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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Double
Eingestellt am 21. 11. 1999 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Das Double
Zugegeben, schon bevor sie wegfuhr war unsere Beziehung alles andere als harmonisch. Die erste Zeit der st├╝rmischen Liebe war l├Ąngst vorbei und die Erosionen des Alltags machten sich auch bei unserer Liebe bemerkbar. Ihre Entscheidung f├╝r einige Zeit ins Ausland zu gehen, kam zwar pl├Âtzlich und traf mich unvorbereitet, aber wirklich ├╝berrascht war ich nicht. Ich gab den Pragmatiker: half ihr dabei ihre Sachen in m├Âglichst wenige Koffer und Taschen zu packen und brachte sie schlie├člich zum Flughafen. Der Abschied war unspektakul├Ąr und erst als ich wieder im Auto sa├č, mu├čte ich heulen. Vor zwei Wochen dann die e-mail, ganz im Telegrammstil gehalten, so als w├╝rde die Nachrichten├╝bermittlung noch nach der Anzahl der Worte berechnet: "Ankomme am 21.11. mit Nachtzug aus Rom. Eva."
Mehr nicht, kein Gru├č, keine Liebeserkl├Ąrung, keine ├äu├čerung von Vorfreude oder sonstige Emotionen, und da├č nach einer Trennung von ├╝ber acht Monaten! Eigentlich hatte sie nur drei Monate bleiben wollen, aber dann hatte sie einflu├čreiche Leute kennengelernt und noch ein zweites Praktikum anh├Ąngen k├Ânnen. Schlie├člich hatte sie sich dann noch zu einem Besuch bei einer Freundin entschieden, die mittlerweile in Rom lebte. Doch jetzt kam sie mit dem Nachtzug aus der ewigen Stadt, zur├╝ck zu mir, ich war nerv├Âs hoch sieben!
Freitag abend war eine Nachricht von ihr auf dem Anrufbeantworter, (auf dem noch immer ihre Ansage lief, wenn er ansprang): "Hallo, ich bin's, Eva. Ich komme am Sonntag morgen um 8:25 Uhr am Hauptbahnhof an, hol mich bitte ab. Wenn du nicht da bist, dann nehme ich ein Taxi. Bis dann.".
So war sie, verschwand f├╝r gut acht Monate aus meinem Leben, lie├č so gut wie nichts von sich h├Âren und erwartete dann, da├č ich sie sonntags fr├╝h am Bahnhof abholte.
Zwar hatte ich den Wecker gestellt, aber schlafen konnte ich eh nicht. Schon Stunden vor der eingestellten Zeit wurde ich wach und von da an etwas jede halbe Stunde. Zwischendurch w├╝hlte ich mich durch wilde Tr├Ąume, die sich nat├╝rlich alle um sie drehten. Schlie├člich schaltete ich den Weckalarm ungenutzt aus und ging ausgiebig duschen. Dann richtete ich die K├╝che her, so da├č wir erst mal gemeinsam fr├╝hst├╝cken k├Ânnten, wenn wir wieder hier w├Ąren. Als ich dann losfuhr, hatte ich so viel Zeitreserve, da├č ich den Bahnhof auch mit dem Fahrrad p├╝nktlich erreicht h├Ątte. Ich fuhr betont langsam. Zwar war auf den Stra├čen nicht viel los, aber es schneeregnete und die Windschutzscheibe, von der ich eben erst das Eis gekratzt hatte, fror von au├čen schon wieder zu, w├Ąhrend sie von innen heftig beschlug. Ich sah so gut wie nichts und war ganz auf mein Gef├╝hl angewiesen. H├Ątte allerdings von der Seite her jemand meinen Weg gekreuzt, er h├Ątte kaum Chancen gehabt. Im letzten Moment sah ich die rote Ampel und bremste hart. Der Wagen ging aus. Da stand ich nun, mitten auf der Stra├če, an einem menschenleeren, sonnt├Ąglichen Novembermorgen. Ich mu├čte weiter, aber au├čer einem heiseren R├Âcheln konnte ich dem Wagen mit dem Umdrehen des Z├╝ndschl├╝ssels nichts entlocken. Ich war gerade dabei den Wagen an den Stra├čenrand zu schieben, als eine Kolonne von Wagen angefahren kam. Obwohl ich die Warnblinkanlage eingeschaltet hatte, bef├╝rchtete ich ├╝bersehen zu werden und ruderte deshalb wild mit den Armen durch die Luft, um die Fahrer auf mich, das Verkehrshindernis, aufmerksam zu machen. Diese hielten prompt und boten mir ihre Hilfe an; ein Fu├čballverein auf dem Weg zu einem Hallenturnier. Flott schoben sie meinen Golf erst an den Stra├čenrand und r├╝ckten dann mit Starthilfekabeln meiner Batterie zu Leibe. Kurz darauf lief mein Wagen wieder und meine Helfer und ich machten uns wieder auf den Weg, sie zur Sporthalle und ich zum Bahnhof. Jetzt war mein Zeitpolster doch geschwunden und ich konnte es nur noch knapp schaffen p├╝nktlich anzukommen. Ich gab Gas und fuhr f├╝r die Sicht- und Wetterverh├Ąltnisse eindeutig zu schnell, aber ich wollte nicht riskieren Eva zu verpassen.
So in Gedanken nahm ich ein St├╝ck vor mir einen ebenfalls schwarzen Wagen wahr. Ein Golf, wie meiner und jetzt wurde mir bewu├čt, da├č der Wagen irgendwie schon die ganze Zeit ├╝ber vor mir gewesen war. Aufgrund meines atemberaubenden Tempos kam ich n├Ąher an den Wagen heran und las das Nummernschild: - XX 20. Mich durchfuhr es hei├č! Das war mein Kennzeichen! Mein schwarzer Golf, in dem ich genau in diesem Moment sa├č, war auf dieses Kennzeichen zugelassen. Die schlechte Sicht mu├čte mir einen Streich gespielt haben. Gerade wollte ich noch mal genau hinsehen, als der Golf ├╝ber eine, von Gelb auf Rot wechselnde, Ampel fuhr. Ich blieb stehen, der Abstand zwischen mir und dem anderen wuchs. Als die Ampel wieder umschlug fuhr ich noch schneller als zuvor. Vielleicht konnte ich den Wagen ja wieder einholen, dann k├Ânnte ich sehen, da├č ich mich nur verguckt hatte und mir der Zufall einen schwarzen Golf vor die Nase gesetzt hatte, dessen Kennzeichen meinem sehr ├Ąhnlich war. Tats├Ąchlich, kurz vor dem Bahnhof tauchte der Wagen wieder in meinem Blickfeld auf, allerdings war er noch zu weit weg, um das Nummernschild zu erkennen. Ich beschleunigte und kam dem Fremden n├Ąher, denn dieser machte keine Anstalten schneller zu fahren. Doch als ich ihn fast eingeholt hatte, bog er auf den Bahnhofsparkplatz ein, zu dem auch ich unterwegs war. Da stand Eva und winkte verhalten. Der Golf fuhr zu ihr hin. Sie ├Âffnete die T├╝r und beugte sich in den Wagen. Ich war sicher, sie w├╝rde sich sofort wieder aufrichten, wenn sie den Fahrer sehen und den Irrtum bemerken w├╝rde. Doch das Gegenteil geschah: sie l├Ąchelte und gestikulierte und verschwand schlie├člich hinter den beschlagenen Wagenfenstern. Der Wagen fuhr an und ich konnte gerade noch einen Blick auf das Kennzeichen werfen: - XX 20! V├Âllig verwirrt stellte ich den Motor aus und rieb mir die Augen. Ich stieg aus dem Wagen, nat├╝rlich, der Kerl mu├čte mir meine Nummernschilder geklaut haben. Doch ich sah nach und fand beide Kennzeichen an ihrem ordnungsgem├Ą├čen Platz. Zur├╝ck im Wagen wollte ich gerade den Z├╝ndschl├╝ssel umdrehen, als die Beifahrert├╝re aufgerissen wurde. Eine fremde, attraktive Frau stieg in den Wagen und mir ein schweres Parf├╝m in die Nase. Sie l├Ąchelte freudestrahlend und verf├╝hrerisch und sagte mit heiserer Stimme: "Hallo meine Schatz, sch├Ân, da├č du mich abholst, obwohl es noch so fr├╝h ist.", beugte sich zu mir r├╝ber und gab mir einen intensiven Ku├č.
Ich startete den Wagen und fuhr los.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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