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Leselupe.de > Erzählungen
Das E-Haus
Eingestellt am 06. 03. 2017 16:18


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Sploink
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Mar 2017

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Der ganze Körper klebt an den Klamotten und der Rücken schreit vor Schmerz, doch Günther kämpft sich weiter durch den Regen auf dem Weg zu dem Ort seiner Jugend: Das E-Haus!
Blitz und Donner unterstreichen die Atmosphäre.
Warum möchte er ausgerechnet zu dem Ort, den er seit mindestens 30 Jahren nicht mehr besuchte? Ganz einfach: Sein Psychologe wollte es so.
"Sei fĂĽr einen Tag wieder jung.", meinte Dr. Schweich. "Es hilft, um mit tiefliegenden Traumas abzuschlieĂźen."
„Wie Sie meinen.“, meinte Günther.

Und jetzt, wo GĂĽnther vor dem E-Haus steht, wird ihm wieder einmal klar, dass er alt geworden ist. Vor Jahrzehnten war das E-Haus noch DAS Haus der alternativen Szene. Als Kneipe mit BĂĽhne und tolerantem Umgang konnte man hier sein, wie man wollte. Und GĂĽnther war vor allem eines:
LAUT!
Als Schlagzeuger probte er mit seinen Jungs auf dem Dachboden, gab Konzerte, hatte hier und da was mit diesem und jenem Mädchen, viel Alkohol und Pubertät und noch mehr Erbrochenes. Günther feierte sich als Held. Jeder tat das. Jeder war einer, daran hat niemand gezweifelt. Bis das Alter kam und die Kids nach und nach ihre Mittelfinger in den Hosentaschen versteckten. Sie wurden nie wieder herausgeholt.

Doch das E-Haus blieb. Es ist nur schrecklich gealtert, wurde seit Ewigkeiten nicht mehr saniert. Das alte Gebälk gähnt wie eine Jahrtausend alte Eiche, die von einer Windböe erfasst wird. Fenster wurden zugenagelt. Farbe ist nirgendwo mehr zu sehen.
Günther steuert die Eingangstür an und wird von einem Haufen Erinnerungen überrannt, denn: sie wird immer noch vom selben Vorhängeschloss verriegelt. Den Schlüssel braucht er nicht. Das Schloss ist dermaßen verrostet, dass er es einfach abreißt. Er tritt hinein und fällt hin.
„IEH!“, ruft Günther.
Ieh ist der Name des Teppichs, ĂĽber den er soeben stolperte. In den lauten Jahren des E-Hauses herrschte allgemeiner Konsens darĂĽber, wie man den Eingangsraum dekorieren sollte. Er sollte einen angemessenen Vorgeschmack auf das bieten, was sich dahinter verbarg, also ergriffen einige Punks die Chance und legten einen geklauten Perserteppich auf dem Boden. Im laufe der Jahre wurde er mit Bier, Urin und Matsch bekleckert. Widerlich, doch er wurde zum Markenzeichen. Logisch also, dass er blieb.

Der Griff zum Lichtschalter klappt wie aus alter Gewohnheit. Tausende Male war Günther der erste der hier war und der letzte der ging. Doch anders als all die anderen Male bleibt Günther unter der Türschwelle zur Bar stehen und gibt sich dem Anblick hin, den er so nicht erwartet hat: Es ist alles so wie früher! Alles! Die schwarzen Wände, die Poster mit den nackten Frauen, die Verkabelung über die man immer stolperte, die Stühle und Tische, es sind immer noch die selben Stühle und Tische, die Aschenbecher, der Geruch, Die Lautsprecher auf der Bühne, die Mikrofonständer auf der Bühne, die Bühne, der klebrige Boden, das dunkle Holz, die Toilettentür, die Toiletten, die A.C.A.B Schmierereien überall, sie sind wirklich überall, sogar auf den Klobrillen, überall Pisse genau wie früher, oh wie schön!
Auch die Bar ist an Ort und Stelle. Es ist alles an Ort und Stelle! Als ob dieser ganze Haufen Schutt in einer 30 Jahre alten Zeitblase gefangen ist.
Und von Staub bedeckt wurde.

GĂĽnther geht Richtung Bar und pustet ĂĽber das Holz. Eine graue Staubwolke breitet sich in der schummrigen Beleuchtung aus und wirkt ein kleines bisschen wie Konfetti. Ein kleines bisschen Stimmung kommt auf. Zumindest genug, um GĂĽnther auf eine Idee zu bringen: Whisky! 30 Jahre alter Whisky!
Im Fass unter der Theke schwappt immer noch ein wenig Single Malt herum. Und was Günther ebenfalls merkt: Barkeepern verlernt man nicht. Zwar stand er nie beruflich hinter dem Tresen, aber als unverzichtbares Mitglied des E-Hauses verstand es sich von selbst, die eigentlichen Barkeeper zu vertreten, wenn sie mal im Lagerraum alleine sein wollten. Er pustet Staub (Konfetti) aus dem Glas, das er irgendwo in den Schränken fand und verteilt ein bisschen mehr von der grauen Stimmung. Er wirft das Glas über seine Schulter, fängt es, wirft es wie ein junger Günther von der linken in die rechte Hand, verliert sich wie eine Katze in einen Wollknäuel.
„Pass auf, die Gläser waren teuer.“
Vor Schreck lässt Günther das Glas am Boden zerspringen.
„Wer war das?!“
„Meinst du mich?“, die Stimme kommt ihm bekannt vor. Sehr sogar. Es ist die Stimme einer Frau, die mit zwölf Jahren das Rauchen anfing und nie damit aufhörte. Weder beim Duschen, noch beim Essen.
„Ja, Alice! Ich meine dich. Wo bist du?“
Zwei High-Heels klackern in die Bar und tragen eine verwĂĽstete Frau herein.
„Günther. Schön dich wiederzusehen. Trauerst du schon wieder deinen besten Jahren hinterher?“
„Mir geht’s gut.“
„Mit Sicherheit.“, antwortet Alice ohne den geringsten Anflug von Sarkasmus.
„Was ist hier passiert?“, fragt Günther.
Sie stolziert durch die Bar und rückt die Stühle zurecht. Sie mustert die Scheinwerfer, die Bühne, die Ein- und Ausgänge. „Du bist nicht mehr wiedergekommen.“, sagt Alice.
„Ich hatte eine Ausbildung. Ich hatte keine Zeit.“
„Auf einmal hatte niemand mehr Zeit. Ferdi musste ins Gefängnis und wir fanden keinen Ersatz. Monatelang stand ich alleine hinter dem Tresen, bis wir jemanden gefunden haben, der zwar was auf dem Kasten hatte, aber überhaupt nicht in den Laden passte.“
GĂĽnther nippt an seinem Whisky.
„Die Punks haben ihn zusammengeschlagen, weil sie seine Frisur nicht leiden konnten.", sagt Alice. "Ich hab sie alle rausgeschmissen und sie sind nie wiedergekommen. Als deine Band nicht mehr auf dem Dachboden geprobt hat, war hier nur halb so viel los. Immer mehr Bands ließen uns im Stich. Immer weniger Konzerte fanden statt.“
Alice hat immer diesen Killerblick, den sie aufsetzt, wenn jemand etwas kaputt gemacht hat.
Sie fährt fort: „Als sich der Laden nicht mehr selbst tragen konnte, waren wir auf Hilfe angewiesen. Wir sind ins Rathaus gegangen, haben Förderung für kulturelle Zwecke beantragt, wir haben Bands aus dem Ausland geholt, wir sind selber auf die Bühne gegangen, Hauptsache irgendjemand war auf der Bühne, aber es hat nichts gebracht. Dann hat sich Ferdi erhängt. Wir gaben auf.“
„Scheiße.“
Sie mustert Günther mit ihrem Du-hast-was-kaputt-gemacht-Blick, woraufhin er einen Schritt zurückgehen möchte, doch er spürt das Regal bereits an seinem Rücken.
„Alice?“
„Hm?“
„Du bist nicht wirklich hier, oder?“
Sie kratzt ein Lachen aus ihrer Kehle.
„Keine Sorge Schatz. Ich bin nur eine Einbildung, ansonsten hätte ich dich vermöbelt, noch bevor du einen zweiten Termin beim Psychiater vereinbaren könntest. Ich bin vor 11 Jahren gestorben.“
GĂĽnther erstarrt. Dann nimmt er einen Schluck.
„Woher weiß ich das? Ich meine, du bist doch nur meine Einbildung.“
„Du weißt es nicht, aber ich kann dir gerne auf die Sprünge helfen.“ Sie klackert auf Günther zu und mit jedem Schritt scheuert das Leder ihrer Leggins an ihren Beinen. An der Theke angekommen, lehnt sie sich zu ihm herüber und offenbart ihre Augenringe. Aus voller Kehle schreit sie ihn an:
“ICH, SANDRA KINDRASS, BIN TOT! ICH STARB VOR ELF JAHREN AN EINER ÜBERDOSIS KOKAIN!! FERDI IST TOT! SARA IST TOT! WIR SIND ALLE TOT!“

Aus der Vergangenheit dröhnt ein uralter Tinnitus. Günther schaut zuerst in sein leeres Glas, dann in Alice's leeres Gesicht.
„Konnten wir dich je überreden, als Sängerin in unsere Band einzusteigen?“
„Nein.“
„Ich habe noch nie eine Frau gehört, die so schreien kann.“
„Als Barkeeperin lernt man so etwas früher oder später.“, lächelt sie ihm mit ausdruckslosem Gesicht entgegen. „Ich muss nach der Garderobe sehen. Bis später, Schätzchen.“
Günther schließt die Augen. Nur für einen kurzen Moment. Und als er sie öffnet, ist Alice Weg. Elf Jahre ist es her, doch an ihre Stimme kann er sich noch gut erinnern. Und manchmal, wenn er nachts im Bett liegt und sein Kopf keine Ruhe gibt, hört er vom Dachboden zwei High-Heels klackern.

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