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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Dritte Tor
Eingestellt am 26. 04. 2004 22:17


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haljam
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2000

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Als der BĂ€cker kam, spielten sie schon. Es war kurz vor Schluss der regulĂ€ren Spielzeit, und das legendĂ€re "dritte Tor" war noch lĂ€ngst nicht gefallen. England fĂŒhrte mit 2:1 Toren, der Titelgewinn war in greifbare NĂ€he gerĂŒckt.
Samstagnachmittags nĂ€mlich kam zu uns immer ein BĂ€cker, in einem weißen Kombi. Bei ihm kauften wir dann unsere Wochenration Brot.
Als er an jenem Samstag kam, saß die ganze Familie vor dem Fernseher. Es war ein unglaublich spannendes Spiel. Deutschland hatte es tatsĂ€chlich bis ins Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft geschafft und spielte nun gegen den Gastgeber um den Titel. Mit einem Tor von Helmut Haller war die deutsche Mannschaft schon in der 12. Minute in FĂŒhrung gegangen. Gut fĂŒnf Minuten spĂ€ter erzielte Geoffrey Hurst dann den Ausgleichstreffer, und das blieb auch der Spielstand bis zum Ende der ersten Halbzeit.
Nach der Halbzeitpause wendete sich das Blatt. In der 78. Minute ging England durch ein Tor von Martin Peters mit 2:1 verdient in FĂŒhrung und hielt diese FĂŒhrung eisern bis in die letzten regulĂ€ren Spielminuten hinein.

In dieser dramatischen Schlussphase klingelte es, unser BĂ€cker stand vor der TĂŒr, brachte uns unser Brot und fragte beilĂ€ufig nach dem Spielstand. "Kommen Sie ruhig 'rein!" sagte meine Mutter. "Das ist gerade so unheimlich spannend. Wenn Sie wollen, können Sie bei uns mitgucken!" Der BĂ€cker ließ auch prompt seine Brote Brote sein und setzte sich zu uns ins Wohnzimmer.

Gemeinsam fieberten wir nun mit der deutschen Mannschaft mit. Je nĂ€her der Schlusspfiff rĂŒckte, desto mehr ergaben wir uns in unser Schicksal: es hatte leider nicht gereicht, Deutschland wĂŒrde wohl "nur" Vize-Weltmeister werden!
Dann endlich, wirklich in allerletzter Minute, nach vielen vergeblichen Versuchen, gelang Wolfgang Weber der ersehnte, erhoffte, erfieberte Ausgleich. 2:2 in der 89. Spielminute! Ein Wahnsinnstor, durch alle Verteidiger hindurch, ein Tor, mit dem kaum jemand noch gerechnet hatte. Ein Tor, das dieses entscheidende Spiel fĂŒr die deutsche Mannschaft noch einmal aus dem Feuer riss. Kurz darauf endete auch schon die regulĂ€re Spielzeit, beide Mannschaften konnten fĂŒr einige Minuten durchatmen, dann begann die VerlĂ€ngerung.
Die Fußballgöttin hatte die Karten noch einmal neu gemischt - es war wieder alles drin, damals, im Juli 1966. Ein aufregendes Spiel im Londoner Wembley-Stadion.
Und dann, in der 101. Minute, dieser denkwĂŒrdige Schuss, an dem sich die GemĂŒter weltweit heftig entzĂŒnden sollten, noch Wochen und Monate, ja, sogar noch Jahre danach. Und wir, wir haben es damals am heimischen Fernseher miterlebt, zusammen mit unserem BĂ€cker!

Es war Samstagnachmittag, Samstag, der 30. Juli 1966: Die EnglĂ€nder greifen an, Geoffrey Hurst nĂ€hert sich dem deutschen Tor, schießt. Ein gewaltiger Schuss, der Ball trifft die Unterkante der Querlatte, springt zurĂŒck ins Feld, aber war es nun vor oder hinter der Linie, wo er aufschlug? War es ein Tor oder war es keins? 'Kein Tor', signalisieren die deutschen Spieler. Der Schiedsrichter ist noch unschlĂŒssig, er war viel zu weit weg. 'Tor' signalisiert der russische Linienrichter. Tausende von Malen wird diese Spielszene in spĂ€teren Fernsehsendungen wiederholt, mal in Zeitlupe, mal Bild fĂŒr Bild, vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts mit akribischer Genauigkeit.
Der Schiedsrichter verlĂ€sst sich auf seinen Linienrichter und gibt dieses umstrittene Tor, die deutschen Spieler protestieren. Völlig demoralisiert spielen sie weiter, fĂŒr sie war das eine glatte Fehlentscheidung. Die Zeit lĂ€uft. Fast aussichtslos, jetzt, so kurz vor Ende der VerlĂ€ngerung, noch einen Ausgleich zu erzielen. In der 120. Minute hat es den Anschein, als sei das Spiel schon abgepfiffen, einige Zuschauer kommen auf das Spielfeld gelaufen, die Deutschen bleiben völlig erschöpft und niedergeschlagen stehen, Geoffrey Hurst jedoch erkĂ€mpft sich noch einmal den Ball und stĂŒrmt nach vorn, da steht keine Verteidigung mehr, er hat leichtes Spiel, schießt den Ball ins deutsche Tor - 4:2! Nun ist es amtlich: England ist Fußballweltmeister 1966!

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