Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92261
Momentan online:
413 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Das Dammprojekt - eine kleine Fabel
Eingestellt am 24. 07. 2001 18:57


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Das Dammprojekt
Da ist vor uns also dieses mittlere Gebirgstal, ein wenig abgelegen, getrennt durch die hohen FelswÀnde auf der linken und die weite Ebene auf der rechten Seite. Vom Flachlande bis hierher sind es etliche Vogelflugstunden. Wieviele, hat indes noch niemand gezÀhlt, da die hier beheimateten Vögel nicht allzuviel in der Gegend herumfliegen, sondern sich vorzugsweise auf dieses Tal beschrÀnken.
Überhaupt sind die Bewohner der Gegend etwas beschrĂ€nkt oder rĂŒckstĂ€ndig – das ist eine Sache der Formulierung – und leben ziemlich planlos in den Tag hinein: Die sĂ€en nicht, sie ernten bloß das Nötigste und man muß sich wundern, daß sie doch ernĂ€hrt werden.
Nun – eines schönen Tages trifft es sich, daß ein Fremder, ein Biber, in unser Tal verschlagen wird. Vielleicht verlor er in der großen Ebene die Orientierung, das ist gut möglich, oder er war auf seinem Nachhauseweg zu sehr in Gedanken verloren. Was uns schon weniger möglich dĂŒnkt. Jedenfalls ist er in das heimelige GebirgstĂ€lchen gelangt und wo er schon mal da ist, faßt er gleich den Entschluß, ein Weilchen zu bleiben.
Mit seinen geĂŒbten Biberaugen hat er sogleich erkannt, daß sich dieses Tal vorzĂŒglich zum Dammbauen eignet: Es mĂŒĂŸte nur der Wildbach, der sich ziemlich willkĂŒrlich von den Gletscherhöhen hinunter durch das Tal schlĂ€ngelt, etwas gestaut werden. Erst sollte man ihn vielleicht regulieren und im nĂ€chsten Arbeitsschritt dann endgĂŒltig stauen. Holz genug ist ja durch den ĂŒppig grĂŒnen Wald an den BerghĂ€ngen vorhanden. Und da unser Biber keiner dieser endlosen Theoretiker ist, sondern ein Tier der Tat, und da auch der Herbst, das heißt die karge, kalte Jahreszeit, vor der TĂŒr steht, also keine Minute zu versĂ€umen ist, macht er sich alsbald ans Werk und startet - das Dammprojekt.
Die ansĂ€ssigen Tiere, die bisher mit Ausnahme der Wildschweine (welche schon immer und aus Prinzip allem Neuen gegenĂŒber mißtrauisch waren) ihn kaum beachtet hatten, werden nun auf ihn aufmerksam und wundern sich, was wohl der Sinn seiner Plackerei sei. TatsĂ€chlich mutet die gehetzte Knabberei an den ĂŒber hundertjĂ€hrigen Tannen ein bißchen komisch an. So ein kleiner Biber und so große BĂ€ume... Es stellen sich ihm auch unvermutet Hindernisse in den Weg: Das Holz der hiesigen BĂ€ume ist hĂ€rter und faseriger als das in seiner Heimat und somit viel schwieriger zu bearbeiten. Zudem kommt, daß es ihm als Einzelnem nicht möglich ist, die StĂ€mme hinunter zum Wildbach zu schaffen, obwohl das GelĂ€nde ĂŒberall abschĂŒssig ist. Es gibt keine Wege außer den holprigen Trampelpfaden der Hirsche und Rehe, die aber fĂŒr Schwertransporte nicht ausgelegt sind und ĂŒberhaupt ohne jedes Konzept irgendwo beginnen und genauso sich irgendwo wieder verlaufen. Selbst wo es ihm gelingt, einen nahe dem Bach stehenden Baum so zu fĂ€llen, daß der sich genau quer darĂŒber legt, rauscht das Wasser doch darunter hinweg und lĂ€ĂŸt sich nicht aufhalten, da eine Befestigung von Zweigen und Ästen fĂŒr einen Einzelnen unmöglich ist: dazu fließt das Wildwasser zu rasch.
Im Ganzen besehen wirken die Anstrengungen des Bibers auf die anderen Talbewohner ebenso sinnlos wie lĂ€cherlich, und nachdem sie sich ĂŒberzeugt haben, daß es sich bei dem Neuankömmling nicht vielleicht um einen gefrĂ€ĂŸigen Vetter der Wölfe und FĂŒchse handelt, gehen sie bald wieder ihrem Tagwerk nach, welches darin besteht, sich fĂŒr den Winter eine Schwarte anzufressen, oder, wie die Eichhörnchen, VorrĂ€te zusammen zu suchen.
Auch der Biber sieht schließlich das Vergebene seiner BemĂŒhungen ein und beschrĂ€nkt sich darauf, fĂŒr die Übergangszeit einen provisorischen Bau zu errichten, der freilich mit den stolzen Wasserburgen in seiner Heimat wenig gemein hat.
Er hat GlĂŒck. Der Winter ist kurz, nahezu ohne nennenswerte SchneefĂ€lle und lĂ€ngere Frostperioden, sodaß der notdĂŒrftige Holzhaufen fĂŒr dieses Mal bis zum FrĂŒhling reicht.
Sobald der nun angebrochen ist, zieht der Biber von dannen, und schon grunzen die Wildschweine zufrieden, weil sie glauben, der Fremde sei fĂŒr immer verschwunden. Dem ist aber nicht so, im Gegenteil: Wenige Tage spĂ€ter kehrt er zurĂŒck. Nur diesmal begleitet von einer ganzen Hundertschaft junger, unternehmungslustiger Biber, die er daheim abwerben konnte, und mit denen er nun das Dammprojekt wieder aufnimmt.
Das stimmt einige Einheimische nachdenklich, allen voran die Wildschweine, welche befĂŒrchten, die Talkultur werde durch Überfremdung zugrunde gehen, und die insgeheim beginnen, gegen die Biber zu intrigieren. Allerdings nicht allzu lange, dann kehren sie wegen mangelnden Erfolges zu ihren gewohnten BeschĂ€ftigungen zurĂŒck, die darin bestehen, sich den RĂŒcken an den (immer seltener werdenden) BaumstĂ€mmen zu jucken, in PfĂŒtzen zu suhlen und die Erde nach Eßbarem zu durchwĂŒhlen.
Anders die Ameisen. Sie, auf die bisher meist verĂ€chtlich herabgesehen wurde, weil sie immer auf so großen Haufen kollektiv lebten und durcheinanderwuselten, sie, die frĂŒher als einzige sich zu großen Volksgemeinschaften zusammenschlossen und gemeinsam arbeiteten (wenn es sich dabei auch um reine AufrĂ€um- und SĂ€uberungsarbeiten handelte), fĂŒhlen sich durch die Biber bestĂ€tigt. Ihnen selbst war es nie gelungen, beeindruckende VerĂ€nderungen in der Landschaft zu bewirken, weil sie trotz allen sprichwörtlichen Eifers eben zu klein waren. Nun beweisen die Biber, daß das Prinzip der gemeinschaftlichen Arbeit das Richtige ist. So wogen die Ansichten zwischen Ameisen- und Wildschweinpartei hin und her, wenngleich nicht alle im Tal derartig klare Standpunkte vertreten.
Beobachtet werden die Biber aber allemal. Bald offen, wie von dem alten Hirsch, der an Altershör- und SehschwĂ€che leidet, und dem ohnehin nichts mehr peinlich ist, bald versteckt, wie von dem heimlichen Wiesel, aus seiner Deckung heraus. Manche wenden sich mit einem spöttischen KopfschĂŒtteln ab, wie der BĂ€r, dem es offensichtlich unter seiner WĂŒrde erscheint, mit solchen MĂ€tzchen sich ernsthaft auf lĂ€ngere Zeit zu beschĂ€ftigen. Manche aber, wie die Kaninchen zum Beispiel, versuchen es den Bibern sogar gleichzutun. Sie haben einen Kollektivtunnel zu graben begonnen...
Die Biber scheren sich nicht weiter darum, wie ihr Unternehmen von den anderen Tieren kommentiert wird. FĂŒr den großen Biber, den AnfĂŒhrer, ist die Sache sowieso ganz klar.
„NatĂŒrlich!“, denkt er sich, „Das liegt doch auf der Hand! DĂ€mme werden gebraucht. So staut sich das Wasser, und es entsteht ein feiner See, aus dem die Tiere trinken können. Ich kann meine Kinder aufziehen, wie es den Biberkindern angemessen ist, und ĂŒberhaupt sieht so ein See toll aus uns ist ganz gewiß notwendig. Ein See muß her und daher ein Damm!“
So denkt er in seiner stringenten Art, spuckt sich in die Pfoten und baut einen herrlichen, großen Damm. Zusammen mit den anderen Bibern, die alle genauso tĂŒchtig und praktisch veranlagt sind wie er, und die alle prĂ€chtige, effizient weiße ZĂ€hne haben.
Langsam nimmt das allgemeine Interesse der Tiere am Tun und Treiben der Biber ab, weil es den Reiz des Neuen verliert. Nur das Reh steht noch manches Mal an dem inzwischen entstandenen See und schĂŒttelt wohl auch hin und wieder mit dem Kopf, als wolle es etwas sagen und traue sich nur nicht, dies ungefragt vorzubringen.
Es geht das Jahr vorĂŒber, der Winter ist nahezu noch milder als der Vorangegangene, und den Bibern geht es jetzt gut. Sie haben im See ihre Burgen gebaut, darin sie auch jede Menge VorrĂ€te fĂŒr den Winter anlegten, und nur ab und an kommen sie aus ihren Bauten, um mit Stolz ihr Werk zu ĂŒberblicken. Da sie planvoll vorgesorgt haben, ist ihre Situation eine bessere als die der anderen Tiere, und der „Große Biber“ denkt manchmal bei sich, wenn ihm die anfĂ€nglichen Anfeindungen der Wildschweine oder der arrogante BĂ€r einfallen: „Wer zuletzt lacht, lacht eben doch am besten.“
Im nĂ€chsten FrĂŒhjahr, als mancher Dachs noch im Winterschlaf liegt, sind die Biber schon wieder emsig am Schaffen, der Damm wird erweitert, ausgebessert, erhöht und so fort. Wieder steht des öfteren das Reh am Ufer und schĂŒttelt nachdenklich den Kopf, was dem Biber irgendwann einmal auffĂ€llt. Lange Zeit sagt er aber nichts dazu, denn genaugenommen schadet das Reh ihm nicht, auch wenn aus dessen Augen anscheinend eine Mißbilligung des Dammbauprojektes spricht. Solange es weder Sabotageakte anzettelt, noch eine Hetzkampagne gegen die Biber anstrengt, erscheint es klĂŒger, das Reh einfach zu ignorieren.
Als es jedoch jeden Tag wiederkommt, und das ĂŒber Monate hinweg, Ă€rgert dies den Biber doch irgendwann so, daß er es schließlich anraunzt: „He, was stehst Du hier immer nur im Wege und behinderst uns bei der Arbeit?! Wenn du nichts zu tun hast, so fasse doch selbst mal mit an, anstatt hier Maulaffen feilzuhalten! Das sind mir die Richtigen, die immer nur passiv herumstehen, gaffen und andere die Arbeit fĂŒr sich machen lassen!“
„Entschuldige, ich wollte euch keineswegs stören oder provozieren.“, sagt das Reh, „Aber meint ihr denn, daß es richtig ist, den Damm immer höher und höher zu bauen?“
„NatĂŒrlich ist es nötig“, antwortet der Biber, „den Damm immer höher zu bauen. Das ist doch klar wie Quellwasser, und ich weiß gar nicht, wie du so dumm fragen kannst. So kann eben nur ein Reh fragen. Ein TrĂ€umer bist du! Siehst du denn nicht, daß der Damm Fortschritt und Wohlstand bedeutet? Nicht nur fĂŒr uns Biber, sondern auch fĂŒr alle anderen Tiere im Tal?! Du zum Beispiel kannst jetzt die zarten Triebe knabbern, die aus den StĂŒmpfen der gefĂ€llten BĂ€ume sprießen, das Trinken ist dir nun, da das Erreichen des Wassers nicht mehr zu einer lebensgefĂ€hrlichen Kletterpartie ausartet wie vordem, sehr erleichtert worden. Du kannst dich bequem ans Ufer des Sees stellen, da, wo du eine gute Rundumsicht hast, und kein Raubtier kann dich dann noch beim Trinken ĂŒberraschen, wovor du frĂŒher immer Angst haben mußtest. Die Wölfe haben ihre Deckung verloren und sind schon frustriert fortgezogen, weil sie keinen Erfolg mehr bei ihrem blutigen Mordhandwerk haben. Somit trĂ€gt der Damm zur allgemeinen Sicherheit bei. Im See können jetzt auch Karpfen und Karauschen leben, die sich in der Strömung des Wildbachs nicht halten konnten, Enten schwimmen auf unserem See und haben ihr Auskommen. Du siehst, der Damm bringt allen nur Vorteile. – Du schweigst? So will ich dir noch weitere aufzĂ€hlen. Da, wo einst der dĂŒstere Wald das Licht vom Boden abhielt, haben wir Lichtungen geschaffen, auf denen Hirsche grasen können. Die Vögel, die damals vor dem großen Umschwung mĂŒhsam ihren Hunger dadurch stillen mußten, daß sie die Tannenzapfen auseinanderrissen, laben sich nun an den SĂ€mereien der GrĂ€ser. Jedes Tier kann, wann immer ihm danach ist, im ĂŒbrigen ein Bad in unserem See nehmen, ohne dafĂŒr Eintritt zu zahlen!“
Hier hĂ€lt er inne und scheint eine Antwort vom Reh zu erwarten. Dieses weiß im Augenblick nichts anderes anzufĂŒhren als: „Nun ja, mit all dem magst du schon Recht haben, aber irgendwie gefiel der Wald mir besser.“
Damit kommt es aber an den Rechten!
„Ach!“, ruft der Biber aus, „Der Wald gefiel dir also besser, ja?! Du stehst hier, kaust an unseren jungen Trieben, profitierst von unserer Arbeit und erzĂ€hlst, der Wald habe dir besser gefallen?! Subjektiv sentimentale Schöngeisterei, wie? Daß ich nicht lache! Wir schuften uns hier fĂŒr das Allgemeinwohl ab und du... – Was wĂŒrdest du denn vorschlagen, wie wir uns alle ernĂ€hren sollen ohne den Damm? Sei doch einmal konstruktiv!“
Da schlÀgt das Reh die Augen nieder und ist eine Weile stumm.
„Ich könnte“, denkt es, „anfĂŒhren, daß sich die Forellen in dem Bach wohler fĂŒhlten als im See. Und daß die Eichhörnchen sich jetzt weiter hoch in die Berge verziehen mĂŒssen, um genug zum Fressen zu finden. Aber da wĂŒrde der Biber sagen, daß es sich hierbei um Minderheiten handelt, die fĂŒr das Allgemeininteresse schon mal zurĂŒckstehen mĂŒssen. Ich könnte aus so argumentieren, daß unterhalb des Dammes die Gegend immer mehr austrocknet. Die Falter haben sich heuer schon beklagt, daß nur noch wenige saftige Blumen mit großen BlĂŒten und sĂŒĂŸem Nektar drunten im Tal wachsen. Aber dann wird der Biber behaupten, das liege an dem heißen, regenarmen Sommer. Und wer weiß? Vielleicht hat er damit Recht? Kann ich das Gegenteil beweisen?“
Das alles denkt es und sagt dann schließlich, da der Biber schon ungeduldig mit dem Schwanz klopft, recht kleinlaut: „Du magst Recht haben, euer Damm ist sicherlich ein Segen fĂŒr uns alle. Aber nun habt ihr ihn. Jetzt könnt ihr doch erstmal Pause machen. Warum mĂŒĂŸt ihr denn immer weiter und immer höher bauen?“
Da lacht der Biber laut und etwas höhnisch auf, „HĂ€ch!“, lacht er und antwortet: „Bist du ein naiver Narr, daß du so fragen kannst? Unsere Kinder und Kindeskinder sind es, fĂŒr die wir vorsorgen, fĂŒr ihre Zukunft rackern wir uns hier ab, sie sollen es mal besser haben. Wir vermehren uns, und alle wollen etwas zu fressen haben, jeder braucht seinen eigenen Bau. Dazu benötigen wir einen viel grĂ¶ĂŸeren See und einen viel höheren Damm. Wachstum nennt man das. Aber davon verstehst du wohl nichts, dazu bist du nicht praktisch genug und ohne die richtige Voraussicht.“
Spricht’s und verschwindet mit einem Platsch im See. Das Reh schaut ihm nach, wie er unternehmungslustig und seiner Sache gewiß mit krĂ€ftigen, dynamischen SchwanzschlĂ€gen, die zukunftsweisend sind, hin zu seinen Mitarbeitern schwimmt, um mit ihnen das FĂ€llen einer Pappel am anderen Ufer zu besprechen.
„Wie klug die Biber doch sind!“, sagt sich das Reh, „Sie denken an die Zukunft und berĂŒcksichtigen Dinge, die mir nie einfallen wĂŒrden. Sie werden schon wissen, was sie tun.“
So ganz geheuer ist ihm das emsige Treiben denn aber doch nicht, und wĂ€hrend es beginnt, an ein paar jungen Trieben zu knabbern, grĂŒbelt es immer noch.
Und das Jahr geht vorĂŒber, und die Biber haben viele Kinder, und in ihren Bauten haben sie auch genug Futter horten können fĂŒr sich und ihre Kinder bis zum Winter.
Als der kommt, scheint er die vorhergegangenen ausgleichen zu wollen. Es schneit und friert wie seit hundert Jahren nicht mehr.
Die Biber sitzen in ihrem Bau, das Reh aber und auch die Hirsche und Hasen frieren, denn der Wind fegt unbarmherzig ĂŒber die BaumstĂŒmpfe hinweg. Nirgendwo ist ein geschĂŒtzter Winkel wie frĂŒher, wo man sich unter den herabhĂ€ngenden Fichtenzweigen bergen konnte. Der See schließt sich in der KĂ€lte, wird zu einer harten SpiegelflĂ€che und die Tiere finden keine Stelle mehr, wo sie trinken könnten. FĂŒr eine kurze Zeit noch vermag der BĂ€r ein Loch ins Eis zu schlagen, doch schließlich wird es selbst fĂŒr ihn zu dick. FrĂŒher plĂ€tscherte das Wasser im Bach sommers wie winters, es war bewegt und fror nie ganz ein.
Über dem Gras liegt eine hohe Schneeschicht, noch dazu verkrustet, sodaß sich das Reh anstrengen muß, um mit seinem Fuß die verwelkten Halme frei zu kratzen. Die Triebe an den BaumstĂŒmpfen sind freilich hart gefroren. In frĂŒheren Wintern lagen unter den BĂ€umen Tannzapfen, Eicheln und Kastanien, die man zur Not essen konnte, außerdem lag der Schnee nicht so hoch, er blieb in den Wipfeln hĂ€ngen, und was unten ankam, war weich und ließ sich zur Seite scharren.
So muß man darben, Schnee fressen, um den Durst zu stillen, wobei die Eiskristalle wie Nadeln im Schlund stechen. Viele leiden unter fĂŒrchterlichen Hungerqualen. Das Tal ist wie ausgestorben, die Vögel haben sich davon gemacht in NachbartĂ€ler, sosehr sie auch frĂŒher ihrer Heimat verbunden waren. Nur das Heulen des Windes ist zu vernehmen, wie er die FelswĂ€nde hinunterfĂ€hrt, dazu das Rieseln des Schnees, der hin und her treibt, weil ihm nirgendwo ein Hindernis geboten wird, an dem er sich aufhalten könnte. Manchmal vermeint man auch zudem noch das tiefe Seufzen des alten Hirsches zu vernehmen. Als der Winter seinem Höhepunkt zustrebt, verstummt es.
Die Not ist groß, schlimm ist der Winter, und viele Tiere wagen nicht einmal mehr, sich abends zum Schlafen niederzulegen, aus Angst, ĂŒber Nacht zu erfrieren. Nur den Bibern in ihren Burgen geht es ertrĂ€glich, sie haben es warm und geschĂŒtzt. Manch ein Talbewohner nimmt sich vor, im nĂ€chsten Jahr genauso tĂŒchtig zu arbeiten und vorzusorgen wie sie. Selbst unter den Wildschweinen vernimmt man ab und an mal ein ĂŒbelgelauntes Grunzen, in der Art, daß der RottenfĂŒhrer doch, anstatt Kampagnen gegen Überfremdung anzuzetteln, lieber hĂ€tte von den Fremden lernen sollen. So mĂŒsse man nun die Anmaßung mit einer Fastenzeit bezahlen, die ĂŒber jede Speckschwarte gehe...
Doch endlich setzt der FrĂŒhling ein! Die Sonne bricht durch die Wolken, welche monatelang grau wie eine KĂŒhldecke ĂŒber dem Tal hingen, und die Tiere recken sich hoffnungsvoll den wĂ€rmenden Strahlen entgegen. Es wird von Tat zu Tag wĂ€rmer, der Schnee schmilzt und das Eis. Erst nur an der OberflĂ€che, wo sich kleine Perlen bilden, die in der Nacht wieder erstarren. Aber schließlich friert es nachts nicht mehr, und Eis und Schnee schmelzen rascher. An manchen Stellen kann man es knacken hören im See.
Unter den Schneewehen bilden sich in Höhlen kleine PfĂŒtzen, werden zu Rinnsalen und dann zu kleinen, murmelnden BĂ€chen, die von den BerghĂ€ngen hinabfließen, rauschen manchmal als kleiner Wasserfall, werden schneller, reißen hier und da einen Kiesel mit, werden breiter, schießen nun schon zusammen durch die schmale Klamm, ohne daß Wurzeln fester BĂ€ume ihnen Einhalt geböten, tosen, brechen Felsbrocken aus und rollen sie mit, wirbeln Sand auf, schlagen wuchtig ĂŒber das verbliebene Herbstgras, waschen es aus, schwemmen es mit, werden zum brausenden Strom und ergießen sich schließlich dunkel grollend in den See.
Der Biber, der eben noch in seinem Bau döste, zufrieden und ein wenig schadenfroh, weil er doch so klug gewesen war und das Reh so faul und dumm, er hört da irgend etwas, ein dumpfes GerĂ€usch. Nanu, klopft da jemand? Er streckt den Kopf aus der Öffnung seines Baues, um zu sehen, was da vor sich gehe.
Da schießt aber schon heran das brodelnde Element, schießt ĂŒber ihn, schießt ĂŒber seinen Bau, ĂŒber seinen Damm, wirbelt alles hinweg, die Zweige, die BaumstĂ€mme, alles, was so geschickt und fest verankert war, so hochwertig verarbeitet, alles, alles wirbelt es hinweg, wie Streichhölzchen, so leicht.

„Der Damm!“, kann der Biber noch denken, „Der Damm! Was fĂŒr eine Kapitalvernichtung!“
Dann packt es ihn, hebt ihn hoch, wirft ihn hinunter, reißt ihn fort und nimmt die Besinnung.

Ein paar Tage spĂ€ter haben sich die Wassermassen verflossen und lassen ein schlammbedecktes, verheertes, grau-totes Tal zurĂŒck.
Einer der Vögel, die im kalten Winter von hier fortzogen, und der nun zurĂŒckkehren will, fliegt hinĂŒber und denkt sich: „Schau an, schau an, wie man sich in der Richtung irren kann!“ Dann fliegt er weiter, ĂŒber die nĂ€chste Bergkette.
Die zwei FĂŒĂŸe, die irgendwo im Schlamm aufragen, die schon ein wenig riechen und an denen dicke Fliegentrauben kleben, hat er gar nicht bemerkt. Und wenn man nĂ€her hinsieht, so unterscheidet man sie: Ein zierlicher Rehhuf und eine krĂ€ftige, mit praktischen Arbeitskrallen bestĂŒckte, zukunftsweisende Biberpfote. Das wird aber sicher ein Zufall sein und hat nichts zu bedeuten.

__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


willow
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Chinasky,

Wow, was fĂŒr eine Geschichte. So spritzig und mitreißend erzĂ€hlt.

Auf eine Empfehlung von Kadra bin ich gestern schon hier gewesen und habe deine ErzÀhlung gelesen. Sie ist wirklich gut.
Der Fortschritt, das Wachstum...und dann das Ende.

Ich freue mich auf mehr...

LG,


willow

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
ja,

ja, wie sagt der volksmund? es recht zu machen jedermann ist eine kunst, die keiner kann. aber gut geschrieben, wenn auch ein klein bischen langatmig. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

@Willow: Man dankt. Solch Lob ist fast noch schöner, als von Kadra empfohlen zu werden...

@flammarion: Arrgh! Das ist einer meiner Generalfehler, diese Langatmigkeit. Eigentlich ein Verbrechen am Leser, dessen Zeit man stiehlt. Und bei andern ist's mir ein Greuel... Es fehlt halt der Lektor, der gnadenlos zusammenstreicht. Besserung will ich nicht geloben, aber mir fest vornehmen.

Ciao,
Hank
__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

Bearbeiten/Löschen    


stephy
Guest
Registriert: Not Yet

WOW !!!

Hi Chinasky!

Einfach wundervoll, die Geschichte! Richtig mitreisend und auch traurig erzÀhlt!!!! GENIAL!!!
Ich liebe Fabeln ohnehin und finde, daß "leselupe" eigentlich mehr von der Sorte braucht!!!

Den Schluß hab ich nicht ganz verstanden, muß ich nochmal lesen... Aber das liegt an mir!!!

Schöne GrĂŒĂŸe und danke fĂŒr das Leseerlebnis!

Griasle
stephy

Bearbeiten/Löschen    


Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

Werke: 3
Kommentare: 31
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hi stephy!
Freut mich, wenn Dir die Geschichte gefallen hat. Was den Schluß angeht, so verstehe ich den auch nicht so richtig. Ich verstehe eh nie, wenn Schluß ist.
GrĂŒĂŸe vom erfreuten
Hank
__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!