, in dem Roman geht es ja um Kunstdinge, um Erfindungen des Menschen - wie G├Âttinnen zum Beispiel. Also drittens - Was steht im Gesicht einer G├Âttin geschrieben? Antwort: ...in ihren Augen brennt ihre Seele (S.210). Jetzt haben wir en passant eine passende Antwort. Unsern festen Glauben, gipfelnd im Ausruf Kunst muss sein! behalten wir immer, weil wir die Seele nicht einfach auf Bestellung herunterfahren k├Ânnen wie jenes possierliche Operating System auf unserm Personal Computer; die Seele der G├Âttin nicht und unsere schon gar nicht. Zumindest nicht so ohne weiteres.

Der Roman Die G├Âttinnen ist ein Kosmos, wie das erz├Ąhlerische Gesamtwerk des Autors ein Kosmos f├╝r sich ist. Der Kosmos hinterm Himmel soll nach Einstein unendlich sein. Einstein sagt auch noch, unendlich bleibt unendlich. ├ťberschw├Ąnglicher k├Ânnen wir bald nicht loben.
Lassen wir zum Schluss Heinrich Mann selbst kurz zu Wort kommen. 1939, im Exil, schaut er ein halbes Jahrhundert zur├╝ck in seine ach so sch├Âne Jugendzeit, wie er von Nietzsche beeinflusst wurde, bevor er Die G├Âttinnen ins Auge fasste: Dieser Philosoph... stellte an die Spitze seiner geforderten Gesellschaft den stolzen Geist - warum nicht uns selbst? Nach uns der K├Ânig, die Adligen und Krieger, dann lange nichts. Welcher Zwanzigj├Ąhrige l├Ą├čt sich das zweimal sagen? Das Selbstbewu├čtsein kommt vor aller Leistung; ├╝berspannt ist es gemeinhin, solange es unbewiesen ist; im Lauf der Arbeiten bescheidet es sich, um gr├╝ndlicher zu werden (zitiert aus: Volker Ebersbach: Heinrich Mann. Leben, Werk, Wirken. S. 89, Philipp Reclam jun. Leipzig 1978).

Heinrich Mann wurde am 27. M├Ąrz 1871 in L├╝beck geboren und starb am 12. M├Ąrz 1950 in Santa Monica (USA, Kalifornien).

Heinrich Mann : Die G├Âttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy.
Roman (1902)

Quelle: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1976, 739 Seiten
Neuere Ausgabe: S. Fischer, ISBN 3-10-047819-3

Hedwig Storch 1/2007



__________________
Hedwig

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!