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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Duell
Eingestellt am 04. 03. 2015 21:16


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anbas
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Das Duell

Sie war wirklich gut. Nur ein Eingeweihter konnte erkennen, wie sich ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde verfinsterte, als sie mich sah. Ich genoss diesen Moment, so wie jedes Mal, wenn wir uns begegneten. Doch auch dieses Mal verlor sie nicht die Beherrschung und fragte mich ganz professionell und höflich nach meinen Wünschen.

Ich wusste, sie hasste mich. Doch bis auf diesen kleinen, kaum wahrnehmbaren Moment, lieĂź sie es sich nicht anmerken.

Unsere Feindschaft begann vor etwa zwölf Monaten. Aufgrund meiner Arbeitszeit, die bis in den späten Abend hinein reichte, kam ich oft erst zwischen einundzwanzig und zweiundzwanzig Uhr zum Einkaufen. Da der Supermarkt bei mir um die Ecke sogar bis Mitternacht geöffnet hatte, konnte ich also noch in aller Ruhe nach Feierabend meine Besorgungen erledigen. Ursprünglich war ich ja gegen die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten gewesen und hatte akribisch darauf geachtet, die Geschäfte nach neunzehn Uhr nicht mehr zu betreten. Doch nach und nach nahm ich die Möglichkeit immer häufiger wahr, auch zu späterer Stunde einzukaufen – besonders freitagabends, denn so hatte ich im Gegensatz zu früher am Samstag mehr Zeit für andere Dinge.

So kam es, dass ich vor ungefähr einem Jahr gegen einundzwanziguhrvierzig die Käse- und Wursttheke jenes Supermarktes aufsuchte. Mir war damals noch nicht bewusst gewesen, dass dieser Bereich bereits zwei Stunden vor Ladenschluss geschlossen wurde. Daher war sie, also jene Bedienung hinter der Theke, schon dabei, die Waren zu verpacken und wegzuräumen. Die Schneidemaschinen und Messer waren bereits geputzt. Schließlich wollte sie pünktlich Feierabend machen.

"'n Abend! Kann ich noch was bekommen?" fragte ich damals ganz unbedarft.

Sie brummte ein kurzes "Aber ja doch!", spannte etwas Frischhaltefolie ĂĽber einen Teller mit Aufschnitt und wandte sich dann mir zu.

Ich orderte zunächst ein Stück vom mittelalten Gouda. Da keines der fertig geschnittenen Stücke die richtige Größe hatte, musste sie mit dem schon gereinigten Messer von einem anderen Stück etwas abschneiden und dieses dann neu verpacken. Das war beim Käse schon alles. Weiter ging es mit dem Aufschnitt.

"Zwei Scheiben Roastbeef, bitte."

Sie zog die Frischhaltefolie von dem Teller, den sie gerade zugedeckt hatte, wieder ab und wollte mir von den dort liegenden Scheiben zwei abzählen.

"Könnten Sie mir nicht zwei frische Scheiben abschneiden?", fragte ich freundlich.

"Ich habe die Maschine schon sauber gemacht", antwortete sie kurz und legte die beiden Scheiben auf die Waage.

"Aber diese Scheiben sind schon leicht angetrocknet", entgegnete ich.

"Die schmecken trotzdem!", brummte sie.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich zwar von ihrem Umgangston nicht gerade begeistert gewesen, hatte aber auch keine Mühe damit gehabt, darüber hinwegzusehen, beziehungsweise, darüber hinwegzuhören. Doch jetzt erwachte der Kampfgeist in mir – und ein kleines Teufelchen.

So bestand ich nun erst recht auf zwei frisch abgeschnittene Scheiben. Höchst widerwillig folgte sie nach einem weiteren kurzen Wortgeplänkel meiner eindringlichen Bitte. Danach orderte ich drei Scheiben vom Schweinebraten – frisch geschnitten natürlich. Eigentlich wäre das alles gewesen, doch jetzt bat ich sie noch um zweihundert Gramm Mett. Dieses war von ihr, wie ich kurz zuvor beobachtet hatte, bereits ganz unten in dem Rollwagen verstaut worden, mit dem sie die Ware abtransportieren wollte. Sie schnaubte kurz auf, holte das Mett hervor und reichte es mir kurz darauf wortlos zusammen mit dem übrigen Aufschnitt.

"Oh, entschuldigen Sie", sagte ich nun betont freundlich. "Da fällt mir ein, dass ich noch 150 Gramm Höhlenkäse bräuchte. – In Scheiben, bitte."

"Die Maschine habe ich auch schon …"

Als sie meinen entschlossenen Blick sah, brach sie ab und wandte sich wortlos dem Käse und der Maschine zu.

"War's das jetzt?" fauchte sie mir ĂĽber den Tresen zu.

"Für heute ja", erwiderte ich freundlich und ging in Richtung Kasse. Mein "Schönen Abend noch!" ließ sie unbeantwortet.

Zu meinen negativen Eigenschaften gehört es, dass ich höchst nachtragend sein kann. Daher kaufe ich seit dem nur noch kleinere Mengen an Aufschnitt ein. So muss ich zwar öfters zum Supermarkt, doch ich habe meine Freude daran. Denn natürlich erscheine ich dort immer erst kurz bevor die Wurst- und Käsetheke geschlossen werden soll, und nur, wenn jene Verkäuferin da ist. Selbstverständlich kaufe ich alles nur in Scheiben, frisch geschnitten, versteht sich. Jedes Mal sind wir beide darum bemüht, so zu tun, als hätten wir ein normales Verkäufer-Kundenverhältnis. Während wir anfangs noch das eine oder andere Mal aneinander geraten waren, ist sie inzwischen sehr gut darin, sich nichts mehr anmerken zu lassen – bis auf diesen winzigen Augenblick, den aber nur ich wahrnehmen kann.

__________________
Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.
(anbas)

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aligaga
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Duell?

Kennzeichen eines Duells ist seit jeher die Gleichheit der Waffen, mit denen es ausgetragen wird. Es darf keinem Kontrahenten ein Vorteil dadurch verschafft werden, dass er eine zielgenauere Pistole, einen schärferen Säbel oder die schwereren Boxhandschuhe hat.

Herrscht bei einem Duell diesbezüglich keine Chancengleichheit, dann ist es keins, und jener, der sich entweder offenkundig oder heimlich einen waffentechnischen Vorteil verschafft, ist ein Feigling, der seiner Ehre auch dann verlustig geht, wenn er als „Sieger“ den Platz verlässt. Er bleibt, wenn es offenbar wird, ein Leben lang geächtet.

Einen solchen Feigling haben wir hier vor uns. Er nutzt aus, dass die Verkäuferin ihm wehrlos ausgeliefert ist – weigerte sie sich, ihn zu bedienen, bräuchte er sich nur bei der Geschäftsleitung des Großsortimenters zu beschweren, und – schwupp! – müsste das um seinen Mindestlohn kämpfende Mädel zu Kreuze kriechen, ob es wollte oder nicht. Selbst wenn die FilialleiterIn mit ihrer kleinen Angestellten solidarisch wäre, nützte es nichts – mit einer Klage vor einem ordentlichen Gericht käme der Typ unter Hinweis auf die Ladenschlussgesetze jederzeit durch. Und weil das die FilialleiterIn weiß, wird der Unsympath an seine Wurst- und Käsescheiben kommen und die Verkäuferin damit schikanieren können, wann immer er will. Für sich selbst geht er dabei keinerlei Risiko ein.

So etwas ist kein Duell, sondern ein ganz und gar widerwärtiges, völlig einseitiges Machtspielchen. Der Leser fragt sich, warum es hier so und nicht anders dargestellt wurde. Was will uns der Autor damit sagen oder zeigen? Zu welcher Gemeinheit das hier auftretende lyrische Ich befähigt ist? Mit welcher Perfidie es die Wehrlosigkeit des anderen ausnutzt und welche Genugtuung es empfindet, wenn es weiß, dass es jemanden schikanieren kann?

Aus literarischer Sicht finde ich das ein bisschen dünn. Man wünschte sich, wenigstens in ein paar Sätzen gesagt zu bekommen, welches eigene, bedauernswerte Schicksal den Käufer zu jenem Ekel gemacht hat, das er nun ist, und dass sich irgendwo in der „Geschichte“ ein Gegengewicht fände, das Waffengleichheit schaffte.

Tipp: Die Wurstverkäuferin Rattengift in den Aufschnitt packen lassen. Dann hätte die Nummer wenigstens eine befriedigende Pointe.

So aber lässt sie den Leser ratlos.

GruĂź

aligaga

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anbas
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Hallo aligaga,

wenn man den Begriff "Duell" eng auslegt, ist es so, wie Du es beschreibst. Als Synonym fĂĽr "Duell" finden wir aber auch das Wort "Zweikampf", auĂźerdem gibt es faire und unfaire Duelle (der Kampf von David gegen Goliath wird teilweise auch als "Duell" bezeichnet - von Waffengleichheit kann man da wirklich nicht reden).

Doch worin besteht das Duell eigentlich? Geht es wirklich darum, ob die Verkäuferin den Prot bedient oder nicht? Ich gebe zu, meine eigentliche Intention habe ich etwas versteckt, zwischen den Zeilen gehalten. Es geht um die Blicke, das Verziehen der Miene, ums "Cool bleiben". Sicher, es ist trotzdem böse, und böse soll dieser Text sein - aber auch böse humorig (wenn man denn diese Art von Humor mag).

Du schreibst:

quote:
Man wünschte sich, wenigstens in ein paar Sätzen gesagt zu bekommen, welches eigene, bedauernswerte Schicksal den Käufer zu jenem Ekel gemacht hat,
Ich schrieb im Text:
quote:
Bis zu diesem Zeitpunkt war ich zwar von ihrem Umgangston nicht gerade begeistert gewesen, hatte aber auch keine Mühe damit gehabt, darüber hinwegzusehen, beziehungsweise, darüber hinwegzuhören. Doch jetzt erwachte der Kampfgeist in mir – und ein kleines Teufelchen.
Daraus lässt sich doch herleiten, dass der Prot nicht ständig solch ein Fiesling ist - aber das "Potential" dazu hat. Dieses wurde durch das Verhalten der Verkäuferin geweckt.

Weißt Du, aligaga, ich habe im Freundeskreis Menschen, die als Verkäufer arbeiten. Ich selber arbeite mit Menschen, die von mir eine - im weitesten Sinne - Dienstleistung erwarten. Daher weiß ich auch, wie mies es sich anfühlt, wenn man so übel behandelt wird. Ich bin aber auch Kunde und habe erlebt, wie ätzend manche Verkäufer drauf sind. Dein Einsatz für die Verkäuferin in dieser Geschichte in aller Ehren - aber ich finde, Deine Sicht ist ebenfalls sehr einseitig. Daher muss hier auch nicht an der Pointe gefeilt werden.

Auch, wenn wir uns hier wohl nicht so ganz einig werden, danke ich Dir fĂĽrs Lesen und Kommentieren.

GruĂź

Andreas
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(anbas)

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